Punks hautnah

„Mit Selbstironie ist vieles erträglicher“ – Zwakkelmann im Gespräch

Zu Zeiten seiner Funkpunk-Band – es trug sich zu in den 80er- und 90er-Jahren – führte er noch den sedierten Namen Schlaffke. Mittlerweile macht Reinhard Wolff, der ehemalige Sänger von Schließmuskel aus Hamminkeln, als Zwakkelmann schon länger solo Musik denn mit jener Gruppe. Zuletzt erschien mit „Shitsingle“ sein erstes Buch, er erzählt darin von Punk, Konzerten, Komplexen – und vor allem von sich selbst.
Linus Volkmann hat ihn in Oberhausen zum Gespräch getroffen.

Bevor ich Zwakkelmann in diesen Text gebe, gestattet mir eine Verortung dieser Story hier. Warum ein Artikel über Zwakkelmann im kaput-magazin?
Es ist letztlich ganz banal. Schließmuskel erreichten mich in einer Phase meiner Jugend, in der ich mit offenen Armen auf die Popkultur zustolperte. Was an dir haften bleibt in dieser Phase, bleibt dir für immer.
Die Schließmuskel-Platte „Sehet, welch ein Mensch“ kann ich bis heute noch auswendig. Von „Urlaub in der Tiefflugschneise“ über „Ich bin ein Cowboy und bin einsam“ zu einem meiner Alltime-Lieblings-Punkstücke for ever: „Gringo Bar“. Habe ich alles geliebt – und die Kassette, auf der das drauf war, mehr als einmal wieder einfädeln müssen. Bandsalat durch Überbeanspruchung.
Fast nur eine Platte später bin ich dann schon wieder raus aus meinem eigenen Schließmuskel-Hype. Denn das nach allen Seiten offene Phänomen Fun-Punk ist mittlerweile selbst für Teenies zu peinlich oder (noch schlimmer) zu durch. Die Band hat sich dabei zu allem Überfluss und um einen zarten Ruhm in der BRAVO weiter zu kultivieren, in „Die Muskeln“ umbenannt – mehr Punkverrat können wir uns in unseren pathetischen Spatzenhirnen nun wirklich nicht vorstellen.
Irgendwann löst sie sich auf – wie der ganze Sound dieser Ära.

Erst Ende der Nuller begegnet mir Schlaffke Wolff alias Zwakkelmann wieder. Als Intro-Redakteur bekomme ich seine CD auf den Tisch. Ein unterhaltsamer Flashback – doch welch gräuliche Gegenwart, denke ich. Der ehemalige Sänger von Schließmuskel singt und zweckreimt sich durch Songwriter-Punk, der auf mich rasend uncool wirkt. Als würde Reinhard Mey die Sex Pistols covern – but not in a good way.
Ich schreibe eine launige Review – und das war’s.
Denke ich zumindest.
Doch Zwakkelmann macht immer weiter. Ich sehe seine liebevoll gemachten Clips, höre dadurch immer wieder die Musik dazu und finde bald das ein oder andere doch echt unterhaltsam.

Noch mal (fast) hundert Jahre später treffe ich ihn nun vor einer Veranstaltung in Oberhausen. Ein bisschen ist es, als würde man eine Figur aus der Lindenstraße plötzlich vor sich haben und mit ihr über die gute alte Zeit sprechen, in der Benny Beimer noch gegen Atomkraft protestiert hat. Alles gleichsam vertraut und unwirklich.
An seiner Seite ist Vicky, die bei seinen Solo-Auftritten jetzt das Cajon spielt.
Solo ist bei Zwakkelmann einiges los gerade, denn er hat ein Buch über sein durchaus exzentrisches Leben geschrieben. „Shitsingle – Anekdoten eines Vollidioten“.
Nach 30 Jahren spreche ich mit diesem seltsamen Helden meiner Jugend, wow.

Da dein Buch so herzig und zugänglich ist, kann man gar nicht anders, als dich auch so zu finden. Schließlich wirkt alles sehr nah dran an dir. Allerdings geht es sehr viel um deine Libido und um Masturbation. Daran musste ich mich echt erst gewöhnen. Sich mit „Shitsingle“ zu beschäftigen ist, als wenn man Micky Mouse auf dem Klo erwischt. Das ist eine Ebene, bei der man denkt, die gibt es bei der Figur gar nicht – und man ist erstmal geschockt.

ZWAKKELMANN [nickt verständnisvoll]

Man hätte natürlich gewarnt sein können, bei deiner Band Schließmuskel aus der Funpunk-Zeit war Wichsen bereits Thema in Texten wie „Penis Trullala“ – wie könnte man also verlangen, dass du dir das abgewöhnst?

