junges glueck – Das Vermächtnis der Generation X
Eine Band mit eigener Schreibweise und einem Gefühl für kleine (und große) Indie-Hits: junges glueck aus Hamburg. Ihre History beschränkt sich nur scheinbar auf die Nuller Jahre, denn weit bis ins tiefste Jetzt macht dieses Trio von sich hören. Olaf Zelewski hat dem Phänomen für kaput nachgespürt.

junges glueck für alle
junges glueck, deren erstes Album „Hier im Vakuum“ bereits 2005 erschienen war, hatten es immer vermieden, auf zu viel Pathos und allzu süffige Punchlines zu setzen. Ihre Alben sind vielmehr beredte Zeugnisse einer inneren Auseinandersetzung, die es sich und anderen nicht immer leicht machte. Während andere deutschsprachige Bands in ihren Texten Städte und Orte benannt haben, abkulteten oder sich bierseligem Lokalpatriotismus hingaben, politisch und sozialkritisch erzählend positionierten oder sich in einen vagen Mystizismus zurückgezogen haben, suchte man in den Texten von junges glueck vergebens nach derartigen Spuren.
Diese Band war schon immer von einer auch spröden Ortlosigkeit geprägt und während draußen die großen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und sogenannten Zeitenwenden stattfinden und fanden, sind die Protagonisten in den Songs damit beschäftigt, sich im Leben zu verorten und es gab hierbei bisher kaum Mitsing-Refrains sondern eher Texte, mit denen man sich nachhaltiger beschäftigt und die einem in ihrer Eigenständigkeit im Gedächtnis bleiben.
Auf dem neuen, live eingespielten Album kann dieses in Verbindung mit der fulminant auftretenden Band gar zu dem ein oder anderen Ohrwurm führen, den man von einer Autofahrt mit in den Alltag nimmt. So erging es mir mit dem Song „Weißes Papier“. Und er landete daraufhin in der Heavy Rotation.
Dennoch bleibt festzustellen: Nach dem Hören eines Albums der Band junges glueck ging man nie los, um sich eine bestimmte Klamotte zu kaufen, mit der man irgendwo Anschlussfähigkeit herstellen konnte. Während andere Bands und deren Umfeld sich selbst abfeierten, blieb diese Band eher im Hintergrund und erspielte sich über die Jahre so eine treue Zuhörer*innenschaft, die sich jetzt umso mehr über das unerwartete, späte Glück eines neuen Albums freuen kann.
Möglicherweise legte man sich jedoch nach dem Hören einer junges glueck Platte ein Album der Band Herrenmagazin auf den Plattenteller, da die Protagonisten der beiden Bands miteinander befreundet sein könnten. Es gibt also doch Schnittstellen. Ansonsten sperren sich junges glueck gegen jegliche Zuschreibungen zu Szenen und Breslein erteilt diesen scheinbar offenen, aber oftmals doch nach außen hin abgegrenzten, geschlossenen Gesellschaften folgerichtig in einem Schlüsselsong des Albums eine deutliche Absage. Hier gehöre ich nicht dazu und hier will ich auch nicht dazugehören. Diese sich abgrenzende Haltung trägt eine gehörige Portion Generation X in sich. In Bresleins Texten, kongenial verstärkt durch den klaren, teils auch noisigen Sound der dieses Mal live eingespielten Aufnahmen der Band werden Themen verhandelt, die heute oftmals gefühlt zwischen TikTok und Wer stiehlt mir die Show auf der Strecke bleiben. Hier hat man sich nicht dem Leichtsinn ergeben, sondern reflektiert und fühlt sich einfach weiter durch die Zeitläufte. Das hat man als Gen-X bereits in den Neunzigern getan, und auch damals erschienen einem die Möglichkeiten der Ablenkung groß. Und diese Selbstermächtigung, diese Selbstwirksamkeit, dieses nicht resignieren wollen, das weitermachen, rausgehen, um gemeinsam Musik zu machen, könnte man heutzutage durchaus politisch nennen. Man kann etwas nur vermissen, wenn