Mittwoch, 14.11.2018
Dr. Anja Schwanhäußer

William Burroughs und andere Kosmonauten des Inneren

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Dr. Anja Schwanhäußer

Im Februar letzten Jahres fand in Dortmund der von Jonas Eickhoff initiierte eintägige Kongress “Electronic Body Music. Ordnung in und als Bewegung” statt, bei dem in zahlreichen Vorträgen und anschließenden Diskussionsrunden soziologische sowie kultur- und sozialanthropologische Perspektivnahmen auf die Subkultur beziehungsweise Szene elektronischer Tanzmusik öffentlich zur Diskussion gestellt worden sind. In Versatzstücken ist dieser Kongress in Gestalt einer Kaput-Interviewreihe von Jonas Eickhoff fortgesetzt worden – das Interview mit Dr. Anja Schwanhäußer, welches Ihre Publikation „Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene“ zentral stellt, bildet den (vorläufigen) Abschluss dieser Interviewreihe. Geführt worden ist das Interview mit Dr. Anja Schwanhäußer von Jonas Eickhoff bereits 2017 an einem Sommertag in Berlin.

Jonas Eickhoff: Dr. Anja Schwanhäußer, können Sie sich über Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte kurz selbst vorstellen – im Lichte Ihrer Publikation „Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene“, welche für unser Interview zentral sein soll?
Dr. Anja Schwanhäußer: Ich beschreibe mich selbst als freiberufliche Stadtanthropologin, das heißt ich lehre an Universitäten – unter anderem an der Berliner Humboldt-Universität –, beteilige mich an Forschungsprojekten, verfasse Publikationen. Meine Forschungsschwerpunkte sind Jugend- und Subkulturforschung, Cultural Studies, Ethnografisches Arbeiten sowie eben die Stadtanthropologie. Vor diesem Hintergrund ist auch nach wie vor meine überarbeitete Dissertationsschrift „Kosmonauten des Underground“ zu verstehen. Als Forschungsschwerpunkte sind jüngst noch Gender und Animal Studies hinzugekommen. Insbesondere interessiere ich mich gerade als „Querschnittsmaterie“ für den Ethnografischen Surrealismus, vor allem für die Person Hubert Fichtes – ein queerer Ethnograf, der schon früh die Grenze zwischen Literatur und Ethnologie beschritten beziehungsweise überschritten hat.
Zurück zu meinem Forschungsschwerpunkt Stadtanthropologie: In dem letzten Jahr habe ich zum Beispiel ein Buch herausgegeben – „Sensing the City“ –, welches ein theoretischer, ein methodischer, ein methodologischer Einführungsreader zur Stadtanthropologie ist. Im Zentrum steht: Was heißt eigentlich „Sensing“ – also was heißt es die Stadt zu erspüren? Und um noch ein Beispiel für ein ganz aktuelles Forschungsprojekt von mir zu geben: Derzeitig beschäftige ich mich mit der Figur des „Pferdemädchens“, was manchen vielleicht überraschen mag – ich sehe dieses Projekt als genderkritische Intervention in den Jugendsubkulturdiskurs, weil es eines der wenigen mädchendominierten Jugendsubkulturen ist und damit die Jugendsubkulturforschungsparadigmen herausfordern kann.

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Bildquelle: Dr. Anja Schwanhäußer

