Von Diana Ross zu Bad Batch – Stefanie Roenneke blickt hinter die Welt der ptimierten Proteinzufuhr

Pop-Muskeln – Ein Streifzug

Da lag es neulich im Supermarkt: das „High Protein Toast“ – mit mehr Protein, weniger Kalorien und dadurch angeblich „der perfekte Unterstützer für eine bewusste Ernährung“. Es ist eine neue, durchaus überraschende Variante eines Produktes, das sonst durch seine Eigenschaftslosigkeit glänzt und schon mal als das „Nullmedium der Küche“ beschrieben wurde. Die nun erfolgte versuchte Aufwertung mit dem Versprechen einer optimierten Proteinzufuhr ist der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung der Lebensmittelindustrie, die es seit einigen Jahren vermag, zahlreiche Produkte mit einem erhöhten Proteinanteil zu bewerben, wie es zuvor nur von spezieller Sportlernahrung bekannt war.

Da wären zum Beispiel, eingehüllt in eine mit Schwarz und Silber ausgestattete Verpackung, Müsli, Müsliriegel, Milchprodukte, Brote, Gebäck, Cracker, Chips und ja, mindestens eine Sorte Instantcappucino ist davon betroffen. Oder man greift direkt zu den Nahrungsergänzungsmitteln in großen Beuteln oder überdimensionierten Dosen, für die nicht mal mehr Spezialläden aufgesucht werden müssen. Mit Energieprodukten, die vor zehn Jahren eine Gesellschaft zwischen Müdigkeit und Burnout jeden Tags aufs Neue wieder auf Höhe bringen sollten, ist es also nicht mehr getan. Muskelmasse soll für alle her, wie sie vor langer Zeit nur den starken Männern auf den Jahrmärkten gehörte oder zu Bodybuilder-Vorreitern wie Eugen Sandow (1876-1925) oder Muskeldemokratisierern à la Arnold Schwarzenegger. Doch warum? Sind uns die Superhelden-Filme zu Kopf gestiegen, in denen sich immer massige, muskelbepackte, kampfbereite Figuren auf dem zum bloßen Schauplatz degradierten Planten Erde für einen Endkampf bereit machen? Bevor der Trainingsplan aufgesetzt und die Ernährung umgestellt wird, stellt sich die Frage: Wie kommen die Muskeln – ob athletisch oder übertrieben – eigentlich weg? Gut das es Pop-Kultur gibt: ein Streifzug, unvollständig, höchst subjektiv, ziemlich maskulin.

Zunächst die Ode: 1982 sang Diana Ross in ihrem von Michael Jackson geschriebenen und produzierten Song: „I want muscles“. Machte sich die Sängerin ein Jahr zuvor mit „Work that body“ selbst noch fit, zählte für das lyrische Ich nun nichts mehr als jene Muskeln an einem Männerkörper: „I want muscles / All, all over his body / (Make him strong enough from his head down to his toes)“. Es war ein Begehren nach Schönheit – „Just make him beautiful“ –, das überging in eine erotisierte Lust an bloßer Körperlichkeit: „Muscle man, I want to love you / In the sun, Oil on your body“.
Auf dem Höhepunkt der Fitness-Bewegung und im zweiten Jahr der Reagan-Präsidentschaft war offensichtlich die schöne Oberfläche das Ziel. Innere Eigenschaften wurden als ungenügend eingestuft: „She said she wants a man / To always understand / But that’s all right for her / Still it ain’t enough for me“. Im Video zur Single wurde das Begehren nach den Muskelbergen etwas abgeschwächt, indem die Bodybuilder in einer Traumsequenz umherspringenden.

Sie huldigte mit diesem Song indirekt auch den Muskeltypen, die längst nicht mehr nur professionelle Bodybuilder waren oder am Muscle Beach abhingen, sondern bereits die Kinoleinwand und den Alltag bevölkerten – dank Fitnessboom und immer mehr Fitnessstudios, die einer wachsenden Bedeutungslosigkeit der ‚Arbeitskraft‘ gegenüberstanden. In den Studios wird der Lust am eigenen Körper seitdem intensiv nachgegangen, die mal auf der Bühne, in enger Kleidung, vor dem Spiegel oder beim Posen vor der Smartphonekamera gezeigt wird – der Blick als Ziel.

Daher pflegt vielleicht auch heute noch so mancher Gangster-Rapper eine Liebe zur Hantel und zum Eiweißprodukt, die ihre angeeigneten Insignien der Macht – dicke Karre, die dicke Uhr, teure Klamotten oder die Zurschaustellung von Geld – ergänzen. Dank der deutlich sichtbaren und inszenierten Muskelmasse wird der dadurch eingenommene Raum auch nicht mehr länger eingebüßt, wenn oftmals „er“ aus dem laut aufheulenden Auto steigt. Der mal sportlich, mal übertrieben aufgepumpte Körper sorgt dafür, dass die Luft gebührend verdrängt wird: Für eine machtvolle Präsenz, die einem Teile der Gesellschaft nicht zugestehen würden. Hier bin ich und ich gehe nirgendwo hin. Das ist manchmal auch als Warnung gegenüber den stilistisch notwendigen Feinden zu verstehen: Muskeln als Symbol für eine potenzielle Gewaltanwendung. Muskeln für den Krieg, Muskeln für den Endkampf, wenn es sein muss, auch wenn diese für so einen Zweck gar nicht aufgebaut wurden – sondern zum Vorführen.

