25 Jahre vergangen seit dem letzten Konzert der Ramones

Rock’n’Roll, Drugs & H&M – Die abenteuerliche Geschichte der Ramones

3. August 2021,

Vor genau einem Vierteljahrhundert, 1996, spielten die Ramones ihr letztes Konzert. Was bleibt von den Begründern des Punk abseits von T-Shirts bei H&M und Tschibo, abseits von Anekdoten und Mythen? Die Geschichte der Ramones könnte ein Schlüssel zum Verständnis ihrer Zeit und unserer Musikkultur überhaupt sein. Von Tim „Rocketrocker“ Sarianidis

Screenshot aus „Deadlines“, Serie ZDF Neo

1989 mochte der Ostblock zusammenbrechen, schön und und gut, aber vor allem kamen die Ramones über meine Teenager-Musikwelt – Grönemeyer, Kylie Minogue, Die Toten Hosen – und hinterließen nichts als Trümmer. Ich ließ die Wende links liegen und verfiel der Band mit Haut und Haaren. Ich sang nicht, sondern schrie die Songs mit, lief nur noch in Chucks, kaputten Jeans und Lederjacke herum, verliebte mich während ich das Album End of the Century erwarb, erlebte höllischen Liebeskummer, als ich endlich, endlich Animal Boy in den Händen hielt, fuhr durch Deutschland, um die Band live zu sehen, war der wichtigste Ramones-Interpret (oder gar Exeget?) auf der Gitarre weit und breit, in meiner südhessischen Heimatstadt gründeten wir eine Ramones-Coverband. Dee Dee Ramone sah ich auf kleinen Bühnen solo und wie jener abgehalfterte Gott eine Bekannte von mir angrub, mit Marky Ramones bzw. seiner Vorband war ich ein paar Tage auf Tour, ich gewann eine Wette mit fettem Einsatz gegen einen Experten der Ramones-Epigonen Richies (NATÜRLICH ist der Song A real cool time auf dem Album Halfway to sanitiy und nicht auf Brain Drain) und erst viel später, nachdem ich viele, viele Jahre keinen einzigen Grönemeyer-Song mehr freiwillig angehört hatte, sank meine Liebe auf ein einigermaßen erträgliches Niveau.

Meine Manie ist lange vorbei, aber der Mythos Ramones erscheint größer denn je. Danger Dan singt von Hipstern, die Ramones-Shirts schätzen, in der neuesten ZDF-Comedyserie tragen die Protagonistinnen den berühmten Adler. Der Memorabilienhandel floriert, Mondpreise sind gang und gäbe. Und doch ist die Bedeutung der Punklegende Ramones, deren erstes Album dieses Jahr 45 Jahre alt geworden ist und die vor genau 25 Jahren ihr letztes Konzert gaben, unklarer denn je. Ich habe jedenfalls eine Menge unbeantworteter Fragen:

  • Weshalb genau wurden Tausende wie ich von der Band derart hysterisiert, dass wir unsere Eltern verkauft hätten für einen Tag mit der Band am Rockaway Beach?
  • Warum war und ist der Ramones-Kult so groß, die Breitenwirkung aber, vor allem auch in ihrem Heimatland, den USA, eher klein?
  • Welchen Platz hat die Band denn nun in der (Punk-) Rockmusikgeschichte wirklich, ist ihr Einfluss womöglich überschätzt? Was eigentlich ist Punk damals gewesen?
  • Welche Bedeutung hatte Rockmusik für die Gesellschaft im 20. Jahrhundert überhaupt?
  • Und schließlich: Wie könnte abseits aller Folklore- und Legendenbildung eine angemessene Einordnung und Würdigung der Band lauten?