Eickhoff: Stichwort: „Stadtanthropologie“: In einer Teilüberschrift von „Kosmonauten des Underground“ schreiben Sie von „Urbaner Ethnografie“. Was heißt es grob für Sie Urbane Ethnografie zu betreiben, was zeichnet diese besonders aus?
Schwanhäußer: Ethnografie, also Feldforschung, teilnehmende Beobachtung bedeutet die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, so wie es „wirklich“ vor sich geht. Als Ethnograf nimmt man an dem Leben der beforschten Gruppe teil – im Sinne einer bestimmten Verstehensperspektive –, mit dem Ziel zu verstehen, warum sie tun, was sie tun, welchen Sinn sie ihren Handlungen verleihen. Es geht also eigentlich darum ihre Sicht zu verstehen, soziale Prozesse aus der Perspektive der Beforschten heraus zu verstehen. Ethnografie ist ein Ansatz, welcher sich insbesondere für die Erforschung von Jugendsubkulturen, von Szenen eignet – aus mehreren Gründen: Subkultur enthält ja auch dieses Versteckte, Untergründige, Geheime, was auch bedeutet, dass diese Welten oftmals nicht medial und/oder im Bewusstsein der Öffentlichkeit repräsentiert oder wenn, dann „falsch“ repräsentiert werden. Das ist selbstverständlich im heutigen Popjournalismus anders als früher, aber dennoch merkt man immer wieder wie verzerrt eine gesellschaftliche Wahrnehmung auf Subkulturen ist.
Ein weiterer Grund für die Methode der Ethnografie ist zum Beispiel, dass man verstehen möchte, wie sich das Leben der Beforschten anfühlt. Gerade in Subkulturen ist die Ebene der Sinne, der sinnlichen Wahrnehmung von Atmosphären zentral. Ethnografie ermöglicht diese Erfahrungsperspektive am ehesten.

Eickhoff: Und explizit zur „Urbanen Ethnografie“?
Schwanhäußer: Urbane Ethnografie? Das ist ein spezieller ethnografischer Zugang, bei dem es um spezifisch urbane Phänomene geht. Man kann eine urbane Subkultur oder Szene nicht stereotyp erforschen. Es ist ein offenes, fluides Feld, das heißt es bedarf eines Zugangs, der nicht das Dorf im Kopf hat, sondern die Stadt. How to dress, where to go, how to act – das sind spezifische urbane Kompetenzen, welche ein Urbanethnograf versuchen sollte fortwährend im Horizont zu haben. Er sollte über eine Sensibilität für den Stil der Beforschten verfügen, er sollte eine Sensibilität für die Rhythmen und Bewegungsweisen und -räume urbaner Kulturen entwickeln. Das sind Schlüsselmomente für das Gelingen einer Urbanen Ethnografie.

Eickhoff: Zu dem Entstehungskontext von „Kosmonauten des Underground“: Welches Vorwissen hatten Sie? Warum das Feld elektronischer Tanzmusik?
Schwanhäußer: Das wird nun ein wenig anekdotisch: Ich habe meine Magisterarbeit über die deutsche Undergroundpresse der 60er und 70er Jahre geschrieben und mich in diesem Rahmen auch mit Hippiekultur und Counterculture befasst. Während meines Studiums hatte ich aber ansonsten keinen Zugang zu Subkulturen. Nach meinem Universitätsabschluss bin ich dann über Freunde in einen Open-Air-Rave an der Ostsee hineingestolpert, der auf mich sehr hippiesk wirkte – für mich lies sich dieses Erlebnis mit dem Satz überschreiben: „Die Hippies gibt es ja noch!“. Ich stellte fest, dass das, was ich bis dato lediglich historisch kannte, tatsächlich eine gelebte, eine lebendige Alltagskultur ist. Ausgehend von diesem Erlebnis habe ich dann herausgefunden, dass es eine entsprechende Szene gibt, die in Berlin vor allem nachts diverse Räume erobert, diese dort temporär besetzt, um Parties zu feiern. Diese Erkenntnis brachte mich zu dem Interesse das, was ich vorher historisch erforscht hatte, mit einem „klassischen ethnografischen“ Zugang erforschen zu wollen.
„Klassische Ethnografie“ erforscht auch immer wieder Kulturen, die im Verschwinden begriffen sind. In der Szene elektronischer Tanzmusik war ein großes Bewusstsein dafür, dass die mit der Wende in den 90er, frühen 00er Jahren entstandenen Chancen, die Möglichkeitsräume nicht von ewiger Dauer sein würden. In den 00er Jahren sind diese offenen Räume ja bereits wieder zurückgegangen, was sich bis heute fortsetzt. Insofern war ein Motiv diese sich im fortwährenden Wandel, damit auch immer im Verschwinden begriffene Szene zu dokumentieren – im Sinne einer klassischen Ethnografie.

