Freitag, 23.08.2019
Kolumne

Faber packt seinen Schwanz wieder ein

Das Video zu Fabers erster Single zu seiner neuen Platte ist draußen. Hoffentlich nicht wieder was mit Nutte, Brüsten, Arsch oder Puff drinnen, denkt da geneigte Faber-Connaisseur. Doch es kommt noch weit schlimmer. “Das Boot ist voll” packt den Penis aus gegen Rechts. Der kalkulierte Skandal allerdings wächst dem Künstler und seinem Umfeld über den Kopf, der Clip verschwindet und ist nun in entschärfter Form (“stärkere Version” laut dem Schweizer Singer Songwriter in einem Statement) wieder zurück. LINUS VOLKMANN hat den “Sinneswandel” (aufgrund von “#Promokatastrophe”, O-Ton Faber) begleitet.

„Das Boot ist voll“ – als Thema fungiert sowas wie „Besorgte Bürger gegen Seenotrettung – und die Strafe, die ihnen dafür gebührt“.
In drastischer Rollenprosa macht Faber in dem Song herrschende Empathielosigkeit sichtbar, das Video dazu karikiert jenen Wutbürger zur degenerierten White-Trash-Unperson – die Originalversion mündet dann in die direkte Ansprache: “Besorgter Bürger, ja / Ich besorgs’s dir auch gleich / geh auf die Knie, wenn ich dir mein’ Schwanz zeig / Nimm ihn in den Volksmund”
Vergewaltigungsphantasien gegen rechts? Alter!
Ich kann mir natürlich vorstellen, wie sehr das hier auch die eigentlichen Adressaten (aus den entmenschten Kommentarspalten) triggert – und ich habe erst gezögert, eine weitere Front aufzumachen. Immerhin handelt es sich um einen Song eines Künstlers, der immer mehr in den Mainstream reinragt und der sich hier für unmissverständlich für Seenotrettung stark macht.
Auch saß ich schon mal nachts an Fabers Küchentisch in Zürich, wir haben diskutiert über seine Texte, Kette geraucht, getrunken. Schon zu der Zeit musste man aggressive, übergriffige Sexualität in einigen Stücken ausblenden oder eben umdeuten: Alles immer auch Kunst, alles uneigentliche Sprache, das Lyrische Ich, schon klar.
In der Diskussion kamen wir bald an den Punkt, dass man zwar mühsam die Argumente der anderen Seite verstehen konnte … aber so richtig überzeugt war keiner von der Haltung des anderen.
Schade. Das sage ich jetzt als jemand, den die Musik eigentlich erreicht. Ist ja nicht wie bei Revolverheld, wo es mir in Texten über die Band nur darum geht, seinen eigenen Hohn zu pointieren. Nein, zum Beispiel das Faber-Stück „Alles Gute“ war für mich eine der Entdeckungen dieses Jahrzehnts.
Aber gut, was soll’s, andere Mütter haben auch noch schöne MusikerInnen.
Denn für mich stellt dieser sexualisierte Machismo-Aspekt von Fabers Songwriting letztlich etwas dar, was mir den Künstler verbaut.
 
An dem Punkt war ich schon, aber auch wenn nicht… „Das Boot ist voll“ hätte mich jetzt auf jeden Fall dorthin getrieben:
 
Sorry, Julian, wie Du eigentlich heißt, ich bin draußen.
 
Wenn im Netz rechte Trolle unliebsamen Frauen wünschen, sie sollten von „Flüchtlingshorden“ vergewaltigt werden, will ich kotzen.
Und ich sehe es als grundlegenden Widerspruch an, solche Übergriffe für die eigene Position zu legitimieren. Ja, zu zelebrieren, nichts anderes ist der emotionale Kern dieses Revenge-Porn-Clips.
 
Dein Statement, dass du die Schwanz-Version gegen eine andere getauscht hast, halten viele nun für einen Promo-Stunt und nicht für eine “Promokatastrophe”, wie du es beschreibst. Ich denke, Du hast bei dieser Story um “Das Boot ist voll” den von vorneherein mitgedachten Skandal unterschätzt. Hybris und der Glaube, dass man mit der moralischen Überlegenheit eben auch mit heruntergelassener Hose ins feindliche Lager einreiten kann.
Hat nicht funktioniert, was? Alter, glaub mir, ist echt auch besser so.

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