Die Reportage

Peter Haury und die WOTØRWOERLD-Reihe

8. Februar 2026,

Die WOTØRWOERLD-Reihe – Endloser Profit im spirituellen Sinn
von Ferdinand Führer und Roland van Oystern

„Da, nimm du mal die Kamera, Hans-Jürgen! Und du da, jetzt hab ich deinen Namen schon wieder vergessen, wie heißt du nochmal? Ach, Kerstin, ja! Kerstin, wickel dir bitte diese Alufolie um den Kopf und leg dich auf den Boden.“ Mastermind Peter Haury gibt Regieanweisung. Hinter der Oberwelt e.V. Galerie ist ein Zimmer. So eine Art Müllzimmer. Da sind wir jetzt. „Und du, Manuel, drück dem da den Fuß in den Nacken und bück dich dabei so runter! Ja, perfekt!“ In einem kleinen Fernseher kommt in Dauerschleife eine kurze Szene aus dem amerikanischen Kino-Highlight Con Air. Der Film wird 1:1 kopiert. Szene für Szene wird der Spirit von Con Air potenziert. Dinge, die rumliegen, vielleicht auch schon jahrelang, werden mit einem Fingerzeig Peter Haurys zu Requisiten veredelt. Menschen, die gerade da sind, werden in den Stand von Schauspieler:innen erhoben, doch noch ehe sie sich dessen gewahr werden, sind sie schon wieder ganz normale Menschen wie du und wir. Die Besetzung wechselt nämlich in jeder Einstellung. Allein bis jetzt haben schon 150 Leute oder so den in Ungnade gefallenen, aber im Herzen gut gebliebenen Army Ranger Cameron Poe alias Nicolas Cage gespielt, den verheerend attraktiven Action-Jesus von Con Air.
In knapp 25 Jahren hat Peter Haury unter Zuhilfenahme mehrerer tausend Menschen die inzwischen beinah 6teilige WOTØRWOERLD-Reihe erschaffen.

  • Teil 1: Waterworld (USA 1995) | WOTØRWOERLD (2003 bis 2007)
  • Teil 2: Ferien auf Saltkrokan (Schweden 1964) | Nightmare Dryland (2007 bis heute)
  • Teil 3: Excel Saga (Japan 1996 bis 2011) | Enola Saga (2008 bis 2010)
  • Teil 4: Titanic (USA 1997) | Down to Wetland (2009 bis 2020)
  • Teil 5: Con Air (USA 1997) | I Want the Girl (2020 bis 2024)
  • Teil 6: Total Recall (USA 1990) | Have No Kind (2024 bis heute)

Waterworld bildet den mythologischen Grundstock. Die Folgeteile werden der Mythologie von Waterworld untergeordnet. Lange Zeit war überhaupt nicht klar, dass diese Filme auf einer geistigen Ebene korrespondieren. Und manchen ist es heute noch nicht klar. Wir fragen bei Peter Haury persönlich nach.

Die Kriterien für eine Nominierung zum Nachfolgeteil von WOTØRWOERLD sind unterschiedlich: Bei Teil 2 ist es der Kontrast zur kruden, gewalttätigen Grundstimmung von WOTØRWOERLD, der dort auch vorkommt in Form des frechen, aber eigentlich an zivile Gewaltfreiheit, Toleranz und Verständigung appellierenden Mädchens, das den einsamen, traurigen Männerhelden mit seiner kindlichen, aber sozialen Weisheit erreicht.

In Nightmare Dryland hat die Gewalt keinen Platz mehr, die kindliche Welt, die in WOTØRWOERLD bereits als bedrohliches Element thematisiert wird – eine sehr besondere Qualität des Films – dominiert hier völlig. Mit überwiegend erwachsenen Männern in diese Kinderfiguren zu gehen, macht diesen Teil zu einem würdigen, radikalen, aber auch nur schwer erträglichen ersten Nachfolgeteil. Deshalb bezeichnen wir ihn als „Nightmare“. Ein Alptraum für die Hollywood-Baller-Justiz.

Bei Teil 3 ist neben Parallelen in der Handlung (Verschränkung von Sehnsüchten eines Mädchens gegenüber einem toxischen Bösen vor der Folie krasser Gewaltexzesse) das Reizvolle der formale Versuch, mangatypischen, hoch-abstrahierten Zeichentrick mit echten Körpern nachzudrehen, in der unglaublichen Geschwindigkeit, die die Vorlage vorgibt.

Bei Teil 4 mit der Vorlage Titanic sind es Aufwand, der ikonische Erfolg und die fast obszöne Verschmelzung der Romanze mit der endoskopischen Schilderung der Katastrophe, die Grauen und Herzschmerz auf so irre Art zusammenbringen.