All diese Fragen sind eine Sache für Popmusikhistorikerinnen – meiner Meinung nach ein Berufsbild mit Zukunft. Ich stelle mir ein packendes Buch vor, in dem kein Wort zuviel drin steht, das die Band-Geschichte erfasst und noch viel mehr: Eine Reise in die 70er Jahre, New York, Musik, -markt und -marketing, Bandgefüge und -dynamik und vieles, vieles mehr (Der Begründer des Ramones-Museums in Berlin, Flo Hayler, hat etwas derartig Opulentes über die Band veröffentlicht, doch beantwortet das Werk keine meiner obigen Fragen. Unbedingt empfehlenswert ist es dennoch). Ich bin sicher, ein solches Buch hätte den Pulitzerpreis in der Tasche, nur leider existiert es nicht. Alles, was ich tun kann, ist euch ein bisschen den Mund wässerig machen.

DIE MUSIK

Seit ungefähr 40 Jahren schreiben endlos viele Musikjournalisten, die Ramones spielten immer nur den gleichen Song und dieselben drei Akkorde. Niemand muss den puristischen Stil der Band mögen, aber die formale Klarheit mit Banalität zu verwechseln, ist vielsagend und erstaunlich dumm. Schon als Teenager ahnte ich das, und als ich begann, Songs der Ramones nachzuspielen, erkannte ich es auch: Ramones-Lieder mochten technisch nicht anspruchsvoll sein, aber sie steckten voller Tricks, waren geschickt arrangiert, Text und Musik griffen ineinander wie ein punkiges Yin und Yang.
Wie gingen sie vor? Sie kürzten rabiat – sogar das Erscheinungsbild der Band war kompakt durchinszeniert. Alle, die mal einen Text unter Schmerzen zusammengestrichen haben, kennen das: der übrige Rest wird komprimiert und gewinnt an Kraft. Mittels dieses universellen Prinzips, dazu Geschwindigkeit und einer nie zuvor so konsequent eingesetzten verzerrten Gitarre schufen die Ramones ab 1974 hochenergetische Lieder-Powerriegel, musikalische Adrenalinspritzen, die junge Leute wie mich quasi an die Steckdose anschlossen, verstromten und ihnen ein High nach dem anderen verpassten.

Das Entscheidende, und das macht das Ganze geschichtlich relevant, ist der Ramones immanente Gegensatz zwischen progressiven Musikanteilen (nie dagewesenes Tempo, ungewöhnlich kurze Songs, verzerrte Gitarre, provokante Texte) sowie Anteilen des traditionellen Rock’n’Roll der 50er/60er Jahre (Eingängigkeit, Melodien, Songstrukturen). Dieses Grundprinzip bildete auch ein zunächst latentes, später deutlicher vorhandenes Bandschisma ab und verursachte Spannung weit über die Musik hinaus. Aber Krach und Melodien, harte Gitarren und klarer Gesang, all das war nun denkbar – längst nicht nur, aber vor allem dank der Ramones. Die Tür zu einem ganzen Universum neuer Musiken tat sich auf.
Die  Ramones waren nicht nur Vorreiter, sie surften ausgiebig selbst auf ihrer losgetretenen Welle. Was stumpfe Kritiker als immer das gleiche Lied aburteilten, war in Wirklichkeit das Werk meisterhafter Stilisten – wenige Akkorde und Zeilen genügten, um abseitige, groteske, zum Teil comicartige Welten aufzumachen (Judy is a punk, I don’t care, 53rd&3rd). Jeff „Joey“ Hymans Gesang balancierte den aggressiven Sound der Instrumente aus, Hyman war zum Glück Crooner und kein Shouter. Dazu kamen seine und des Bassisten Douglas „Dee Dee“ Colvin Songschreiberqualitäten. Ihr Gespür für Rock’n’Roll-Melodien, Dynamik und einprägende Ein- und Zweizeiler, die sich perfekt in den schnellen Akkordwechseln einschmiegten, sind meisterhaft und stehen aus ihrer Zeit heraus.

Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die des Freiburger Musiksoziologen Michael Koltan. In seinem schon älteren, aber erstaunlich aktuellen, witzigen und lehrreichen Vortrag „Was ist avancierte Rockmusik?“ analysierte er, wie revolutionär und ungewöhnlich die Harmonien der Ramones sind, die gerade deswegen dem Text eine ganz andere Tragweite geben. Einer dieser endlos vor sich hin fiedelnden Bands dagegen, Pink Floyd, weist Koltan handwerklichen Pfusch und Kompositionsfehler nach, vor allem aufgrund von Effekthascherei („Das harmonische Geschehen ist in Wirklichkeit trivial, und wo es das nicht ist, ist es einfach musikalischer Quatsch“ – über Shine on you crazy diamond).
Des Musikexperten wohl faszinierendster Punkt: Die Ramones widerlegen Theodor W. Adorno. Der Philosoph und Soziologe (1903-1969), zur Zeit wieder schwer en vogue, vertrat elitäre Hochkultur und verachtete den zu seiner Zeit modernen Jazz, tat ihn und moderne Massenkultur („Stahlbad des Fun“) überhaupt als trivial ab. Gemäß Koltan gibt Pink Floyd dieser Kritik Nahrung, in dem die Band mit ihren Pseudo-Epen Richard Wagner hinterherhechelte – ein sinnloses Unterfangen, da Pop-Musik nun einmal simpler gestrickt ist als klassische Musik –, während die Ramones Adornos Kritik mühelos unterliefen. Sie erkannten, das Rock’n’Roll nichts mit alter Musik zu tun hatte. Wichtiger waren Ideen, Ironie, Symbolik, Erwartungen. Ist das nicht Punk, ein Spiel mit den Erwartungen? Rock’n’Roll war und ist jedenfalls dem Folk näher als der Klassik, eine Graswurzelbewegung, mit Geschichten „von der Bordsteinkante“.
Die Ramones wussten genau, was sie taten, ob das auch Pink Floyd wussten, ist fraglich. Es spricht einiges dafür, dass die vier New Yorker Vorstadtpunkrocker tatsächlich die musikalisch bedeutendste Band ihrer Zeit waren.

POLARISEREND WIE DIE MUSIK: DIE RAMONES-REZEPTION

Mit ihrem Sound punkteten die Ramones natürlich bei jungen Leuten, die noch die Frische hatten für solch Aufgeregtheiten, und deren oft instabile Lebensaufassung endlich Ausdruck erhielt. Aber im Verhältnis zur ihrer Bedeutung verkaufte die Band armselig wenig Platten, ihre Breitenwirkung blieb lange bescheiden, es schien, dass viele sie mochten und nur wenige sie hörten. Warum? MTV wurde die Schuld gegeben, weil die Ramones nie in die Heavy Rotation kamen, auch das US-Radio, auch europäische Medien galten in den 70ern und 80ern als zu konservativ für den neuen, provokativen Punksound.

