Die Freundin von

Sexismus, geh sterben (damit Punk nicht noch hässlicher wird)

27. Dezember 2020,

Quasi ausschließlich männliche Headliner, sexuelle Übergriffe im Moshpit, frauenverachtende Songtexte – Punk hat ein Sexismus-Problem. Ich weiß das, weil ich seit über 20 Jahren ein Teil der Szene bin und sie aktiv mitgestalte. Doch sobald ich interne Missstände anspreche und diskriminierende Strukturen anprangere, meldet sich irgendein grauer Schlapp-Iro zu Wort und erklärt mir, dass er schon ein paar Jahre länger dabei sei und ich daher nicht wissen könne: „Punk darf alles!“ Interessant, denn über Sexismus sprechen gehört offenbar nicht dazu. Ein Kommentar von Diana Ringelsiep.

Gelangweilt scrolle ich vor ein paar Tagen durch meinen Newsfeed, als ich über einen taz-Blogbeitrag stolpere, der folgenden Titel trägt: „Patriarchat und Punkrock – Wie ich aus Versehen meine Identität verlor“. Bei der Autorin handelt es sich um Fini, Sängerin einer Band namens BLACK SQUARE. Sie berichtet von einem Interview, das sie und ihr Gitarrist kürzlich dem Ox-Fanzine gegeben haben. Ein Gespräch, in dem es unter anderem um die schlechte Frauenquote in der Punkszene ging. Umso irritierter sei sie von dem finalen Artikel gewesen, in dessen Einleitung sie nicht etwa in ihrer Funktion als Sängerin, Songwriterin oder Feministin vorgestellt wurde – sondern als „Freundin von“ Gitarrist Bonny. „Als ich realisiert habe, was für ein Bild da von mir entworfen wurde, entstand ein ziemlich unangenehmes Gefühl“, schreibt Fini in ihrem Blogbeitrag. „Das Gefühl eigentlich nichts beigetragen zu haben und mich damit ziemlich zum Affen zu machen, dass ich in einer Punkrock-Band singen möchte.“ Ich kenne dieses Gefühl. Es ist beschissen. Denn in 99,9% aller Fälle ist es egal, ob du als Frau in einer Band spielst, ein Fanzine machst oder Shows veranstaltest – am Ende des Tages bist du für andere oft bloß die „Freundin von“ jemandem, der wichtiger ist als du. Ein Anhängsel. Je mehr ich über Finis und meine eigenen Erfahrungen nachdenke, desto wütender werde ich.

Dennoch möchte ich der Ox-Redaktion zunächst nichts Böses unterstellen. Nach jahrelanger Redaktionserfahrung weiß ich, dass Einleitungen und Bildunterschriften oft unter enormem Zeitdruck entstehen. Zudem scheint Gitarrist Bonny den Leser*innen durch seine letzte Band bereits bekannt zu sein, was ihn zu einem Aufhänger macht. Doch dann lese ich die Stellungnahme des Autors in der nächsten Ausgabe und werfe alle relativierenden Gedanken wieder über Bord. „Das sollte weder abwertend noch degradierend gemeint sein, kam aber ganz anders an“, rechtfertigt sich Simon Brunner. „In der Enttäuschung ihrerseits durch meine Einleitung wurde mir meine unsensible Art erst bewusst“, schreibt er weiter. Mit anderen Worten: Er hatte für einen Augenblick vergessen, wie emotional und empfindlich Frauen sind und wird beim nächsten Mal wieder seine Samthandschuhe anziehen. Mit Formulierungen wie „Enttäuschung ihrerseits“ und dem Verweis auf seine „unsensible Art“ präsentiert er uns das eigentliche Problem auf dem Silbertablett. Denn es geht bei diesem exemplarischen Vorfall nicht darum, einen männlichen Redakteur (der übrigens auch für jedes andere Fanzine schreiben könnte) für eine blöde Formulierung an den Pranger zu stellen. Sondern um den Umgang damit. Schließlich machen wir alle Fehler und können bezüglich Sexismus, Rassismus, Klassismus und Ableismus noch eine Menge lernen. Doch das setzt ein gewisses Maß an Einsicht, Empathie und Selbstreflexion voraus. Die Bereitschaft, sich den Fehler einzugestehen und die Gelegenheit zu nutzen, um in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Doch stattdessen wird Betroffenen immer wieder unterstellt, empfindlich zu sein und nicht mit ihnen, sondern über sie geredet.

