Bettina, ich wollt ich wär tot

GUZ – Ein Nachruf oder so

Die Aeronauten haben weit über die 90er Jahre hinaus das deutschsprachige Popgeschehen um tolle Alben und Indiepop-Hits, zu denen es keine zwei Meinungen geben kann, bereichert. Nun verstarb der Sänger und auch Solokünstler GUZ. Linus Volkmann erinnert an einen überzeugten Künstler mit großem Werk.

Ende der Neunziger Jahre. Ich bin noch einigermaßen frisch in Köln. Aufgekratzt und orientierungslos an der fremden großen Uni, in der fremden großen Stadt.
Seit ein paar Ausgaben darf ich zudem für das Intro-Magazin schreiben. Da deren Redaktion damals noch in Osnabrück sitzt, haben sie oft logistische Probleme, selbst all die Interviews wahrzunehmen, die die Plattenfirmen in der (damaligen) Medienstadt Köln aufstellen.
Dieser Standortvorteil macht mich unversehens zu einem bezahlten Musikjournalisten.
Und so begegne ich 1998 zum ersten Mal Oliver Maurmann, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Guz. Die Band Aeronauten, deren Sänger er ist, hat gerade eine neue Platte draußen: „Honolulu“. Ich bin in der Zeit ohnehin total drauf auf dem Hamburger-Schule-Label L’Age D’or und somit längst Fan jener Aeronauten.
Ihre Herkunft – Schaffhausen in der Schweiz – mag zwar die Antithese zur Hanseatenmetropole darstellen – doch gerade die damit einhergehenden Sound- und Textverschiebungen machen ja einen großen Reiz der Band aus.

Guz ist lustig, warm – und er wirkt auf mich damals schon wie „ein richtiger Mann“. Mitten im Leben, souveränes Auftreten, sonore Stimme. Was mich dabei fasziniert: Er steht nicht mitten in einem kleinbürgerlichen Leben plus Band, nein, stolz erzählt er im Interview, dass er nun allein von seiner Kunst leben könne – und dass sich das auch nicht mehr ändern dürfe.
Zu wertvoll sei es ihm.
Bis heute erinnere ich mich noch an den genauen Wortlaut. Er sagt: „Eher schieße ich mir ins Knie, als dass ich wieder Lohnarbeit machen werde.“
Was ein Mix aus Überzeugung, Konsequenz, Verheißung.
Ob er dieses Ziel wirklich erreicht hat in seinem Leben? Ich weiß es nicht.
Mich hat diese Haltung zumindest weit über die Begegnung hinaus sehr inspiriert.
Auch seine Musik verfolge ich über die Jahrzehnte immer weiter. Es kommen noch viele Hits in den unterschiedlichsten Konstellation oder auch solo als Guz dazu.
Doch das Leben als cooler, eloquenter Selfmade-Popstar abseits vom Big Fame dürfte auch in der reichen Schweiz so prekär sein, dass Lohnarbeits-Kompromisse im Alltag nicht ausbleiben.
Gemessen an seiner rastlosen Kunstproduktion können es aber so viele dann auch nicht gewesen sein. Schöner Gedanke.

Ein paar Mal sind wir uns seit dem Interview im Kölner Café Bauturm für jenes Intro #57 noch über den Weg gelaufen.
Ich erfuhr dabei zum Beispiel, dass er seinen Sohn leider nicht nach mir benannt hat.
Doch diese Information konnte mir auch nicht nehmen, dass etliche Leute damals dachten, Guz und ich seien BFFs – weil in einer seiner Platten die Widmung steht „Für Linus“.
In den netto unzähligen Stunden, in denen ich Aeronauten und Guz hörte, waren wir das irgendwie auch.
Gute Popmusik erzeugt Nähe, Guz hatte viel davon zu geben.
Danke.

Oliver Maurmann alias Guz starb am 19. Januar mit 52 Jahren an einer Herzerkrankung.

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