Freitag, 19.10.2018
Peach Pit über Rihanna, ihre erste Europa-Tour und ihren Dönergenuss

“Sorry, Mum, Du bist auch sehr schön!”

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Peach Pit über Alt Köln (Photo: Janosch Pugnaghi)

Peach Pit, die neue Indie-Pop-Band aus Vancouver, Kanada, fungiert ein wenig wie der Spiegel Nerhegeb aus Harry Potter, in dem jede_r sieht, was er/sie darin sehen will und begehrt. Manch eine erinnert Peach Pits Musik an Maritime, manch einen an Mac DeMarco, andere wiederum an The Kooks. Alles sehr bekannt gewordene Indie-Pop-Musiker, allerdings vor zehn bis fünfzehn Jahren. Sind Peach Pit also lediglich eine Neuauflage oder tatsächlich neu? Natürlich letzteres, ist doch – außer bei Coverbands – erstes schlichtweg nicht möglich, bei jeglicher Kunst gibt es Verweise auf vorherige Künstler_innen. Besonders an Peach Pit ist außerdem einiges, zunächst einmal, dass ihre erste EP bereits so gut klingt, als ob es ihr drittes Album wäre. Dann findet man bei ihrem Merchandise Deodorant und merkt, diese Band ist durchaus gewitzt. Last but not least, die Bandmitglieder, bestehend aus Sänger Neil Smith, Gitarrist Chris(topher) Vanderkooy, Bassist Peter Wilton und Schlagzeuger Mikey Pascuzzi, haben allesamt ein großes Herz.

In Köln spielten sie am Montag, den 29. Januar, präsentiert von Neu, Kaputt, im Acephale, eine Bar, die mittlerweile kein Geheimtipp mehr ist. Schon lange vor Einlass stehen viele Leute vor den noch verschlossenen Türen. Peach Pit machen Soundcheck und kommen dann freudig und freundlich zu mir und plappern direkt los, wie superlecker ihr erster Döner doch vorhin schmeckte, wie nett alle seien. Nur der Schlagzeuger Mikey hat etwas Hektik, irgendwo wurde sein Schlagzeughocker vergessen und sein Auftrittsshirt gleich mit dazu. Aber ein Bierkasten tut es auch und das mit dem Shirt ist vielleicht gar nicht so schlecht, aber dazu später mehr. Da gleich Einlass ist, setzen wir uns in die kleine Sitzecke, wo uns niemand direkt stört. Neil und Mikey sind die ganze Zeit dabei, Chris und Peter erst etwas später, nachdem alles an Merchandise aufgebaut ist.

Britta Tekotte: Mir ist aufgefallen, dass ihr bei euren Shows immer das gleiche Outfit tragt, was hat es damit auf sich?
Neil Smith: Vor Jahren hat unser Freund Lester, der alle unsere Musikvideos dreht, mal vorgeschlagen, dass wir so auftauchen sollen wie Kindergartenkinder in den 90ern, die zu einem Geburtstag gehen, mit Overall, Polo-Shirts und hohen Krägen. Im Secondhandladen haben wir dann genau diese Klamotten gefunden. Und tragen sie seither zu jedem Auftritt. Auf Tour können wir die Sachen natürlich nicht täglich waschen…

Was eueren Merchandise erklärt…
Neil Smith: Genau! Eine Freundin von uns hat einen Bio-Kosmetik-Laden und so kamen wir auf die Idee, ein eigenes Deo zu haben. Sehr praktisch. Und apropos, wo ist hier ein Waschsalon? Heute wird’s Zeit.

Ich setze mich jetzt mal nicht demonstrativ weiter weg, ich hab nämlich auch meinen Pulli an, den ich bei jedem Interview trage. Hier ist es außerdem kalt, man schwitzt derzeit nicht so schnell.

