Friko: „Sommerferien sind für immer, alle wissen das. Freiheit, baby. Freiheit!“

Friko (Photo: Adam Powell)
Klingt vielleicht albern, doch ich kann mich gut an den Moment erinnern, in dem ich zum ersten Mal gedacht hab: Dieser Tag ist gerade viel geiler als die meisten anderen, die ich bisher erleben durfte. Müsste Mitte der Nullerjahre gewesen sein, ich war sieben oder acht Jahr alt, saß auf meinem Fahrrad und bin im „Die Wilden Kerle“-Shirt durch die pralle Sonne gefahren – auf dem Weg von einem Kumpel zum nächsten. Vermutlich hatte ich an dem Tag bereits Pokémon-Karten getauscht oder Räuber und Gendarm gespielt, jedenfalls hatte ich erstmals das Gefühl, ich könne mit meinem Fahrrad nun überall hinbrettern. Verpflichtungen? Pff. Sommerferien sind für immer, alle wissen das. Freiheit, baby. Freiheit!
„Something Worth Waiting For“, das zweite Album der Chicagoer Indie-Rock-Band Friko, will bewusst dieses kindliche Unschuldsgefühl rekreieren. In dieser Musik ist alles möglich, müssen tut sich gar nichts – außer grinsend gen Horizont rasen. Oft, aber nicht immer durch Tempo, so ist der Closer „Dear Bicycle“ geradezu meditativ in seiner hoffnungsvollen Positivität. „Der Song ist eine Hommage ans Kindsein selbst“, erzählt Friko-Frontmann Niko Kapetan im Interview mit Kaput. Die gesamte Band ist sich einig, dass eigentlich alle Songs auf „Something Worth Waiting For“ darauf abzielen.
Auch das Albumcover fängt dieses Gefühl ein; sofort musste ich dabei an jenen eingangs erwähnten Kindheitstag denken. „Das Cover wurde ursprünglich von einem alten Foto inspiriert, das ich vor 10 Jahren in einem Antiquitätenladen in Ohio gefunden habe“, erklärt Bassist David Fuller. „Es stammt aus einem Artikel aus den 1930er-Jahren namens ‚Barking Lights Only‘. Darin ging es um Farmhunde, und zu sehen war einfach ein Schwarz-Weiß-Foto von Hunderten Farmhunden, die auf einen Kameramann zurennen. Seit ich es gesehen habe, hat es mich nicht mehr losgelassen. Ich denke oft daran. So oft sogar, dass ich mir fast zehn Jahre später dachte: Ich muss das irgendwie verwenden. Als wir also über das Albumcover nachgedacht haben, habe ich die Idee vorgeschlagen. Nur dass es statt Hunden einfach Menschen auf Fahrrädern sein würden, weil wir eine Verbindung zum Thema Transport brauchten – das ist schließlich ein zentrales Element der Platte.“