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Bildquelle: Dr. Anja Schwanhäußer

Eickhoff: Anschluss nehmend ein Zitat aus Ihrer Publikation „Kosmonauten des Underground“: „Das Projekt der Szene verknüpft sich mit einem Lebensstil under construction, der ebenso auf Wechsel ausgelegt ist wie auch das Szenegeschehen insgesamt, wobei subkulturelle Werte diesen Lebensstil motivieren und als Sinnressource dienen“.
An welche subkulturellen Werte denken Sie hier, welche Werte schreiben Sie „dem Projekt der Szene“ zu?
Und was bedeutet dies für eine Konzeptualisierung von Szene und/oder Subkultur? Wie scharf würden Sie Szene und Subkultur voneinander trennen – sehen Sie einen Unterschied in der Verfasstheit, in den Modi der Abgrenzung?
Schwanhäußer: Ich denke es ist gut von Subkulturellem zu sprechen – weniger von Subkultur. Denn Subkultur suggeriert unter Umständen eine feste Gruppe und klare Grenzen, wobei der Subkulturbegriff in sich schon auch eine Offenheit hat. Heute wird der Subkulturbegriff auch verwendet, um soziale Beziehungen und geteilte Deutungen und Bedeutungen zu fassen, die nicht immer zwingend klare Grenzen haben müssen. An der „Kosmonautenszene“ – im Übrigen ein Phantasiebegriff von mir, unter anderem ausgehend von einer Eigenschaft der Szene sich nicht festlegen zu wollen – habe ich die Romantisierung des Underdogs und Randseiters erkannt, des Nomadischen, was sich in anderen urbanen Sub- und Gegenkulturen wiederholt. Ein Ideal von Ungebundenheit, von Umherziehen, von Sich-für-Nichts verpflichten, was ein Wert ist, der sich mindestens bis zur Beatkultur zurückverfolgen lässt. Gegenkulturelle Mythen rund um Wahrnehmungserweiterung, die zum Beispiel mit LSD verbunden sind, aber nicht darauf reduzierbar waren beziehungsweise sind, sind für die Kosmonautenszene wichtig.
Ich denke das alles hat sehr spezifisch in das Berlin dieser Zeit gepasst, in welchem es diese unentdeckten Weiten Ostberlins gab – zwischen dem tatsächlich existierenden Raum, den man explorieren konnte, und den imaginären Welten.

Eickhoff: Zum Titel: „Kosmonauten des Underground“ – ein Phantasiebegriff. Sie haben schon darauf hingedeutet – nun aber explizit von mir nachgefragt: Weshalb die Wahl dessen? Welche Bilder, welche Verknüpfungen haben Sie darin angelegt?
Schwanhäußer: Es ist zum einen ein Zitat von William Burroughs, der sich als Kosmonaut des Inneren bezeichnet hat, was genau dieses Explorierende meint. Es ist interessant, dass sich Burroughs als Literat als Kosmonaut bezeichnet – ich finde sinnvoll diese subkulturellen Explorationen auch in einem solchen künstlerischen, literarischen Umfeld zu sehen, wo es nicht nur um Fragen des Lebensstils oder der Vergemeinschaftungsform geht, sondern auch um bestimmte Ästhetiken. Das ganze jugend-, subkulturelle Feld kann man nur verstehen, wenn man sich mit Kunst, Literatur, mit Popkultur auseinandersetzt, die von diesen Leuten rezipiert, die aus der jeweiligen Subkultur hervorgeht, die zentraler Bestandteil ist. Daher war es mir wichtig auch einen literarischen Titel zu nehmen.
Dann: Kosmonaut ist auch ein DDR-Bezug. Anfang der 00er Jahre zirkulierten noch diese ganzen DDR-Artefakte, Alltagsartefakte – Eierbecher, Vasen, Sofas und so weiter –, die dann von der Szene elektronischer Tanzmusik umgedeutet, angeeignet wurden, die stilbildend waren für die subkulturelle Szene Berlins. Kosmonaut war selbst so etwas, was als umfunktionierter Begriff zirkulierte: Zum Beispiel gab es die Modedesignerin marsfront, die eine Modenshow in alten Fabrikräumen ausgerichtet hatte: Die Frauen, die dort als Models gelaufen sind, wurden zum Beispiel Kosmonautinnen genannt.
Last but not least: Es ist auch eine versteckte Referenz zu dem Ethnografischen, denn die wahrscheinlich berühmteste Ethnografie heißt „Argonauten des westlichen Pazifik“ – von Bronislaw Malinowski; und Kosmonauten und Argonauten sind zumindest klanglich verwandt.

