Eine Reise nach Bielefeld

Wie wir im Oetkerpark nebeneinander auf dem Rasenboden sitzen

15. Februar 2022,

Mit einem Freund hat Salya Föhr die berüchtigte Unstadt Bielefeld besucht, um auf den Spuren der frühen Hamburger Schule (Bienenjäger, Blumfeld, Bernd Begemann, Bernadette LaHengst) zu wandeln und Orte aufzusuchen, die wichtig waren für diese richtungsweisenden Gruppen. Daraus entstand dieser Text.

Anrufe, die ein ganzes Wochenende umkrempeln, erreichen einen meist morgens um fünf, nachdem man sich gewohnheitsgemäß schlafen gelegt hat. Zuvor hatte ich noch mehr schlecht als recht herumliegende Nachweise und Zeugnisse für eine Bewerbung beim Deutschlandfunk zusammen gesucht in der vagen Hoffnung es dort zu versuchen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen und vielleicht ist das besser so. Lustig ist der Zufall allemal, schickte mir doch der Freund, der mich betrunken morgens anrief, im Laufe der Stunden als Vorbereitung auf unsere Reise, ein Hörspiel von eben jenem Sender. Ein so liebevolles wie treffendes und amüsantes Hörspiel über einen jungen begeisterten Mann, der eines Tages beschließt einfach in den Zug zu steigen und nach Bad Salzuflen zu fahren. Für die meisten ist nicht ersichtlich, was es dort zu sehen gibt und dies umreißt auch die Stimmung der Sendung, begibt sich doch der Mann auf eine Spurensuche nach den musikalischen Helden seiner Jugend, die in Bad Salzuflen und Bielefeld ihre Anfänge nahmen. Die andere Hauptperson ist eine junge Frau, die die Verwirrung des gemeinen Hörers wie auch meine symbolisiert: Der Groschen fällt für mich bei diesem übersteigerten Telefonat des Freundes nicht direkt, bei jener Frau im Hörspiel erst unendlich viel später, wenn sie sich mit der fremden Reisebegleitung bereits angefreundet hat: Auf in die Provinz nach Bielefeld! Der gute Freund am Telefon macht sich mit immer schriller sich wiederholenden Ausrufen wie BIELEFELD! DISTELMEYER! BLUMFELD! BIENENJÄGER! bemerkbar. Nun kann ich nichts anderes als wach sein, ist die Möglichkeit für eine andere Zukunft durch eine Fahrt in den Westen doch ungleich witziger, als jene einer schnöden Bewerbung, bei der ich mir sicherlich eh eine Absage eingehandelt hätte. Dem Freund gelingt es nach einigen Minuten mich (aus Leipzig) zu überreden mit ihm (aus Frankfurt) nach Bielefeld zu fahren, um sich dort dem Hörspiel gleich auf die Spuren gemeinsamer Lieblingsbands und seiner vergangenen Jugend und Studienzeit zu begeben.

2017 kamen die Songs der Band „Jetzt!“ aus den 80ern unter dem Namen „Liebe in großen Städten“ auf einem neuen Album heraus. Eine wundervolle Platte, die ich, nachdem ich übermüdet und hektisch eine Zahnbürste und einen Reader von Martin Büsser in den Rucksack geworfen und die Haustür zugeschlagen hatte, um zum Bahnhof zu rennen, ohne vorher wirklich noch einmal geschlafen zu haben, nun im Zug hörte auf dem Weg in dieses seltsame Bielefeld, von dem der Freund in seinen Nachrichten schwärmte. „Als in Bad Salzuflen, in einem Dorf am Ende der Welt, im nordrheinwestfälischen Kreis Lippe, Mitte der 80er begonnen wurde, in deutscher Sprache über Politik und Liebe zu singen, war die Neue Deutsche Welle über alle Errungenschaften der hiesigen Punk-Szene hinweggerauscht und hatte sie diskreditiert. Die deutsche Musik war tot.“ heißt es in dem Booklet zum Album. Tot, das war aber auch ich, als ich endlich nach vier Stunden Fahrt am kleinen Bielefelder Bahnhof ankam. Der mir mittlerweile ein wenig wahnsinnig vorkommende Freund hatte uns bereits ein Hotel gebucht und ließ anklingen, er wolle doch selbstverständlich und auf jeden Fall in den Puddingpark mit mir gehen.

