The Weekender 2026

„Bier und Konfetti“ – The Hold Steady in London

10. März 2026,

Am zweiten Märzwochenende fand in London zum achten Mal (beziehungsweise zum neunten Mal inklusive der Corona-Online-Version) die jährliche Residency von The Hold Steady statt. In diesem Jahr standen die Songs des Albums „Boys & Girls in America“ im Mittelpunkt.

Foto: Claas Reiners

Die Songs des Albums haben die Zeit mühelos überdauert und klingen noch immer so frisch wie bei ihrer Veröffentlichung vor zwanzig Jahren. Spätestens am ersten Abend des Weekenders im Electric Ballroom wird das deutlich: The Hold Steady betreten zu den Klängen von „Girls & Boys“ von Blur die Bühne und steigen anschließend mit Stuck „Between Stations“, dem Opener des Albums, in das Set ein. Danach folgt das komplette Album am Stück – inklusive der B-Seiten und Non-Album-Tracks.
Beim frühen Betreten des Electric Ballroom scheint sich zunächst das gängige Vorurteil zu bestätigen, The Hold Steady seien eine „Alte-Männer-Band“. Teile des Publikums haben die sechzig Jahre bereits überschritten. Doch – wie so oft – täuscht der erste Eindruck: Kurz vor Beginn des Sets stehen zahlreiche junge Menschen im Saal. Außerdem ist das Publikum in den vergangenen Jahren weiblicher und diverser geworden. Der inzwischen eingestellte und gelöschte Podcast „The Hold Steady are for Girls“ von zwei New Yorkerinnen könnte dazu beigetragen haben.

Es dauert nicht lange, bis die ersten Hände in die Luft gehen und aus voller Kehle mitgesungen wird: „There are nights when I think Sal Paradise was right, boys and girls in America have such a sad time together.“ Die Interaktion mit dem Publikum und der sogenannten Unified Scene – so heißt es im Banduniversum von The Hold Steady – war der Band schon immer wichtig. Die Identifikation mit den Texten über Pferderennen, um mit dem Gewinn Drogen zu kaufen („Chips Ahoy!“), die schließlich zu einer rastlosen Irrfahrt durch Minneapolis führt („Southtown Girls“) und irgendwann im Krankenhaus endet („First Night“) – oder in einer Messerstecherei („Hot Soft Light“) –, dürfte allerdings eher gering sein. Genau darin liegt jedoch ein Teil der Faszination von The Hold Steady. Die Songs erzählen cineastische Geschichten – mal absurd, mal realitätsnah – und verbinden diese mit euphorischer, manchmal auch sehnsuchtsvoller Musik zwischen Punkrock- beziehungsweise Hardcore-Spirit und Classic Rock. Es klingt, als träfe sich die E Street Band in einer Garage, um Songs von Hüsker Dü zu covern.

Keinesfalls handelt es sich bei den Konzerten um eine Nostalgieshow. Neben den älteren Songs werden auch Stücke aus dem jüngeren Output gespielt, und sogar ein ganz neuer Song findet an jedem Abend seinen Weg ins Set. Die Geschichte von The Hold Steady ist noch lange nicht auserzählt. Nun könnte der Eindruck entstehen, der zweite Abend im Electric Ballroom sei lediglich eine Wiederholung des ersten. Doch weit gefehlt. Zwar stehen auch an diesem Abend die Songs von „Boys & Girls in America“ im Mittelpunkt des Sets, allerdings tauchen sie an unterschiedlichen Stellen auf. Dazwischen präsentiert die Band Stücke aus nahezu allen Schaffensphasen. Es ist ein Partyset, das nur wenige ruhige Momente zum Durchatmen lässt. Die Stimmung im Saal ist erfüllt von „Ohohohs“, Bier und Konfetti. Bei der Zugabe singt Josh, der Merchandiser der Band, die dritte Strophe von „Stay Positive“. Alles begann mit einem Song – Positive Jam. Doch eine Band mehr als zwanzig Jahre zusammenzuhalten, ist eine ganz andere Sache. Möglich wurde das vor allem durch die Menschen im Saal – durch das Publikum.

Ich glaube, die vielen jungen Gesichter bringen noch einmal mehr Energie in den Ballroom, als es bei früheren Ausgaben der Fall war. Die Menschen suchen in einer Welt voller Kriege, Krisen und Überforderung nach etwas Echtem, nach einer Entlastung, die mehr ist als bloße Berieselung. The Hold Steady sind also doch identifikationsstiftend. Das ist der andere Teil, der die Faszination der Band ausmacht: Es sind die Persönlichkeiten innerhalb der Band, das Gefühl der Nahbarkeit und das Verstandenwerden. Es gibt noch eine andere Welt, die vielleicht nicht schön ist – immerhin handeln die Lyrics häufig von Drogen, Prostitution, mentaler Gesundheit, Mord, Enttäuschungen und Schlägereien. Aber es geht eben auch um Hoffnung, Euphorie, Katharsis und darum, wie sich eine Wiederauferstehung wirklich anfühlt.

Die Sonntagsshow findet jedes Jahr in einem anderen kleinen Club statt – dieses Jahr im Dingwalls, direkt schräg gegenüber vom Electric Ballroom. Die Stimmung ist bereits beim Einlass gelöst und voller Vorfreude. Eine Band in einem vergleichsweise kleinen Club zu erleben, steigert die Motivation des Publikums, an diesem Abend ein besonderes Erlebnis zu schaffen. Vom ersten Song („Gand Junction“) an sind die Arme nach oben gereckt, es wird gesprungen und lauthals mitgesungen. Im Set wechseln viele jüngere Songs mit einigen Klassikern und den bekannten Hits. Vor der Zugabe erhebt sich ein Chor aus hunderten Stimmen, die immer wieder den Refrain von „Stay Positive“ skandieren. Mehr braucht es nicht, um ein Glücksgefühl zu erzeugen.
Ein letztes Mal „Killer Partys“, ein letztes Mal Konfetti, ein letztes Mal „We Are All – The Hold Steady“, ehe das Publikum in die Nacht oder den nächsten Pub verabschiedet wird, wo sich lauter glückliche, aber müde Gesichter erzählen, wie viel ihnen diese Band bedeutet.

Text: Claas Reiners

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