es einmal da war. Davon wusste die Generation X und davon weiß Breslein nicht nur ein Lied zu singen. Die Räume wurden im Inneren aufgemacht, und wenn sich der Protagonist auf den vorherigen Alben hinaus in die Welt bewegte, dann ging es raus in den Regen. Und auf der neuesten Platte, erhaben betitelt Mauritius & Reunion, besingt der Sänger Niclas Breslein Stadt, Provinz und Meer, nur um dann festzustellen, egal wo, ich habe ein Zuhause in mir gefunden. Dieses Zuhause ist auch in den neueren Songs spürbar, die verstärkt durch die Live-Aufnahmen atmen können, sich Zeit nehmen, losbrechen und melodiös tanzen. Dieses eher kurze, grandiose Album changiert locker und freigespielt zwischen Referenzen wie Weezer, Pavement und Herrenmagazin, aber eher als Haltungen und Techniken im Prozess der Entstehung denn als allzu eindeutig messbare Referenzen. Ist die Generation X also angekommen? Eine Altersfrage, konstatiert Breslein relativ nüchtern. Darüber und über einiges mehr zum Entstehungsprozess dieses Albums einer nach einer langen Pause in der ursprünglichen Besetzung wieder zusammengekommenen Band plaudert der Sänger und Texter diese gut gereiften Band mit mir in diesem Interview, nicht ohne zwischendrin am Fenster eine Zigarette zu rauchen. „Manche Dinge ändern sich nie.“ gibt er dabei zu Protokoll und ist im nächsten Moment doch wieder konzentriert bei der Sache. Ich bin erleichtert: Die Generation X, unsere Generation, die letzte Generation, die sich selbst noch ohne Smartphonepausen so reflektiert und auch kritisch betrachtete, wie Breslein es unentwegt in seinen Songs tut, hat noch nicht ausgespielt.
Hallo Niclas. Glückwunsch erst einmal zu Eurem neuen Album, dass im Mai erschienen ist. Ihr hattet eine lange Pause gemacht. Euer letztes Album ist im Jahr 2007 erschienen.
Ja, beziehungsweise gab es zwischendurch ein weiteres junges glueck Album, allerdings ohne den Bassisten Christoph Kohler. Ich habe mit Lars Watermann und einem anderen Bassisten bereits 2018 ein Album eingespielt mit dem Titel Die verschollenen Bänder. Das ist aber erst 2023 erschienen. Der Titel ist hierbei etwas fehlleitend. Man vermutet, dass das verlorenes Material ist, dem ist aber nicht so, es war ein reguläres neues Album. Es ist nur etwas verspätet erschienen. Dennoch sind dazwischen Pausen von mehreren Jahren, das ist richtig.
Wie kam es dazu, dass ihr wieder in der alten Besetzung zusammengefunden habt, um das neue Album aufzunehmen?
Es kam durch das erwähnte vorige Album, welches erst 2023 veröffentlicht wurde. Ungefähr parallel wurden wir für die Abschiedsparty der Astra Stube angefragt und eingeladen, dort zu spielen. Die Astra Stube ist ein legendärer Club in Hamburg gewesen, der aufgrund der Baumaßnahmen an der Sternbrücke abgerissen wurde. Dort haben Herrenmagazin gespielt und wir hatten natürlich zugesagt. Vorher hatten wir vier- oder fünfmal geprobt und an dem Abend eine halbe Stunde gespielt. Das hatte sehr viel Spaß gemacht und wir haben alle durch diese Erfahrung ein bisschen Blut geleckt und haben uns dann gesagt: Na komm, dann machen wir doch zumindest noch einmal ein Album. Wir fingen also Mitte 2024 an, zu proben, haben Mitte 2025 die ersten Vorproduktionen fertig gehabt und dann hat das ein bisschen gedauert, da alle zusätzlich anderweitig beschäftigt waren- Lars spielt bei den Bands Jupiter Jones und bei Schrottgrenze. Christoph arbeitet viel, ich auch. Dann kommt die räumliche Distanz hinzu. Ich lebe mittlerweile in Lübeck und die Anderen wohnen in Hamburg. Dadurch ist das Organisatorische kompliziert und somit hat der Prozess eine Weile gedauert.
