The Notwist – „Vertigo Days“

The Notwist: マスク⾜足りない駅

The Notwist (Photo: Johannes-Maria Haslinger)


Endlich gibt es wieder neue Sounds von dieser nerdigen Indie-Gruppe, die sich vor Jahrzehnten eine ganz eigene Szene erschaffen hat: The Notwist. Ende Januar haben sie ihr neues Album „Vertigo Days“ veröffentlicht (siehe dazu auch die Besprechung von Christoph Jacke auf Kaput), das letzte Studioalbum war fast sieben Jahre her. Einmal mehr schenken uns The Notwist eklektische Songs über und für schwindelerregende Tage und werden damit dem Albumtitel mehr als gerecht.

„Eine vielstimmige und auch vielsprachige Platte zu machen, wo es ganz normal ist, dass plötzlich jemand aus einem ganz anderen Land in einer ganz anderen Sprache singt, ohne dass das groß thematisiert wird, fand ich total angenehm“, sinniert Sänger und Gitarrist Markus Acher über das „Vertigo Days“ . Tatsächlich klingt die Band auf dem Album so global wie nie. Dass einige Titel auch als latenter Corona-Soundtrack durchgehen könnten, ist allerdings eher Zufall. Denn die Arbeiten am neuen Material fingen schon 2015 an, auch wenn zu Beginn eher noch ohne konkrete Ergebnisse. „Das war noch eher ein Rumprobieren“, erinnert sich Christoph „Cico“ Beck. „Wir hatten schon Lust etwas zu machen, aber es hat sich dann gezeigt, dass noch keine konkrete Idee da war. Deswegen ist es noch ein wenig zerflossen. Jeder hat mit anderen Bands Sachen gemacht, es kamen ja auch noch Filmmusik und Theaterprojekte dazwischen. In den letzten zwei Jahren hat es sich dann so richtig konkretisiert.“

The Notwist haben ihr Bandkonzept überdacht und sich entschlossen, Gastmusiker:innen besonders viel Raum zu geben. Herausgekommen ist nun das, was The Notwist selbst so an Krautrock-Bands wie CAN schätzen: „Unverortbare“ und „spezielle Musik“. Bands und Musiker:Innen, die für The Notwist wichtig sind, sollten direkt einbezogen und hörbar werden. Markus Acher schwärmt etwa von Saya, der Sängerin des japanischen Duos Tenniscoats, die man im leicht seekranken Synthie-Pop-Stück „Ship“ hört:

⽩白さ少ない雪 – Snow with little whiteness
マスク⾜足りない駅 – Station with insufficient masks
岸降りれない船 – Ship that cannot get on the shore

The Notwist (Photo: Johannes-Maria Haslinger)

Sayas Stimme könnte man auch schon von den sanften Indie-Tunes der 2016 gegründeten Band Spirit Fest kennen, bei der eben auch Markus Acher und Cico Beck mitwirken. Die japanische Szene war für The Notwist zuletzt ohnehin äußerst prägend gewesen: „Wir haben gesehen, wie die Musik machen. Das hat schon sehr viel bei uns ausgelöst und auch verändert, wieder Ideen und neue Energie gebracht“, betont Markus Acher. Er sei deswegen gerne etwas zurückgetreten und habe die Gäste „übernehmen“ lassen – bis zu einem Grad, wo die Kernband eher zu Zuträgern wurde. So habe die argentinische Sängerin Juana Molina das Stück „Al Sur“ beispielsweise lediglich aus Loops und Bausteinen von The Notwist gebaut. Das führe dazu, merkt Markus Acher an,  dass die Band sich nicht wiederhole: „Für uns ist das eine tolle Situation. Man merkt, dass man nicht mehr so festlegbar ist! Wir haben ja immer die Angst, dass es zu sehr nach Notwist klingt.“

Plus: Der neue Ansatz bringt mit sich, dass die Texte sich nun expliziter dem Weltgeschehen zuwenden. Im warm instrumentierten „Into The Ice Age“ geht es etwa um innere Kälte in unserem vernetzten Zeitalter. Auf diese desillusionierende Eisfront mit Klarinetten-Outro von der Jazz-Musikerin Angel Bat Dawid folgt aber direkt ein Gegenstück: „Oh Sweet Fire“ ist eine Kollaboration mit dem afroamerikanischen Jazzmusiker Ben LaMar Gay, der unter anderem an einer Interpretation des letzten Albums von Gil Scott-Heron beteiligt war. „Wir haben ihm einfach das Stück geschickt“, berichtet Acher. „Wir wussten auch nicht, ob er Trompete spielt oder Keyboard – oder ein Gedicht liest“. LaMar Gay hat sich auch um die Lyrics gekümmert: „Er hat dann diesen Text gesungen über Black Lives Matter-Demonstrationen, gleichzeitig aber über ein Liebespaar, das innerhalb dieser Demonstrationen einerseits füreinander und andererseits für die Sache brennt – um in diesem Bild vom Lied zu bleiben.“ LaMar Gay zeigt, wie Liebespoesie in wirren Zeiten klingen kann:

