Vorgestellt

“In erster Linie sind wir Freundinnen – dann Band” – Die Knöpfe kommen

17. März 2026,

Als unsere Autorin Puneh Abdi die noch ganz schön neue Berliner Band Knöpfe Mitte Dezember zwischen Zigaretten und Rohkost im Kunstatelier zum ersten Interview trifft, weiß noch niemand, dass das Knöpfe-Konzert vier Tage später mit einer großen Überraschung enden wird.

Sängerin Pille studiert hier Bildende Kunst. Im großen, hell ausgeleuchteten Raum der UdK steht, zwischen Leinwänden verschiedener Größen, Farbeimern und Tischen, ein kleines Sofa und ein paar Stühle in der Mitte des Raumes. Dazwischen ein hölzerner Hocker mit der Verpflegung des Abends: Eine große Tüte Möhren, Hummus, ‘ne Packung Tabak und einige Biere. Nach den drei Stunden mit den Knöpfen sind die Möhren und das Bier leer, der Aschenbecher und mein Notizblock voll.
Warum eigentlich “die Knöpfe”? Gitarristin Palle sei eine Weile besessen davon gewesen, Jacken mit Knöpfen zu nähen. Wenn sie nicht gerade im Proberaum oder auf der Bühne steht, arbeitet sie im Wollladen. Und ist Strickmode-Designerin. Am Anfang waren es nur Pille, Palle und die Idee einer Band. Es folgten: Diverse Namenswechsel, einige (männliche) Bandmitglieder, die rausgeschmissen werden mussten, neue Mitglieder, Bandcastings, und schließlich: Die Knöpfe in ihrer endgültigen Formation: Pille, Palle, Ninja, Müge und Demi. Neben diesen offensichtlich Wagenplatztauglichen Namen ist eigentlich niemand von ihnen so richtig mit Punk aufgewachsen. Vielleicht macht gerade das die fünf Frauen so sehr punk – dass sie alle mit den Erwartungen von Genrekonventionen und subkulturellen Zugehörigkeiten brechen. Von Drum n Bass, Trip-Hop, Türkischem Rock bis hin zu Gabber sind die Musikerinnen ganz unterschiedlich sozialisiert.

Dafür, dass vorher noch keine von ihnen wirklich Musik gemacht hat, geht die Konzertkurve der Knöpfe seit Bestehen der Band allerdings steil nach oben: Ihr erstes offizielles Konzert findet im Juni 2025 statt. In den darauffolgenden sechs Monaten spielen sie ganze 16 Konzerte – ohne auch nur einen Song veröffentlicht zu haben. Ihre Energie auf der Bühne überzeugt, die Knöpfe wirken wie barocke Zirkuskinder, quirlige Marie Antoinettes, die im Punk ein zuhause gefunden haben. Wie überzeugend sie sind, werden sie auf ihrem Konzert in vier Tagen selber noch gespiegelt bekommen.
Es ist die Gelassenheit und Offenheit, das nichts beweisen müssen und der Spaß als Hauptziel, was die Musik der Knöpfe so vielfältig und originell macht. Hier gibt es keine Regeln, vieles passiert zufällig. So wollte anfangs, noch in anderer Formation, zunächst niemand singen. Pille hat dann einfach abwechselnd das Alphabet und Texte aus ihrem Tagebuch ins Mikrofon geschrien – “also war ich dann halt die Sängerin”, lacht sie. Oft kommt sie mit Textideen zur Bandprobe, aber am Ende, so betonen sie, schreiben eigentlich alle gemeinsam an den Songs. Pille sammelt inspirierende Sätze, die sie im Alltag aufschnappt, in einer Liste, sodass sie wie in einem Werkzeugkoffer darauf zurückgreifen kann.

Die Songs, die dabei entstehen, handeln von Selbstliebe, von Herzschmerz und manchmal davon, eine Schnecke sein zu wollen. Letzteres ist ein besonders großer Publikumsliebling, da hier auf “Lass mich eine Schnecke sein” ein gemeinschaftlich gesungener Schrei folgt. Den Song habe ich nach dem Weihnachtskonzert noch tagelang in den Ohren. Es ist schon etwas besonderes – und leider immer noch nicht normales – eine fünfköpfige junge Frauenband auf der Bühne zu sehen.
Dabei war die reine Frauenband nie ein erklärtes Ziel, “aber je mehr Konzerte wir spielen, umso mehr kristallisiert sich heraus, dass wir unglaublich froh sind, nur Frauen zu sein”, beobachtet Palle. Es ist ein regelrechtes Armutszeugnis für die männlich dominierte Musikindustrie, dass auch die Knöpfe nach nur sieben Monaten spüren, was es heißt, als Frau Musik zu machen. Männer, die nach Konzerten ungefragt Verbesserungsvorschläge geben. Oder jene, die sie als so süß bezeichnen, dass es “egal sei, wenn Fehler auf der Bühne geschehen”.