Trotzdem ich Blumfeld sehr gerne habe und auch Bernd Begemann und Bernadette La Hengst wichtig für mich sind, erschloss sich mir diese Referenz nicht. Der Freund war längst in Bielefeld abgetaucht und ähnlich unauffindbar wie die Stadt selbst, die es doch nicht gibt. – Aber na klar! durchfuhr es mich da: Es ging um den Oetkerpark, der von Jochen Distelmeyer in dem Lied „Herz eines einsamen Jägers“ besungen wird. Dieses Lied mochte ich schon lange, nicht zuletzt wegen seines schönen Titels, der einem meiner Lieblingsromane „The Heart Is A Lonely Hunter“, von Carson McCullers, entlehnt ist. Bei den schnellen Schritten des Freundes hin zum Park musste ich schmunzeln, war doch meine leichte Überforderung mit seinem seltsamen Enthusiasmus eine Spiegelung eben jenes Hörspiels, was ich mir gerade noch im Zug angehört hatte. „Nieder mit den Umständen, es lebe die Zärtlichkeit“ musste ich da denken und Zitate all dieser tollen Musiker umschwirrten mich unsichtbar und beschützend. „Wir waren Nerds und haben in der Bubble gelebt. Wir haben uns gegenseitig angestachelt und uns mit einer Teilöffentlichkeit begnügt. Nicht einmal der lokale Untergrund wollte uns haben, aber wir hatten uns gegenseitig. Stellen Sie sich die Selbsthilfegruppe „Narzisstische Störung Herford/Bad Salzuflen“ und ein paar schüchterne Mitmusiker/innen vor, über die die Natur freundlicherweise noch ein paar Liter Hormone gegossen hat. Viel Testosteron, aber auch Bernadette La Hengst.“

An diese Worte Frank Spilkers erinnere ich mich, während wir den Siegfriedplatz kreuzen. Nerds, das waren wohl auch wir. Wer ist denn bitte so verrückt unausgeschlafen spontan in einen Zug zu steigen, um der frühen Hamburger Schule in provinziellen Feldern und leergefegten Straßen nachzuspüren? „Acht Stunden sind kein Tag!“ (Jetzt!) rief ich dem Freund grinsend zu, als wir schon reichlich betrunken im Oetkerpark saßen, der mir recht gut gefiel und ihm Anlass bot in Monologe zu den Bienenjägern zu verfallen.

Wir bleiben noch einen weiteren Tag, besichtigen die Universität, deren verschlungene Pfade mir gefallen. Der Freund schaut durch die Fenster und ist in Gedanken nicht dort wo ich bin, sondern wohl, so denk ich mir: „Back to Brake, Bielefeld, Haus der Geschichte / in den Garten der Erinnerung / zu den Bäumen und den Früchten / Meinen Ängsten, meinen Träumen / über Wiesen über Felder / durch die nahgelegenen Wälder / Zu der Stelle, wo der Bus hält / Und mich mitnimmt, ein paar Meter.“ Ich bin seine Begleitung während wir sie kreuzen, die Blumfeldwege, zurück zum Oetkerpark.

Wir treffen einen Komplizen, mit dem wir irgendwann morgens um zwei Uhr die Tocotronic-Zeile „Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam“ brüllten, bis uns unheimlich wurde bei den Worten „Ständig halten sie an und müssen Luft holen“, passen diese doch erschreckend zur aktuellen Gegenwart, die wir versucht waren zu vergessen. Viel Bier, viel Sekt und nostalgische Gespräche über Konzerte, zerbrochene und wieder aufgelebte Freundschaften, das war Bielefeld an Pfingsten. Montagmorgen rannten wir zu zweit zum Bahnhof, in Hannover trennten sich unsere Wege nach Ost- und Westdeutschland. „Wir wollten alles, alles auf einmal und wir bekamen von allem ein bisschen, nichts bekamen wir richtig in unseren wilden Jahren“ (Jetzt!) kommt mir in den Sinn, für mich wohl einer der besten Songs auf dem Album. Wir stehen erschöpft und froh auf dem Bahnsteig und der Freund schaut etwas enttäuscht und wehmütig auf Bielefeld und meint, es wäre ja dann doch eine sehr kleine, nicht allzu spannende Stadt. Ich schau ihn an und denke: „Manchmal krieg ich noch feuchte Augen bei der Erinnerung, an eine Zeit, die nie so gewesen ist. Unsere wilden Jahre, unsere traurigen wilden Jahre.“ schweige aber behutsam und erwidere nichts als wir in den Zug steigen, der uns fort führt aus diesem Dorf am Ende der Welt.

Text: Salya Föhr

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