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„Gesicht eincremen und fünf Minuten dehnen“ – Endless Wellness im Interview

25. August 2025,

Geht es im Leben nicht doch um mehr, als bloß ein arbeitsfähiger Mensch zu sein? Endless Wellness aus Wien demontieren die Glücksversprechen des digitalen Kapitalismus mit Stil, Witz und Verzweiflung. Marc Wilde vom Kaput-Magazin hat Milena und Philipp von einer der aufwühlendsten Bands der Jetztzeit getroffen.

Endless Wellness Kaltern Pop 2024

Nach Veröffentlichung eurer Single „Die guten Jahre“ seid ihr aktuell mit Endless Wellness wieder auf Tour. Zuletzt habt ihr ein Konzert in einem Jugendhaus gespielt. Jetzt tretet ihr auf einem Festival auf … nicht das einzige, wenn man sich euren Tourplan anschaut. Was ist euch lieber: Club oder Festival?  

Philipp: Ach, ich mag beides wirklich gerne. Das ist immer ein bisschen wie eine Wundertüte. Man weiß einfach nicht im Vorhinein, was jetzt warum Spaß bringt.

Wenn ihr auf Festivals seid: Bleibt da eigentlich Zeit, sich auch andere Bands anzuschauen oder seid ihr nur in eurem eigenen Film unterwegs?

Milena: Ich würde das ur gern tun, aber schaffe das leider nicht. Vor einem Konzert baut sich bei mir immer eine große Konzentration auf und ich brauche dann echt so meine kleine Bubble für mich selbst. Was mir sehr leid tut, weil ich so natürlich extrem viele tolle Bands verpasse.

Das erste Mal, dass ich euch begegnet bin, war letzten Herbst in Südtirol. Auch ein Festival – in Kaltern findet alljährlich das Schwesternfestival zum Haldern Pop statt. Wie hat es euch dort gefallen?

Philipp: Top Drei. Es hat einfach so viel rundherum gepasst: Wir waren relativ früh da und hatten sogar Zeit, um im Pool schwimmen zu gehen. Und wir haben natürlich sehr leckeren Wein getrunken.

Milena: Wenn ich an das letzte Jahr denke, dann kommt Kaltern wirklich ganz schnell vor. Es war auch ein sehr besonderes Konzert. Ich hatte den Eindruck, dass wir das Publikum mit jedem Song ein bisschen mehr für uns gewinnen konnten. Außerdem haben wir dort Gisbert zu Knyphausen kennengelernt, was vor allem für Philipp sehr besonders war. Er ist dann auch in Berlin zu unserem Konzert gekommen.

Knyphausen und Wein. Da läuten bei mir sofort die Rheingau-Glocken. Dort gibt es nämlich auch so ein Festival …

Philipp: Heimspiel …

Ihr spielt jetzt aber nicht auch dort, oder?

Philipp: Nein, es ist sich dieses Mal leider nicht ausgegangen. Aber wir hoffen auf nächstes Jahr …

In Haldern werdet ihr aber diesmal auftreten – da habt ihr auch noch eine Rechnung, stimmt’s?

Milena: Das kannst du so formulieren. Im letzten Jahr mussten wir leider absagen, wegen meiner Knieverletzung und Philipps Covid-Infektion.

In Kaltern standest du auch noch mit einer Kniemanschette auf der Bühne …

Milena: Ja, das war relativ kurz nach der OP. Ich durfte auch erst einige Monate danach wieder Autofahren. Vom Fahrdienst wurde ich daher freigesprochen. Aber jetzt funktioniert alles wieder gut.

Fundament Eurer Band ist eine lange Freundschaft, die euch auch schon vor Endless Wellness verbunden hat. Wie ist das dann auf Tour, würdet ihr sagen, ihr kommt euch dabei so nah, dass es dann auch gut ist, wenn ihr danach wieder auf Abstand gehen könnt – für eure Freundschaft?