Mit Teil 5 gerät ein opulenter, fantasievoller Actionfilm mit rauem Äußerem zur schwarzen Komödie und besticht insbesondere mit der Frau an Bord, die ungewöhnlich selbstbewusste und lustige Monologe bekommt. Gleichzeitig geht er mit hoffnungslosem Kitsch krachend daneben. WOTØRWOERLDesk von Anfang bis Ende.

Das gilt auch für den seit einem Jahr begonnenen Total Recall mit Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone, damals, 1990, teuerster Film der Welt bis zu WOTØRWOERLD.

Die DVDs der Filme werden nicht verkauft, sind aber dennoch sehr auflagenstark. Als Lohn fürs Mitwirken in einem Film der WOTØRWOERLD-Reihe kriegt man eine DVD. Die Dinger zu verkaufen wäre rechtlich wahrscheinlich gar nicht mal ganz einwandfrei, wenn manʼs genau nimmt.

Das weiß ich nicht, aber wir wenden uns ja mit dem Projekt gegen Kommerz und Konsum. Und alle Teilnehmenden geben mit ihrem Beitrag das wertvollste, was sie haben, nämlich ihre Seele. Da passt es nicht, dass daraus eine Ware wird. Das individuelle, unveräußerliche DVD-Exemplar ist ein Dokument, das teilbar ist, indem die Teilnehmenden es mit Freunden ansehen, aber es geht dabei auch um die Hoffnung, so etwas wie Community zu bewahren und Kontextverlust zu vermeiden. Die Titelanpassungen sind vielleicht auch ein gewisser Schutz vor gnadenlosen, kommerziellen Rechteverwertern, die sich davon ernähren, so etwas wie Tradition und Überlieferung auszubeuten, und auf künstlerische Aneignung keine Rücksicht nehmen. Die Lautschrift bei WOTØRWOERLD bezieht sich aber auch auf eine naive Übertragung durch Betrachtende, die nicht einmal des Englischen mächtig sind, also nur nach dem Klang gehen. Analogie mit begrenztem Verständnis: Wir machen es so gut wir es können, aber die Rechtschreibung beherrschen wir schonmal nicht. So wie wir auf der kleinen Kammer beharren, machen wir uns auch mit der falschen Schreibweise zu kleinen Fans.

In einer Doppelprojektion von Original und Kopie laufen beide sekundengenau gleich. Jede Kameraeinstellung, jeder Szenenwechsel und jeder Dialog ist identisch. Die Originaltonspur würde bestens auf der Kopie funktionieren, dennoch wird eine komplette Nachsynchronisation vorgenommen. Im DVD-Menü stehen neben Deutsch und Englisch weitere Sprachen zur Auswahl, z.B. Japanisch oder Französisch – aus Ermangelung von Sprachkenntnis nicht selten phonetisch nachempfunden.

Ja, die Nachvertonung war tatsächlich zunächst nicht Teil des Konzepts, sie begann erst kurz vor der ersten Premiere von Teil 1. Die Einladungskarten waren schon gedruckt, da schickte uns ein Hamburger Presswerk unser Master zurück, mit der Weigerung eine DVD in Auflage mit Originalton zu pressen. Die haben so eine harte Rechtslage gegenüber den großen Hollywoodstudios, dass sie annahmen, dass sie sich damit strafbar gemacht hätten. So entstand erstmal zur Not unser selbst gemachter Ton. Und dann entdeckten wir diesen Charme, den das hat. Viel besser, als den Orignalbrei einfach zu belassen. Natürlich ist es dabei wie bei der Bildebene. Alle Liebe zum Detail, die wir da rein geben, ist sichtbar. Das Gehör ist so sensibel, auch Ironismen mitzuschneiden. Das lohnt sich wirklich. Allerdings braucht es auch Zeit. Eine Minute braucht drei Stunden mit Sprache, Musik und Geräuschen, mal genommen mit 115 für Con Air. Mal genommen mit 187 für Titanic. Aber man lernt dabei auch viel, wie Kinoton funktioniert, die Kompositionen, die Schnitte – das ist spannend und lustig, es in Klein zu imitieren.

Du und dein wichtigster Gewährsmann Jens Hermann sitzen ja seit 1995 jeden Montag ab 21 Uhr in diesem Müllzimmer. Dürfen wir da immer vorbeikommen und im Film mitspielen?

Ja, mit ganz wenigen Ausnahmen, wenn alle krank sind oder gleichzeitig verreist. Da schreiben wir aber immer einen Hinweis vorher auf die Website.