Das mag alles stimmen. Aber auch wahr ist: Als Anfang der 90er Jahre der alte Punk ein Revival hatte, hörten Besucher wie ich, wie in den Indie-Diskos The Clash rauf und runterlief (Should i stay or should go), fehlten Police in keinem Set, die Ramones aber glänzten als Tanzflächengift. Am zu hohen Tempo der Songs kann es nicht liegen, Sheena is a Punkrocker ist exakt genauso schnell wie das in den 90er Jahren ungleich beliebtere Basket Case der kommerziellen Ramones-Nachfolger Green Day. Der Grund liegt wahrscheinlich im Beat. Sheena hat etwa ein knochentrockenes, kerzengerades Schlagzeug-Pattern, Basket Case dagegen einen abwechslungsreicheren, groovigen Beat. Zu Rockaway Beach können wir unkontrolliert pogen, auf Pet Semetary mit dem Fuß wippen, die Ramones eignen sich fürs Auto- und Achterbahn fahren, aber für’s Tanzen nur bedingt.
Spielte ihnen der in ihrer Musik angelegte Gegensatz vielleicht auch einen Streich? In den mit heute nicht vergleichbaren dynamischen Zeiten der 70er und 80er Jahre jagte alle paar Jahre ein musikalischer Trend den nächsten und der Ansatz der Ramones war womöglich ideal, um zwischen allen Stühle zu geraten. Um 1980 war Punk (vorläufig) schon wieder vorbei, Elvis tot, beackerten alte Rock’n’Roller zunehmend museale Pfade, lösten sich der musikalische Endgegner Led Zeppelin auf. Progressivere Gruppen drängten nach vorne. Wer es deftig mochte, hörte (New Wave of British) Heavy Metal, wer es nerdiger bevorzugte Hardcore, wer Hintergründiges schätzte The Smiths, Cure oder gleich Postpunk.
Befeuert von der Erfolglosigkeit – aber nicht nur davon – wurden bandintern wie extern scharfe Debatten geführt, wie die Band nun zu klingen habe. Viele meinen, die besonders puristischen ersten drei Alben mit dem typischen 1-2-3-4 und anschließendem Akkord-Gebolze sei heilig, der Rest könne mehr oder weniger (hier gibt es starke Abstufungen) weg. Coverbands und Nachahmer beziehen sich meistens auf die frühe Phase der Ramones. Die Kontroversen um die fünfte Platte, die berühmte Phil-Spector-Scheibe End of the Century, opulent und mit Streichern produziert, trägt bis heute ideologische Züge.
Warum, hat sich mir als Fan nie ganz erschlossen, ich mochte es gerade, wenn die Band so schillerte. Die Auseinandersetzungen sind aber bezeichnend für die Band-Rezeption. Sie galt als stilprägend, als wichtig, sie durfte doch musikalisch nicht machen, was sie wollte! Und außerdem waren sie Punkrocker, also echte Männer!

Dabei war End of the century zwar ein kommerzieller Ausflug mit Schwächen, blieb aber musikalisch interessant, es gab starke Songs, die Länge passte, es sang immer noch Joey Ramone. Das Nachfolgeralbum erscheint mir sogar noch interessanter: Pleasant Dreams (von 1981, hat auch Jubiläum, das vierzigste) ist quasi vergessen, ist aber toll produziert und enthält ergreifende Songs wie She’s a Sensation, 7-11 oder We want the Airwaves. Mark „Marky“ Bell gibt seine Visitenkarte als wohl bester Ramones-Drummer ab – hier ist der Groove ist tatsächlich mal variabel – und starke Metaphern der Platte (The KKK took my baby away) wurden in den Ramones-Kanon aufgenommen.
Doch alle größeren Experimente wurden schließlich gedisst und abgetan. Live verweigerte sich die Band der Entwicklung völlig, wurde beinahe zu einer Parodie ihrer selbst. Das Runterrasseln der Songs brachte die Menge zwar nach wie vor zum völligem Ausflippen – ich war teilnehmender Augenzeuge – doch musikalisch ist das kaum anhörbare zweite Livealbum Loco Live die schwächste Veröffentlichung im Œuvre.
Wenn die Beatles oder Metallica sich weiter entwickelten, warum nicht die Ramones? Es hat sicher etwas mit Identität und Identitätsstiftung zu tun, mit Ängsten um Verrat und den eigenen Werten. Welche genau das waren, was erlaubt sein darf, und was nicht, ist bis heute Gegenstand von faszinierenden Debatten im Punk-/Undergroundsektor – ich habe Leute auf Facebook noch 2020 argumentieren sehen, Punk sei reiner Kommerz! Ein Argument mit 40 Jahre altem Bart. Außerdem: Gitarrist John „Johnny“ Cummings übte schon aus ökonomischen Gründen (ein bisschen vielleicht auch aus konservativen) Schulterschluss mit denen, die gegen Neuerungen waren.

