Freitag, 16.11.2018
Linus Volkmann

Schön den Antisemitismus auslagern – Kollegah, ECHO und die Folgen

Antisemitische Tendenzen in der Gesellschaft lassen ließ sich leicht wegwischen, in dem man sie singularisiert und bei muskulösen Trollen wie Farid Bang und Kollegah vorm Haus parkt. Es leben die Schießbudenfiguren, die uns das Leben einfacher machen! Linus Volkmann hat sich die aktuelle Diskussion um KZ-Punchlines, den ECHO und den ganzen Rest mal genauer angeschaut.

Kollegah verhindern
Es soll hier absolut keine Lanze gebrochen werden für Felix Blume alias Kollegah. Im Gegenteil.
Durch meinen Job als Musikredakteur beim Intro-Magazin bin ich schon früh mit ihm in Berührung gekommen, kann mir sogar auf die Fahnen schreiben, dass ich so circa 2008 verhindert habe, dass er bei dem beliebten Format „Platten vor Gericht“ auftauchte. Einer Rubrik, in der Musiker die aktuellen Alben anderer Künstler bewerten. Der zuständige Praktikant hatte in gewünschter Eigeninitiative Kollegah angefragt. Jener hatte gerade das „Zuhältertape“ veröffentlicht (oder war es „Alphagene“?). Dass man sich hier mit der „Kunst“ eines sexistischen Mackers zu tun hatte, war bereits damals sehr deutlich. Meine Intervention gegen den Vogel ging dann auch völlig reibungslos. Kaum jemand hatte in der Redaktion von Kollegah überhaupt gehört – und der Praktikant dachte sich sicher seinen Teil. Wie rasend uncool humanistisch argumentierende Redakteure sind oder sowas vermutlich. Nun ja, damit konnte ich leben. Ende der Nuller hatte menschenverachtender Gangsta-Rap ohnehin kaum eine Lobby. Das Phänomen Aggro Berlin war nach paar Jahren ethischen Totalschadens verglüht und Haftbefehl hörte man außerhalb des Offenbacher Kiez‘ höchstens ironisch.

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Homophobie und Sexismus
Mit den Zehner Jahren gewann HipHop als Jugendkultur dann aber noch mal rapide an Bedeutung und neben den eher hipsterbürgerlichen Emo-Rappern blies sich auch Gangsta-Rap zu ungeahnter Größe auf. Die Devise: Je krasser, je besser.
Schließlich war das Idol, auf das sich alle einigen konnten, Kool Savas. Und der „Pimp-Legionär“ hatte sich nie in jungen Jahren nie zurückgenommen in punkto expliziter Homophobie oder Sexismus. Und hat es ihm geschadet? Menschlich gesehen: Keine Ahnung. Ich hoffe ehrlich gesagt mal ja.

„Ich belohne geile Hoes mit Scheiße auf die Titten /
Ich fick’ dich so tief in dein Loch /
dass mein Schwanz mit deinen Rippen flirtet /
Ficksau, ich bums‘ dich in die Klinik“
(Kool Savas, „LMS“)

Seinen Weg zu einem respektierten dem Mainstream assoziierten Künstler haben solche Texte nicht verstellt. Beim ECHO 2018 sang er giftig aber brav als Sidekick von Rea Garvey und siet mittlerweile irgendwie aus wie ein Ei.
Die Devise im Rap-Genre und bei seiner Betrachtung war und ist bis heute ja noch so, dass man als Kritiker schnell für schwachsinnig gehalten wird. Zwar sei alles genauso hart gemeint in den Lyrics, aber man dürfe die Zeilen dennoch nicht „auf die Goldwaage“ legen. Man habe es mit einer eigenen Gesellschaft mit eigener Moral zu tun.
Und da die männerdominierte Rap-Szene mit lauter geltungssüchtigen minderjährigen Bubenfans wenig eigene Regulative entwickelte, kam in dem Game wirklich schon so unfassbar menschenverachtender Stuss zu Gehör. Bei dem es wirklich besser war, dass er mangels Skandalisierung nur szeneintern bekannt blieb.
Nur vereinzelt und relativ random wurden in der Öffentlichkeit Rapper für ihre Texte angegangen. Bushido nutzte seine Rolle als Bad Boy gefühlt lange Zeit einfach als Promo-Tool.

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„Wir dulden keine Schwuchteln“
Gern erinnere ich mich dagegen allerdings an den Rapper G-Hot zurück. Dessen über-elendes Stück „Keine Toleranz“ 2007 zugleich auch das Ende seiner Karriere darstellte. Homophobie ist zwar gängiges Gedankengut und Motiv in Rapper-Texten, doch „mit zehn MGs zum CSD“, da schaltete sich dann doch mal das Außen ein – und er verlor seinen Plattenvertrag und danach den Anschluss.