ZWAKKELMANN Meinst Du, man sollte sowas nicht mehr machen? Oder zumindest nicht über sowas schreiben in meinem Alter?

Nein, wie anmaßend wäre es, darauf zu pochen, dass das spätestens jenseits der 50 nicht mehr vorzukommen hat? Außerdem können verklemmte Leser wie ich immer noch hoffen, das ist alles bloß Kunst. Denn man muss eine Sache noch lange nicht tun, nur weil man darüber schreibt.

ZWAKKELMANN Stimmt.

Für mich ist Zwakkelmann ohnehin eine Art Kunstfigur, du hast dieses ständig scheiternde Alter Ego erfunden und es repräsentiert und schützt dich nach außen.

ZWAKKELMANN Ich habe da unbewusst eine Figur kreiert, die sich ein paar mehr Sachen rausnehmen kann und rausnimmt. Ich bin mit mir selbst schon sehr kritisch – und möglicherweise hilft die Rolle des Zwakkelmanns, dass ich der mal ein paar Peinlichkeiten mehr erlauben kann.
Trotzdem war es so, als es in die Endphase des Buches ging, dass mich einige schlaflose Nächte plagten, weil ich mich fragte, soll ich dieses jetzt wirklich offenbaren oder jenes nicht lieber streichen…

Und zu welchem Schluss kamst du?

ZWAKKELMANN Ich habe das Allermeiste drinnen gelassen, ich wollte letztlich authentisch sein mit diesem Buch.

Das merkt man. Ich denke, nicht nur ich schätze an dieser Figur des Zwakkelmanns vor allem das Uneitle. Also all die peinlichen Geständnisse, die du darin machst – das besitzt ja etwas Reinigendes für den Leser, dass sich jemand anderes stellvertretend für ihn zum Horst macht.

ZWAKKELMANN Für mich ist Selbstironie wirklich ganz wichtig, die macht vieles erträglicher. So ist mir komischerweise Campino in den letzten Jahren wieder sympathischer geworden, der kommt auch im Buch vor – und ich fand ihn lange Zeit einfach nur verkrampft. Aber beim Anschauen der jüngsten Hosen-Doku habe ich das Gefühl bekommen, er hat seinen Humor wiedergefunden.

In der Band Schließmuskel spielte auch dein Zwillingsbruder. Ein bisschen Tokio-Hotel-Feeling, eine ziemlich ungewöhnliche Konstellation, oder?

ZWAKKELMANN Ede arbeitet heute beim WDR – und in der Band war er, obwohl ich gesungen habe, die größere Rampensau. Bei Schließmuskel hat er immer das Wort geführt, er hat mir da viel abgenommen.

Diese Dynamik gab es bereits in eurer frühesten Kindheit, kann man im Buch nachlesen.

ZWAKKELMANN Ja, wenn wir als Kinder zum Bäcker geschickt wurden, hat Ede immer alles übernommen. Mich hat das irgendwie auch unselbständig in die Welt geschickt, ich musste das später alles erst lernen.

Eineiige Zwillinge?

ZWAKKELMANN Nee, zwei. Ede sieht auf jeden Fall älter aus als ich [lacht]. Er ist einfach ein ganz anderer Typ, ganz selbstbewusst und ein großer Entertainer. Wenn er jetzt hier wäre, würden alle nur auf ihn gucken.

Aber wie kam es dann, dass er nicht ganz vorne stand bei Schließmuskel?

ZWAKKELMANN Eher durch einen dummen Zufall. Ede hatte sich eine Gitarre gekauft, das Schlagzeug war schon vergeben, an Bass hatte erstmal noch keiner gedacht, da blieb für mich nur noch der Gesang.

Jetzt spielst du auf der Bühne aber selbst die Gitarre.

ZWAKKELMANN Ja, allerdings habe ich das erst mit 25 angefangen, ganz schön spät also. Das reicht nicht mehr für ein ganz hohes Niveau.

Dieses fortwährende Understatement von dir – im Buch und jetzt auch in echt – kann einen echt fertig machen.

ZWAKKELMANN Genau dasselbe sagt mein Bruder auch! Zu dem Untertitel des Buchs meinte er „Anekdoten eines Vollidioten – was soll das?!“ Naja, ich mochte halt den Reim gern.

Der Binnenreim und Reime an sich sind ja sehr wichtig für deine Texte – aber dieses Sich-Selbst-Runterzubuttern, das führst du wirklich auf eine neue Meisterschaft.