Milena: Ja, das ist halt viel Zeit, die man miteinander verbringt und die sehr viel mit Arbeitskontexten verbunden ist. Gerade eben erst, auf dem Weg hierher, haben wir wieder festgestellt, dass wir die Stunden im Bus eigentlich nur mit Office-Arbeit beschäftigt waren. Und die Grenzen zu setzen zwischen Arbeit und den Momenten, in denen wir einfach nur zusammen rumsitzen, das ist extrem wichtig geworden; weil die Übergänge einfach fließend sind. Daran müssen wir uns auch immer wieder selber erinnern: Nein, jetzt mal kein Endless Wellness, sondern nur gemeinsam Abendessen kochen oder irgendeine eine blöde Serie anschauen.

Das ist ja nicht selbstverständlich, in dem Kontext von Arbeit zu sprechen, wo Musik euer Lebenselixier ist und ihr sozusagen in der Lage seid, das Hobby zum Beruf zu machen. Zumal unter Freunden.

Milena: Ich glaube, das ist ein allmählicher Prozess gewesen. Als wir mit der Band gestartet sind, haben wir nicht mal im Ansatz geahnt, in welche Richtung sich das entwickeln würde. Unser Ziel war es, dass wir auf FM4 gespielt werden, dem tollen österreichischen Radiosender. Und dann sind wir mit unserer ersten Single gleich auf Platz vier der FM4-Charts gelandet. Das war jenseits dessen, was wir uns jemals vorgestellt hatten. Und jetzt sind wir in der privilegierten Lage, auch einen Teil unseres Lebensunterhalts über die Band finanzieren zu können. Und ich glaube, es ist eine sehr wichtige und klare Entscheidung, Dinge als Arbeit zu bezeichnen und dann Songwriting und Musik als diese heilige kleine Blase zu behandeln, die eben mit Office-Arbeit und Emails beantworten nichts zu tun hat. Weil ansonsten geht sich das für uns emotional nicht aus.

Philipp: Ja, das ist wirklich eine Gratwanderung. Also die Konzerte zum Beispiel, die machen eigentlich immer Spaß. Aber ich merke auch, dass ich richtig aufpassen muss, nicht generell genervt zu sein, weil alles im Umfeld so anstrengend ist: der wenige Schlaf und ewig im Auto zu sitzen, das stressige Auf- und Abbauen usw. Das ganze absurde Ausmaß an Arbeit, das man zwar irgendwie akzeptiert, aber man muss sich eben auch ein bisschen schützen, dass das nicht zu sehr ins Musikmachen rüberschwappt.

 „Wellness“ tragt ihr ja bereits im Namen – wie sehen denn eure Selfcare-Strategien aus: Gibt es persönliche Dinge, die ihr immer mit dabeihabt, wenn ihr unterwegs seid? Wenn ihr die jetzt auf den Tisch kippen würdet, was läge dann vor uns? Ihr könnt natürlich auch direkt die Taschen leermachen …

Milena: Ich habe ganz unromantisch nur die Hotelkarte und mein Handy dabei.

Okay, das ist jetzt kein Selfcare …

Philipp: Voll die gute Frage. Es beschäftigt mich, dass ich nichts benennen kann. Ich habe immer Bücher dabei, aber die lese ich nie.

Milena: Für mich sind tatsächlich Gerüche sehr wichtig. Also ich habe so ein Lavendelspray, das ich gern vor dem Schlafengehen verwende oder in meinen Koffer reinspraye. Das ist ein Geruch, den ich mit Entspannung verbinde. Mir ist auch so der Moment am Abend, bevor ich schlafen gehe, wichtig: das Gesicht einzucremen und fünf Minuten Dehnen. Das mache ich immer. Und natürlich Noise Cancelling-Kopfhörer, die sind auch sehr wichtig.

Zum Musikhören oder um die Geräusche im Außen abzustellen?