Wie konntet ihr es dennoch realisieren, mit diesen örtlichen Umständen und mit den Jobs? Wie lief der Aufnahmeprozess ab?
In dem Falle war es ganz gut, dass ich oft morgens nicht arbeiten muss. Ich arbeite beim Theater. Ich bin regelmäßig nach Hamburg gefahren und wir haben bei Lars im Raum proben können. Aber wir hatten strikte Termin- und Kalenderführungen als Basis. Tendenziell haben wir uns eher um zehn Uhr Vormittags getroffen und sind um 14:00 Uhr wieder nach Hause gefahren. Und nicht so wie bei früheren Aufnahmen, am Abend spielen und dann noch schnell Bier trinken gehen, sowas gibt es jetzt eben nicht mehr. Das ist einfach Arbeit gewesen.
Okay, diese fokussierte Arbeitsweise hört man dem Album auch an, finde ich. Also im positiven Sinne. Wie lange hat dieser Produktionsprozess insgesamt gedauert?
Insgesamt haben wir zwei Jahre daran gearbeitet, würde ich sagen. Wobei wir vor einem Jahr eigentlich schon mal so weit waren, dass wir halbwegs fertig waren. Da haben wir noch nacheinander unsere Parts eingespielt. Wir hatten erst das Schlagzeug aufgenommen, dann hatte Christoph den Bass drauf gespielt, zuhause oder auch im Proberaum. Und ich habe die Gitarren zu Hause gemacht und dann waren Christoph und ich jedoch beim Konzert der Band Karate im Hafenklang gewesen. Das ist eine Band, die wahnsinnig pur ist, also ein Trio, dass durch ihr Zusammenspiel live erst so richtig zur Blüte kommt. Und nachdem wir dieses Konzert besucht hatten, haben wir uns gesagt: Okay, wir müssen noch einmal völlig neu ansetzen, denn wenn wir eine besondere Qualität haben, dann ist das unser Zusammenspiel. Wir müssen einfach nochmal von vorne anfangen und wir müssen das Album live einspielen. Und das haben wir dann umgesetzt, wir spielten zu dritt die Instrumente ein, und den Rest habe ich dann noch gemacht, meinen Gesang und das Abmischen. Wodurch sich die Aufnahmen um einige Monate verzögert hatten.
Diese Arbeitsweise tut dem Klang des Albums unglaublich gut, wie ich finde. Und an einer Stelle ist dieses Live Erlebnis der Band gut dokumentiert, man hört am Ende des ersten Songs, wie Euer Bassist Christoph „Geil“ sagt.
Genau. ich bin mir gar nicht sicher, ob er sich bewusst ist, dass sein „Geil!“ drin gelassen wurde. Aber ich glaube schon.
Du als gelernter Tontechniker hast das Album nach den Aufnahmen abgemischt. Bei Dir zu Hause? Hast Du ein Studio oder wie hast Du das gemacht?
Ich konnte einiges an Arbeit bei mir zu Hause in Lübeck umsetzen, und einiges bei einem Freund von mir aus dem Theater. Die haben einen sehr schönen Proberaum in Bad Oldesloe und den durfte ich benutzen. Ich habe tatsächlich mein ganzes Geraffel mitgenommen und vor Ort gemischt. Das funktionierte einfach besser als zu Hause, wo man lautstärketechnisch zumindest gefühlt limitiert ist und ich konnte die Gesänge besser aufnehmen, weil ich mich etwas freier gefühlt habe in dieser Proberaumatmosphäre. Da konnte man schön laut sein.
Den Gesang hattest Du also nach den Live Aufnahmen mit der Band extra aufgenommen. Ich finde, es ist ein zugänglicher Sound, der eine gewisse Wärme transportiert. Und es scheint kein Ton zu viel zu sein. Es ist ein recht kompaktes Album mit den acht Stücken, auch im Vergleich zu den anderen Alben. Es wirkt dadurch sehr auf den Punkt gespielt, sowohl von der Gesamtlänge als auch von den Stücken her. Es ist keine Sekunde zu viel. Es wirkt im positiven Sinne nüchtern. Das ist kein Muckertum. Es ist sehr klar, streckenweise fast sachlich. Ist das so gewollt? Würdest du das so unterschreiben? Das ist mein Eindruck als Hörer. Kannst du damit etwas anfangen?
