Kolumne

Fasching in der anthroposophischen Selbsthilfegruppe – Die Sache mit der Tellkamp-Doku

Vollgerankte Fenster, hinter denen aus Wut Kleinverlage gegründet wurden und warum Ressentiments keine Kunst sind. Der Facebook-Essayist Jasper Nicolaisen über die Causa „Tellkamp-Doku“.

In der Mediathek nur noch 5 Jahre verfügbar. Haltet euch ran!

Ich habe zuerst nur aus Quatsch tatsächlich diese Tellkamp-Doku angeschaltet, weil hier darüber gewitzelt wurde.
Aber das ist ja tatsächlich unfasslich, tragisch und auch leider hoch komisch. Bislang wurde mir in allerhand Ganzseitern in den gedruckten Zeitungen vermittelt, Maron, Susanne Dagen, irgendwo auch Tellkamp seien Intellektuelle, die zumindest „früher“ in diese Richtung (Literatur) was geleistet hätten.

In Wahrheit unterscheiden sie sich in nichts von jedem Opa, der hier bei mir in Treptow vormittags beim Stehcafé einkehrt, um auf die jungen Leute zu schimpfen. Tellkamp erscheint vollends als Charakter aus den „Vollidioten“. Vor Empörung zitternd, völlig von sich eingenommen, als „Autor“, Leserbriefe schreibend, mit der Schreibmaschine, absurd sächselnd, bei einer unverständlichen Fabel über Frösche und Sterne weinend. Das Schlimmste immer: nicht mehr gehört werden. Dass man nicht mehr in die Zeitung darf. Ich werde entwertet! Ja bitte, endlich! Je weniger von dieser „Lebenserfahrung“ noch die Rede ist, desto besser. Am Furchtbarsten aber das zombiehafte Milieu um ihn herum. Häuschen an Hängen, mal ein Kriegerrelief. Deutschlehreroptik. Tonschalen, bunte Holzperlenketten. Vollgerankte Fenster, hinter denen aus Wut Kleinverlage gegründet werden. Man scheint eingefroren in einer Zeit, aber in welcher? Jedenfalls streicht man über die Buchrücken — alles sehr wichtig. Zauberworte: intellektuell, Literatur, Gefühl. Am Ende weint Tellkamp über seine Geschichte vom Frosch und dem Stern. Das muss doch alles ausgedacht sein. Es kann diese Leute nicht geben. In der Faz stehen heute, so Tellkamp, taz-Sachen. Das macht ihn schon wieder wütend. Ja. Suhrkamp hat hier sicher nichts aus politischem Gründen zurückgehalten. Man wird peinlich berührt gewesen sein von 900 Seiten im Duktus eines Leserbriefschreibers mit zu viel Zeit im Stehcafé. Rotwein wird gesoffen, es geht auf keine Kuhhaut. Alles wie Fasching in der anthroposophischen Selbsthilfegruppe.

Wenn man aus dieser absurden Fernsehstunde noch eine bedenkenswerte Sache rausziehen will, dann vielleicht, wie hier ’normale Menschen‘ in den weinerlichen Selbstbespiegelungen eines eingedosten Milieus nur noch als Strohleute herhalten müssen, um gegen Wessis zu sächseln. Wenn Tellkamp sich echauffiert, „Grüne, die die Kinder auf Privatschulen schicken“, würden Entscheidungen treffen, die „Leute an Brennpunktschulen ausbaden“, dann streckt da irgendwo ganz tief drinnen ein Körnchen Realität, über das man zumindest nachdenken könnte. Allerdings würde natürlich das ganze Dresdner Zombieviertel Mauern aus DDR-Lyrik errichten, wenn solche ’normalen Leute‘ ihre Rotweinparty bedrohen würden. Es ist schon auch eklig.

