Hand drauf – zum Tod von Lou Koller (Sick Of It All)
Lou Koller von Sick Of It All verstarb am 24. Juli 2026 an Krebs. Mit seiner Band, mit seinen Songs hat er mehr als nur ein Genre geprägt. Ein Nachruf von Matthias Hufnagl.

Original Kalendereintrag / Sammlung Hufnagl
Am 8. März 1999 haben Sick Of It All im SO36 in Berlin gespielt. Das war die Tour zum Album „Call To Arms“. Ich weiß noch, dass die Show an einem Montag war. Damals lebte ich in Dresden und an diesem Tag mussten wir warten, bis alle Mitfahrenden mit dem Arbeiten, der Schule, oder wie ich, mit dem Zivildienst fertig waren. Wir kamen also erst spät mit dem Auto los und waren nach einer gefühlt endlosen Parkplatzsuche mit die letzten im Club. Ich sehe die Szenerie noch genau vor mir: Eine Schlange vor der Tür gibt es schon nicht mehr, Jacken lassen wir wie immer im Auto. Dann schieben wir uns mühsam Reihe für Reihe durch den vollen Raum, bis wir ziemlich weit vorne stehen. Als Sick Of It All auf die Bühne kommen, schalten alle auf Schleudergang. Der Unterschied zwischen Band und Publikum verschwimmt mit den ersten Takten in einem Meer aus Stagedivern, die, einmal gelandet weiter den Moshpit am Rotieren halten. Von Außen betrachtet sieht das bestimmt wie immer ziemlich rau aus, im Vergleich zu anderen Hardcore Bands habe ich mich bei Shows von Sick Of It All aber über all die Jahre nie nicht sicher gefühlt. Die Regeln waren hier schon damals klar und kamen mir in meiner Schmächtigkeit ziemlich zugute:
Die Großen passen auf die Kleinen auf.
Wer hinfällt, wird aufgehoben.
Keine Schlägereien.
Auch die Band hat von der Bühne ein Auge darauf, dass vor ihnen niemand zu sehr eskaliert.
Schließlich bin ich an der Reihe. Ein großer Typ mit tätowiertem Biohazard-Logo auf dem Unterarm hilft mir auf die Bühne. Da bin ich nicht allein. Viel zu viele turnen sportlich mitgröhlend um die Band. Freundlich aber bestimmt fängt die Security an, diese erstmal wieder zu räumen, indem sie beim Rückflug Richtung Publikum etwas nachhilft.
Mich versetzt das derbe unter Stress. Ziemlich verwirrt stolpere ich von einem Ende der Bühne zum anderen – finde aber partout keine Lücke zum Springen. Stau beim Stagediven!
Ungefähr auf Höhe von Lou Koller, dem Sänger schiebt mich ein Security-Dude schließlich Richtung Bühnenrand. Ich weiß noch, dass ich Pete Koller, dem Gitarristen und Bruder des Frontmanns vor Schreck fast auf seine Pedals getreten wäre. Kannste dir nicht ausdenken sowas. Lou muss den Mix aus Panik und Verwirrung in meinem Gesicht gesehen haben. Er signalisiert dem Mann von der Security kurz von mir abzulassen, legt seine Hand fest auf meine rechte Schulter und flüstert mir in einer kurzen Gesangspause ein lautes „It’s okay“ ins Ohr.
Das reicht. Beflügelt von so viel Motivation mache ich die Augen zu, springe und werde auf Händen fast bis zum Technikpult im hinteren Drittel des Raumes getragen, bevor ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Genial.
Gefeiert wird mein Sprung stante pede mit einem Bier von der Bar. Leider hat keiner meiner Freunde von dieser Waghalsigkeit Notiz genommen. Die fliegen entweder selber gerade durch den Raum oder sind in den Reihen eins bis drei buchstäblich am Durchdrehen. Was für eine schöne Erinnerung.
Einer meiner Lieblingssongs auf besagter Platte, „Call to Arms“ ist der gleichnamige Titeltrack. Im Text heißt es:
I will answer what’s right for me
And not your call to arms
Zeilen, die ich bis heute unterschreibe – auch wenn ich in den seither vergangenen 27 Jahren im übertragenen Sinn sicher Kompromisse eingegangen bin, die ich mir damals, als Zwanzigjähriger an diesem denkwürdigen Abend in Kreuzberg nicht hätte vorstellen können. Lou Koller starb am 24. Juli 2026 an den Folgen einer Krebserkrankung. Er wurde 59 Jahre alt. Das ist unfassbar traurig. Christiane Falk, DJ und von mir hochgeschätzte radioeins-Moderatorin überschrieb eine Instagramstory zu seinem Tod mit der Zeile „The heart of hardcore…“. Damit ist alles gesagt.
Rest in peace Lou Koller – and thank you for your hand on my shoulder.
Text: Matthias Hufnagl




