Wo ist Cindy Lee?

Montreal, 2025 (Photo: Thomas Venker)
Vor zehn Jahren erscheint auf dem YouTube-Kanal des Montréaler Labels Egg Paper Factory ein Video. Freak Heat Waves spielen „Design of Success“ von ihrem Album „Bonnie’s State Of Mind“ (Hockey Dad Records, 2015). Die Band steht in einem kleinen Studio. Steve Lind spricht seinen Gesang ins Mikrofon, Thomas DiNinno sitzt am Schlagzeug und zwischen ihnen und den anderen Bandmitgliedern hockt Patrick Flegel auf dem Boden – Telecaster in der Hand, direkt vor den Boxen des Verstärkers. Dey kratzt und pickt die Saiten, der spitze Ton des Instruments gibt dem monotonen Song etwas Farbe.
Flegel ist hier unter Freunden. Dey, DiNinno und Lind kennen sich aus Calgary. Während Flegel mit Women und ihrem ersten Album „Women“ (Flemish Eye/Jagjaguwar, 2008) schon etwas Aufsehen erregen, sind DiNinno und Lind noch in anderen Projekten in der Stadt aktiv. 2010 erscheint Womens „Public Strain“ (Flemish Eye/Jagjaguwar). Es fühlt sich heute wie eine andere Ära an. So, als könnten Women eine Band sein, die die 2010er-Jahre entscheidend prägen würde. In irgendeinem Interview hält die Gitarristin und Komponistin Sarah Lipstate, auch bekannt als Noveller, das Album in die Kamera und sagt es sei das Beste, was sie seit langem an Gitarrenmusik gehört habe.
Die Band um die Flegel-Brüder Patrick und Matt hat 2010 diesen berühmten Meltdown auf einer Bühne im kanadischen Victoria. Die darauffolgende Pause der Band führt dazu, dass geplante Konzerte in Europa abgesagt werden. Sidenote: Das betrifft auch die Karlsruher K-Gruppe, die die Band in den Club Karambolage gebucht hatten – auch das gehört einer anderen Ära an, gibt es doch diesen Club nicht mehr, der Generationen von Studierenden und jungen Menschen in dieser etwas biederen Stadt glücklich gemacht hat. Nach dem Tod des zweiten Gitarristen Patrick Reimer 2012 sind Women endgültig Geschichte.
Es beginnt eine Zeit, in der Patrick Flegel nicht mehr Women und noch nicht Cindy Lee ist. Es beginnt eine Zeit, in der Patrick Flegel Cindy Lee wird. Und eigentlich dauert dieser Prozess bis heute an. Seit vierzehn Jahren geistert Cindy Lee durch die Musikwelt und man weiß nie genau, ob es die Gestalt in dieser Form noch lange geben wird oder ob sie sich zurückzieht, um etwas Neues zu werden. Was klar ist: Cindy Lee berührt tief. Das konnte ich selbst erfahren, 2018 beim Puschenfest im Festsaal Kreuzberg. Patrick Flegel in Drag, begleitet von einem Gitarristen, ich den Tränen nah. Flegel hat mit Cindy Lee eine Präsenz kultiviert, die musikalisch und in der Haltung Melancholie ausstrahlen und gleichzeitig fest dastehen kann, charismatisch, stark. Cindy Lee zeigt, dass das keine Widersprüche sein müssen.
Flegel spielt natürlich mit der Nostalgie. Schon im ersten Album „Tatlashea“ (Isolated Now Waves 2012) klingt diese Mischung an, die sich ganz grob zwischen No-Wave-Sonic-Youth, Velvet Underground, Bare-Bones-Glam und 60er US-Radiopop mit Soulanleihen bewegt. Mit „Diamond Jubilee“ (W.25th, 2024) hat diese Form ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Bevor das Album bei einem Label erschien, lud Flegel es auf YouTube hoch. Wer wollte, konnte deren Realistik Studio eine Spende zukommen lassen. Das war in Zeiten von Spotify eine schlaue Idee gegen den Strich. Und sie hat ihre Kreise gezogen, gewann das Album doch viele Kritiker*innen von Pitchfork bis El País und SZ für sich. Gleichzeitig verlieh Flegel mit dieser Veröffentlichungsweise deren Abscheu gegenüber Streamingdiensten wie Spotify Ausdruck.