Ja, absolut. Ich denke, dass es dem geschuldet ist, dass wir die ersten Aufnahmen verworfen haben, und dann nochmal live eingespielt haben. Es wäre total bescheuert gewesen, das Ganze mit Spuren oder Gitarren und Gesängen zu überfrachten. Es war das erklärte Ziel, diesen Live-Charakter, dieses Direkte und Spontane zu erhalten. Dafür standen viele Platten Pate: Das Pinkerton Album von Weezer war ganz vorne dabei, auch was die Kürze betrifft. Oder Pavement, von der Klarheit des Sounds her. Das war dieses Mal ein wichtiger Einfluss: Da habe ich genauer hingehört und dann versucht, diesen Grad der Trockenheit, den man auf den Pavement Alben findet, zu reproduzieren. Und das fand ich ganz toll: Plötzlich zu hören, dass nicht ein großer Hall auf meinem Gesang etwas bewirkt, sondern dass die Platten, die ich toll finde, eigentlich alle sehr trockene Gesänge haben, die ganz vorne und ganz dicht bei mir dran sind. Und die mich dadurch emotional einpacken.
Der Gesang hat einen eigenen Stellenwert, ist nicht nur Beiwerk und es wirkt streckenweise so, als ob die Instrumente mitsingen würden. Dieses Album empfinde ich im Vergleich zu den anderen Platten zugänglicher. Sowohl von den Texten als auch von der Länge der einzelnen Songs des ganzen Albums. Es hat mich sehr berührt, muss ich sagen. Junges Glueck wirkt manchmal wie ein vertontes Tagebuch. Natürlich mit Verfremdung und auch von einer Ortlosigkeit geprägt. Wobei Du zuletzt auch auf Orte zu sprechen kommst in einem Song auf der neuen Platte, in dem du sagst „In der Stadt, auf dem Meer, in der tiefsten Provinz oder hier direkt vor der Tür. Irgendwann ist mir aufgefallen- es gibt ein Zuhause in mir.“ Das liest sich für mich wie ein Resümee dieser Reise, die von dem Protagonisten auf den Alben von junges glueck unternommen wurde. Kannst Du etwas dazu sagen, inwiefern da ein Ankommen besungen wird? Vielleicht kein endgültiges, aber für den Moment zumindest.
Es ist nicht bewusst so angelegt, aber wenn Du es so sagst, klingt es schlüssig. Was auf jeden Fall bei den Texten diesmal von Bedeutung war, das war so ein Gefühl von: Es gibt keinen Druck. Wir machen diese Platte hauptsächlich für uns. Natürlich auch für die, die junges glueck mochten oder mögen. Aber es war eine große Freiheit beim Texten. Ich habe auch das Gefühl, dass ich noch assoziativer springe als vorher. Was mir nicht gespiegelt wird aktuell, viele Leute sagen mir oder uns, dass es klarer ist als vorher. Das finde ich überraschend, aber es ist schön. Und dieses Ankommen in dem Song „Ab heute“ teile ich tendenziell auch.
Es ist dabei aus der Sicht eines Protagonisten geschrieben, der nicht zwangsläufig ich bin, aber wenn ich so etwas schreibe, kann man sich selber nicht dahinter verstecken, sondern man ist ein Großteil dieses Protagonisten immer automatisch. Vielleicht ist an Deiner Beschreibung also etwas dran. Vielleicht gibt es schon eine übergreifende Erzählung, die sich zuspitzt auf diesen Zeitpunkt und dieses Album.
Würdest Du sagen, dass Du verschiedene Protagonisten im Repertoire hast oder ist es eher die Geschichte von einer Person über die Alben hinweg?