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Bildquelle: Dr. Anja Schwanhäußer

Eickhoff: Ausgehend von beziehungsweise zurück zu einer „Subkulturwertskizze“, einer Motivskizze: Können Sie die Bedeutung eines Umherschweifens, eines fluiden Moments für die Szene näher herausstellen, noch näher umreißen?
Schwanhäußer: Zu dem Szenebegriff finde ich noch einmal wichtig zu sagen, weil Sie ja auch explizit nach diesem gefragt hatten: Mein Szenebegriff stammt aus einem bestimmten amerikanischen Soziologiefeld und weniger aus der deutschen Szeneforschung. Was für mich bei dem Verständnis des Szenebegriffs wichtig ist, ist, dass dieser nicht den Subkulturbegriff als etwas fluideres ablöst, sondern eher noch einmal andere Fragen aufwirft. Der für mich bedeutendste Szeneaufsatz stammt von Alan Blum – Projektleiter des internationalen Forschungsprojekts „Culture of Cities“. Was bei diesem Szenebegriff wichtig ist, ist der Aspekt, dass Szenen beziehungsweise Subkulturen immer ein Territorium ausbilden. Dieses Gebiet ist mit den Imaginationen und Vorstellungswelten der spezifischen Stadt verwoben sind.
Eine Berliner Szene unterscheidet sich von einer Kölner-, Frankfurter- oder Londoner- oder New Yorker-Szene letztlich dadurch, dass die Imaginationen und Vorstellungen der Städte jeweils andere sind, die Mythen dieser jeweiligen Städte andere sind. Eine Subkultur verhält sich zu diesen Mythen und produziert diese ebenfalls. Dieser städtische Kontext ist also sehr wichtig – jede Stadt hat ihre spezifischen Figuren und ihre spezifischen Orte. Das sind Fragen, die durch diesen Szenebegriff, wie Ihn Alan Blum geprägt hat, für eine Jugend- und Subkulturforschung wichtig werden.
Mein Eindruck ist außerdem, dass in den 60er Jahren Scene und Subkultur eher austauschbare Begriffe gewesen sind: Man hat eher Scene als Begriff genutzt, meinte aber Underground und Subkultur. Daran wird auch noch einmal deutlich wie nah diese Begriffe beieinander liegen. Ich meine, dass die deutsche Szeneforschung dieses historisch Gewordene des Szenebegriffs nicht so im Blick hat. Es ist eher eine Neuerfindung, die der Verwobenheit mit Underground und Subkultur – mit Formen von kultureller Marginalisierung, von Widerborstigkeit – eher nicht gerecht wird.

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Bildquelle: Dr. Anja Schwanhäußer

Eickhoff: … und noch einmal zu dem fluiden Moment kommend.
Schwanhäußer: Genau. Ich bin damals, als ich die Ethnografie geschrieben habe, davon ausgegangen, dass sich diese Szene fluid zwischen Subkultur und Mainstream bewegt und weder dem einen noch dem anderen richtig zuzuordnen sei. Heute würde ich dies anders sehen: Ich würde diese Szene ganz klar dem Subkulturellem zuordnen. Ich sehe überwiegend subkulturelle Motive – von dem Stil, von den Haltungen, von den Lebenswegen her, die die Leute gegangen sind, von den Problemen, die sie teilweise haben. Ich würde das Subkulturelle also betonen und sagen, dass das Fluide selbst Teil des subkulturellen Mythos’ ist – angeknüpft an dieses Nomadische, angeknüpft an dieses Immer-in-Bewegung-sein, an das Sich-nicht-festlegen–wollen.

