Er leidet anders: Kendrick Lamar “Mr. Morale & The Big Steppers”

Kendrick Lamar
“Mr. Morale & The Big Steppers”
(Top Dawg / Aftermath Entertainment / Interscope Records.)
Ob es grundsätzlich nötig ist, dass sich Musiker:innen in einer Art und Weise mit ihrer persönlichen Verantwortung in Bezug auf ungewollte Heldenverehrung und Erlöserfantasien ihrer Fans ausei-nandersetzen müssen, die uns als Hörer:innen extrem mit ins Boot nimmt, möchte ich mal dahingestellt lassen. Wenn man böse ist, würde man sagen: Jammern auf hohem Niveau. Aber das wäre dann natürlich ungerecht und kontraproduktiv. Schon klar.
Bei Kendrick Lamar ist aber genau das, also das Leiden unter Erwartungsdruck und gesellschaftlicher Erwartungshaltung, seit den letzten drei Alben Dauerthema – und ich mag Kendrick Lamar. Sogar sehr. Deshalb akzeptiere ich sein ewiges Kreisen um sich selbst, seine Zweifel und den Dauerwunsch, den Schlüssel zu einer wie auch immer gearteten Möglichkeit des Heilens zu finden. Denn: Im Grunde profitieren wir als Hörer:innen ja auch von seiner Verzweiflung. Im Sinne von Output meine ich.
Zwischen dem Vorgängeralbum „DAMN.“ und „Mr. Morale & The Big Steppers“ liegen fünf Jahre. Und der Pulitzer Preis. Dieser hat Lamar zum Darling der Intellektuellen nicht nur in den USA gemacht, was insofern nervt, als ein ikonisches Album, ein künstlerisches Werk von gigantischer Breitenwirkung, doch eigentlich reichen sollte, um zu zeigen, mit wem man es zu tun hat. Da bedarf es keiner Orden. Aber geschenkt. Bürgerliche Milieus brauchten schon immer einen Qualitätsbeweis durch Institutionen um akzeptieren zu können, dass Menschen aus sich selbst heraus etwas Künstlerisches zu erschaffen in der Lage sind, das ohne Abschluss und Erlaubnis von Autoritäten besser ist, als sie selbst, ihr schnurgerades Berufsleben und ihre sicheren Banken. Dann wird bewundert. Im Falle eines Scheiterns allerdings verachtet. Dazwischen gibt es nichts.
Geniekult ist nicht mein Ding. Dies nur vorweg. Aber das Komplexe an den Texten Lamars, gepaart mit musikalischer Innovation und Waghalsigkeit, hat mich immer wieder durch schwierige Phasen getragen. Die Liebe meiner Freund:innen und meiner Familie auch, keine Frage, aber das ist eine andere Sache, über die auch viel zu schreiben wäre. Wurde ja auch schon gemacht, logo.
Aber: apropos Familie. Dieses komplizierte Konstrukt, das wir uns ja nur im Falle von An- und Einheirat wirklich aussuchen können, ansonsten ist es ja vorgegeben, wird halt auf diesem Album grell beleuchtet.
Das ist teils sehr schmerzhaft. Das Coverfoto von der fantastischen Fotografin Renell Medrano, zeigt Lamar in einem etwas unscheinbaren, fast schäbigen Schlafzimmersetting. Er trägt die Dornenkrone des Erlösers, muss sich aber mit einer im hinteren Teil des Hosenbundes versteckten Knarre absichern. Er hält seine Tochter, auf dem Bett sitzliegt stillend seine Partnerin Whitney Alford mit dem zweiten, frischgeborenen Kind. Ein irritierendes Motiv, das sich aber in seiner zur Schau gestellten Enge und Zerbrechlichkeit wiederum auf dem Album abbildet.
„Heavy ist the head that chose to wear the crown“, heißt es im Track „Crown“, frei nach Shakespeares Henry IV. Und da sind wir dann auch schon wieder in der Hochkultur angekommen, nur, dass es mitunter expliziter und brutaler zugeht auf diesem Album, als im deutschen Staatstheater. Und interessanter.
Wenn man darüber hinwegsieht, dass sich der Künstler 2022 offensicht-lich sehr inspirieren ließ, von den Theorien und spirituellen Ideen des deutschstämmigen Coaches und Autors Eckhart Tolle (Ausschnitte aus dessen Vorträgen finden sich in verschiedenen Tracks wieder), den ich für genauso windig halte, wie fast alle selbsternannten spirituellen Berater, wird einem viel Wahres und Grundsätzliches um die Ohren geballert. Das ist toll, das ist heil- und wirksam.
Das Großstück „We cry together“ zum Beispiel, ein Rap-Duett zusammen mit der Schauspielerin Taylour Paige, hat mich beim ersten Hören so stark mitgenommen, dass ich mir die Kopfhörer von den Ohren reißen musste, um kurz auf dem Balkon nach Luft zu schnappen. Es ist ein musikalisches Kammerspiel, wie man es vielleicht von der leider viel zu jung verstorbenen Dramatikerin Sarah Kane kennt, aber so intensiv und herunterdestilliert, dass man es kaum aushalten kann. Intensiver. Vielleicht noch besser. Kathartisch.
Und in „Auntie Diaries“ thematisiert Lamar berichtsartig die Transformation seines Onkels Demetrious zu Mary-Ann und seine eigenen begleitenden, stolprigen Akzeptanzschritte auf dem Weg des ihm Nahestehenden. Das Stück, so wie viele Kendrick Lamars, öffnet sich gegen Schluss wie eine Blüte. Streicher, Cerscendo, Weite.
Das ist es. Das Offene. Das Optimistische und uneitel Zweiflerische, das uns und ihn eben nicht in Selbstgewissheitskäfige einsperrt. Darum geht es ihm, glaube ich.
Flankierend zum Erscheinen des Albums gab es eine Welttournee. Ich hätte mir gerne Tickets gekauft, wollte aber nicht ohne meine (again) Familie gehen, die ebenfalls aus Anhänger:innen Lamars besteht. Um die 800 Euro wäre ich für einen Abend losgeworden.
Nö. Dann doch lieber Youtube. Hier kann man verschiedene Shows nachglotzen.
Der schlichte Bühnenaufbau bot Platz für Lamar als Solisten, machte Raum für einen Poeten und Performer der Extraklasse. Und für Licht, das genialerweise zum großen Teil von den auf ihn gerichteten, emporgehaltenen Handys stammte. Der Aufzeichnungswille des Publikums wurde von etwas Lästigem, zu etwas Gemeinsamem umgedreht, was eine großartige, philosophische Idee ist.
Und die Tänzer:innen … Charm La’Donna, die Choreografin, bezog sich für die Shows auf die „Divine nine steps“, einer Art des Tanzes, die in schwarzen Studentenverbindungen praktiziert wurde und wird. Kraft statt Kitsch. Absolut beeindruckend.
18 Stücke, ein Bonustrack („The Heart Part 5“).
Ich war und bin begeistert von „Mr. Morale & The Big Steppers“. Immer noch, obwohl 2024 mit „GNX“ ein weiteres, auch großartiges Album herauskam.