Vielleicht ist es eine ähnliche Person, es sind auf jeden Fall häufig emotionale Extreme. Also der Eitle, der Zufriedene, der Eifersüchtige oder der Sachliche. Ich glaube, es sind unterschiedliche Facetten einer Persönlichkeit, die sich in den Texten zeigen. Manche Texte sind deutlich persönlicher als andere. Der Song „Leicht wird es nicht werden“ zum Beispiel handelt von Reizüberflutung und vom Probleme haben, den Dingen gerecht zu werden. Oder „Hier am Abgrund“ ist ein sachlicher Blick auf einen Beziehungskonflikt. In dem Fall gibt es einen vernünftigen Part, der sagt, jetzt müssen wir hier mal ein bisschen drosseln, sonst entgleitet uns das. Ich glaube oft sind es Teile von mir und der Protagonist ist immer ein ähnlicher, aber mit unterschiedlichen Ausdrucksformen.
Also bist Du als Künstler spielerisch, in dem Sinne, dass Du sagst: Ich benutze meine Erfahrungen, die ich gemacht hatte, als Material und ich kann damit spielen oder das sogar ein bisschen überreizen oder bestimmte Facetten verstärken in meinen Texten?
Ja, absolut. Ich glaube, ich würde mich in realen Kontexten nie so drastisch äußern. Und auch nie so vermeintlich wissend. Sondern würde alles mit Fragezeichen und mit viel mehr Vorsicht formulieren. Aber bei dieser Art zu texten bin ich frei, einfach Sachen zu behaupten. Weisheiten einfach mal aufzustellen, ob die jetzt richtig sind oder falsch sind, aber die dann für den Teil von mir oder diesen Protagonisten gerade die absolute Wahrheit abbilden.
Beachtlich finde ich diesen Seufzer des Protagonisten: „Mein Gott, irgendwann ist mir aufgefallen, ich hab ein Zuhause in mir.“ Es ist das erste Mal, dass auf einem junges glueck Album das Wort Gott verwendet wird. Das ist ein Eins zu Eins, da ist nichts verschlüsselt. Ich habe ein Zuhause in mir gefunden. Das hat eine Schönheit, es hat mich berührt, und ich empfinde es fast als eine Art Gospel. Das ist für mich eine Schlüsselszene des Albums.
Der Sechs-Achtel-Takt tut sein Übriges an der Stelle, glaube ich.
Und dann gibt es Songs wie „Am Ende bleiben“. Du singst davon, dass Du den Anfang nicht wissen willst..
„Ich will den Anfang nicht wissen, ich will den Bogen nicht spüren, ich will nicht wissen, wohin all die Stränge im zweiten Drittel führen.“ Da kam Theatervokabular mit rein, da ich am Theater arbeite. Reich-Ranicki hatte über Paul Auster geschrieben: Den Auster können Sie aufschlagen, wo sie wollen. Der ist immer toll. Und das ist mein Hintergrund, diese Haltung: Ist mir völlig egal, wohin das mal führen soll oder was da mal gewesen ist oder so. Aber so wie es jetzt ist, diese Abbildung im Moment gerade, die finde ich fürchterlich. Oder vielleicht sogar gut, aber dass die Momentaufnahme mir in dem Moment wichtiger ist als das große Ganze, der Zusammenhang. Darum geht es in dem Text.
Kannst Du mit meiner Deutung etwas anfangen, mit diesem Zuhause in mir, dass das eine Schlüsselszene ist oder bewerte ich das über?
Es war ein wichtiges Stück fürs Album und sehr schwer zu positionieren. Also von, es wird das letzte Stück bis zu, ich will es als erstes. Es ist jetzt so prominent vor den Rausschmeißer gekommen. Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Stück. Das schleppe ich auch schon ein paar Jahre mit mir rum. Das hat schon ein paar Metamorphosen durchlebt. Es war mal deutlich schunkeliger angelegt und da haben meine Bandkollegen Christoph und Lars definitiv einiges dazu getan, dass der diese gewisse Stoik bekommen hat. Und durch diese Stoik wird der Inhalt plötzlich auch nicht kitschig, sondern sachlich. Ich finde das sehr gelungen. Und ich glaube, da steckt viel von mir drin. Das kann aber auch diese Altersgeschichte sein. Also das Alter, in dem wir stecken: Man lässt die Dinge ab und zu mal gut sein und merkt, okay, das jetzt hier, das ist gerade ziemlich gut, oder? Es geht darum, sich mit dem psychischen Gepäck, das man hat, anzufreunden.