BAND, GESELLSCHAFT UND MUSIK IM ALTEN JAHRHUNDERT

Die Geschichte der Ramones bietet viele Deutungsmöglichkeiten, wenn wir den Blick zur gesamtgesellschaftliche Realität weiten. Überlegungen diesbezüglich wären ein spannendes Kapitel in dem fiktiven Buch. Einige mögliche Deutungshorizonte:

  1. Ein frühes Foto, das die Band auf dem Weg zum Gig im CBGB zeigt, fasziniert: Die Gitarre steckt in einer Plastiktüte, Dee Dee Ramone hält seinen Bass in der Hand, die Band fährt U-Bahn. So mittellos die Ramones zunächst waren, sie zelebrierten das nicht, wir sehen hier nicht die Begründer einer Subkultur. Die Band war anders als so viele spätere Punkbands kapitalistisch geprägt, sie hoffte auf Aufstieg und träumte den klassischen US-amerikanischen Tellerwäschertraum. Inwiefern waren die Ramones tatsächlich wertkonservativ, inwiefern erfanden sie „aus Versehen“ Punkrock, oder nur als Mittel zum Zweck? Ist (Punk)Rock überhaupt politisch irgendwo anzusiedeln oder nur Ausdruck der Rebellion gegen bestehende Verhältnisse, egal welche? Die späteren scharfen Abgrenzungsversuche zwischen Punk und Kommerz kannte die Band jedenfalls nicht.
  2. Gitarrist John Cummings‘ Down-to-earth-Konservatismus – er sammelte Baseballkarten, hasste Gitarrensoli und sah die Band als 9 to 5 Job an – mochte eine Skurrilität darstellen, sein Arbeitsethos, seine Disziplin und sein Geschäftssinn trug entscheidend zum Erfolg bei. Der Ramones-Workload ist kaum fassbar. Die Band veröffentlichte sechs Studioalben in den ersten fünf Jahren — und nicht irgendein Material, sondern ihr bedeutendstes –, sowie einen Soundtrack und ein Live-Album. Später wurde ihr Aufnahme-Rhythmus nur unwesentlich ruhiger, während sie andauernd auf Tour gingen. Im Schnitt gaben sie mehr als 100 Konzerte jährlich, insgesamt in 22 Jahren 2263! Wer das Touren kennt, weiß, was das heißt: Endlose Fahrerei, wenig Schlaf, nervtötende Warterei, immer die gleichen Visagen im Bus, Alkohol, Drogen; schließlich abends anderthalb Stunden körperliche Hochbelastung und Adrenalinflash. Dazu all die Spannungen, Intrigen und Kämpfe zwischen den Bandmitgliedern: Wie haben die Ramones all das jahrzehntelang überhaupt durchgestanden? Auch das erscheint mir — bei allen nötigen Differenzierungen – fast schon prototypisch für einen kapitalistischen, amerikanisch-protestantischen Arbeitsethos. Aus all diesen und einigen anderen Gründen halte ich die Entstehung der Ramones in Europa übrigens für undenkbar. Umso interessanter, dass die Propheten des Punk im eigenen Lande recht wenig galten.
  3. Das New York der 1970er Jahre, vor Reagan, AIDS und Gentrifizierung , muss unwiderstehlich gewesen sein. Kunst, Musik, Film, Experimente: Vieles inspirierte sich gegenseitig, alles schien möglich; das war der Nährboden der Band und auch der Grund, warum sie schon früh ein Logo besaß, bzw. im Branding sehr aktiv war (dahinter steckte der Künstler Arturo Vega).
  4. Auch eine erstaunlich klassische Erzählung: Die Band spiegelt die US-Einwanderungsgesellschaft wider. Erster Boss und Erfinder der Sounds war Schlagzeuger Tamás „Tommy Ramone“ Erdélyi, der noch in Ungarn geboren wurde und dessen Eltern dem Holocaust nur knapp entronnen waren. Bassist Colvin hatte eine deutsche Mutter.
  5. Die Ramones beendeten ihre Karriere mitten in den turboliberalen 90er Jahren, was zu allerlei Interpretationen verführt. Eine neue Generation Punkbands wie Green Day oder Blink 182 wurde groß, die augenscheinlich weniger Probleme mit Identitäten hatte und noch weniger damit, an den Mainstream anzudocken. Vielleicht, weil sie im Massenkonsumzeitalter der 80er groß geworden waren und all nötigen Kämpfe von den Ramones bereits ausgefochten waren?
  6. Es erklärt sich vielleicht ein stückweit von selbst, warum der Ramones’sche Content (Musik) heute immer noch nicht im Radio läuft, die Bandäußerlichkeiten (Merchandise) umso präsenter sind: An die Ära der durchgestylten iPhones, Teslas und Comics docken die Ramones als Branding-Pioniere mühelos an. Zudem haben sie den Merchandise quasi begründet. Ideal in Zeiten des Iconic Turn, der visualisierten Kommunikation.
  7. Die Band dient als Projektionsfläche für heutige Retrofantasien. Die Ramones – vor allem ihre T-Shirts bei H&M – laden ein, vom letzten Viertel des 20.Jahrhunderts zu träumen, in dem nicht jeder Urlaubsflug diskutabel und die Umwelt noch halbwegs intakt war. Niemand wurde auf social media unter Druck gesetzt, unsere Lebensweise nicht infrage gestellt (für die Spät-Geborenen: Sie wurde infrage gestellt). Ich versteige mich vielleicht ein bisschen, aber ich frage mich schon, ob Musik und Musikstile nicht grundsätzlich ein Mittel für die Jugend darstellen, sich den permanent verändernden Zeiten der Moderne anzupassen und Halt zu geben.
  8. Was bleibt wirklich von all dem Streben nach individueller Besonderheit, Ruhm und Reichtum? Vielleicht ist die Geschichte der Musiker-Selbstzerstörung von den Ramones (Drogentod von „Dee Dee“ Colvin, Alkohol- und Drogenmissbrauch bei anderen) über Nirvana bis Soundgarden auch eine kritische Begleitung einer zunehmend individualisierten Gesellschaft. Darunter fielen übrigens auch (häusliche) Gewalttätigkeiten, auch von und bei Ramones-Mitgliedern.