Ist schon mal eine:r zu oft vorbeigekommen?

Das gibtʼs nicht. Es gibt Stammgäste, die fast immer dabei sind, das ist toll.

Was machst du montags vor 21 Uhr?

Manchmal mache ich auch früher Drehtermine aus, derzeit komme ich zwischen 17:30 und 19 Uhr vom Job nach Hause. So wie ich auch an anderen Wochentagen Sondertermine mache, gerade auch für Familien, wo die Kinder schon im Bett sein sollten um 21 Uhr.

Wie sah die Berichterstattung zu WOTØRWOERLD im letzten Vierteljahrhundert aus?

Es gab immer mal wieder schöne Artikel in Zeitungen von gastgebenden Städten, wo wir eine maßstabsgetreue Kopie unserer 12-Quadratmeterkammer aufbauen, um auf Festivals oder in größeren oder kleineren Institutionen zu drehen. Das Fernsehen war vor vielen Jahren auch mal da, und vor ein paar Jahren haben Filmstudenten recht spontan ein lustiges Portrait über uns gedreht, da konnten wir nach Corona gerade das erste Mal wieder eine größere Massenszene in der Kammer drehen.

Bei Con Air haben wir auch mitgespielt und sind deswegen zur Premiere eingeladen. Die ist am 24. Oktober 2025 an der Universität Stuttgart bei Unifilm im großen Hörsaal. Beinah 500 Leute haben bei Con Air mitgespielt und gut ein Fünftel davon fiebert jetzt mit Chips und Gummibärchen der Führung durchs DVD-Menü auf der großen Leinwand entgegen. Meister Haury und Chris Mennel, der Gastgeber von Unifilm und wichtiger Mitfilmer, bannen uns mit epochaler Rede zum Davor und Danach von Con Air. Die Dreharbeiten wurden bereits vor einem Jahr abgeschlossen, die Nachsynchronisation war mal wieder quälend lang. Seit September 2024 wird an Total Recall gedreht. Dann geht das Licht aus und die große Doppelprojektion beginnt:

Con Air | I Want the Girl
Hollywood | Stuttgart

Wer bis hierher aufmerksam gelesen hat, denkt sich jetzt vielleicht, gut dass ich es nicht bin, der die nächsten 100 Minuten in dieser Premiere sitzt. Doch was passiert, ist blanke Magie! Der stetige Abgleich zwischen Original und Kopie erfordert alle kognitive Power. Die Kinoteilnehmer:in wird mit einem Prozentsatz von 100 durch die Produktion umgenietet. Alle Alltagssorgen verpuffen ins Nichts! Es ist extrem lustig und unterhaltsam. Con Air ging noch nie so zu Herzen. Beim Happy End von Con Air wird unser absoluter Lieblingsheld und ewiger Fechter für das Gute Nicolas Cage mit Eheweib und Tochter wiedervereint. In der finalen Schlussumarmung spielt Peter Haury alle drei Rollen selbst, Chefsache!

Bei der Vorstellung, wie viel Zeit und Wahn und Liebe, in die Umgestaltung dieser Filme investiert wird, zieht es uns die Socken aus. Und kein Ende in Sicht! Denn Peter Haury wird für immer so weitermachen. Das spendet uns Trost und Kraft und Zuversicht – eine wahre Konstante in unsicheren Zeiten.

„Du kommst mit!“ („Garland“: Iris Keller, „Sendino Jr.“: Roland van Oystern, „Cyrus“: Willi Woehrle, „Nathan“: Ferdinand Führer)

„Der würde locker jeden Killer umlegen, wenn er seinen Dienst erfüllt hat, denk mal drüber nach.“ („Cameron“: Andreas Heckmann, Animation Wind in Haaren: Roland van Oystern)

„Hey, Cyrus, das hier ist dein Barbecue, Mann, und es riecht gut…“ („Cameron“: Roland van Oystern, Animation Wind in Haaren: Andreas Heckmann „Nathan“: Melanie Greußing)

Ferdinand Führer und Roland van Oystern gehen zur Premiere von Con Air

Peter Haury und Chris Mennel bei der Premiere von Con Air

Führung durchs DVD-Menü

Doppelprojektion von Con Air | I Want the Girl

Doppelprojektion von Con Air | I Want the Girl

Ferdinand Führer und Peter Haury bei der Premiere von Con Air

„Kommt gut nach Hause!“ Peter Haury verteilt nach geglückter Premiere diese DVDs

Text und Fotos: Roland van Oystern und Ferdinand Fuehrer

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