Der Schmerz ist groß – Unsane live
„Eigentlich überall“, die schönste Live-Kolumne der westlichen Welt, sendet wieder. Nehmt teil am illustren Leben unserer beiden Actionfiguren Benjamin Moldenhauer und Saskia Timm. Diesmal schreibt Benjamin über einen Auftritt von Unsane.

Foto: Saskia Timm
Männer haben Schmerzen, Männer machen Musik. Alle Vergeigte und alles Scheitern muss dann in die Songs geprügelt werden, besser wird dadurch natürlich nichts, sonst wären Sound und Stimmung ja nicht immer gleich. Unsane spielen seit fast vierzig Jahren Schmerzensmannmusik, nicht in der larmoyanten Variante, also nicht melancholisch-verhuscht, sondern autodestruktiv und bis einer heult. Chris Spencer ist das einzige konstante Mitglied, der erste Schlagzeuger Charles Ondras starb 1992, Überdosis. Spencer wurde 1998 in Wien schwer zusammengeschlagen, innere Blutungen, OP.
Unsane machen Musik, die klingt, als wollten die Menschen, die sie spielen, alles rauslassen, damit es endlich weggeht. Aber nix geht. Dadurch entsteht großer Innen-, Außen- und Schalldruck, und live ist das wirklich ein großer Spaß, paradoxerweise. Das Konzert im Kesselhaus ist toll, Spencer schwitzt und schreit, Bass und Schlagzeug legen das Fundament, das Publikum (80 % Typen, 90 % in Schwarz, 70 % mit Cap) nickt mit den Köpfen und lächelt überraschend oft. Unsane haben Spaß und sind enger musikalisch beieinander als andere Noiserockbands aus der Amphetamine-Reptile-Zeit, eine von diesen Bands, die klingen, als würde die Musik von einer Einheit, einem einzigen Körper gespielt werden, und nicht von drei Leuten.
Textlich auch tipptopp, alles ist Verzweiflung und Elend, aber eben ohne so dieses immer etwas schwachsinnig anmutende Pathos. Der Schmerz, den diese Band beschreibt, ist groß und ein körperlicher, die Probleme, die die Menschen in diesen Songs quälen, sind keine spirituellen, sondern sehr handfest. „I know it’s always on me / Since only I could stay / It’s not the way shit could be / I know it’s always pain“, schreit der nach drei Minuten Spielzeit komplett verschwitzte Sänger (die Menge an Körperflüssigkeit, die sich auf und vor der Kesselhaus-Bühne verteilt, ist schon ein bisschen eklig, alles voller Männerschweiß) und erklärt, dass das Stück „Only Pain“ sein „favourite song“ sei.
Meiner ist „Against The Grain“, vom ich finde besten Unsane-Album „Visqueen“. Da kommen Leid und Elend ebenfalls nicht aus etwas Erhabenem, sondern aus dem dumm Versäumten und Verkackten. Die Helden in den Songs von Unsane sind keine sensiblen Melancholiker, die an der Welt leiden, sondern Typen, die einfach immer wieder Scheiße bauen oder Pech haben und aufs Maul kriegen:
„I saw the things that could be
And now they’re going to stay
You know that I can’t take this
I can’t watch this throw away
It’s not the things you call me
It’s not the time to stay
I know I fucked up
I can’t make this go away“
.
Man glaubt sofort jedes Wort. Im Konzert ist das dann schon auch, in der Intensität, irritierend, dieses andauernde Sich-auskotzen ohne jedes Theater.
Am Ende, als dann niemand mehr an der Kasse sitzt, kommt noch ein verirrtes Dutzend Druffies von der Elektro-Party im Erdgeschoss hochgeschwankt und dreht nach zehn Sekunden durch, alle T-Shirts aus und losbrüllen, einem geht es auch nicht so gut, und er rollt im Takt des letzten Songs auf dem nassen Boden hin und her und spiralisiert sich dann in die Embryonalstellung. Der Hammer, mit dem Unsane ihr Publikum verdreschen, ist für alle gedacht.
Text: Benjamin Moldenhauer

Foto: Saskia Timm