Solche Stimmen beinflussen einen, sagt Drummerin Müge. Ob man es will oder nicht. Sie säen Selbstzweifel und die Frage, was die Menschen noch alles Schlechtes über einen sagen. Man bekomme ja auch mit, wie in der Öffentlichkeit sonst über nicht-männliche Musiker*innen gesprochen wird. Ausnahmen werden da nur selten gemacht. Dass sie nicht allein gegen solche Kommentare kämpfen müssen, sondern zu fünft sind, helfe da sehr.
Und das ist, so habe ich den Eindruck, ohnehin der wesentliche Antrieb der Knöpfe. Das Zusammensein mit neu gewonnenen Freundinnen. Die Stärke der Freundinnenschaft und der Spaß am gemeinsamen Musizieren, was auch immer dabei herauskommt. “Ich glaube nicht, dass wir in uns den inhärenten Impuls haben, Musik zu machen. Ich glaube wir haben einfach das Glück, dass wir gern zusammen Musik machen” beschreibt Palle die Dynamik der Freundinnen. Durch’s gemeinsame Musizieren lernen sie sich weiter kennen, erfahren manchmal erst nach Monaten von wesentlichen biografischen Details der anderen und spüren, was diese Freundschaften für ein Geschenk sind. Und sie sind sich alle einig: “In erster Linie sind wir Freundinnen. Dann Band”.

Klar wird den Knöpfen immer wieder: Sie haben keinen Bock, sich von anderen abhängig zu machen. Nach ersten Aufnahmeversuchen in 2025, mit denen sie jedoch unzufrieden waren, nehmen sie im Januar noch mal einige Songs ganz selbstständig auf. Das Release ihres ersten Tapes – inklusive Tape-Releaseshow – soll Ende Februar sein.
Vier Tage nach unserem Interview spielen die Knöpfe neben Gigi Blow, DÄF, Carls8erg und Punani auf dem Weihnachtskonzert von Stoerenfred in Berlin. In einer improvisierten Halle aus Baugerüst und Heizstrahlern ist es sehr voll an diesem Abend. Junge Menschen, zwischen Indie-Rock, Kunststudium und Queeren Punks, tummeln sich mit Glühwein und selbstgedrehten Zigaretten in der Konzertlocation. Das Konzert der Knöpfe ist energiegeladen und laut – aber auch liebevoll und humorvoll. Demi stößt spitze Schreie aus, Pille probiert sich in verschiedenen Stimmlagen, es hat etwas von einer Performance. Auf der Bühne steht ein kitschig blinkender Plastikweihnachtsbaum. Davor die fünf Frauen in übergroßen Blusen, ausgestellten Kragen, bunten Strumpfhosen und Schleifchen. In einem Lied geht es um Senf von Lidl und was er mit Liebe und Melancholie zu tun hat.

Als Zuschauerin merke ich, dass auf der Bühne nicht nur Bandkolleginnen, sondern Freundinnen zusammen stehen. Im Moshpit passen die Leute aufeinander auf. Sie lachen, tanzen, schubsen sich, trinken Bier.
Das Fazit der Knöpfe? “Absolut geil” – sie sind zufrieden. Fast beiläufig, während die Kolleginnen wild durcheinander reden, gestikulieren, sich umarmen und Zigaretten drehen, stellt sich eine junge Frau vor, die das Konzert ganz genau beobachtet hat. Es wird noch ein bisschen durcheinander geredet, doch dann fällt das Schlagwort “Fusion” und es wird schlagartig still. Das erste Jahr der Knöpfe endet, kurz vor Weihnachten, mit einer Konzertanfrage für das Festival, von dem sie träumen. “Wir wollten uns schon bewerben!” ruft Ninja ungläubig, “Oh mein Gott, wirklich?!” und freudiges Gejubel gehen ineinander ein.
Und so steht bereits kurz vor Weihnachten fest, dass 2026 das Jahr der Knöpfe wird. Das erste eigene Tape, noch mehr Konzerte, Festival-Gigs und vor allem: Eine Freundschaft zwischen fünf jungen Frauen, die sich gegenseitig respektieren, schätzen und inspirieren.

Text & Interview: Puneh Abdi

 

 

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