Meine persönliche Punk-Sozialisation beginnt Mitte der Neunzigerjahre. Ich halte damals mein erstes Toten-Hosen-Album in den Händen und fühle mich unheimlich verwegen. Campino und die anderen posieren auf dem „Reich & Sexy“-Cover zwischen einem Haufen nackter Frauen – eine Hommage an „Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix und ein Vorgeschmack auf die dekorative Außenseiterinnenrolle meines Geschlechts. Doch von dieser Erkenntnis bin ich mit meinen zehn Jahren noch weit entfernt. Stattdessen tanze ich abwechselnd zu „Hier kommt Alex“ und „I wanna be a hippy“ von Technohead durch mein Zimmer. Mir geht’s um die Musik, alles andere ist egal. Ein paar Jahre später ändert sich das. Während meine Freundinnen sich die ganze Woche auf den Discobesuch am Freitag freuen, widert mich der Gedanke an den wöchentlichen Balztanz bald richtig an. Ich habe die Schnauze voll davon, mir den ganzen Abend ältere Jungs vom Hals zu halten, die mir Wodka-Energy-Drinks ausgeben, um mich auf den Rücksitz eines tiefergelegten Opel-Corsa zu locken. Ich hasse ihre Blicke, die falschen Komplimente und die Selbstverständlichkeit, mit der sie meinen Arsch und meine Brüste kommentieren. Aber vor allem hasse ich die Tatsache, dass sie weiterhin mit den Idioten Fußball spielen, die seit neuestem Bomberjacken tragen und kein Geheimnis aus ihrer rechten Gesinnung machen.

So kommt es, wie es kommen muss: Die Scheißgesellschaft macht mich krank, ich werd‘ ein Punk. Die aggressive Musik wird zum Ventil für mich, der provozierende Look zu meinem Schutzschild. „Warum ziehst du dich so komisch an?“, fragen die Typen irritiert, die nun anderen Mädchen Drinks spendieren. „Du könntest so hübsch sein.“ Sie schnallen nicht, dass ich ihnen nicht gefallen will – schließlich wollen das doch alle, oder? Punk bedeutet pures Empowerment für mich. Endlich bin ich den Blicken anderer nicht mehr ausgeliefert. Im Gegenteil, ich fordere sie bewusst ein und zwinge sie durch meine zerrissenen Tops und Strumpfhosen, die bunten Haare und das übertriebene Make-up hinzusehen. Ich zwinge sie, mich zu sehen. Etwa zur selben Zeit komme ich mit meinem ersten festen Freund zusammen. Wir sehen aus wie Sid und Nancy, trinken Whiskey aus der Flasche und befinden uns schon bald in bester Gesellschaft. Wir alle scheißen auf Markenklamotten und die gängigen Schönheitsideale, legen uns regelmäßig mit den Dorfnazis an und sind ständig mit dem Wochenendticket zu irgendwelchen Konzerten unterwegs. Fünf Punks und ein Fahrschein, Dosenbier und Rotwein, so brechen wir auf. Dass die Bühnen, vor denen wir pogen fast ausschließlich von Männern bespielt werden und ich als Frau auch im Publikum immer zu einer Minderheit gehöre, hinterfrage ich nicht. Es macht mich sogar stolz, weil es mir das Gefühl gibt, tough zu sein.

