Südtirol Jazzfestival: 50 Konzerte zwischen Noise, Pop und Jazz

Täler der Kontraste

KABARILA im Sudwerk (Photo: sario)

 

Raue Dolomiten, eisige Gebirgsflüsse: Wo Talfer und Eisack sich treffen, liegt Bozen. Hier ist das Südtirol Jazzfestival zuhause. Es steht für Überraschungen jenseits des Jazz, für brutale Noise-Battles und intime Duos, auf Seebühnen, Gasthöfen, und in Kirchen, auf 1700 Metern Höhe und in einem Kilometer Tiefe. Eine auditive Erkundungstour quer durch die nördlichste Region Italiens.

Ein gutes Beispiel, um das Südtirol Jazzfestival zu verstehen, ist der Auftritt von Kabarila. Die Band spielt schon fast eine Stunde – die schönsten Harmonien, ein deeper, Groove-betonter Spiritual Jazz; leise zischen die Becken, ein weiches Saxophon gleitet auf einem melodischen Bassmotiv dahin – da grätscht die mit speziellem Tonabnehmer versehene Querflöte brutal hinein. Per Effektgerät verzerrt, bis zum Anschlag. Irritierte Gesichter, verzückte Gesichter. Ein Wachmacher, eine willkommene Irritation.

Kontraste prägen das Programm des Südtirol Jazzfestivals (kurz SJF). Da sind die tägliche Impro-Sessions, bei denen Musiker:innen zum ersten Mal überhaupt aufeinander treffen. Da sind die intimen, gänzlich unverstärkten Gigs, und die basslastigen Late Night-Konzerte im Club unter einem Brauhaus. Wer nach griffigen Genres sucht, dem dürfte schnell schwindelig werden. Zehn Tage lang ist zwischen Modern Jazz, Noise, Ambient, Rock und experimentellem Pop alles möglich – Free Jazz könnte man es nennen, wäre der Begriff nicht so vorbelastet.

Seit 1982 findet das Südtirol Jazzfestival Alto Adige (ein bilingualer Name für eine von konsequenter Zweisprachigkeit geprägte Region) jährlich Ende Juni rund um Bozen statt. Die ganz Großen des Jazz, die für fünfstellige Honorare einfliegenden US-Stars Ü60 – die gibt es zwischen Etsch und Ahr schon seit 2014 nicht mehr. Als er damals als Festival-Fahrer anfing, erzählt der heutige Präsident Stefan Festini Cucco (während er auf der Autobahn gen Süden zum nächsten Gig jagt), traten noch Chick Corea und Stanley Clarke auf. Danach wurde das Festival verjüngt.

Gard Nilssen ist Jahrgang ‘83. Jung für einen Jazzer, alt, scheinbar alt, betrachtet man seine umfangreiche Diskographie und seine zahlreichen Band-Projekte. Der norwegische Schlagzeuger eröffnet das Festival am letzten Junifreitag, open air vor der beeindruckenden Kulisse eines Aluminiumwerks aus den Dreißigern. Im reflection pool (deutlich blauer als der vom orangenen Donald) stehen drei Drum-Kits auf Podesten, sie werden nur für ein kurzes Impro-Set gebraucht, dann geht es auf die Hauptbühne. Nilssen schwitzt schon jetzt. Das Wochenende bricht alle europäischen Hitzerekorde, und im Industriegebiet im Bozener Süden scheint es, als würde man von mehreren Seiten gleichzeitig mit heißen Föhns bearbeitet werden.
Das Gard Nilssen Supersonic Orchestra: zehn Bläser, eine dreifach besetzte Rhythmusgruppe aus Bässen und Schlagzeugen. Enorm druckvoll, dieser Post-Modern-Jazz, aber immer catchy, nie auf pure Überwältigung angelegt und besetzt mit fantastischen Solisten wie Trompeter Goran Kajfes oder der jungen Posaunistin Guro Kvåle. Eine Bigband? Stellenweise wirkt dieses tighte Orchestra eher wie ein besonders muskulöses Quartett.

(Photo: G. Pichler)

Drummer Nilssen belässt es nicht dabei, das Festival zu eröffnen. Fünf weitere, kleinere Ensembles bilden sich in den folgenden Tagen aus dem Groß-Ensemble heraus. Ein Highlight ist das Quartett Team Hegdal um den Saxophonisten Eirik Hegdal.
Der Bandleader hat gerade so eben noch auf von einer Almwiese auf 1700 Metern hinab ins Tal ins Bozener Zentrum geschafft. Der Eintritt ist frei, wie beim Großteil der 52 Konzerte; fußballspielende Kinder rennen herbei und bestaunen einen hinreißend gut gelaunten Post-Bop voller eingängiger Bläser-Riffs.