Sicher hatten viele Menschen erwartet, Cindy Lee würde diese glitzernden Stücke auf den Bühnen dieser Welt präsentieren – wie zuvor vermutlich Solo, mit Telecaster, ab und an mit Playback und vielleicht zusammen mit den Freaks von Freak Heat Waves. Aber dazu kam es nicht. Es ist nicht so, dass Cindy Lee nicht unzählige Shows gespielt hätte, in den letzten vierzehn Jahren. Es ist aber auch so, dass Cindy Lee nicht nach den vermeintlichen Regeln spielt, die ein Album-Release mit sich bringt: Promo, Tour, Interviews und all das. Schon im April 2024, vor der Veröffentlichung von „Diamond Jubilee“ hieß es auf der Website – ‚exklusiv‘ geteilt im Insta-Profil der Freak Heat Waves –, dass es in diesem April die letzte Cindy-Lee-Tour werden soll: „THIS WILL BE CINDY’S LAST AMERICAN TOUR. A KLASSIK POWER VANITY TRIP SITUATION. SHE WILL BE RUNNING IT HOT AND KEEPING IT L-I-T-E. COME SEE CINDY & THE FREAKS.“
Über die Jahre wurde die Bindung zwischen den Freaks und Cindy Lee immer enger, auch in der musikalischen Kollaboration und teilweise auch bei der Produktion von „Diamond Jubilee“. Die Ankündigung ließ vermuten, Cindy Lee könne womöglich ganz aufhören, Flegel sich etwas Neuem zuwenden. Doch dann kam „Diamond Jubilee“ und – keine Tour. Nur ein paar Konzerte in Nordamerika. Es ist spannend, wie Flegel mit den vermeintlichen Erwartungen eines Publikums umgeht, das gewöhnliche Veröffentlichungszyklen gewohnt ist und wie Flegel gibt und sich im nächsten Moment zurückzieht. Dieses etwas Ungreifbare macht vielleicht auch die Faszination aus. Allerdings hat sie auch handfeste persönliche aber auch konzeptionelle Gründe.
Flegel gibt selten bis keine Interviews. Auch eine Anfrage von kaput wurde freundlich abgelehnt. Die Art und Weise, wie Flegel die Kommunikation mit der Außenwelt sucht, lässt auch darauf schließen, wie schützend dey mit sich selbst und der Figur Cindy Lee umgeht. Es fällt auf, dass Flegel in diesem Jahrzehnt kaum mit größeren Publikationen gesprochen hat. Stattdessen sucht dey andere Wege, mit deren Hörer*innen zu kommunizieren. Im Subreddit „indieheads“ beantwortet Flegel 2020 allerlei Fragen der interessierten Community. Dabei wird auch deren Haltung zu größeren Plattformen und der Öffentlichkeitsarbeit deutlich. So habe dey einen Beitrag von der Bandcamp-Seite nehmen lassen, nachdem dey sich dort mit deren O-Tönen falsch wiedergegeben fühlte.
Musikjournalismus sei demnach ein Parasit, der sich im Schatten der wahren Arbeit aufhalte, die Künstler*innen auf der Bühne machten. In einem Interview mit Gimmezine berichtet Flegel von dem Unbehagen, aufgrund deren Auftretens von der Musikpresse beinahe zwanghaft als queer gebrandmarkt zu werden. Auch diesem Schubladenzwang will sich dey also entziehen. Flegel selbst sieht die Aufs und Abs der eigenen Geschlechtsidentität in deren Musik gespiegelt. Dementsprechend scheint es eine Motivation Flegels zu sein, dass die Musik und der Act bestmöglich für sich selbst sprechen sollen, ohne von außen definiert zu werden.