Als die Jungs um mich herum schließlich anfangen, eigene Bands zu gründen, kommt es mir gar nicht erst in den Sinn, mich ihnen anzuschließen. Schließlich kann ich weder singen noch ein Instrument spielen – der Witz ist, dass die meisten von ihnen das auch nicht können. Doch im Gegensatz zu mir haben sie unzählige Vorbilder, die sich völlig talentfrei auf irgendwelche Bühnen stellen und dafür auch noch gefeiert werden. Ich hingegen habe keine Ahnung, wie ein Publikum auf ein Mädchen reagieren würde, denn das Talent einer Brody Dalle habe ich definitiv nicht. Abgesehen davon, fragt mich aber auch niemand, ob ich mitmachen will. „Meine Freunde waren alle Musiker in Bands, ich war die Freundin von Musikern in Bands“, erinnert sich Sarah von Band Akne Kid Joe. Und damit spricht die Sängerin unzähligen Punkerinnen aus der Seele. Aber warum hat sich daran bis heute nichts geändert? Warum ist das Line-up von größeren Punkrock-Festivals noch immer die reinste Pimmelparade? Als Veranstalter des Ruhrpott Rodeos muss sich hierzulande vor allem Alex Schwers regelmäßig dieser Frage stellen. Fini schreibt in ihrem Blogbeitrag: „Auch der arme Alex kann nichts dafür, dass es einfach keine richtig guten Frauenbands gibt – denn, wenn er die Wahl hat, nimmt er immer die Band mit Frauenbesetzung. Klassisches FAZ-Niveau in Sachen Diskriminierung würde ich mal sagen: Eine Quote würde dem hohen Niveau schaden!“

Ich kenne Alex, da ich 2018 den Festivalblog für ihn betreut habe. Er reißt sich jedes Jahr den Arsch für seine Veranstaltungen auf und trägt einen immensen Teil dazu bei, dass die Punkszene hierzulande nicht schon vor Jahren krepiert ist. Dennoch wünsche ich mir, dass die großen Strippenzieher der Branche nicht immer sofort in eine reflexartige Verteidigungshaltung verfallen, sobald sie mit strukturellen Problemen konfrontiert werden. Punkrock hin oder her: Natürlich müssen Festivals, Fanzines und Musiklabels am Ende des Tages schwarze Zahlen schreiben. Das heißt aber nicht, dass sie keinen Spielraum haben, festgefahrene Strukturen aufzubrechen und ihre männlich geprägte Komfortzone zu verlassen. Der Mangel an großen Bands mit weiblicher Besetzung darf nicht länger als Ausrede für den omnipräsenten Männerüberschuss durchgehen, während Newcomerinnen der Support verwehrt wird. Schließlich haben die alten Szenedinosaurier die Macht, und somit auch die Verantwortung, etwas zu verändern. Sie sind es, die Newcomerinnen zu einem Publikum verhelfen und sie groß machen können – durch einen Slot im Line-up, einer Story im Heft oder einem Feature auf der Platte. Auch feste Rubriken, wie die „Frauen im Musikbusiness“-Reihe des Webzines Vinylkeks helfen, Frauen sichtbar zu machen. Denn das Format zwingt die Redakteur*innen, sich regelmäßig aktiv auf die Suche nach geeigneten Gesprächspartnerinnen zu machen, obwohl sie sich den Aufwand angesichts der unzähligen Männer auf ihrer Warteliste sparen könnten. Die Rubrik hilft ihnen, sich selbst in die Pflicht zu nehmen.

Ein Gedankenspiel: Angenommen, auf dem nächsten Ruhrpott Rodeo, Back to Future oder Punk Rock Holiday gäbe es eine zusätzliche Newcomer*innen-Bühne, für die sich ausschließlich Bands bewerben könnten, in denen mindestens eine Frau spielt. Die Musiker*innen würden keine Gage bekommen, sondern mit Backstage-Bändchen und Zugang zum Catering entschädigt, damit sich die Kosten für die Veranstalter in Grenzen halten. Eine ganze Reihe unbekannter Bands bekäme die Chance, aus ihren Garagen herauszukommen. Frauen würden von ihren Freunden ermutigt, sich einem Bandprojekt anzuschließen, damit sie sich eines Tages bewerben können. Andere Frauen würden gar nicht erst auf eine Einladung warten und direkt ihre eigene Band gründen. Die Festivals bekämen gute Presse für die Aktion und das Publikum endlich mal wieder etwas Neues vorgesetzt. Fanzines sähen sich gezwungen über neue Musikerinnen zu berichten und diese würden nach ihrer Feuertaufe vielleicht auch für andere Veranstaltungen gebucht. Einige Bands würden immer mehr an Relevanz gewinnen und zwei Jahre später vielleicht sogar im Hauptprogramm auftreten. All das könnte passieren, ohne dass es Auswirkungen auf das eigentliche Line-up hätte. Doch es gäbe auch eine andere Seite. „Und was ist mit uns?!“, würden die männlichen Newcomer rufen. „Wir werden ausgegrenzt, nur weil wir keine Frau an Bord haben? Das ist unfair, schließlich geht es doch um die Musik.“ Sie würden argumentieren, wie ich als Zehnjährige, da sie genauso wenig von Sexismus betroffen sind wie ich damals. Sie wären neidisch auf den einzigen winzigen Krümel, der nicht für sie bestimmt ist. Und das, obwohl sie sich seit Jahren an einer riesigen Torte sattfressen.

