Eigentlich überall

„Transzendenz für Avant-Metal-Dullis“ Sunn O))) live

24. November 2025,

„Eigentlich überall“ ist die sehr beliebte Live-Kolumne von der mobilen Popjourno-Brigade Benjamin Moldenhauer und Saskia Timm. Heute schreibt Benjamin über das jüngste Konzert der düsteren Legenden von Sunn O))). Besucht mit ihm das Übel & Gefährlich in Hamburg an einem Abend, an dem eher heiliger Ernst denn Finstermanntheater herrschte.

Sunn O))) – bloß wo? Foto: Saskia Timm

Konzerte von Sunn O))) sind mehr so Messen. In dem Sinne erstmal, dass zwei in Düstermönchkutten und Fans ganz in Schwarz, mit viel Bart, im Verbund an der Suggestion beziehungsweise Autosuggestion eines sakralen, auratischen Ereignisses feilen. Die Hoffnung: Näher wird man als Agnostiker und Avant-Metal-Dulli einer religiösen, eventuell transzendenten Erfahrung nicht kommen.
Und es ist ja auch nicht falsch, im Sinne von gelogen. Sunn O))) produzierten bei ihrem Konzert im Hamburger Bunker Übel & Gefährlich Frequenzen, die einen unmittelbar körperlich angehen. So unmittelbar es eben geht, wenn man es mit Frequenzen von außen und nicht mit inneren Regungen (Magenschmerzen, Liebeskummer) zu tun bekommt. Das funktioniert nur in der entsprechenden Lautstärke und mit Raumklang. Beim Zuhausehören blieben da nur der Migräne machende Kopfhörer- oder sonst der zwangsläufige Polizeieinsatz. Oder gleich Bundeswehr.
Auch im Übel & Gefährlich wird klar, wie entscheidend der Raum für Sunn O))) ist. Lehnt man an der Bar, rollt der Schalldruck langsam an einem vorbei, man steht neben der Musik und sieht nicht mehr als zwei Menschen, die in Zeitlupe auf ihre Gitarren hauen und da dann eben lautes Geräusch in Form von lang anhaltenden Gitarren-Drones rauskommt.
Wenn man aber in der Mitte des Raums steht, wirkt das alles nicht mehr wie Finstermanntheater, sondern bekommt einen heiligen Ernst. Ich würde gerne über das Vokabular verfügen, mit dem man die Körpererfahrung beschreiben könnte, die man auf Sunn O)))-Konzerten machen kann, wenn das Drumherum stimmt. Probieren kann man’s ja: Sunn O))) arbeiten mit ihren Gitarren daran, Frequenzen zu finden, die eine sagen wir mal öffnende Wirkung haben. Abstrakter Metal, und einer, der einen weich werden lässt und mit genretypischen Körperpanzerinszenierungen nichts im Sinn hat.
Die Musik von Sunn O))) ist nicht gewaltvoll, sondern erzeugt im Zuhörer*innenkörper eine Ruhe und das schöne Gefühl einer kompletten Verabschiedung der Welt, eine Maximalentrückung. Außerkörperliche Erfahrung ohne Esoscheiss, Nahtod, Schweben. Transzendentalmusik sozusagen materialistisch gedacht und aufgebaut: von den Auswirkungen des Sounds auf den Körper. Die Körper lassen sich nicht in ein unbestimmtes Drüben beamen. Aber vielleicht schleppen sie doch viele brach rumliegende Erfahrungspotenziale mit sich rum. Und an die wird man, wenn die Musik von Sunn O))) greift, erinnert, durch infernalischen Lärm.
Dass das alles immer gleich klingen würde, stimmt nicht. Die letzte Sunn O)))-EP ist nicht mehr auf Southern Lord, sondern auf Sub Pop erschienen und klingt viel spröder als die Alben davor. Auf den Konzerten der letzten Jahre kam immer mehr Spektakel hinzu, Gesang zum Beispiel, oder ein Jagdhorn, das lange Töne produzierte, während Mayhem-Sänger Attila Csihar mit einem Laserlicht-Kopfschmuck behelmt über die Bühne stakste und mit seiner Stimme sehr fürchterliche Geräusche machte. Beim Hamburger Konzert dann wieder zurück zur Basis, wie in den ersten Jahren von Sunn O))): zwei Mönchskutten, zwei Gitarren, und ein Raum aus Krach und Druck und Tieftonfrequenzen.

Benjamin Moldenhauer

 

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