Du sagtest, dass dieses Stück schon ein bisschen älter ist. Wie ist das mit den anderen Stücken? Hast Du in dieser Abwesenheit der Band geschrieben? Ist es eine Art Sammelsurium?
Ein bisschen ein Sammelsurium, fast alle Stücke sind in Lübeck entstanden gewesen. Ich bin 2018 hierhergezogen. Aber es sind noch zwei Nachzügler dabei, „Am Ende bleiben“ und „Weißes Papier“ sind ziemlich neu. Und der letzte Song, „Alles das was“, der stammt noch aus der Hier im Vakuum Zeit, vielleicht sogar schon vorher. Den hatte ich liegen und habe nie eine Form dafür gefunden. Und plötzlich hat Lars gesagt, lass ihn doch so spielen und es passte.
Ja, und der Song reißt einen dann wieder raus aus diesem Gefühl des Ankommens. Das finde ich interessant, dass da wieder so eine Störung reingeknallt wird zum Ende des Albums.
Ja, das kann sein. Da steckt viel Wut und Zorn drin und es wird noch einmal das Thema Beziehungen verhandelt. Der ist geschrieben worden mit dem Mindset von vor zwanzig Jahren.
Bei dem Song „Weißes Papier“ dachte ich an Kafka. Er hatte geschrieben: „Wir kommen gestimmt zur Welt.“ Das ist ein gelungenes Bild. Kommen wir zurück zu dem Song „Am Ende bleiben“. Inwiefern beziehst du Dich dort auf Theaterinszenierungen?
Es ist eine Metapher, aber bei Theaterstücken geht es mir manchmal so, dass ich -auch wenn ich weiß, dass es eine tolle Erzählung ist, die etwas Bahnbrechendes bedeutet- manchmal die Inszenierung trotzdem fürchterlich finde. Dann interessiert es mich nicht, wie das Stück weitergeht oder ob es überhaupt weitergeht. Und der Anfang war mir auch schon egal. So, wie es mir hier vermittelt wird, interessiert es mich nicht.
Das ist der schwierigste Text, glaube ich. Ich weiß nicht so ganz genau, wovon er handelt. Es ist düster. Dem Protagonisten geht es nicht besonders gut. Es gibt diesen Perspektivwechsel. Er fängt als ich an und dann spricht er plötzlich das Du an. Und dieses: „Am Ende aller Tunnel kommen Lichter und am Ende aller Lichter wieder Tunnel für Dich“, das ist schon ziemlich finster. Es geht um ein Hadern mit allem und Jedem in bestimmten Momenten und dass das große Ganze völlig egal ist in dem Moment. Sondern, dass die Situation schwierig ist. Viel genauer kann und möchte ich es nicht sagen.
Nächster Text: „Leicht wird es nicht werden und leicht soll es auch nicht sein.“ Das hat mich etwas mitgenommen. Es hat etwas von einem Mantra. Wer spricht da?
Es ist dieses Reisethema, hier die Lebensreise. Man versucht von A nach B zu gelangen, das Leben ist aber nicht immer super simpel, so von wegen: Man steht morgens lustig auf und rauscht so durch den Tag. Sondern man bekommt seine Erfolgserlebnisse, wenn man sich bestimmten Konflikten stellt und wenn man die Hürden nimmt, wenn man sich Mühe gibt. Dann erlebt man möglicherweise Erfolgserlebnisse, aber es ist nichts, was hinterhergeworfen ist. Leicht wird das hier nicht. Das soll es vielleicht auch gar nicht sein, denn ohne Herausforderung oder ohne Konfliktmaterial kriegt man am Ende nichts raus.
Es erinnert mich etwas an den Herrenmagazin Song „Alter Debütant“. Man ist nicht mehr der Jüngste, aber immer noch Debütant, der den Tag jeden Morgen neu betritt.