Milena: Sowohl als auch. Es kommt ja durchaus vor, dass wir in Sechs-Bett-Zimmern übernachten. Dann ist es praktisch, wenn auch einfach nur Stille erzeugt wird.

Adele Ischia von Endless Wellness im Popsalon 2025

Also das Koks überlasst ihr eher der „Generation kaputte Nasenscheidewand“. Oder Wanda?

Milena: Ja, wir sind eine ganz, ganz brave Band. Wir haben auch schon gewitzt, ob wir heute nicht im Pyjama auf die Bühne gehen sollen, weil um 23:30 Uhr schlafen wir eigentlich alle schon.

Hey, wo bleibt der Rock‘n’Roll-Lifestyle?

Milena: Ja, der ist nicht bei uns, der ist in den Siebzigern stecken geblieben.

Philipp: Unser Lifestyle ist wirklich eher früh ins Bett gehen und Serien schauen.

Wie würdet ihr denn die aktuelle Phase in eurer Bandgeschichte beschreiben? Zwischen dem Album im letzten Jahr und der Single, die ihr vor Kurzem rausgebracht habt. Ich würde denken, dass bald auch wieder ein neues Album bevorsteht?

Philipp: Ja, wir gehen jetzt wieder frisch ins Studio. Und mit den neuen Aufnahmen fühlt es sich auch sehr anders an als beim ersten Mal.

Inwiefern?

Philipp: Wir gehen da inzwischen mit einer anderen Professionalität ran, sind aber auch nicht mehr so unbefangen. Es gibt eine Reichweite von der wir jetzt wissen, dass sie da ist. Das ist schon auch ein bisschen gruselig, finde ich. Also die Songs sind nicht mehr ein „Wir-machen-das-für-uns-und-hoffentlich-hört-es-irgendwer“, sondern plötzlich gibt es Leute, denen bedeutet dieses erste Album was und das ist natürlich was ganz anderes, als irgendwas ins Leere reinzuschießen.

Aber es gibt noch kein Datum oder Titel fürs neue Album, oder?

Milena: Nein, das steht jetzt alles noch ein bisschen in den Sternen. Also die Single ist einfach als Lebenszeichen gedacht gewesen und ob die dann auf dem nächsten Tonträger erscheint oder vielleicht auch einfach nur so ein alleinstehendes Hallo bleibt, das wissen wir noch gar nicht. Also es gibt auf jeden Fall neue Songs. Aber in welchem Kanister die dann quasi verpackt werden, das ist alles noch offen. Was aber irgendwie auch schön ist, weil wir so dem Songwriting-Prozess entsprechenden Raum geben und die Dinge passieren lassen können, ohne dass die Bahnen schon vorgezeichnet wären.

War es Absicht, dass ihr „Die guten Jahre“ im Frühling rausgebracht habt? Ihr verwendet in dem Text ja ein Goethezitat: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.“ Das stammt aus „Faust“ – Osterspaziergang. Und da geht es, wie ich kürzlich gelernt habe, um Frühlingsgefühle. Absicht?

Philipp: Eigentlich haben wir nur DM zitiert: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“

Oh je, fuck! Dieses dumme Bildungsbürgertum …

Milena: Aber da hast du dich jetzt extrem gut detektivisch betätigt. Der Osterkonnex war jedenfalls nicht Teil der Intention.

So geht‘s mir häufig, wenn ich über Songs und Texte spreche: Lauter Zusammenhänge, die sich aber nur in meinem Kopf abspielen …

Milena: Aber das ist ja das Schöne, dass – wie bei allem anderen, so auch bei der Wahrnehmung von Kunst – jede Person über ein eigenes Inventar an Referenzen verfügt und den eigenen Horizont mitbringt.

Philipp: Und die Referenz zu Goethe und Faust ist natürlich schon absichtsvoll, aber eben auch nicht ganz, sondern mit dem Twist, dass da keine Aussage drinsteckt, sondern eine Frage, nämlich „Hier bin ich Mensch, darf ich hier sein?“.