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Peach Pit im Acephale (Photo: Britta Tekotte)

Ihr kommt aber grad aus etwas wärmeren Ecken Europas, wart schon in Spanien und Frankreich. Jetzt tourt ihr unter anderem weiter durch Deutschland, Österreich, Tschechien und Schweden. Worauf freut ihr euch besonders?
Mikey Pascuzzi: Neil und ich sind das erste Mal in Europa. Wir können die Länder entdecken und Shows spielen, das Beste beider Welten. Außerdem sind wir wirklich aufgeregt, unsere Fans zu treffen.
Neil Smith: Ich hab zum Beispiel auch nicht erwartet, dass diese Bar so voll wird, total toll. Ich hab übrigens am meisten Vorfreude, meine ganzen Freunde in Europa wiederzusehen. Die habe ich in Australien kennengelernt. Bei unserer Show im Privatclub in Berlin am 01. Februar habe ich Geburtstag, ich werde 25. Und meine Freunde, die in Berlin leben, kommen auch alle. Das wird mega. Sowieso finden wir es super hier, wir sind grad mal sechs Stunden in Deutschland, hatten aber schon das beste Essen überhaupt, Döner, das Bier ist günstiger, es kommen mehr Leute zu den Shows, und alle sind so schön. Sorry, Mum, du bist auch sehr schön!

Mir ist aufgefallen, dass ihr häufig an eure Familie denkt und das auch zeigt.
Neil Smith: Online haben wir vor einigen Jahren angefangen, unsere Fans Daddy zu nennen, da hatten wir eigentlich noch gar keine Fans. Irgendwie ist dieser Witz geblieben und wir fragen uns mittlerweile auch, warum wir das nur gestartet haben. Und unsere tatsächliche Familie, unsere Eltern und Geschwister, sind alle wirklich großartig und unterstützen uns. Da können wir uns gar nicht genug bedanken. Ohne sie wären wir nicht hier.

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Peach Pit im Acephale (Photo: Britta Tekotte)

Jetzt seid ihr aber einen Monat auf Tour, weg von Zuhause, gibt es da irgendwas, das Backstage nicht fehlen darf?
Mikey Pascuzzi: Vegetarische Platten, Obst und Bier im Überfluss.
Neil Smith: Ehrlich gesagt ist es für uns neu, dass wir überhaupt verpflegt werden. In Nordamerika bekommt man vielleicht ne Tüte Chips mit Dip und ein paar Getränkekarten. Dass bei unserer Europatour ständig Essen und Trinken da ist, ist neu und fantastisch.

Was ist mit Cheetos? Ich hab auf einem eurer Tourfotos gesehen, dass ihr darauf Bezug nehmt. Ihr wisst schon, dass das auch Rihannas Vorliebe ist? Cheetos dürfen nämlich bei ihr Backstage nicht fehlen, hört man
Neil Smith: Wirklich? Das ist ja super! Ne, das wussten wir nicht. Aber wir lieben Rihanna!

Wenn ich an Rihanna denke, denke ich nicht nur an unglaublich großartige Shows, Ohrwurm-Hits und coolen Style, ich freue mich auch, dass sie ihre Stimme nutzt und sich politisch gegen Rassismus und Sexismus einsetzt. Wie sieht das bei euch aus?
Neil Smith: Uns geht es jetzt vor allem erstmal darum, Musik zu machen. Wir handeln also nicht explizit politisch. Und natürlich haben wir unsere Standpunkte, ich bin aber auch froh, über jede_n, der/die zu unserer Show kommen mag und andere Ansichten hat. Ich habe allerdings wenig Bock auf Rassisten, die können auch weg bleiben.
Chris Vanderkooy: Ich habe bemerkt, dass einige Transgender-Kids zu unseren Shows kommen. Wir haben uns noch nie explizit für Homosexualität, Transgender ausgesprochen, aber implizit senden wir dann wohl doch diese Message und das ist super. Implizit steckt in unserem ganzen Tun die Aussage, dass es okay ist, so zu sein wie man eben ist und sein will, und wer auch immer man ist, genau das ist richtig.
Mikey Pascuzzi: Ich glaube, unsere Shows sind ein sicherer Ort für alle, die Musik hören und abhängen wollen, ohne Vorurteile und Urteile, die ein wenig dem Alltag entfliehen und genießen wollen.