„I march with my love
We chant and we roar
The sound of drums reflecting off buildings
As high as the fist that has risen“

The Notwist (Photo: Gerald von Foris)

Eher zufällig wiederkehrende Motive und die Collagenartige Anordnung der Songs machen „Vertigo Days“ so spannend. So startet das Album mit holprigem Schlagzeug und an Hauntology-Pop erinnernden Sounds –  The Notwist haben das Intro „Al Norte“ getauft (spanisch für Richtung Norden); analog wird es später „Al Sur“ gehen, in Richtung Süden –, während zum Ende der melancholische Indiepop-Song „Into Love Again“ eine hoffnungsvolle Botschaft verbreitet: Selbst wenn alles zusammenbricht, ist nicht ausgeschlossen, dass man sich neu verliebt. Hierzu  werden Textzeilen aus „Into Love / Stars“ wiederholt, einem weiteren, früher in der Abfolge auftauchenden Song des Albums, der eine „persönliche Krise“ dokumentiert. Eigentlich, denn „während des Lockdowns klang das dann plötzlich wie so ein Corona-Text“, führt Markus Acher aus. Persönliche Schicksalsschläge und die aktuelle Weltlage haben nämlich eines gemeinsam: Von einem Tag auf den anderen kann alles schon wieder anders aussehen. Auch „Night´s Too Dark“ lässt so eine fluide Lesart zu: Das Stück berichtet von schlaflosen Nächten, vermittelt aber auch ein Gefühl von Desorientiertheit.
Ist das jetzt ein Kommentar zur Weltlage oder eher persönliche Innenschau? Auch wegen solcher Ambivalenzen klingt das Album jedenfalls nicht so, als ob „weiße Männer irgendwie ihren Weltschmerz besingen“ würden. Gerade das wollte Markus Acher „vermeiden“. Reizvoller als diese „Pose“ sei die Idee gewesen, Filmszenen oder etwa eine „verdichtete Geschichte“ zu erzählen. Und die wird jetzt eben von mehreren gesungen, die eine zentrale Stimme sucht man jedenfalls vergeblich.

The Notwist (Photo: Gerald von Foris)

Ein wichtiger Impulsgeber für das Album ist das von The Notwist seit 2016 veranstaltete Alien Disko Festival in München. Hier knüpfte die Band alle Kontakte zu den Leuten, die auf „Vertigo Days“ zu hören sind. Das war aber nur der Sekundäreffekt des Festivals, die eigentliche Motivation lag in der zunehmenden Leerstelle von München auf den Tourplänen von Bands. Es gäbe viele „Leute, die sich nicht mehr für seltsame Bands interessieren“, merkt Markus Acher an. Das Festival ist aber vor allem auch ein lebendiger Gegenentwurf gegen die auch in Bayern immer präsentere Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Tendenzen, die alle Bandmitglieder von The Notwist aufwühlen. 2019 traten dort unter anderem wichtige Protagonist:innen der „Punks of Colour“-Bewegung aus London auf, eine Künstlerin aus Neuseeland und halt auch Ben LaMar Gay. Es ging darum, „einer Vielzahl von Stimmen und Leuten von überall her“ Bühnen zu bieten. „Es ist gar nicht mehr wichtig, wo die Band herkommt.“

Ein weiterer Einfluss für „Vertigo Days“ war früher, elektronischer Krautrock. „Schief“ klingen, definitiv, das ist eines der Ziele der Band. „Das ist eine Klangästhetik, die wir auf jeden Fall auch sehr mögen“, bestätigt Cico Beck, angesprochen auf Kraut-Elemente sowie die Field Recordings im Instrumentalstück „*stars*“. Alte Tapes kämen manchmal zum Einsatz, denn zu glatt oder harmonisch soll es ja nicht klingen. Trotzdem oder gerade wegen dieser angenehmen Kaputtheit ist man am Ende wieder in diese nie ganz transparent werdende Musik verliebt. Vielleicht ja auch, weil es The Notwist trotz überraschend viel Gegenwartsbezug irgendwie gelingt, nach Zukunft zu klingen.

 

„Vertigo Days“ von the Notwist auf die Morr Music erschienen.

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