PS: Es tut mir leid, dass ich mich hier so in dieser Tellkamp-Doku verbeiße, aber mir fällt dazu noch was ein. Irgendwas stimmt da sicherlich auch mit mir nicht. Es gäbe auch Wichtigeres. Gut. Aber da ja hier Social Media ist und der Strom für die Geräte noch billig, schadet es auch erst mal niemandem, wenn ich hier öffentlich Notizbuch mache. So – also es hat was damit zu tun, dass ich auch „Autor“ bin, obwohl die Art, wie in der fraglichen Doku „Autor“ überhöht und weihevoll mit Gleitcreme eingeschmiert wird, mich davon abrücken lässt – jedenfalls. Frau Maron sagt trotzig, in einem ihrer Bücher habe sie eine Figur denken lassen, es gebe im Viertel nur noch „schwarzhaarige Kinder“ (ich entnehme ihrem bedeutungsvollen Blick, es sind „Ausländer“ gemeint), und was denn würde, wen die alle erwachsen sind und selber Kinder haben. Das sei schon zuviel! Das dürfe man „nicht gedacht haben“.
Okay. Abgesehen davon, dass ich, anders als Maron, diese Gedanken schon außergewöhnlich bösartig und keineswegs alltäglich finde: klar darf man das schreiben.

Der übliche Einwand, schreiben dürfe man alles, es gebe nur kein Recht auf Veröffentlichung und Immunisierung ist wirklich etwas scheinheilig, denn natürlich läuft das irgendwann darauf hinaus, dass bestimmte Sachen aus der breiten Öffentlichkeit verbannt sind. Was ich persönlich auch gut finde, aber ja. Kunstfreiheit.
Tatsächlich finde ich, dass Kunst, Texte in diesem Fall, auch Dummes, Abseitiges, Monströses darstellen darf und sogar muss, und zwar auch ohne gleich durch sichtbare Distanzierungen alles wieder einzuhegen. Von Delanys Pornos über „American Psycho“ bis hin zu meinetwegen Kathy Acker, ich kenne viel transgressive Literatur, die mir Übelkeit verursacht, aber ich denke, ja, das hat seinen Platz.

Meine Frage an den Text mit den „schwarzhaarigen Kindern“ wäre dann aber: was kommt davor und danach? Warum denkt die Person das? Gibt es noch andere Positionen im Text? Findet eine Entwicklung statt? In welchen Kontext hinein wird so ein Text veröffentlicht? Welche Mittel setzt er ein? Gibt es noch andere Ebenen?
Und das scheint mir der Kern zu sein: man möchte in diesem inneren Dresden nicht hinterfragt werden. Irgendwas aber einfach hinzuschreiben und dann rehäugig zu leugnen, dass das überhaupt eine Provokation sei, keinen Millimeter reflektieren zu wollen, in welchem diskursiven Umfeld man sich bewegt, und vor allem, diese Reflektion nicht in den Text hineinzuholen (wie? Ja, Leute, das ist, das wäre eben: Kunst! Sonst würde es ja jeder machen) — das ist für Literatur zu wenig. Mit diesem großen Begriff wird dort ja beständig operiert.
Irgendwas hinschreiben, was man ja wohl mal gedacht haben könne, das ist keine Kunst, das ist Ressentiment oder Propaganda und wird, in die Öffentlichkeit getrotzt, politisch verantwortungslos. Es geht nicht um das Verbot nicht genehmer Inhalte, es geht darum, zu kritisieren, wie diese Inhalte sich in der diskursiven Umgebung bewegen — was einfach Aufgabe vom Nachdenken über Kunst ist.

Wenn aus dem Horrordresden vorgetragen wird: wir wollen nicht derart hinterfragt werden, wir wollen unsere Texte nicht derart überlegt gestalten, sondern nur unmittelbar was rausdrücken, dann sagt der Zombieverein, danke, ich will gar nicht als Künstlerin angesehen werden, ich bin bei meinem Bauchgefühl. Den Gefallen kann man ihnen tun.

Text: Jasper Nicolaisen

 

 

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