Platte der Woche

Gene „Apollo (Live)“

28. Mai 2026,

Gene
„Apollo (Live)“
Townsend Music Limited

Nicht Oasis und auch nicht Pulp, sondern die kleine Band Gene war für mich das Britpop-Comeback des vergangenen Jahres. Dabei kam die Wiedervereinigung einigermaßen überraschend. Erst wenige Jahre zuvor hatte Sänger Martin Rossiter seinen Rückzug aus der Musik mit einem Konzert im Apollo Hammersmith (auf den Firmennamen davor verzichte ich an dieser Stelle) zelebriert, bei dem neben Solostücken auch Songs seiner Band gespielt wurden. Im April des vergangenen Jahres folgte dann die Ankündigung der Reunion in Originalbesetzung. Gegründet wurden Gene 1993 von Sänger Martin Rossiter, Gitarrist Steve Mason, Bassist Kevin Miles und Schlagzeuger Matt James. Bereits ein Jahr später erschien mit Olympian das Debütalbum. Es folgten vier weitere Studioalben sowie diverse Compilations, Sammlungen und ein Livealbum. Das letzte reguläre Album, „Libertine“, erschien 2001. Für mich war Gene über all die Jahre die einzige Band, deren Musik ich durchgehend uneingeschränkt hören konnte – von Cool Britannia Mitte der 1990er über das letzte Aufbäumen der Britpop-Bands Anfang der 2000er bis zur nostalgischen Comeback-Welle 2025. Schon als Jugendlicher waren Gene die Band, mit der ich mich am ehesten identifizieren konnte. Sie waren weniger extrovertiert als Oasis, weniger kunststudentenhaft als Blur und weniger stilbewusst als Pulp. Gene wirkten immer wie ganz normale Typen mit außergewöhnlich guten Songs. Vielleicht mochte ich sie gerade deshalb so sehr. Sie waren mir stets am nächsten. Selbst heute noch – mit grauem oder schütterndem Haaren und leichten Rundungen um die Hüfte.
Gene waren die ruhigeren, melancholischeren, später manchmal auch kämpferischen Vertreter des Genres. Keine großen Skandale, keine legendären Award-Show-Auftritte, über die Jahrzehnte später noch gesprochen wird. Stattdessen schlichte, aber wunderschöne Working-Class-Popsongs über Liebe, Jobs, Freundschaft, Kinder, Alkohol, Depressionen – und darüber, trotzdem weiterzumachen.
Während Oasis im vergangenen Sommer mehrfach im Wembley-Stadion spielten, traten Gene nur ein einziges Mal im Apollo Hammersmith auf. Von genau diesem Konzert gibt es nun – und damit haben Gene Oasis tatsächlich etwas voraus – einen Livemitschnitt. Eröffnet wird das Doppelvinyl mit dem sehnsüchtigen „London, Can You Wait?“ vom Debütalbum. Über eineinhalb Stunden spielt sich die Band durch ein Best-of-Set ihrer Karriere. Selbst B-Seiten wie das fantastische „Sick, Sober & Sorry“ mit der Zeile „Please don’t stop me from drinking, it’s my only joy / And please don’t stop me from smoking, it’s my only reward“ finden ihren Platz auf der Tracklist. Ein Stück, das der Verfasser dieser Zeilen einst lautstark in seinem Kinderzimmer mitsang, ohne zuvor einen Tropfen Alkohol getrunken oder überhaupt ans Rauchen gedacht zu haben. Aber die Traurigkeit, die in dieser Verlorenheit mitschwingt, konnte ich schon in jungen Jahren verstehen. Über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert verändern sich zum Glück aber auch Ansichten. So wird in „By My Light By My Guide“ die Textzeile „Tell me more about women“ inzwischen zu einem neutralen „Tell me more about people“. Auch alte weiße Männer können sich bemühen und dazulernen. Einzig die Songs des dritten Albums „Revelations“ sind auf „Apollo“ etwas unterrepräsentiert, vermutlich auch deshalb, weil viele Stücke dieses Albums bereits auf dem Livealbum Rising for Sunset aus dem Jahr 2000 zu hören waren. Trotzdem werden „As Good As It Gets“ oder „You’ll Never Walk Again“ ein wenig vermisst. Darüber trösten jedoch die vielen starken Momente dieser Platte hinweg. Dazu gehören auch die zahlreichen Mitsingpassagen, die immer wieder durchbrechen; „I’m incapable of breathing / incapable of love“ sei hier als frühes Highlight hervorgehoben.
Martin Rossiters Stimme hat sich über die Jahre verändert. Sie wirkt nicht nur älter, sondern auch tiefer. Das passt gut zu den melancholischen Songs. Dadurch klingt das Konzert nicht wie eine reine Nostalgieshow. Vielmehr wirken die Lieder wie Neuinterpretationen, deren Texte auch heute noch Relevanz besitzen – zumindest für die Menschen im Publikum. Das ist auf dem Livealbum unüberhörbar. Am Ende des Konzertes und der Platte stehen der Songtitel und die damit verbundene Frage: „Who Said This Was The End?“ Für Gene geht es zunächst weiter – mit diesem Album, einer bereits angekündigten kurzen Nordamerika-Tour und zwei weiteren Konzerten im Oktober in London.

Text: Claas Reiners

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