Am Schluss trieben die Ramones ihren Ausverkauf in beschämende Höhen. Sie verramschten gebrauchte Plektren, Trommelfelle und Drumsticks, das gesamte Musikequipment kam unter den Hammer. Alles musste raus, sogar Johnnys Auftrittsjeans, immerhin gab er sie ausnahmsweise billiger ab (sie hängt im Museum), weist aber auch einen verdammt großen Pissfleck neben dem Hosenschlitz auf.

Mögen die Gründungs-Mitglieder in Frieden ruhen, die Band geistert weiter einem Zombie gleich über die Accessoire-Märkte dieser Welt. Aber so war und ist eben die US-amerikanische Gesellschaft, die einerseits etwas wie die Ramones und Punk überhaupt erst möglich machte, andererseits deren nackten Häute zu Markte trug – völlig faszinierende Zustände, die viel genauer beschrieben gehören. Ich glaube, dass wir erst am Anfang stehen, was das wirkliche Verständnis von Musik und (Sub-)Kultur betrifft.

Damals, wenn ich in meinem ‚Mones-Mobil (roter Ford Escort mit Ramones-Aufkleber) sie wieder mal hörte, etwa Oh oh I love her so, dann drehte ich euphorisch auf und vergaß alles um mich herum: Dann sitzt meine große Liebe plötzlich neben mir, meine Freunde auf der Rückbank, der Wind spielt mit unseren Haaren und der Sound der Ramones bläst uns ans Meer. Wir haben die euphorische Vorfreude auf einen perfekten Tag – inklusive Saufen, knutschen und kotzen am Feuer – während die Welt in unser Lager wechselt: Nicht die Ramones werden Mainstream, sondern der Mainstream Ramones. Wir würden nicht allein sein, das Richtige tun und der Druck, in diesen Zeiten erwachsen zu werden, von uns fallen. Hoffnung, Heilung, Hey ho.
Schade, dass die Songs immer so kurz sind.

Text: Tim Sariandis

Der Autor beim Singen in der Ramones-Coverband „The KKK’s“, 1992 (Foto: Linus Volkmann)

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