ZWAKKELMANN Stimmt schon. Das hängt auch mit meinem Vater zusammen, der ist schon lange tot, ist gestorben als ich 32 war, also über 20 Jahre her. Der hatte mich früher immer viel runtergeputzt. Im Buch kommt das auch vor, hätte er sicher nicht gut gefunden – aber ich wollte das nicht aussparen.

Die Familie verschweigst du nicht, man liest auch die Geschichte, dass euer kleiner Bruder bei einem Unfall ums Leben kam.

ZWAKKELMANN Das war im Jahr 1981, ich habe damit abgeschlossen und war der Meinung, das muss auch Platz haben in einem Buch über Zwakkelmann. Es war mir wichtig, es zu schreiben.

Mit Schließmuskel habt ihr in den 90ern mal kurz ein wenig an einem Ruhm gekratzt, der über die Punkszene hinausging, mit Zwakkelmann machst du stets ambitionierte Clips zu deinen Alben – wie wichtig ist Erfolg?

ZWAKKELMANN Ach, ein bisschen mehr davon wäre schon schön. Allein um Platten unter besseren Voraussetzungen aufnehmen zu können. Aber für mich hat vor allem die Selbstbestimmung einen Wert. Weißt du, ich kann machen, was ich will, ist das nicht großartig? Und durch meinen schönen Job im Jugendhaus, der mir immer noch Spaß macht, bin ich abgesichert. Was allerdings auch nötig ist, denn Du zahlst heute drauf auf so einem Level. Ich muss gerade feststellen, dass man mit Büchern mehr verdienen kann als mit Musik. Doch wenn’s mir um’s Geld gehen würde, hätte ich da schon vor 30 Jahren mit aufhören müssen.

Aber als Literat sind die Karten noch mal neu gemischt?

ZWAKKELMANN Mit dem Buch aktuell kriege ich gerade mehr Anfragen, als ich bearbeiten kann. Ich meine, ich bin auch sehr beflissen, will jedem immer gleich zurückschreiben, aber es artet echt in Arbeit aus, hätte ich nie gedacht. Ganz schön anstrengend, so ein Buch draußen zu haben. Gerade auch wenn man immer noch soviel Alkohol trinkt. Obwohl da habe ich mich schon ein wenig zurückgenommen. Letztens in Düsseldorf bin ich sogar nüchtern aufgetreten! Ja, Du lachst, aber vor fünf Jahren wäre das für mich noch undenkbar gewesen. Rauchen ist auch nicht mehr. Ich bin dahingehend in den letzten Jahren doch etwas schlauer geworden, sonst hätte ich wohl der deutsche Johnny Thunders [amerikanische Punklegende verstorben mit 38 Jahren] werden können.

Wie hast du dich dem Buch, also einem Langformat im Gegensatz zu den doch überschaubaren Songtexten, genähert?

ZWAKKELMANN Ich fand das alles nicht so nicht leicht, weil ich sehr an Formulierungen feile beim Schreiben. Insofern habe ich die Storys nicht einfach runterschreiben können, allerdings war das auch das, was mir an der Arbeit am meisten Spaß gemacht hat. Also die beste Lösung für einen Satz zu finden, ich steh auf klare Sprache und die muss man erstmal finden – das Komplizierte, Akademische ist mir jedenfalls völlig fremd.

Was bei dir auffällt ist, dass du immer wieder ungewöhnliche Ideen umsetzst, eine, die besonders im Gedächtnis bleibt, ist sicher, dass Du beim Haldern Festival vor den Dixie-Klos live gespielt hast. Warst Du dafür gebucht?

ZWAKKELMANN Nee, das war eine Guerilla-Aktion. Einmal durften wir wohl in der Haldern Popbar spielen, aber aufs Festival wurde ich mit der Band nie eingeladen und da habe ich mir gedacht, okay, stellste dich halt mit einer winzigen Anlage zu den Toiletten und trittst da auf – einfach um mal zu sehen, was passiert. Und dann standen da plötzlich bis zu 200 Leuten, die das gefeiert haben.

Hat Stefan Reichmann, der Macher vom Haldern Festival dann nicht gesagt: Kommste nächstes Mal wieder, wir stellen dir einen Kasten hin, Du kriegst Spritgeld, richtig Bühne und Eintritt frei?

ZWAKKELMANN Nee.

Verdammt schade.

Das Interview führte Linus Volkmann

Mein persönliches Fan-Foto mit den Ruhrpott-Legenden Vicky und Zwakkelmann

 

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