Dieses Pumpen kennt natürlich seit langem Kritiker*innen. Bereits in „The Rocky Horror Picture Show“ (1975) persifliert Richard O’Brian mit „I can make you a man“ eine in den 1940er Jahren berühmte Bodybuilding-Methode des Sportlers Charles Atlas. Die Werbung: Dünner Typ wird am Strand beleidigt und entscheidet sich zu trainieren. Im Song heißt es: „A weakling weighing ninety-eight pounds / Will get sand in his face / When kicked to the ground“. Der Song wird von Tim Curry als Dr. Frank-N-Furter nach der Entstehung Rockys gesungen und erhält somit zudem die bekannte Frankenstein-Note.

In Deutschland ließ die NDW-Band Bärchen und die Milchbubis mit „Muskeln“ (1982) kein gutes Haar am Muskelaufbau, das hier nur als Surrogat zu dienen scheint: „Schaut euch meine Muskeln an, ich bin der, den man fürchten kann. / Reine Kraft, wohin man schaut, ich bin stabil und gut gebaut. […] Wenn mich schon keiner mag, warum soll ich euch mögen?“ Und dazu wird mit einem doppeldeutigen „Treten“ Gewalt assoziiert: „Schaut euch meine Schuhe an, ich bin der, der gut treten kann, diese Kraft und dieser Schwung, Treten hält den Körper jung. […] Spürst du schon den kleinen Stich, quälen kann ich meisterlich. / Nichts ist mir genug gemein, ich will nur noch fieser sein.“ Das Video kommt jedoch amüsierter daher.

Übrigens versuchte sich bereits zwei Jahre zuvor Herbert Grönemeyer in einem Muskelprotestsong (auch „Muskeln“) und lieferte darin berührende Zeilen wie „Stark sein macht so schwach“. 1988 greift die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) das Thema in „An der Copacabana“ ebenfalls auf: „An der Copacabana und am Schotterteich / Bei Muskeln werden alle Mädchen weich. / Weil Marmor, Stein und Eisen schmilzt / A wenn du deinen Body buildst“.

Neuere ‚Genrelieder‘ knüpfen nebst Zitaten aus dem Anatomielexikon an den ironischen Umgang mit dem dann auch geschlechterübergreifenden Fitness- und Muskelkult an.

Doch hin und wieder sinkt das Image wieder wie in dem – leider völlig unterschätzten – Film „The Bad Batch“ (2017). In einer Art Wüstengefängnis werden die Ungewollten der Gesellschaft sich selbst überlassen. Eine Gruppe von ihnen sind gut gebräunte Bodybuilder*innen, von denen einer zu den Hits von Ace of Base das Frischfleisch filetiert. Bodybuilder*innen als Kannibalen. Am Ende wird eine*r eben immer verschluckt.

Bei schwer ackernden Bands oder Performer*innen wird dagegen weniger aufs Pumpen, sondern mehr auf echte Sportlichkeit gesetzt, die zudem weniger besungen, dafür aber gezeigt wird. Es sind muskulös gewordene Körper von Poparbeiter*innen, die dabei helfen sollen, die anstrengenden musicalhaften Shows zu bewältigen. Bestes Beispiel dafür war einst, als es noch Mega-Konzerte gab, Newcomer-Akrobatin Helene Fischer. Es sind Muskeln zum Durchhalten, damit der Mensch zwischen Selbstoptimierung und Selbstökonomisierung nicht zerreißt. Der oft getragene Bodysuit unterstreicht dank größtmöglicher Bewegungsfreiheit den Körper als Arbeitsinstrument.

Dann doch lieber keine sichtbaren Muskeln bei dem ganzen negativen Impetus? Immerhin können sich Diven immer noch auf die Bühne tragen lassen und sich vor dem Mikro nur notwendigst bewegen, oder der Pop-Körper wird gleich in für Akrobatik oder irgendeine Körperlichkeit verneinende Kleidung gehüllt. Wer zudem nicht zur Rammstein’schen Riefenstahl-Parodie neigt, ungern zu soldatisch daherkommen oder ein verqueres Arbeiterideal verkörpern will, kann ruhig unbeirrt der eigenen Schwäche – des Brüchigen – huldigen, indem die Schlacksigkeit gebührend zurschaugestellt wird – auch gerne durch verkrampft wirkende Tanzbewegungen.

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