Kolumne

Hinkebein, Hammerzeh und Mundorgel – Die Sache mit den Birkenstocks

Rebecca Spilker hat eine Schuhwerbung zu viel bekommen. Jetzt zahlt sie es dem unansehnlichen Fetisch vorgetäuschter Fußgesundheit zurück.

Die Hammerzehe des Anstoß. Foto: Rebecca Spilker

Es ist mir ein Rätsel, warum mir im Netz immer und immer wieder Schlappen der Firma Birkenstock angeboten werden. Offensichtlich will man mich fertigmachen. Wirklich, es muss hier ausgesprochen werden- auch durch das immer wieder neu überdachte „freshe“ Design der Ursandale wird es nicht besser. Anstrengungen der Hausdesigner in Richtung Witz und Eleganz greifen nicht, denn das Fußbett, und um das geht es ja hier in erster Linie, blieb und bleibt immer gleich. Die Idee der Sohle muss wohl ursprünglich mal die gewesen sein, den Abdruck eines recht fleischigen Fußes im Sand, eins zu eins nachzubauen und zwei Lederstreifen darüber zu spannen.
Dagegen ist erstmal nichts zu sagen. Für Menschen, die einfach nur Sohle und Hineinschlüpfbarkeit von ihrem Schuhwerk erwarten, mag die Sache gut funktionieren.
Aber was ist mit uns anderen?
Was ist mit denjenigen, die statt „Schlappschlapp“ lieber „Klickklack“ auf der Straße hören wollen?
Gewiss, auch ich bin in einem Alter, in dem ich nicht mehr täglich und zu jeder Tageszeit auf meterhohen Absätzen umherklötern möchte und kann. Turnschuhe sind für mich seit zwei Jahren ein Thema, ausserdem kann ich das Gleichgewicht auch nicht mehr so gut halten, besonders nach dem dritten Sundowner.
Aber habt ihr, meine Altersgenoss*innen, denn schon vergessen, wie das war, Anfang der 80er, als die ersten Wollbesockten in Schnallenpuschen durch die Kirchenkeller schlurften und, die Gitarre auf den Rücken geschnürt und die „Mundorgel“ in der Hemdtasche verstaut, soft in in den Schülerbibelkreis hineinbeteten?
Das war doch schlimm. Dahin will man doch auch optisch nie wieder zurück.
Den Jungen sei verziehen- sie tragen die Last dieser tonnenschweren Vergangenheit nicht mit sich herum.
Für sie ist es nur die coole Marke, nicht der klebrige Klops aus Teestunde, Strickzeug und „Herr, deine Liebe…“.
Aber ich prangere an, dass mir, die ich wirklich unter Birkenstöcklern gelitten habe, immer wieder Werbevorschläge gemacht werden, um die ich nicht gebeten habe.
Sie belasten mich.
In meinen schlimmsten Albträumen sehe ich bis heute jenen irren Pastor vor mir, in dessen Fänge ich einst geriet. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber seine im Takt zu „Wir sind die Moorsoldaten“ wippenden Zehen gehen mir seit vierzig Jahren nicht aus dem Kopf.
In Winter wurden dann Wollsocken (selbstgestrickt!) übergestreift, als ob nichts wäre.
Noch nicht mal Eiseskälte.
Die vom medizinischen Fußbett aufgespreizten Zehen blieben zumindest ahnbar, mein Blick klebte an ihnen und ich schwor- nach der Konfirmation muss es sehr bald losgehen, mit Pumps, Mascara und Sex.
Vor der Ehe.
SEX VOR DER EHE!!!
Okay, jetzt habe ich kurz durchgeatmet.
Meinen geliebten Freund*innen, die im Sommer gerne in die hier beschriebene Sandale schlüpfen, möchte ich zurufen- behaltet sie an. Ihr habt hübsche Füße. Ich möchte, dass ihr euch wohl fühlt.
Aber ich kann nicht. ICH KANN NICHT.
Ob „Einriemer“ oder „Zweiriemer“- bindet sie mir vor den Bauch, da tut sich gar nichts.

Text: Rebecca Spilker

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