Beim SJF stehen jeden Tag neue Locations auf dem Programm. Das Festival ist ständig in Bewegung, die 35 Venues sind auf ganz Südtirol verteilt. Jedes Jahr komme neue hinzu. Nicht nur das berühmten Grödnertal vor Dolomitenkulisse wird bespielt, es geht auch ins Ahrntal ganz im Nordosten Südtirols: nach Prettau.

Anaïs Drago im Prettauer Klimastollen (Photo: Dariz)

Anaïs Drago, geboren 1993, hat in Italien etliche Preise gewonnen und zig Festivals gespielt, nun ist sie erstmals beim SJF. Die klassisch ausgebildete Violinistin wird ein Solo-Set spielen – nicht in der Höhe, sondern in einem Kilometer Tiefe, im Prettauer Klimastollen. Macht sie sich keine Sorge um ihr teures Instrument? Drago lacht nur, sie kommt gerade aus dem Berg, vom Soundcheck; trotz hoher Luftfeuchtigkeit tropft es nicht, der Sound ist gut. Nun fahren wir mit 50 anderen hinab, eine enge Grubenbahn rumpelt tief hinein in den stillgelegten Bergwerksstollen.
Wo vor 600 Jahren erstmals Kupfer abgebaut wurde, werden heute Patienten mit Lungenkrankheiten mit der guten Luft therapiert. Temperatur: konstant 8 Grad, Feuchtigkeit: 100 Prozent.

Platzangst hat hier keiner, und auch der Novitätseffekt verpufft überraschend schnell. Fast ein normales Konzert. Wäre da nicht das außerordentliche Können der Künstlerin.
Im Hintergrund leises Tröpfeln, fast glaubt man, das ferne Wimmern einer Bergelfe zu vernehmen. Drago beginnt mit einem Cover des Saxophonisten Joe Henderson, wird dann immer leiser, verfremdet den Klang mit kleinen Hölzern unter den Saiten; zupft und tappt diese, fügt subtile Delay-Effekte hinzu, dann beginnt sie zu singen. Ein außerordentliches Konzert.

„Das Niveau ist so beeindruckend“, sagt Max von Pretz tags drauf bei einem Espresso, auf seinen Oberarm deutend, „schau, ich kriege Gänsehaut“. Der thirtysomething leitet das Festival gemeinsam mit Stefan Festini Cucco und Roberto Tubaro. Die drei überlassen nichts dem Zufall, bereiten alles minutiös vor. Jede Location wird ausführlich analysiert, die Orte stehen fest, lange bevor das Lineup komplett ist, die Tontechniker:innen sind echte Koryphäen. „Man muss ausschließen, dass man den Künstler:innen mit miesem Sound das Konzert stiehlt“, so von Pretz.

Unmöglich, alle Höhepunkte zu erwähnen. Da ist der famose Doom-Jazz eines italienischen Kollektivs um die Südtiroler/Londoner Bassistin Ruth Goller auf einem Minigolf-Platz, das bewusstseinserweiternde Orgel-Set von Kit Downes in der prachtvollen Stiftskirche zwischen Bartok und polnischer Folklore, und das spannungsgeladene Synth-Wave/Industrial-Set von My End is My Beginning mit fiependen Modular-Synths und kopfverdrehenden Vocal-Loops. Angenehm beruhigend: das Trio Spin & Spells – Harfe trifft auf Saxophon und Tambin, die westafrikanische Diagonalflöte.

Da ist es fast schon business as usual, dass Kabarila die halbe Nacht spielen. Unten, im gut gekühlten Kellerclub des Brauhauses Batzen mitten in Bozen, führt Bassist Lukas Kranzelbinder sein Ritual durch, vier MusikerInnen, begleitet von drei TänzerInnen.  Jedes Jahr beim SJF, fünf Jahre lang, jeweils fünf Stunden. Eine deutsch-französisch-österreichische Band, die nach zwei Stunden so leise wird, dass sich alle auf den Boden legen und sich ganz der Trance der marokkanischen Laute Guembri hingeben. Bis irgendwann diese Querflöte laut wird. Fast ein Metal-Sound, brutal und irritierend. Was für ein Kontrast.

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