Record of the Week

Nick Cave & Warren Ellis „Carnage”


Nick Cave & Warren Ellis
„Carnage”

(Goliath/Rough Trade)

Der Australier und seine vielen Projekte sind längst zum Thema (teils sogar von ihm persönlich getätigter) Vorlesungen zu Liebessongs, kulturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen (1) oder großer Ausstellungen („Stranger than Kindness“ in Kopenhagen) geworden. Die eigene Historisierung zu Lebzeiten muss freilich auch ein seltsames Gefühl sein.

Zu seinen zuletzt karg-skelettierten Songs solo am Piano während der ersten Wellen der Pandemie auf „Idiot Prayer“ und Caves mäanderndem Zustand zwischen ‚alive‘ und dennoch irgendwie nur digital ‚live‘ habe ich hier an anderer Stelle geschrieben. Nun ist Cave schon wieder aktiv gewesen und hat sich mit seinem popmusikalischen und mentalen ‚Direktor‘ Warren Ellis an ein ebenfalls geripptes Klanggeschehen namens „Carnage“ gesetzt.

Zwei Konstanten aus Caves mittlerweile über 40jähriger Karriere lassen sich hier wieder erkennen und verbinden: Zum einen der seit „Ghosts… of the Civil Dead“ aus 1988 vorhandene Hang zu Soundtracks zu gerne mal morbiden, schwarzhumorigen oder zu sogar blutigen Filmen und neuerdings auch im weitesten Sinn Dokumentationen zum eigenen Schaffen. Auch „Carnage“ bedeutet wörtlich ‚blutiges Gemetzel‘ (der Polanski-Film und das Theaterstück „Gott des Gemetzels“ heißen im Original „Carnage“) und ist zunächst mal ein nicht ganz geplantes, ’normales‘ Album, das aber laut Cave selbst zu einem Film über das letzte Bad Seeds-Album „Ghosteen“ und eben „Carnage“ selbst werden soll; für den bereits der Regisseur Andrew Dominik gewonnen werden konnte, der auch den teilweise brutal distanzlosen „One More Time with Feeling“ arrangierte, in dem fast schon therapeutisch auf den tragischen Tod eines der Söhne von Cave Bezug genommen wurde (siehe Teil 5 meiner Kolumne bei „Die Aufhebung“).

Der zu frühe Tod zieht sich sowieso und auch ganz ohne Pandemie durch Caves Leben und das seiner Familie, Freunde und Umwelten, zuletzt Anita Lane  und Dave Kusworth. Zum anderen eben die immer wieder expressive Zusammenarbeit von Cave mit einer Art ‚Spiritual Rector‘: Was Cave einst in seinen vielen Bands seit den Boys Next Door mit dem leider vor auch schon wieder über zehn Jahren verstorbenen Rowland S. Howard, am längsten mit Mick Harvey begann und dann mit Blixa Bargeld fortsetzte, ist mittlerweile mit dem ehemaligen Dirty Three-Geiger Warren Ellis (bei diesem durchgeknallten Instrumental-Trio meistens vorne auf der Bühne bzw. dem Boden) zum hier erstmals auch offiziell firmierenden Duo geworden. Das laut Cave sinngemäß ‚vom Himmel gefallene Katastrophenalbum als Geschenk‘ (höre auch das bildlose Zwiegespräch zu Fanfragen von Cave und Ellis) reifte im Lockdown heran und wurde dann von den beiden Buddies innerhalb von nur zwei Tagen aufgenommen.

 

 

Zwischen Isolationen an Schreibtischen und Kommunikationen in und um Studios herum – Ellis hatte gerade das neue Album von Marianne Faithfull gestaltet – entwickelte sich ein neuer Ansatz gewissermaßen explizit zu zweit. Die acht Songs mitsamt ihrer Texte und Kontexte erscheinen weniger narrativ, mehr improvisatorisch, wenn auch nicht geschichtenlos, im Gegenteil, auf jeden Fall außerordentlich ambivalent, ein Wort, was mir bei Cave und Ellis auch sofort in den Sinn kommt. Ein permanentes Dazwischen. Aus der festgefahrenen Situation, dem Steckenbleiben des Hauptcharakters, so beschreibt es Cave selbst im erwähnten Gespräch, entwickelt sich eine ganz eigene umherstreifende Imagination und Dynamik, höre etwa „Balcony Man“, das minimal-bombastische „Lavender Fields“, das schräg-trippige „Hand of God“ oder „White Elephant“. Caves Songs entstehen oft aus Verzweiflung, Dunkelheit und Abgründen, verwandeln sich aber stets – so auch Cave ganz unironisch – in Hoffnung und Freude. Das lässt sich ganz besonders an diesen neuen acht Songs fühlen. Wobei Cave sich selbst als wesentlich pessimistischer als Ellis einschätzt.
„Carnage“ ist voller Versatzstücke der letzten drei epischen Alben „Push The Sky away“, „Skeleton Tree“ und „Ghosteen“ und gespickt mit Anschlüssen an „The Boatman’s Call“ aus 1997, somit letztlich denn dann doch wieder vor allem in seinen (hier wieder oft synthetischeren) Atmosphären ein ‚typisches‘ Cave-Album, höre „Old Time“. Eine Kreuzung. Ein Zwischenfazit. Was gut ist.

(1) zum Beispiel Welberry, Karen; Dalziell, Tanya (Hrsg.) (2009): Cultural Seeds. Essays on the Work of Nick Cave. Farnham and Burlington: Ashgate

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