Milena: Es gibt auch eine lustige biografische Anekdote dazu: Bevor ich „Faust“ gelesen habe, kannte ich den DM-Slogan, und als 16-Jährige saß ich dann in der Klasse und wir haben Faust I durchgenommen. Und ich plötzlich so: Okay, wow, dieser Slogan ist nicht von DM, der kommt einfach von fucking Goethe! Ich glaube, es gibt wenige, so sinnbildliche Manifestierungen des Kapitalismus wie das.

Eine weitere Verbindung, die ich entdeckt habe, ist ein Dokumentarfilm aus Österreich, der wie eure Single mit „Die guten Jahre“ betitelt ist und im letzten Jahr ausgezeichnet wurde. Der Regisseur heißt Reiner Riedler.

Milena: Echt? Das höre ich zum ersten Mal.

Philipp: Das habe ich auch nicht gewusst. Worum geht’s denn da?

Um Demenz. Der Film erzählt eine ganz spannende Geschichte, wobei der Regisseur seinen Freund porträtiert, der ein recht bekannter Fotograf ist. Dessen Mutter leidet an Demenz und um ihr etwas zurückzugeben und für sie da zu sein, zieht er von Wien zurück aufs Land – in sein altes Kinderzimmer. Das fand ich interessant, nicht nur wegen der Namensgleichheit im Titel, sondern weil es in eurem Song ja auch um die Frage geht, was am Ende übrigbleibt.

Milena: Schau, da hast du uns gleich für einen Bandabend das Programm geliefert. Da können wir diesen Film anschauen. Das war mir gar kein Begriff, aber klingt sehr spannend.

Um darauf zurückzukommen, was am Ende übrigbleibt, wie seht ihr das? In eurem Song geht es ja auch um Arbeit, um Entfremdung und die Frage, womit man seine guten Jahren verbringt. Wie geht ihr damit um oder worin sollte der gesellschaftliche Weg bei dem Versuch bestehen, sich „die guten Jahre“ zu bewahren oder sie zu nutzen?

Milena: Kapitalismus abschaffen wäre ein erster, sehr guter, wichtiger Schritt.

Aber ist Entfremdung tatsächlich das Gefühl, das ihr aktuell erlebt, in euren besten Jahren? Ihr habt vorhin im Zusammenhang mit dem Musikschaffen von Arbeit gesprochen und jetzt könnte man euch – auch wenn ihr womöglich unter prekären Umständen lebt – entgegenhalten, dass ihr im Vergleich zu euren Altersgenossen in einer relativ privilegierten Situation seid?

Milena: Ja, im Vergleich zu anderen Indie-Bands sind wir wirklich in einer privilegierten Situation.

Und ist es so, dass ihr diese Zeit jetzt auch bewusst auskosten wollt – koste es, was es wolle?

Philipp: Ja, vielleicht. Es geht aber auch um ein sehr persönliches Erleben davon, wie arg die Welt funktioniert und wie wir das, was wir machen, dem unterordnen müssen. Es wird nämlich immer von Normkörpern ausgegangen – von fähigen, leistungsfähigen Normkörpern, die soundso viele Stunden zu arbeiten haben. Und da trifft es so viele Leute, die sich in diesem Christian Lindner-Wet Dream von „Leistung muss sich wieder lohnen“ nicht wiederfinden, so viel ärger als uns. Und deswegen stellen wir diese Frage: ob das alles ist, was ich als Mensch sein kann? Ob es nicht um mehr gehen sollte, als ein arbeitsfähiger Mensch zu sein.