Ja, genau, jeden Morgen neu. Und man muss immer wieder mit den Widrigkeiten umgehen und sich durchschlängeln. Und auch mit der Tagesform. Das sind tatsächlich ähnliche Themen. Also ist Denis, der Texter und Sänger von Herrenmagazin, auf jeden Fall derjenige, bei dem ich sagen würde, der ist am nächsten dran, an dem, wie ich schreibe. Nicht, weil er irgendwas abguckt oder ich bei ihm abgucke, sondern die Art zu texten ist ziemlich verwandt, finde ich.
Es werden innere Welten beschrieben, Räume, über die man sich sonst in dieser Form nicht oder selten austauscht. Der lange Winter, der besungen wird, das kann man auf die Jahreszeiten, auf das Seelenjahr beziehen oder auch auf eine schwierige Zeit, die man hinter sich gelassen hat. Es brennen noch schöne Feuer. Das finde ich bei diesem Song sehr gelungen. Der Song „Weißes Papier“ hat etwas sehr Schlichtes, Zartes an sich. Ich freue mich über diese neueren Songs, in denen sich diese Wärme findet. Auf dem Album findet sich ein Wechselspiel zwischen eher komplexen Texten, die sich an an der Welt reiben, an sich selber oder an einer Beziehung und dann kommt immer wieder so eine Zeile, wo das alles auch losgelassen werden kann.
Ja, ich war damals wesentlich jünger, wütender oder noch suchender. Und nun bin ich ein bisschen älter und gereifter. Der Song „Weißes Papier“ funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Auch da geht es darum, sich mit seinem Gepäck zu arrangieren. Also eine Haltung: Ja mein Gott, es ist nun mal so, wie es ist. Ja, es waren schwere Zeiten und da hast Du Dich ordentlich dran abgearbeitet, aber jetzt lass es auch mal gut sein und akzeptiere es, dass Dinge so sind.
Und meine Art, die Texte zu schreiben, hat sich geändert. Steffen Frahm (von der Band Interna) hat mir mal gesagt: Du versuchst, so viele Wörter in eine Zeile zu quetschen wie möglich. Und das mache ich mittlerweile nicht mehr, ich versuche Luft zu lassen und es mehr zu verdichten. Also mit kürzeren Sätzen Dinge aussagen, damit die Songs mehr atmen und mehr Luft haben können. Vielleicht ist es das, was diese Ruhe reinbringt und was es dann auch friedlicher macht, zuzuhören. Also nicht permanente Maschinengewehrsalven, sondern auch einfach mal so ganz ruhige Fahrwasser, denen man folgen kann.
Es steht dem Album gut, dass es eher kompakt ist mit seinen acht Stücken. Wobei einige Songs in sich durchaus länger sind. Gab es ursprünglich mehr Songs? Haben es einige nicht auf das endgültige Album geschafft?
Ja, ich hatte mehr Songs zur ersten Probe mitgebracht. Aber sie konnten nicht so umgesetzt werden, wie ich mir das vorgestellt habe. Wir haben für manche Songs keine Form gefunden. Daher haben wir haben uns auf den Kern reduziert und entscheiden, dass es genug ist für ein schlüssiges Album. Vielleicht greifen wir die nochmal auf. Aber auch hier ist wieder das Thema Ballast abwerfen wichtig.
Auf dem Song „Weißes Papier“ finden sich Streicher. Wie ist das entstanden?
Ein guter Freund von mir, der auch in Lübeck am Theater arbeitet und den ich noch aus meiner Hamburger Zeit kenne, Peter Imig. Ein sehr umtriebiger Hamburger Musiker, der unter anderem mit Matthias Arfmann zusammen Projekte hatte ist ein begnadeter Geiger und hat diese Streicher eingespielt. Er war auf dem Vorgänger Album „Die verschollenen Bänder“ dabei, er hat dort auf den Songs „Finderlohn“ und auf „Hängt ihn höher“ die Streicher eingespielt. Ich finde, sie funktionieren gut bei dem neuen Song.