Ich bin gerade volljährig geworden, als ich erkenne, dass Punk mir nicht immer den Schutzraum bietet, den ich mir zu Beginn erhofft habe. Sobald wir unsere Kleinstadtblase verlassen und Konzerte an fremden Orten besuchen, fühle ich mich wie damals in der Disco. Bloß, dass die Frauenquote noch schlechter ist und die wenigen Punkmädchen ständig begafft und bedrängt werden. Nicht nur einmal wird mir im Tumult eines Moshpits an die Brüste oder unter den Rock gefasst. Ich fühle mich benutzt und weiß nicht mal von wem. Unbewusst suche ich den Schutz meiner Gruppe, vermeide es zu fortgeschrittener Stunde, alleine zur Toilette oder auch nur an die Bar zu gehen. Am schlimmsten sind Veranstaltungen, bei denen die großen „Satirebands“ auftreten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kassierer „Hoch den Rock, rein den Stock“ quäken oder Eisenpimmel von die „Fotzenbimmelbahn“ auf die Reise schicken – wohl fühle ich mich auf diesen Konzerten nie. Denn ich kann dabei zusehen, wie sich die Männer im Publikum in sabbernde Primaten verwandeln, die sämtliche Hemmungen verlieren. Arm in Arm grölen sie vom Saufen, Fressen und Ficken, machen obszöne Gesten in meine Richtung und holen manchmal sogar ihre verschwitzen Pimmel raus. Alles nur Spaß, versteht sich. Alles Satire.

Einige Jahre später bin ich es leid, die ewige weibliche Nebenrolle zu spielen. Mit Mitte 20 schließe ich mich der Redaktion des Punkrock!-Fanzine an und gehöre schon bald zu dem ansonsten rein männlichen Inner-Circle, der das Heft herausbringt. Von nun an werde ich anders wahrgenommen. Bands und Labels legen plötzlich Wert auf meine Meinung und laden mich zu Proben, Listening-Sessions und Konzerten ein. Vorausgesetzt natürlich, sie wissen, wer ich bin. Wissen sie das nicht, wird der Backstage-Besuch für mich zum Spießrutenlauf. Ständig werde ich nach meinem Bändchen gefragt, weil man mich für ein Groupie hält, das sich hereingeschlichen hat. Bandmitglieder tragen im Vorbeigehen ihre Catering-Wünsche an mich heran. Veranstalter, Fotografen und Redakteure anderer Magazine behandeln mich wie Luft. Warum ich trotzdem über all die Jahre dabeigeblieben bin und der Szene nie den Rücken gekehrt habe? Weil ich Punk nicht über diese sexistische Scheiße definieren will. Punk ist für mich eine Parallelgesellschaft in der es keinen Leistungsdruck gibt, aber dafür jede Menge Spaß. Ein solidarisches Kollektiv, das gemeinsam nach oben tritt und zum Schlag nach rechts ausholt. Aber wo ist diese Entschlossenheit, wenn es darum geht, den Frauen aus den eigenen Reihen zuzuhören? Wollt ihr wirklich jedes Mal auf Durchzug stellen und alle Forderungen und Gesprächsangebote mit fadenscheinigen Ausreden abweisen? Oder gibt es da draußen auch ein paar Punks, die sich ihrer männlichen Privilegien innerhalb der Szene bewusst sind und uns supporten wollen? Ernstgemeinte Frage. Freiwillige vor.

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