„Gemeinsam durch Nächte zu rauschen, es gibt nichts Schöneres“
Der iconic Kronleuchter der villaWuller
Die villaWuller in Trier ist im besten Sinne die Summe seiner Einflüsse – und somit im steten Prozess der Veränderung. Das Hauptaugenmerk des Teams hinter dem Club liegt darauf, dass man einen Raum für Musik hat, für Clubnächte und Konzerte. Unabhängig von Alter und Herkunft soll jeder hierhin kommen können.
Text: Lennart Brauwers / Fotos: Marvin Remlinger
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Musik zu beschreiben – gar nicht so leicht. Man muss etwas einfangen, das eigentlich nicht einzufangen ist, und dafür braucht man natürlich: passende Wörter. Am liebsten Verben; je ausgefallener, desto besser. Plötzlich fangen Gitarren also zu schnaddern an, ein Beat zu kluckern oder Stimmen zu schwöbeln. Sowas halt. Die lieben Leute von der villaWuller – einem kleinen, feinen Club in Trier, der zuletzt mit dem APPLAUS-Award in der Kategorie „Beste kleine Spielstätten und Konzertreihen“ ausgezeichnet wurde – machen mir den Job netterweise leicht und liefern direkt das passende Verb, um ihren Schuppen und den daraus erklingenden Sound zu beschreiben. Eine Erklärung gibt’s inklusive: „‚Wullern‘ meint das Vibrieren des Basses in den Wänden. Unser Club ist so klein, dass es sich tatsächlich so anfühlt, als würde der Boden vibrieren und der Sound durch die Wände gehen; als würde der ganze Kasten hoch und runter hüpfen.“

Ja, die villaWuller ist klein. Den von außen besprühten Altbau muss man erstmal finden, und womöglich könnte die erste Reaktion dann heißen: Wie jetzt – das ist der Club? Vorstandsmitglied Caro erzählt mir: „Viele Leute sehen die Tür nicht mal. Dann heißt es oft: ‚Wo ist denn diese villaWuller?’“
Man führt mich herum, zeigt mir die schnuckelige Bar und spartanische DJ-Booth, den bescheidenen Dancefloor. Um die 100 Leute sollen hier reinpassen. Echt?
Die Veranstaltung, die ich später am Tag in der villaWuller besuchen werde, nennt sich „Lampenschwingen“ – ein Name, der mit dem auffälligen Kronleuchter an der Decke zusammenhängt. Und mit einer damit einhergehenden Tradition: „Wenn’s abgeht, wird der Kronleuchter angestupst. Da hing mal ein Plüschaffe dran, der hat aber irgendwann einen Arm verloren“, erzählt mir Alex aus dem Programmplenum. Als Witz frag ich, ob der Kronleuchter auch das Gewicht eines Menschen aushalten könne. Schnell wird mir davon abgeraten. Später nachts werde ich trotzdem mit dem Gedanken spielen…
- Caro (li) und Alex von der villaWuller
Wir setzen uns oben in den Backstage-Bereich. Man hat für mich extra ein Süßigkeiten-Buffet aufgebaut. Caro, die unter anderem die liebevoll gestalteten Club-Plakate mitgestaltete (in Trierer Studi-WGs sind ganze Wände damit vollgeklatscht) und durch die Arbeit in der villaWuller auch selbst zum Auflegen gekommen ist, sowie Alex, der neben dem Booking auch an der Social-Media-Präsenz des Clubs arbeitet und gemeinsam mit Caro die regelmäßige Clubnacht „Neue Welle“ veranstaltet, sind lieb und lustig. Wir lachen (und rauchen) viel.
Die zwei erklären mir, wie die villaWuller strukturell aufgebaut ist. Es gibt verschiedene Plenen: Programm, Marketing, Verwaltung und so weiter. „Der Laden ist erstaunlich gut organisiert“, erzählt Alex. „Besser als mein eigentlicher Brotjob.“ Das ehrenamtliche Arbeiten in der villaWuller mache vor allem deshalb Spaß, weil alles so gut abläuft, man immer einen Konsens findet. Manche halten das Ganze zusammen, andere bringen vor allem Leben rein. „50% Chaot:innen und 50% Nicht-Chaot:innen, das ist eine gute Kombination.“

Als Berni Robert und Christian Schütt im Jahr 2011 den Entschluss fassten, die villaWuller zu eröffnen, war gerade ein anderer Club, die „Flucht nach vorn“, geschlossen worden (Lärmbeschwerden etc.). Unter dem Namen villaWuller fand das Ganze in einer neuen Location seine Fortsetzung, doch mit der Zeit wurde der finanzielle Aufwand zunehmend belastend. Um den Fortbestand der villaWuller langfristig zu sichern und die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, wurde 2017 der Kulturverein villaWuller e. V. gegründet. Seitdem bildet dieser Verein die finanzielle Grundlage für den Club.