„Keine Toleranz!
Wir dulden keine Schwuchteln!
Vertreibt sie aus dem Land! Raus!
Nie wieder Muchteln die kuscheln! “Verpisst euch, ihr Hurensöhne!“

Gott schuf Adam und Eva und nicht Adam und Peter
Ich glaub fest daran und das war auch kein Fehler
Was ist geschehen? Ihr lasst euch von Schwulen regieren
Was soll noch kommen? Was soll in Zukunft passieren?
Männerehen und Schwuchteln die Mädchen erziehen
Meiner Meinung hat so was kein Leben verdient
Man sollte Schwule in den Medien verbieten
Aus meiner Gegend wird diese Szene vertrieben
Ihr seid der Grund warum die Väter aussterben,
falsch gepolt und steht wie Mädchen auf Pferd
Eine Schande für den Mann! In den Po gefickt
Deine Eltern schämen sich das du ein Homo bist
Ich geh mit zehn MGs zum CSD“
(G-Hot und Kralle „Keine Toleranz“)

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Hure, Nutte, Bitch
Zehn Jahre später wissen die Rapper ungefähr, was man bringen kann und was nicht – wie weit man gerade noch gehen kann. Das läuft mittlerweile so problemlos, dass andere, ebenfalls vom HipHop beeinflusste Genres wie zum Beispiel Indie sich aktuell fragten, ob man nicht dort auch mal mit „Hure“, „Nutte“, „Bitch“ texten kann.
Antwort: Eher Nein. Kraftklub oder dem Schweizer Faber haben die Diskussionen um derartige Punchlines nicht wirklich geschadet, allerdings auch nicht gerade genutzt. Speziell bei Kraftklub hat die Debatte um die Zeile „Du verdammte Hure, das ist dein Lied“ praktisch alle weitere Beschäftigung mit der Platte ausgelöscht.
Das empfand der ein oder andere sicher als ungerecht. Denn: Im HipHop ist es doch genauso – nur viel schlimmer. Stimmt! Aber nur weil an einem Ort unhaltbare hygienische Verhältnisse existieren, muss man doch nicht im Dorf daneben gleich in die Ecke kacken.
So war ich persönlich auch genervt davon, dass „JBG3“, also das aktuelle Album von Farid Bang und Kollegah, um das es in der Diskussion jetzt geht, schon wieder versuchte, noch ein bisschen draufzupacken.
Ich habe wirklich für Provokationen, Scheißdreck und Idioten immer Verständnis, aber wenn man mit superblöden Holocaust- und Auschwitz-Lines triggert, dann ist es einfach nur zum Kotzen.

Schon wieder witzig: Dieser Ethikrat lässt den ECHO noch schlechter aussehen
An dem Punkt fängt die Verantwortung einer großen Plattenfirma an. „Diesen Schmutz könnt ihr gern rappen, wenn es euch so wichtig ist, aber wir werden ihn nicht auf CD pressen. Punkt!“ Das hat die BMG, die Company von JBG allerdings versäumt beziehungsweise sich nicht annähernd darum geschert.
Dass der ECHO diesen Move dann nachträglich nicht hinbekommt, ist auch noch peinlich, aber der Mist war ja schon früher da. Und die Musikindustrie, die sich beim ECHO feiert, hat (erfolgreich) versucht damit total viel Umsatz zu machen. Dann ist es eigentlich nur konsequent, dass man dem Ergebnis auch seinen kotigen Preis umhängt.
Doch der von sich selbst gepeinigte ECHO ist tatsächlich noch bemüht, irgendwie Würde zu bewahren – oder zumindest aus der Schusslinie zu geraten. Dafür hat er sich als menschliches Schutzschild diesen Ethikrat vors Haus gestellt. Dessen Arbeit ist bis jetzt allerdings (man ist fast geneigt zu sagen: lustigerweise) nur ein Verstärker der eigenen unsensiblen Doofheit. Das muss man auch erstmal schaffen!

Antisemitismus
Was sich jetzt in der Debatte aber wirklich ärgerlich ausmacht, ist, wie einig sich alle sind, dass Farid Bang (um den es eher seltener geht) und vornehmlich Kollegah die Inkarnation eines Antisemitismus sind. Ein Antisemitismus, der nur ihnen gehört – und der hiesigen, migrantisch geprägten Rap-Szene.
Im Saal beim ECHO bekamen die beiden Rapper keinen Stich, was sicher auch mit ihrer nicht-eloquenten Arroganz zu tun hatte. Doch das Publikum, das sich jetzt und vor Ort so geifernd erhebt über die zwei Pfeifen, täte gut daran, nicht nur begeistert irgendwelche Muskel-Pappkameraden lynchen zu wollen, mit denen man ohnehin nichts gemein zu haben glaubt. Denn Kollegah und Farid Band als die nächsten Böhse Onkelz? Na, danke.
Gesellschaftlicher Antisemitismus ist nicht vom Tisch, nur weil die deutsche Welt und alle Plattenfirmentrottel (nachträglich) nun JBG verbieten möchten. Diese Extrapolation des Themas ist einfach ätzend – wie leicht möchte man es sich denn noch machen? „Hängt Kollegah auf, damit gibt das Problem gelöst. Case clsosed.“

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Wie nah dabei Antisemitismus auch der bildungsbürgerlichen Gesellschaft steht, dafür bedarf es nicht mal das ZEIT-Online-Profil auf Twitter, bei welchem die Redaktion sich nicht schämt, einen Antexter rauszugeben, der sich literally fragt, welche Form von Antisemitismus wohl „gerechtfertigter“ sei.

Oder es wird einfach der rassistische Zerrspiegel über das Thema gelegt, der einem gestattet, als großmütiger deutscher Verteidiger des Judentums endlich mal den ganzen Ausländern die Tür zu weisen. Ungeachtet der Tatsache, dass Kollegah ja eben ein hier geborener Felix Blume ist.

Kolle

Nichts ist so unwürdig wie diese von einem “Ethikrat” durchgewunkene Zeile „Mein Körper definierter als Auschwitzinsassen“ – doch dieser selbstgefällige bis rassistische Diskurs, der sich jetzt anschließt, zeigt leider keinen Weg auf in eine bessere Richtung.

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