Eickhoff: Bei der Lektüre von „Kosmonauten des Underground“ fiel mir ein Begriff auf, welchen Sie in einem Spannungsverhältnis zu einem Begriff, den Erving Goffmann geprägt hat – zu „focused gathering“ – anlegen – nämlich „unfocused gathering“. Was verstehen Sie unter diesem?
Schwanhäußer: Ich habe das Umherschweifende als Motiv dieser Szene identifiziert, was sich auf unterschiedlichen Ebenen wiedergefunden habe: Ein Umherschweifen im Stadtraum, das heißt temporär Orte zu besetzen, dort Parties zu veranstalten und dann weiterzuziehen, aber eben auch ein Umherschweifen in den Lebensstilen – also einen Lebensstil zu führen, der sich Nichts dauerhaft verschreiben will. Jeweils verbunden mit einer bestimmten Ästhetik des Improvisierten, was zum einen in den ausrangierten Räumen sichtbar wird sowie zum anderen in der Form wie Veranstaltungen stattfinden. Da kam es mir Goffmanns Begriff der „focused gatherings” sehr gelegen, also dass sich Gruppen immer um einen zentralen Gegenstand gruppieren. Diesen befrage ich, weil eben auch auf den Parties selbst ein Umherschweifen erkennbar ist und es nicht „den einen“ Fokus gibt, nach dem sich diese Veranstaltung ausrichtet. Ich denke die spannende Frage ist hier, inwieweit damit auch sozialstrukturelle Fragen angesprochen werden? Eine Frage ist, ob man soweit gehen kann, dass man dieses Unfokussierte auch im Lebensstil wiedererkennen kann, das heißt, dass eine Performance, die eine Szene abliefert, etwas viel weiter Greifendes zeigt. Ich meine ja, das tut sie.
Meine Idee von Lebensstil hier ist nicht zu verwechseln mit der von postmodernen Lebensstilen, die sich – so die Idee – beliebig aus Stilen zusammenbasteln würden, sondern es ist eher umgekehrt, also dass man sagt es gibt einen zwingenden Zusammenhang zwischen dem was in der Stadt passiert und sichtbar ist – zum Beispiel im Nachtleben – und dem, wie die Leute leben. Es ist nicht zufällig und es auch nicht erfunden. Wenn ich jetzt schaue, was aus den Leuten geworden ist, die Teil meiner Forschung gewesen sind, über welche wir hier sprechen, kann man es durchaus so sehen – also dass das Prinzip des Umherschweifens die Leute grundlegend geprägt hat. Für die einen ist aufgegangen, die anderen sind zum Teil auch abgestürzt. Denn wenn man sich die Dinge zu lange offen hält, kann es auch in einem sozialen Abstieg enden.

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Bildquelle: Dr. Anja Schwanhäußer

Eickhoff: Als weitere Nachfrage zu dem Begriff „unfocused gathering“: Inwieweit lassen sich mit diesem Begriff ebenfalls Momente der Verstetigung, der Etablierung erfassen?
Schwanhäußer: Hm. Ich denke subkulturelle Szenen zeichnen sich – in meiner Erfahrung – sehr stark durch In- und Exklusionsprozesse aus. Es gibt dieses elitäre Moment – was mir hier wichtig ist in der Abgrenzung von „posttradtionalen Gemeinschaften“: Elitär heißt in meiner Lesart, dass es dieser Szene um etwas geht – Stile und Ästhetiken, die verhandelt werden, haben etwas ganz existentielles, was im Auge der Szeneleute der Rest nicht versteht. Es ist wieder dieses Cityknowhow, was sich durch sehr subtile Prozesse wie so etwas wie ein Stil zeigt. Wenn man da nicht hineinpasst, dann wird man ausgegrenzt. Der deutsche Szenebegriff kann das, wie ich ihn lese, nicht so gut fassen – er geht von einer Vielfalt von nebeneinander existierenden Szenen aus. Es sind Geschmackskulturen, die sich schön sortieren. Aber ich denke hingegen, dass es da brutal um etwas geht. Und das wird über Stile ausgehandelt. Es gibt nicht dieses Nebeneinander von gesellschaftsindividualisierten Individuen, die sich dann immer wieder zusammenschließen, sondern es ist wirklich subkulturell und in dem Sinne auch elitär. Es geht also auch politisch um etwas.