Es ist sehr passend und gelungen. Ich springe noch einmal zu dem Thema der geschlossenen Gesellschaften in dem Text zu „Leicht wird es nicht werden“. Worum geht es Dir da? Auch das wirkt verschlüsselt.
„Durch die offenen Türen geschlossener Gesellschaften nach Hause geschickt, durch all die verschreckten Gemüter in den Abgrund geblickt“. Thematisch ist es ähnlich gelagert wie dieses „Ich habe mitgemacht, und teilgenommen, ich wollte sein wie Ihr“. Also ein vermeintliches Wir, mit dem man dann aber doch nicht zurechtkommt oder man denkt: „Ich verstehe nicht, wie ihr das meint und ihr versteht überhaupt nicht, was ich meine. Wir sind uns nicht einig an diesem Punkt.“ Eine geschlossene Gesellschaft, eine verschlossene Gesellschaft. Eine Form von Peergroup, zu der man keinen Zugang findet. Und vielleicht auch keinen Zugang finden will, wenn man merkt, nach welchen Mechanismen oder Strukturen solche Gruppen funktionieren. Zudem war es einfach schön: Offene Türen, geschlossene Gesellschaften. Manchmal klingt es auch einfach gut.
Verstehe. Sind in nächster Zeit Konzerte geplant?
Lust hätten wir schon gehabt, aber der Veröffentlichungszeitpunkt des Albums ist ungünstig. Am Mittwoch ist bei uns nämlich Baby-Stichtag. Deshalb werde ich es in absehbarer Zeit nicht schaffen, so ein Unterfangen zu organisieren, also zu Proben beginnen, um ein Konzert zusammenzustellen. Wir haben einige schöne Einladungen bekommen, Konzerte zu spielen. Früher oder später möchte ich die gerne wahrnehmen. Zum Beispiel von dem Lüneburger Club Vakuum, der von dem oben erwähnten Peter betrieben wird. Das wäre für uns natürlich ein nach Hause kommen: junges glueck, Hier im Vakuum live. Die MS Stubnitz hat uns eingeladen zu spielen. Das haben wir noch nie gemacht. Ein paar Sachen wären da, aber jetzt ist gerade nicht der Zeitpunkt. Aber das wird irgendwann nachgeholt.
Okay, wir nehmen Dich beim Wort. Es gibt wieder ein sehr gelungenes und passendes Artwork zum Album. Das hat sicher Christoph Kohler umgesetzt? Sind Tonträger wie ein Vinyl in Planung?
Ja, das Cover wurde von Christoph Kohler gestaltet. Wir machen hier im Prinzip alles selbst, abgesehen vom digitalen Vertrieb. Wir wollten daher abwarten, wie die Resonanzen sind. Aber bis jetzt sieht es ganz gut aus und wenn es so weiterläuft, würden wir eine kleine Vinylauflage herausbringen. Ich persönlich hätte ein Interesse dran, das eigene Werk als Vinyl im Schrank zu haben, finde ich schön. Wir sind, da wir alles selbst machen, darauf angewiesen, dass Andere etwas die Werbetrommel für uns rühren. Wir haben keinen Promo-Apparat. Daher wären wir jedem, der sich imstande sieht, etwas zu machen in der Hinsicht, sehr dankbar. Ich merke doch, ich bin nicht sehr gut in sozialen Medien. Ich gebe mein Bestes auf Instagram und Co, aber ich merke, das ich es auf keinen Fall jeden Tag auf Dauer so durchhalten kann. Von daher bin ich auf Unterstützung angewiesen. Und jeder, der was machen will, ist willkommen. Danke.
Vielen Dank, Niclas. Die Fans müssen also etwas geduldig sein, was Live Konzerte betrifft?
Wir hatten einen wahnsinnigen Spaß, die neuen Sachen zu spielen. Also haben wir auch einen ziemlichen Bock auf Konzerte. Wir werden sehen. Vielleicht im Herbst.
Interview und Text: Olaf Zelewski
junges glueck – Mauritius & Reunion ist bereits auf allen gängigen Streaming-Plattformen verfügbar




