Eigentlich überall

„Diffus bedeutsam“ – Amenra live

20. Februar 2026,

„Eigentlich überall“, das ist die sehr starke Live-Kolumne von der mobilen Popjourno-Brigade – give a warm hand to Benjamin Moldenhauer und Saskia Timm. Hier und heute schreibt Benjamin über ein Konzert der belgischen Post-Metal-Band Amenra. 

Für Schmerzensmannmusik muss man in der richtigen Stimmung sein. Irgendwie ergriffen von eingebildeten Gefühlen oder sonstwie drüber und mit Bock auf Pathos. Oder alternativ halt einfach ernsthaft verzweifelt. Wenn nicht, wirkt das todernste Männergeschrei manchmal etwas albern. An diesem Abend ging es dann mal schief. Amenra spielten in der Kesselhalle des Bremer Schlachthofs tief depressives Zeitlupengewalze in hoher Lautstärke. Dagegen ist gar nix zu sagen, aber wenn man gerade durch eine eher heitere Lebensphase segelt und also in entlasteter seelischer Verfassung ist, will dieser künstlerische Ansatz nicht so recht verfangen.

Amenra mögen es jedenfalls gerne theatralisch. In der Kesselhalle dann alles im Nebel, der Raum sieht aus, als hätte man sich in einem Schwarzweißfilm verlaufen. Nur leider klingt der Sound doch sehr wie die 28. Variation auf die vor einigen Jahren verblichenen Isis. Isis war eine der Bands, die in den Nullerjahren das Genre des elegisch-depressiven Post-Metal mitbegründet haben. Lange Stücke, viel Verharren auf dem selben Akkord, minimale Variation, dann wieder Geschrei, dann gerne etwas, das wie Mogwai klingt (deswegen das „Post-“), dann wieder Vorschlaghammer. Isis jedenfalls waren vom Musikalischen her jedenfalls immer zwei, drei Ideen interessanter und spröder als ihre von sich selbst doch sehr ergriffenen Nachfolger. Alles viel zu groß und diffus bedeutsam.

Es stinkt jedenfalls nach Weihrauch, als Amenra bei andächtiger Stille im Publikum, aber mit reichlich Theaterdonner auf der Bühne vor sich hin dröhnt. Wenn man auf Pathos empfindlich reagiert und/oder es einem grade ganz gut geht, verfehlt die Musik die beabsichtigte Wirkung leider sehr. Bei großen Gesten ist die Fallhöhe halt groß.

Es ließ sich erfolgreich gegensteuern. Leben ist Leiden, aber am Schlachthoftresen gibt es wegen einer glücklichen Fügung Bier zum Mitarbeitertarif, ein Becher für zwei Euro, und so lässt sich leicht und schnell gegen die langsam auf einen zukriechende Wand aus schlechter Laune antrinken. Einer am Tresen erzählt, dass Amenra-Sänger Colin H Van Eeckhout sich vor einigen Jahren seine Brustwarzen hat amputieren lassen, um die Nippel an seine Kinder zu verschenken, quasi Erbe zu Lebzeiten. Das sollte, so der Künstler, mit Ritual, Spiritualität und Transzendenz sowie Schmerzakzeptanz zu tun haben, wird aber in der Bierbecherrunde schnell als veritable Quatschidee identifiziert.

Die Gespräche wurden dann lauter, und irgendwann löste sich der erste Amenra-Fan aus dem Pulk der andächtig Schweigenden und drohte allen am Tresen, die nicht sofort die Fresse halten, aufs Maul zu hauen. Er hatte in der Sache natürlich recht, aber es half nix, die Band spiralisierte sich immer weiter in Größe und Schmerz hinein, das Mitarbeiterbier wurde nicht alle, das Gerede wurde immer dümmer. Die Gästelistentrottel, unter anderem ich, hatten am nächsten Tag zum Glück Erinnerungslücken und danach erst einmal zwei Wochen nur noch Pet Shop Boys hören.

Text: Benjamin Moldenhauer

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