Eickhoff: Und explizit zu einem Moment des Verstetigens?
Schwanhäußer: Ja, und jetzt explizit zu dem Verstetigen: Ich frage mich, ob es zumindest eine Verstetigung für einige Wenige gibt? Die Wenigen sind diejenigen, die es geschafft haben ihr Leben „auf die Reihe zu bekommen“ und trotzdem noch subkulturell zu leben. Also da gibt es Verstetigungsformen wie, dass man einen Club führt, eine Agentur gründet, in der bildenden Kunst erfolgreich wird. Aber was bei dieser Erzählung nicht sichtbar ist, ist, dass die meisten da rausfallen.
Ich kenne Personen, welche sich nach Portugal abgesetzt haben, quasi ausgestiegen sind, weil sie sich nicht anpassen wollten, oder eine der tollste Frauen, die ich in der Szene kennengelernt habe, die einen eigenen Design-Laden betrieb, arbeitet nun als Schuhverkäuferin, um Ihr Leben zu finanzieren. Sie ist wahrscheinlich die beste Verkäuferin der ganzen Stadt. Oder eine andere wichtige Figur aus meinem Buch, die im Prenzlauer Berg wohnte, lebt jetzt in einem Bauwagen am Stadtrand, wurde buchstäblich aus der Stadt verdrängt, lebt in Armut. In den USA heißen diese Leute „White Trash“. Da hat sich Nichts im Positiven verstetigt. Einige „schaffen“ es aber auch, wenn man es so nennen will, das heißt sie finden einen Status-hohen Platz in der Leistungsgesellschaft. So widersprüchlich ist aber auch die Szene – immer schon.
Auch in der Blütezeit einer solchen Szene ist rundherum nur Elend, aber eben auch Ekstase. So ist das Leben – da liegen Depressionen und Euphorie eng nebeneinander. Auch Kreativität und kein Talent. Die Kreativszene ist, meine ich, eigentlich eine Szene der Untalentierten und ein paar dieser passen dann zufällig doch so gut in unsere Gesellschaft, dass das, was sie machen, als kreativ bezeichnet und damit eingegliedert wird. Man muss bei dieser Frage, inwieweit sich etwas verstetigt, fragen: Was hat sich da eigentlich genau verstetigt und was nicht und was passiert mit dem, was nicht verstetigt hat? Weil die, die historisch subkulturelle Szenen repräsentieren ja die sind, für die sich etwas verstetigt hat. Ein unvollständiges, verzerrtes Bild.

Eickhoff: Was macht die Berliner Szene denn nun konkret zu einer Berliner? Inwiefern ist diese global?
Schwanhäußer: Was sich in meiner Publikation, in der Szene, die ich erforscht habe, andeutet, ist, dass der Austausch mit anderen Städten erst das erschafft, was die Berliner Subkulturszene ausmacht, wobei ich diese Stränge nicht explizit verfolge. Es wäre ein sehr interessantes Projekt sich dies anzugucken.
Was ich in dem Buch aufgezeigt habe, ist, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Szene und einer spezifischen Stadt gibt, dass diese Berliner Szene, wie sie ist, nur in Berlin stattfinden kann, was mit der Geschichte, mit den Figuren und Mythen der Stadt zu tun hat, die diese Szene formen und die diese Szene auch selbst hervorbringt. Wobei man diesen Ansatz noch viel weiter ausbauen kann – also auch theoretisch. Was hier sehr produktiv ist, ist ein Konzept, welches gerade in der Urbanethnograpfie intensiv diskutiert wird: Das Konzept des „Urbancharismas“, was zu beschreiben versucht, wie sich ein städtisches Gefüge aus Mythologien, ökonomischen Strukturen und spezifischen Figuren und Sensibilitäten der Stadt ausformt. Wodurch man zu zeigen versucht, wie bestimmte Gruppen und soziale Gefüge in der Stadt in Verbindung stehen – mit dieser Stadt in Verbindung stehen. Das, was in Berlin immer gerne als rough bezeichnet wird, hat, glaube ich, schon mit der proletarischen Geschichte von Berlin zu tun. Berlin ist historisch eine Arbeiterstadt, wo sich nie eine bürgerliche Kultur wie in anderen europäischen Hauptstädten ausdifferenziert hat. Das sieht man auch in der subkulturellen Szene, im Berliner Underground: Da ist auch dieses Punkige, was ebenfalls dieses Proletarische in sich trägt. Workerstyle, ein wenig abgefuckt. Und dann eben auch diese Hippieästhetik.

Eickhoff: Vielen Dank für das Interview!
Schwanhäußer: Sehr gerne.

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