Der Laden hier ist mittlerweile voll geworden, offensichtlich kommt die Message an. Ihr habt übrigens lange gewartet bis ihr aufgetreten seid und ihr eure Platte veröffentlicht habt, warum?
Neil Smith: Wir wollten, dass die Leute sagen, dass wir von Anfang an gut waren. Ich empfehle das auch allen, die eine Band neu gründen wollen, übt erstmal was das Zeug hält und zeigt euch dann. Ich hatte mal eine andere Band, da haben wir es genau anders gemacht und es hat richtig lang gedauert, bis ich mich auf der Bühne wohl gefühlt habe. Und das muss man, sonst kommt das auch nicht im Publikum an. Wir arbeiten richtig lange an den Songs. Normalerweise schreibe ich die Noten, die Melodie und den Text, dann bringe ich das mit und wir arbeiten gemeinsam so lange daran, bis es uns allen gefällt. Wir haben in letzter Zeit aber schon häufiger darüber gesprochen, dass wir den Prozess mal ein wenig beschleunigen sollten. Wir sitzen jetzt ein Jahr an zwei Songs…

Nach außen wirkt das aber anders. Ihr habt die EP im Sommer 2016 rausgebracht und ein Jahr später euer erstes Album, mit dem ihr jetzt tourt, das wirkt zeitlich sehr stringent.
Neil Smith: Das liegt aber auch daran, dass wir die Songs fast alle schon fertig hatten, also schon viele Songs des Albums, als wir die EP rausgebracht haben.

Eure Texte handeln von Parties, gescheiterten Liebesbeziehungen und Halloween…
Neil Smith: Ich mag Songtexte, die ehrlich und aufrichtig sind und nicht irgendwas aufbauschen. Deshalb geht es häufig um Alltägliches, Parties und Gespräche, die man verkatert am nächsten Tag führt oder warum ich einmal nicht zu einem Rave wollte. Ich schreibe also sehr persönlich und viel über Freunde von uns. Aber immer nur Gutes, wenn einer schlecht dabei wegkommt, bin ich das wenn, selbst.

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Peach Pit im Acephale (Photo: Britta Tekotte)

Ich lasse die Band jetzt noch etwas alleine. Nachdem wir noch einen Mexikölner getrunken haben und darauf angestoßen haben, dass wir alle mal in einem Haus mit vielen Freunden, mit Pooltable und Tischtennisplatte im Wohnzimmer an der Westküste gelebt haben, die Jungs allesamt in Vancouver, ich in Seattle. Peach Pit sogar noch mit Skateboardrampe und Bonfire im Garten. Und genau dieses Gefühl kommt dann auch auf der Bühne rüber, als ob man im Backyard wäre.
Zwischendurch erzählt Neil weitere lustige und persönliche Geschichten. Zum Beispiel, dass Peter mal mit Neils Schwester zusammen war und aus Versehen außerdem ein Nacktfoto seiner Mum im Handy seines Vaters gesehen hat. Jetzt kenne er fast alle weiblichen Familienmitglieder sehr persönlich, nur die zweite Schwester noch nicht, aber die ist auch erst zwölf, da habe er noch Zeit. Es ist ein wenig wie eine High School Comedy auf der Bühne. Den Konzertbesucher_innen gefällt es, das Acephale ist proppevoll, das Publikum sehr gemischt, vorne wird trotz der Fülle exzessiv getanzt. Am Ende spielen Peach Pit als Zugabe „Go, Jonny Go!“ von Chuck Berry, der Titelsong des Films, in dem es um einen zukünftigen Rockstar geht. Passt. Go, Peach Pit, Go!

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