Friko (Photo: Adam Powell)
Ja, um diverse Transportmittel geht es auf „Something Worth Waiting For“ tatsächlich: Nicht nur Fahrräder spielen eine Rolle – im Closer und auf dem Plattencover –, sondern auch Heißluftballons („I just wanna set a light beneath a balloon and fly“) und vor allem Züge, das typischste und amerikanischste Aufbruchssymbol. Wenn die erste Strophe im kindlich betitelten Lokomotivsong „Choo Choo“ einsetzt, wird die Band schneller, schmeißt sämtliche Bremsen aus dem Fenster. Ständig hat man das Gefühl, Friko würden irgendwas Entferntes erreichen wollen. „I wish I took the train today, I wish I took it almost every day, I’d take it far away, and go like choo-choo!“, heißt es im antreibenden Refrain. Dieser Wille, aufzubrechen, steckt an.
Bei einer Zeile wie „The city’s still asleep and we’re never gonna make it out“ muss ich sofort an das ultimative Lass-uns-abhauen-Album der Rockgeschichte denken: „Born to Run“ von Bruce Springsteen. Doch Friko beziehen ihre Inspiration vor allem aus einer anderen Musikära – einer, die ihre Kindheit und Jugend geprägt hat, denn Aufbrechen und Erinnern schließen sich auf „Something Worth Waiting For“ keineswegs aus. „Ich bin mit viel Musik aufgewachsen, in der es darum ging, irgendwo anders hinzugehen“, erinnert sich Hauptsongwriter Kapetan. „Ich war in meiner Jugend ein riesiger Fan von Deerhunter, und in deren Songs ging es ständig um genau solche Dinge. Ich möchte nicht ausschließlich über Fluchtfantasien nachdenken, weil das ein einfacher Ausweg ist. Aber es gibt einen Grund, warum dieses Thema so oft aufgegriffen wird. Wenn man das in einem Song richtig umsetzt, kann es wirklich sehr befreiend sein.“
Der Haupteinfluss von Friko ist der Indie-Rock der Nullerjahre – jenes Jahrzehnts, in dem das Genre seinen künstlerischen wie kommerziellen Höhepunkt erreichte. Dass die Band ständig mit anderen Gruppen aus dieser Zeit verglichen wird, scheint die Mitglieder kaum zu stören. „Wenn man so tief in Musik eintaucht, zeigen sich die eigenen Einflüsse ganz von selbst – man trägt sie gewissermaßen offen nach außen, ob bewusst oder unbewusst“, sagt Drummerin Bailey Minzenberger. Wenn man sich beim Highlight „Seven Degrees“ also unweigerlich an Bright Eyes erinnert fühlt, ist das für Friko kein Problem. Die Songs sind ohnehin stark genug, um solche Vergleiche mühelos auszuhalten.
Mehr noch ist es der maximalistische, epische Bombast-Indie jener Zeit, den Friko tief in ihrer DNA verankert haben. Chicago spielt für die Band natürlich eine Rolle – sie sind stolz, großartige Gruppen wie Ratboys zu ihren Freunden zählen zu können –, doch eher fühlt man sich an die 2000er-Bands aus Montreal erinnert: Wolf Parade, und natürlich auch Arcade Fire. Die Parallelen sind offensichtlich: Auch bei Friko sind die E-Gitarren oft clean und zugleich extrem intensiv, weil sie mit brachialer Wucht angeschlagen werden; der Gesangsstil von Niko Kapetan, bei dem jeder Atemzug ebenso bedeutungsvoll wirkt wie jede einzelne Note, erinnert unweigerlich an das nervöse Bellen von Arcade-Fire-Frontmann Win Butler; „Something Worth Waiting For“ klingt kratzig und roh, aber auch orchestral und sorgfältig arrangiert. Das sei von Anfang an ein Ziel der Band gewesen, sagt Kapetan: „Wir wollten die Arrangements bewusster gestalten. Auf der ersten Platte haben wir mit weniger Elementen gearbeitet. Man nutzt das, was man hat – und bei dieser Platte ist im Grunde eine weitere Person mit Korgan als zweitem Gitarristen dazugekommen.“ Auch Produzent John Congleton hat der Band neue Möglichkeiten eröffnet, erzählt Bassist Fuller: „Theoretisch wäre es ziemlich einschüchternd, mit jemandem wie John zu arbeiten, weil er einen beeindruckenden Lebenslauf hat. Er hat an vielen Aufnahmen gearbeitet, die wir alle vier sehr lieben. Er hat einen meiner Lieblingssongs aller Zeiten mitproduziert, nämlich ‚Jim Cain‘ von Bill Callahan. Am Anfang war das schon verrückt: Ich werde mit dem Typen arbeiten, der ‚Jim Cain‘ produziert hat, einem der besten Songs, die je geschrieben wurden! Aber wir haben uns daran gewöhnt. John hat den Luxus, viel Zeit und viel Erfahrung zu haben. Er hat es uns wirklich leicht gemacht – oder zumindest so leicht, wie es nur ging.“
Fast jeder Song auf „Something Worth Waiting For“ steigert sich und mündet in ein Crescendo. Wenn ein Stück nur mit Gesang und Gitarre beginnt, wird das so inszeniert, dass von Anfang an klar ist: Gleich wird die ganze Band einsetzen und eskalieren. Friko wollen, dass man etwas fühlt – und genau dafür sorgen sie in jeder Sekunde. „Don’t make me guess if that’s a cry or a laugh“, heißt es schon im Opener „Guess“ – eine Zeile, die deutlich macht: Ob du lachst oder weinst, ist letztlich nebensächlich; beides sind intensive Reaktionen und damit willkommen. Friko ziehen durchgehend alle Register. Der zitierte Satz kehrt später wieder, dann allerdings als Schrei. Für manche mag das auf Dauer zu viel sein, mir gefällt diese konsequente Energie jedoch gut.
Weil diese Sehnsucht, dieses ständige Greifen nach den Sternen einfach toll ist. Es gibt natürlich noch mehr Nullerjahre-Vergleiche als die bereits erwähnten: „Immer wenn ich an eine Platte denke, die in mir ein Gefühl von Sehnsucht auslöst, komme ich auf Broken Social Scene und deren Album ‚You Forgot It in People‘ zurück“, erzählt David Fuller. „Ich trage diese Platte seit meinem 16. Lebensjahr tief in meinem Herzen. Fast ein halbes Leben später trifft sie mich immer noch genauso stark, wenn nicht sogar noch stärker. Ich glaube, vieles von dem, worüber diese Band schreibt, hat etwas mit diesem Gefühl zu tun: ‚Wir sind fast da, Leute! Wir sind fast da! Gebt nicht auf!’ Das ist vielleicht nicht unbedingt der lyrische Gehalt all der Songs, aber das lösen sie in mir aus.“ Bei dem besten Indie-Rock der Nullerjahre geht es genau wie bei Friko um diesen „unerreichbaren Sehnsuchtsaspekt, mehr als um das eigentliche Ankommen.“
Der Titel des neuen Albums passt also perfekt: Denn das Album lebt von dem Glauben daran, dass es etwas gibt, auf das es sich zu warten lohnt. Wem diese Einstellung fremd ist, der wird mit dem leuchtenden Indie-Rock auf „Something Worth Waiting For“ nichts anfangen können. Man muss fest davon überzeugt sein und das eigene Leben davon abhängig machen. Im Übersong „Still Around“ bringt Kapetan es auf den Punkt. „It only starts to come when you need it most“. Es geht also nicht nur ums Wollen – es geht ums Müssen.
„Ich werde in drei Wochen 30“, erzählt Bassist Bassist Fuller mir am Ende unseres Interviews. „Ich dachte mir immer schon: Bis zu meinem 30. Geburtstag muss ich ein Album draußen haben, das ich wirklich, wirklich liebe.“
Gratulation!

Friko (Photo: Adam Powell)





