„Angst ist oft sehr körperlich“ – Jule im Interview
Vor etwas über einem Jahr erschien Jules Debüt-EP „Im Regio weinen“ mitten im Sommer und schlug mit einem Knall in der Musikwelt ein. Lange hatte niemand mehr so offen über dunkle Gedanken und innere Abgründe Musik gemacht, wie Jule es auf diesem Werk getan hat. Nun legt sie ihr Album „Es ist nie zu spät für Frühstück“ mit elf neuen Stücken vor. Claas Reiners führte ein Interview.

Jule vor abgemilderter Jurassic Park Kulisse / Foto: Alexander Schliephake
Die neue Platte von Jule ist alles, aber auf keinen Fall ein Abklatsch der EP. Das musikalische Korsett sieht sich viel eher erweitert: laute, punkige, aber immer hochmelodiöse Songs prägen das neue Werk. Thematisch spielt Angst eine große Rolle in den Texten – keine Angst, wie sie beim Schauen eines Horrorfilms entstehen kann. Das ist eher ein Gruseln. Bei Jule handelt es sich um ein tiefergehendes und lähmendes Gefühl, bis selbst das Aufstehen zu schwer wird. Ist es dann doch geschafft, müssen die Blicke der Anderen auf dem Weg zum Supermarkt ausgehalten werden, ehe sich ein Fluchtgedanke breitmacht. Es ist eine Angst davor, die einfachsten Dinge des Alltags nicht zu schaffen. Bei Jule ist Angst vielleicht auch ein Antrieb, Songs zu schreiben. Gefühle werden bei ihr unmittelbar und direkt vorgetragen – mal solo, leise, nur von der eigenen Gitarre begleitet, mal mit einer Band in punkrockiger Manier. Wie das alles zusammenhängt? Das soll nun geklärt werden.
Wie und was hat sich dein Leben zwischen der EP „Im Regio weinen“ und dem Album „Nie zu spät für Frühstück“ geändert?
JULE Zwischen der EP und dem Album ist einfach viel passiert. Ich habe meine Ausbildung beendet, war zwischendurch ziemlich erschöpft und war im Studio. Gleichzeitig sind mehr Konzerte dazugekommen, und ich habe gemerkt, dass die Songs nicht nur in meinem Kopf existieren, sondern wirklich bei Menschen landen. Früher war Musik eher mein Rückzugsort im Zug – Kopfhörer auf, alles leise. Jetzt ist sie mehr zu einem Job geworden, aber im guten Sinne. Es gibt mehr Verantwortung, mehr Druck, aber auch dieses verrückte Gefühl, wenn Leute mitsingen. Das Album ist für mich genau diese Zwischenzeit: ein Schritt raus aus dem sicheren, kleinen Kosmos, hinein in etwas Unsicheres, aber Ehrlicheres.
Auf der EP waren die Texte überwiegend sehr introvertiert. Auf dem Album finden sich immer noch solche Stücke. Allerdings gesellen sich nun auch wütende Kommentare dazu. Ist das ein neues Gefühl für dich?
Wut an sich ist kein neues Gefühl. Ich glaube, ich war schon immer wütend, nur sehr nach innen. Auf der EP war ich viel damit beschäftigt, meine Traurigkeit zu sortieren und alles möglichst behutsam zu formulieren. Da war ich eher damit beschäftigt, zu verstehen, was da überhaupt los ist. Beim Album hatte ich irgendwann keine Lust mehr, alles nur vorsichtig zu verpacken. Es gibt Dinge, die machen mich wütend: Beziehungen, die nicht gut sind, und auch meine eigenen Muster. Die Wut ist also nicht neu, ich lasse sie nur zum ersten Mal richtig mitreden. Und ich merke, dass das auch sehr befreiend sein kann, weil es mich handlungsfähiger macht.
Bisher warst du eher eine Meisterin der leisen Töne. Wie schwer war es für dich, so in den punkigeren Songs aus dir rauszugehen und zu schreien?
Am Anfang war das super ungewohnt. Schreien war für mich eher etwas, das man zu vermeiden versucht. Im Studio habe ich dann gemerkt, wie viel Energie darin steckt, wenn ich mir das erlaube. Dass es okay ist, wenn die Stimme bricht oder etwas schief ist, solange es ehrlich ist. Das war ein bisschen wie Muskelkater für den Kopf. Man muss sich trauen, diese Grenze zu übertreten.
Du sagtest mal, du würdest gerne in einer richtig coolen Punkband spielen, aber dass du das nicht kannst. Ich finde, die punkigen Songs auf dem Album nun sehr cool und sie passen auch gut zu dir. Ist das eine verschobene Wahrnehmung und du siehst (oder sahst) es schlimmer, als es eigentlich ist/war?
Ja, ich glaube, das ist eine ziemlich verschobene Wahrnehmung von mir selbst. In meinem Kopf sah eine „richtige“ Punkband immer aus wie Leute, die nie zweifeln, alles im Griff haben und auf die Bühne gehen, als wäre das nichts. Ich bin das genaue Gegenteil – ich zweifle sehr viel.
Durch das Album habe ich gemerkt, dass es vielleicht genau das ist, was zu mir passt. Dass Punk nicht heißt, unverwundbar zu sein, sondern seine Unsicherheit mitzunehmen und trotzdem laut zu sein. Die Songs auf der Platte sind für mich so ein Kompromiss: Ich bleibe ich, aber ich traue mich ein Stück weiter raus als früher. Und wenn andere sagen, dass es zu mir passt, hilft mir das, mein eigenes Bild ein bisschen zu korrigieren.