Milena: Genau. Es ist einfach menschenunwürdig, wenn die Fähigkeit eines Menschen synonym mit seinem Wert gesetzt wird. Das ist de facto im Kapitalismus so und das ist extrem gefährlich. Und wenn wir es jetzt auf die Band-Ebene beziehen, dann bewegen wir uns in einer paradoxen Situation: Einerseits möchten wir so gern Musik machen, diese nach außen tragen und damit unser Leben gestalten; anderseits können wir das nicht, ohne gewissen kapitalistischen und ökonomischen Parametern zu entsprechen. Und dagegen möchten wir in unseren Texten und unserem Sein aufbegehren. Widersprüchlicher geht es eigentlich nicht. Eine Frage, die in dem Song mitschwingt, ist, ob wir nicht eigentlich alle schon kopflose Hühner sind? Ob wir nicht alle so sehr im Stress sind, dass wir gar nicht mehr merken, dass wir schon nicht mehr können. Genau deswegen sind „die guten Jahre“ eigentlich eher ein Sehnsuchtsort, einer, der allen Menschen zugänglich sein sollte. Und dies nicht nur in Form von guten Jahren, sondern als ein gutes Leben. Das ist mein Wunsch für die Welt.

Milena Klien von Endless Wellness auf dem Waldstock Festival (Foto: Annette Iten)

Dazu passt eine Aussage, die in der Presseinfo zu eurem letzten Album steht: dass eure Lieder – ich zitiere – „einen Versuch darstellen, das Gefühl kollektiver Erschöpfung umzuleiten in ein gemeinsames, lautes Aufbegehren gegen ein dysfunktionales System, das durchwachsen ist von gescheiterter Klimapolitik und einem erneut erstarkenden Faschismus“. Damit positioniert ihr auch als Band ja auch politisch. Gleichzeitig bleibt die Erschöpfung auf persönlicher Ebene bestehen und bei vielen gibt es den verständlichen Reflex, den politischen Abgründen nicht länger ins Auge sehen zu wollen. Wie verhaltet ihr euch zwischen diesen beiden Polen – den Rückzug ins Private und die Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart –, zum einen persönlich, zum anderen als Band?

Philipp: Das Persönliche ist für mich in jedem Fall sehr eingeflochten in das Bandleben. Wobei für mich die Frage, in wie weit ich ein politisches Subjekt bin, wenn ich Kunst mache, immer wiederkehrt. Woran ich mittlerweile glaube, dass das stattfindet, ist diese Kraft von Menschen, die sich in der Musik und den Texten erkannt und gesehen fühlen. Die Frage, die ich mir aber weiterhin nicht gut beantworten kann, ist, ob das politisch ist, was wir da machen. Es gibt auf jeden Fall einen Versuch. Aber vielleicht ist das Hinterfragen wichtiger, als Antworten zu geben, vielleicht ist das Fragezeichen noch viel wichtiger als das Ausrufezeichen.

Milena: Ich empfinde uns in jedem Fall als politische Personen. Das heißt, wenn wir gemeinsam ein Projekt haben, das sich um Musik dreht, dann wird das automatisch politisch, eben weil wir uns mit der Gegenwart beschäftigen und Meinungen und Gefühle zum Status quo zum Ausdruck bringen. Ich finde es aber auch schnell anmaßend anzunehmen, dass Musik allein zu politischen Veränderungen führen kann. Das können wir, glaube ich, einfach nicht erreichen; zumindest nicht mit der Größe, die wir aktuell haben. Aber was wir auf einer persönlichen Ebene machen können, ist, Dinge, die uns und unser Umfeld beschäftigen, zu verbalisieren. Ich glaube, dass Repräsentation und Identifikation ein wahnsinnig kraftvolles Mittel auch auf politischer Ebene sein kann. Und wenn es einfach nur ist, dass Menschen gemeinsam zum Konzert gehen, einen besonderen Abend haben und alle „ich weiß jetzt endlich, wo ich sein will, und das hat keine Nation, keinen Gott und keinen Bausparvertrag“ singen. Das hat eine sehr große, verbindende Kraft, weil wir damit Momente der Gemeinsamkeit in einer Gesellschaft schaffen, die auf Trennung und Vereinzelung basiert.