Konsequenterweise teilt Flegel wenig persönlichen Informationen mit der Öffentlichkeit. Was sich herauslesen lässt, ist das Flegel zwischen Women und Cindy Lee einen mentalen Zusammenbruch hatte und sich davon erholen musste. Auch beschreibt dey ein schwieriges Verhältnis zum Alkohol während der Produktion des ersten Albums als Cindy Lee. Im Anschluss trinkt dey drei Jahre lang nichts, kriegt deren Leben auf die Reihe und fühlt sich kreativ auf der Höhe. Flegel berichtet auch von verschiedenen Identitätskrisen, wobei sich schemenhaft abzeichnet, was gemeint sein könnte. Als dey im Alter von 25 Jahren von Calgary nach Vancouver zieht, so berichtet Flegel, entdeckt dey die dortige Dragszene, was ihnen die Augen öffnet. Generell hüpft Flegel viel in Kanada herum – nichts Unübliches für Musiker*innenbiographien in Kanada. Zumeist ist Montréal eine wichtige Destination, weil dort die Musikszene sehr lebendig und die Lebenshaltungskosten vergleichsweise niedrig sind.
Aber auch dort hält es Flegel nicht allzu lange. Nach Aufenthalten in Vancouver, Toronto und Montréal zieht es dey der Liebe wegen nach Durham in North Carolina. Dort lebte Flegel ab ca. 2020 mit deren Partner*in. Vermutlich ist auch deren Realistik Studio, in dem dey die meiste Musik selbst aufnimmt, mittlerweile auch dort situiert. Wenn man sich mit der Person etwas näher beschäftigt, entsteht der Eindruck, sie würde sich am liebsten in dieses Studio einbuddeln, die ganze Zeit Gitarre spielen und ab und zu etwas aufnehmen, es veröffentlichen bis sich ein Label gezwungen sieht, ein paar Vinyls davon zu pressen – keine oder kaum Tours, keine Interviews. Davon ganz abgesehen: Flegel spielt ziemlich begnadet Gitarre. Das kann man leicht vergessen, wenn man sich nur auf oberflächliche Aspekte des Gesamtkonstrukts konzentriert. Nicht umsonst gab es bisweilen eine ordentliche Nachfrage zu Online-Gitarrenstunden, die dey zeitweise gegeben hat.
In einem Interview mit dem Universitätsradio im neuseeländischen Aucklandhttps://95bfm.com/bcast/interview-cindy-lee erfahren wir, dass Flegel auch zu 99% aller Kollaborationsanfragen „nein“ sagt. Diese Selektivität sagt einerseits viel aus über die andauernde Zusammenarbeit mit den Freak Heat Waves. Andererseits gibt es doch diese Momente, in denen Flegel nicht anders kann: 2023 wird dey gefragt, ob er nach dem Tod des japanischen Bassisten Hiroshi Narasaki bei einem Tribute-Konzert für Les Rallizes Dénudés in Chicago auftreten will, was Flegel bejaht. Im gleichen Interview bezeichnet dey deren Live-Bootleg „Heavier Than a Death in the Family“ (2002) als Meisterstück. Um Cindy Lee ästhetisch und musikalisch noch etwas besser zu verstehen, lohnt es sich, hier einmal reinzuhören und hinzuschauen.
Das gleiche gilt für eine Aussage, die Flegel im Gespräch mit dem Blue Moon Magazinehttps://www.bluemoonmagazine.com/home/cindy-lee/interview trifft: „What I’ve realized is my generation, or at least a lot of the people I hang out with, are so blasé. I’ve realized that it’s really important to me not to be like that. For example, I think a lot of people avoid telling each other kind, loving things because it’s a cliché or a trope.“ Flegel scheint ganz banal eine nette Person zu sein, die es wichtig findet, dass sich Menschen ehrliche Wertschätzung entgegenbringen, die unter die Oberfläche geht.
„Stone Faces“ ist wohl eines der schönsten Stücke auf „Diamond Jubilee“. Flegel singt: „They saw me on the cover of a magazine. And now these people want a piece of me.“ Ja, es erscheint konsequent, dass diese Leute ein Stück von einem wollen, wenn man ein solches Album macht. Aber letztlich geht es nicht darum, was wir von Cindy Lee erwarten, sondern immer nur darum, was Cindy Lee bereit ist, zu geben. Viel wichtiger ist doch, dass Flegel weiter Musik macht. Cindy Lee bildet ein musikalisches und popkulturelles Universum ab und darin existiert sie. Oder eben in unserer Erinnerung.
*Der Artikel verwendet die „dey“ als die eingedeutschte Variante des englischen geschlechtsneutralen Pronomens „they“, da Patrick Flegel vermehrt mit diesem Pronomen adressiert wird. Anstelle „seine/ihre“ wird „deren“ eingesetzt.