Der Schweiß-o-Meter
Es darf demnach kein Gewinn gemacht werden, die Clubbetreiber:innen investieren jegliches Geld sofort in neue Partys oder Bookings. Der Wunsch nach Einnahmen und Profit kann ohnehin einen negativen Einfluss auf die Programmgestaltung haben. „Bei größeren Clubs neigt man dazu, das anzubieten, was gerade gewollt ist. Man gestaltet das Programm dann nicht mehr mit freier Hand“, erklärt Caro. „Ich glaube, durch die Struktur des Vereins und die Größe des Ladens sind wir einer guten Position, in der wir selber entscheiden können und gleichzeitig nicht überheblich werden. Wir müssen bescheiden bleiben, zwangsläufig.“ Vermeintliche Einschränkungen bedeuten hier demnach eher Freiheiten. „Man plant mit dem, was man hat.“
„Wir wollen ja auch gar nicht, dass das Ganze zu riesig wird. Es soll persönlich bleiben“, fügt Alex hinzu. Das große Geld könnte man mit dem Laden eh nicht machen, selbst wenn man wollte; das liegt schon allein an der Größe: Wenn der Laden voll ist, ist er halt voll. Dazu kommt, dass man Eintritts- und Getränkepreise günstig halten will. Alle sollen sich die villaWuller leisten können, ihren Spaß haben, ohne sich Gedanken machen zu müssen. Auch hier sind die Einschränkungen wieder ein Segen. „Für Profit müssten wir die Preise schon krass erhöhen, was wir eh nicht dürfen und wollen“. Die villaWuller funktioniert deshalb, weil leidenschaftliche Leute ihre Freizeit investieren. „Wenn wir alle Leute bezahlen müssten, ging’s nicht“.

Dafür, dass die villaWuller in struktureller Hinsicht eingeschränkt agieren muss – und will –, ist die musikalische Vielfalt des Programms beeindruckend: Techno, House, Drum’n’Bass, (Italo-)Disco, HipHop oder Listening-Abende, an denen ganze Alben durchgehört werden. Wenn neue DJs gebucht werden sollen, wird stets darauf geachtet, dass der villaWuller dadurch etwas Neues, Frisches bekommt – etwas, das man dort zuvor noch nicht gehört hat. „Wir wollen ein gewisses Spektrum haben und niemals redundant werden. Das ist das Hauptauswahlkriterium für unsere Bookings“.
„Dieser Laden ist eine Summe seiner Einflüsse“, sagt Caro, „und dadurch verändert er sich ständig. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, dass man einen Raum für Musik hat, für Clubnächte und Konzerte. Unabhängig von Alter und Herkunft soll jeder hierhin kommen können.“ Hinsichtlich des Publikums ist das so, aber auch hinter den Kulissen: So hätten sich viele der Mitarbeitenden ohne die villaWuller niemals kennengelernt. Der Club funktioniert gewissermaßen als „Auffangbecken für eine Nische“, als „Raum für Musik und Menschen, die das gerne zusammen teilen.“ Menschen, die in einem Raum stehen, das Gleiche mögen und dazu tanzen – das ist als Clubbesucher:in wie als Möglichmacher:in toll.

Und natürlich auch als Musiker:in: Der Produzent/Live-Act Christoph aka Farron, der seit 2015 das Label Shaw Cuts betreibt, hat schon mehrere Showcases in der villaWuller veranstaltet und stellt ebenfalls die engagierten Betreiber der villaWuller heraus: „In erster Linie sind es die Menschen hinter dem Club, deren Leidenschaft und zudem deren kritische Sicht auf die Dinge im Kontext der Kommerzialisierung und des Status Quo der elektronischen Musikszene.“ Der intime Dancefloor, das vielschichtige Booking und die fairen Preise nennt Christoph ebenfalls als besondere Charakteristika des Clubs, genauso wie die Familiarität zwischen Publikum und Betreiber:innen. „Es geht hier nicht um Hypes oder Trends, und mit dieser Einstellung kann ich mich identifizieren. Die treibenden Kräfte bilden das Team, nicht irgendwelche Impulse von außen.“
Dass die villaWuller mehr als Party-Schuppen ist, sondern eher ein kleines Kulturzentrum, spürt man. Vor allem in einer Provinzstadt wie Trier sind solche Orte essenziell. Dazu Alex, der zwischendurch in Norddeutschland gelebt hat und irgendwann wieder zurück nach Trier kam: „Ich weiß nicht, ob ich sonst nach Trier zurückgegangen wäre. Die villaWuller war definitiv ein Faktor.“ Einen Club auf diese Weise mitgestalten zu können, ist in größeren Städten wesentlich schwieriger. „Da kannst nicht einfach reinlaufen und sagen: Ich will was machen!“