Hat oder musste dich eine Person überzeugen, dich musikalisch mehr in andere Richtung zu öffnen?
Es gab nicht diesen einen Moment, in dem jemand gesagt hat: „So, jetzt wirst du laut.“ Es waren eher viele kleine Schubser. Mein Produzent, Freundinnen und Freunde, Leute, die mich schon lange kennen, haben immer wieder solche Sätze gesagt wie: „Du darfst da ruhig noch mehr loslassen“ oder „Lass den Take ruhig so, auch wenn er roh ist.“
Wichtig war für mich, dass ich diesen Menschen vertraue. Dann fühlt sich Kritik oder ein Vorschlag nicht nach „Du bist nicht gut genug“ an, sondern nach „Da steckt noch mehr drin“. Am Ende musste ich es aber selbst entscheiden. Wenn ich mich in einem Song nicht wiederfinde, kann ich ihn auch nicht auf die Bühne bringen.
Weißt du, wie oft das Wort Angst auf dem Album vorkommt? (Spoiler acht Mal in sechs Songs)
Ich wusste, dass es häufig ist, aber die genaue Zahl hatte ich nicht auf dem Schirm. Achtmal klingt sehr nach mir, ehrlich gesagt.
Angst ist in meinem Alltag einfach sehr präsent. Sie entscheidet mit, ob ich ans Telefon gehe, ob ich eine Mail abschicke, ob ich eine Bühne annehme oder absage.
Dass das Wort so oft auftaucht, ist für mich eher ein Zeichen von Ehrlichkeit als ein Makel. Es wäre komisch, wenn ich so tue, als wäre alles easy, nur damit die Texte „cooler“ wirken. Dann lieber zugeben, dass Angst ein Dauergast ist.
Kannst du beschreiben, wovon du genau singst beziehungsweise wovor du Angst hast und wie sich das anfühlt?
Es ist eine Mischung aus vielen Ängsten: die Angst, nicht zu reichen; die Angst, zu viel zu sein; die Angst, dass Menschen gehen, wenn ich wirklich zeige, wie es mir geht. Aber auch ganz praktische Sachen: Geld, Zukunft, die Frage, wie lange man so einen Beruf überhaupt machen kann. Gefühlt ist Angst für mich oft sehr körperlich. Es ist ein Druck auf der Brust, ein Kloß im Hals, manchmal so eine Müdigkeit, dass schon Zähneputzen wie ein riesiger Berg wirkt. Im Kopf wird dann alles sehr laut, und gleichzeitig fühlt sich alles wie Watte an.
Glaubst du, deine Musik kann anderen Menschen helfen, besser mit sich und ihren Gefühlen klarzukommen und mutiger zu werden, diese zu artikulieren?
Ich wünsche mir, dass sie das kann. Ich sehe meine Musik nicht als Ratgeber, eher als: „Schau mal, so unaufgeräumt kann es innen aussehen.“ Wenn jemand das hört und denkt: „Okay, ich bin damit nicht alleine“, dann hat der Song schon gewonnen. Ich bekomme manchmal Nachrichten von Leuten, die schreiben, dass sie sich in einer Zeile sehr wiederfinden oder dass ein Song sie an einem bestimmten Abend begleitet hat. Das berührt mich jedes Mal extrem. Ich bin keine Therapeutin, aber ich kann anbieten, meine eigene Verletzlichkeit hinzustellen. Vielleicht macht das es anderen ein kleines bisschen leichter, über ihre zu sprechen.
Im Plattentest-Forum hat ein User geschrieben: „Die traut sich was, zu diesem Zeitpunkt (gemeint ist das Release-datum) ist die Jahresbestenliste schon seit zwei Monaten fertig.“ – Fand ich lustig und kann ich gut nachvollziehen. Was sagst du dazu? Und vielleicht noch wichtiger, hast du deine Top 2025 schon fertig?
Ich musste sehr lachen, als ich das gelesen habe. Ich finde es total schön, dass sich Leute so detailliert mit Musik beschäftigen, dass sie sogar den Zeitpunkt einer Veröffentlichung in Bezug auf Jahreslisten diskutieren. Und ich fühle mich natürlich geehrt, dass mein Album überhaupt in der Nähe von solchen Listen gedacht wird. Dass das Album so spät im Jahr rauskommt, passt aber irgendwie zu mir. Ich war noch nie die Person, die alles früh abgibt. Eher Team „kurz vor knapp“. Meine persönliche Top 2025 existiert gerade als chaotische Notiz im Handy. Eine finale Reihenfolge mache ich wahrscheinlich wie immer kurz vor Jahresende.
Zum Schluss vielleicht die wichtigste Frage, wann ist denn jetzt die beste Zeit zum Frühstücken?
Die beste Zeit zum Frühstücken ist, wenn man gerade eins braucht. Das klingt kitschig, ist aber wirklich so. Für mich ist Frühstück eher ein Gefühl als eine Uhrzeit. Dieses: „ich setze mich kurz hin, atme durch und gönne mir etwas“, egal ob es 7 Uhr morgens oder 16 Uhr ist.
Darum heißt das Album so. Es soll ein bisschen daran erinnern, dass es nie zu spät ist, sich um sich selbst zu kümmern oder nochmal neu anzufangen. Und wenn das in Form von Kaffee und Brötchen passiert, ist das auch völlig okay.
Text und Interview: Claas Reiners
==> Jules „Es ist nie zu spät für Frühstück“ ist via Zeitstrafe erschienen.




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