Musik gemeinsam erlebbar zu machen wäre dann also eine Art Bewältigungsstrategie?

Milena: Das wäre für mich das Schönste, was passieren kann. Also das könnte zusammengefasst werden als Trost. Also wenn wir mit dem, was wir machen, uns selbst und anderen Menschen Trost und irgendwie eine Form von Perspektive und Momente des gegenseitigen Erkennens oder Anerkennens bieten können, dann wäre damit sehr viel getan.

Ich würde gerne noch einmal auf dieses Gefühl kollektiver Erschöpfung zurückkommen – wie ihr das erlebt bzw. woran ihr das festmacht. Was ich aktuell relativ häufig bei jungen Bands und Künstlern wahrnehme, ist ein zunehmendes Artikulieren psychischer Belastungen oder Krankheiten wie Depression oder ADHS. Ich möchte nicht gleich davon sprechen, dass dies öffentlich zur Schau gestellt wird, aber es gibt Beispiele, die mich irritieren und wo ich mich gelegentlich frage, inwiefern damit vielleicht auch eine Reaktion bei der Zielgruppe hervorgerufen werden soll. Es trifft jedenfalls offensichtlich einen Nerv.

Philipp: Ich glaube, was wir erleben, ist, dass dieses Pendel gerade rüberschwankt von einer Tabuisierung, die es in der Vergangenheit gegeben hat hin zu einer größeren Sichtbarmachung. Es ist ja nicht allzu lange her, dass psychische Erkrankungen und Therapie in einem Atemzug mit – in Anführungszeichen – Irrenanstalten und Zwangsjacken genannt worden sind. Jetzt, wo diese Dinge zunehmend enttabuisiert werden, wird einfach mehr darüber gesprochen. Ich würde aber nicht sagen, dass wir da schon einen guten Umgang erreicht haben. Gerade in unserem neoliberalen Selbstverwirklichungsdrang, wo alles so hardcore individualisiert ist, ergibt es für mich voll Sinn, dass auch eine Diagnose Identität schaffen kann. Da mag dann auch eine Gefahr drinstecken, wenn man sich sehr stark identifiziert oder auch überidentifiziert damit. Und klar, man kann auch durchaus hinterfragen, was für wen in welcher Form geteilt werden muss. Aber an sich finde ich diese Tendenz extrem relevant: dass darüber gesprochen wird.

Wie sieht du das, Milena? Kannst du mein Unbehagen nachvollziehen, wenn mir die Art des öffentlichen Umgangs mit psychischen Problemen unter Künstler*innen gelegentlich suspekt vorkommt?

Milena: Ich glaube, ich bin da anderer Meinung als du. Also mir ist es lieber, wenn einmal zu viel drüber gesprochen wird anstatt, dass Dinge unter der Oberfläche köcheln und Leute Ängste haben, ihre Probleme öffentlich zu machen. Oder wenn die Sorge besteht, bestimmte Berufe gar nicht erst ergreifen zu können, weil man der Auffassung ist, dass möglicherweise die psychischen Voraussetzungen nicht gegeben sind. Wenn Aspekte einer Gesellschaft im Prozess sind, enttabuisiert zu werden, dann muss sich auch erst eine Sprache finden. Und in dem Prozess des Sprachefindens gibt es halt ein Herumprobieren und ein Experimentieren.

Wie viel an euren Texten ist eigentlich gemeinsame Arbeit? Werden die von unterschiedlicher Seite geschrieben oder entstehen sie, in dem einer von euch etwas in die Runde gibt, und dann wird weiter daran gefeilt?