Bei Reparaturen an dem denkmalgeschützten Clubgebäude sind die Betreiber:innen an die Stadt Trier gebunden, die von Alex jedoch als Befürworter bezeichnet wird: „Es ist definitiv nicht so, dass die uns krasse Auflagen geben oder uns sofort an den Kachel fahren, wenn es mal Lärmbeschwerden gibt.“ Auch „linksversiffter Nischenkultur“ sei die Stadt grundsätzlich wohlwollend gegenüber eingestellt, fügt Caro hinzu. Mittlerweile würde man sogar Vorschläge der Stadt annehmen und habe sich ein gegenseitiges Vertrauen erarbeitet. „Diesbezüglich ist unsere punkige Anti-Haltung etwas gesünder geworden.“
Diese Mischung aus Professionalität und Eigenwilligkeit wird es auch gewesen sein, die der villaWuller 2025 den mit 10.000 Euro dotierten APPLAUS-Award in der Kategorie „Beste kleine Spielstätten und Konzertreihen“ als „Beste kleine Spielstätte“ beschert hat. Die Freude war natürlich groß: „Das ist schön für den Club und für das Team“, erzählt Caro. Auch hinsichtlich der Sichtbarkeit habe sich etwas getan, so stünde man nun im Austausch mit anderen kleinen Clubs, die zuvor noch gar nicht von der villaWuller gehört hatten. „Die Auszeichnung hat uns aus unserem kleinen Kontext rausgeholt und gezeigt, dass wir etwas Ernstzunehmendes machen“, sagt Alex. „Dadurch ist das Ganze eine Art kulturelles Prestige-Projekt geworden“.

Garderobe der villawuller
Sicher ist jedenfalls: Nirgends schwitzt es sich so schön wie in der vollgerauchten villaWuller. Während einer Clubnacht dauert es nicht lang, bis man jede:n Besucher:in zumindest mal angegrinst hat; die beschriebene Familiarität ist hier also tatsächlich präsent. Sonst hätte ich womöglich keine Lust gehabt, nach einer ewiglangen Zugfahrt voller Verspätungen (sowie einer grauenhaften Pizza in der Trierer Innenstadt) noch die Nacht durchzufeiern. Kam dann aber so. Irgendwann morgens dann da rausspaziert, noch mit Alice vom Finanzvorstand und Mika von der Garderobe gequatscht – „schreib bloß keine Scheiße“, hieß es liebevoll –, sogar noch im Dom gewesen und, ja: einen Weinberg hochgelaufen.
Ein Haufen liebevoller Musikfans, die mich und meine Freunde mit offenen Armen integriert haben. Dieses Gefühl von Zusammenhalt war auf dem Dancefloor omnipräsent, in jedem treibenden Techno-Beat nicht zu überhören. Caro hatte mir schon im Interview davon erzählt: „Gemeinsam durch Nächte zu rauschen, es gibt nichts Schöneres.“ Kann ja jeder sagen – doch nur die Wenigsten machen’s möglich.

villawuller, Außenansicht


Der APPLAUS-Award macht die Vielfalt der Club- und Livemusikkultur sichtbar und würdigt die Menschen, die sie mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement prägen. Ausgezeichnet werden herausragende Livemusikspielstätten und Konzertreihen in sechs Kategorien mit bis zu 40.000 Euro Preisgeld. Fachjurys berücksichtigen bei der Bewertung auch zentrale Aspekte einer zukunftsfähigen Club- und Veranstaltungskultur, wie Engagement in den Bereichen Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit.
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Mit einem Gesamtpreisgeld von rund 1,5 Millionen Euro zählt der APPLAUS-Award zu den höchstdotierten Bundeskulturpreisen. Der APPLAUS-Award wird aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert und seit 2013 von der Initiative Musik, der zentralen Fördereinrichtung des Bundes für die Popularmusik- und Jazzszene, umgesetzt. Die 13. Verleihung findet am 24. November 2026 im Waschhaus Potsdam (Brandenburg) statt; der Austragungsort wechselt jährlich.
KAPUT – Magazin für Insolvenz & Pop freut sich, den APPLAUS 2026 als Medienpartner der Initiative Musik zu begleiten und damit die Orte, Menschen und Strukturen sichtbar zu machen, die die Livemusikkultur in Deutschland prägen.
APPLAUS 2026
24. November 2026
Waschhaus Potsdam, Brandenburg
13. Verleihung des Bundeskulturpreises für Livemusikspielstätten und Konzertreihen
Moderation: Kathrin Wosch