Philipp: Wir zwei sind auf jeden Fall Team Text. Ich glaube, es ist jetzt anders als bei „Was für ein Glück“. Das erste Album war größtenteils durchmischt von Songs, die gemeinsam erarbeitet worden sind. Jetzt haben wir abgemacht, dass es quasi eine Person gibt, die so das letzte Wort hat. Also wenn Milena einen Text einbringt, dann hat sie eine andere Position und trifft auch die letzten Entscheidungen. Bei anderen Songs bin ich das. Was wir bis jetzt noch nicht wirklich ausprobiert haben, ist, wirklich gemeinsam von null zu starten. Aber da wollen wir auch noch irgendwann hin.

Milena: Auch hierfür ist „Die guten Jahre“ ein passendes Beispiel. Da gab es erst einige Zeilen und Ideen, wo es hingehen soll und dann haben wir ein geteiltes Dokument gehabt und haben parallel geschrieben, an Versen gebastelt und jeweils kommentiert …

Philipp: Ja, da werden harte Kämpfe geführt.

Das Bild zum Talk: Milena Klien und Philipp Auer von Endless Wellness (Foto: Marc Wilde)

Wenn ihr jetzt noch einmal auf „Was für ein Glück“ zurückblickt – und ihr habt vorhin schon gesagt, dass der Erfolg, den ihr mit eurem Debut hattet, durchaus überraschend gekommen ist –, womit seid ihr besonders glücklich?Oder umgekehrt: Gibt es Dinge, die ihr jetzt beim zweiten Album bewusst anders machen wollt?

Philipp: Im Großen und Ganzen sind wir sehr glücklich mit unserem letzten Album. Was wir uns aber für die kommenden Aufnahmen vorgenommen haben, ist, weniger perfektionistisch zu sein. Wir sind wirklich sehr, sehr viel im Studio gewesen und haben ungeheuer viel Zeit investiert. Und irgendwann bringt das nichts mehr bzw. man geht an die Sachen eher zu verkopft ran. Da steuern wir jetzt bewusst gegen und versuchen das anzunehmen: dass die Songs einfach immer Momentaufnahmen sind.

Ihr habt bisher im Live-Setting aufgenommen und wollt das auch weiterhin beibehalten, oder?

Milena: Ja, beim Großteil der Songs war es bisher so, dass wir die zusammen eingespielt haben und danach wurden dann noch irgendwie Schichten dazu aufgenommen. Diesen Modus mögen wir schon sehr gern. Es passiert meistens eine Form von Magie, wenn man diesen Raum lässt, wenn wir uns im Studio im Kreis aufstellen und uns anschauen können. Es ist auch so, dass wir die Songs, wenn wir sie aufnehmen, schon sehr oft live gespielt haben. Und die nehmen wir uns dann im Studio wieder neu vor und überlegen uns, was sie in dem Moment von uns wollen.

Das heißt also, ihr probiert die neuen Songs vorher bei euren Konzerten aus, experimentiert damit und schreibt diese Erfahrung dann in die weitere Entwicklung mit ein?

Philipp: Ja, ich habe auch das Gefühl, wir wissen auch erst beim Livespielen, wie sich die Sachen anfühlen. Wir haben jetzt zum Beispiel einen neuen Song dabei – „Katze“ – und als wir den zum allerersten Mal gespielt haben, war uns danach klar, dass der auf jeden Fall zu kurz ist.

Okay, kommen wir zum Abschluss. Mit den Wien-Klischee-Fragen verschone ich euch. Aber wie sieht es mit uns Deutschen aus? Seht ihr da im Vergleich zum heimischen Publikum Unterschiede, wie auf eure Musik und die Texte reagiert wird? Bitte her mit den Stereotypen!

Milena: Nein, ich glaube für mich ist gerade das die Erkenntnis, dass sich diese Stereotype einfach überhaupt nicht anwenden lassen. Also wir haben einfach ein wahnsinnig liebes Publikum. Und die füllen dann die Räume und schaffen die Atmosphäre.

Ein schönes Schlusswort. Was ich noch zu sagen hätte: „Danke für alles!“

Interview: Marc Wilde

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