Kate Bush – Zwischen Leben und Tod

Es ist 35 Jahre her, dass Kate Bush das letzte Mal auf einer Konzertbühne gestanden hat. Eine unglaublich lange Zeit – gerade gemessen an den Maßstäben des schnelllebigen Popmusikbetriebs. Für ihre lang ersehnte Rückkehr hat sie sich nun jenen Ort ausgesucht, an dem sie 1979 ihre letzten Konzerte gegeben hatte.
Eventim Apollo, London Hammersmith, 19. September 2014 – ursprünglich erschienen in SPEX, 2014
1979 muss das Apollo ein wunderschöner Ort gewesen sein. Das Theater trug noch den Londoner Stadtteil Hammersmith im Namen, und allabendlich spielten hier die Größen der Popmusik. 35 Jahre später hat sich hingegen profan der aktuelle Besitzer in den Namen eingraviert, und das Gebäude wirkt – um es nett auszudrücken – vergessen und leicht verstaubt. Kate Bush spricht in ihrem Programmheft zu den „Before the Dawn“-Auftritten, mit denen sie ihre kaum mehr für möglich gehaltene Rückkehr auf die Bühne zelebriert, davon, das Haus ziemlich runtergewirtschaftet vorgefunden zu haben, zugleich aber auch wundervoll warm in seiner einladenden Geste und voller Versprechen für das, was hier möglich sein würde. Kurzum: Es war der ideale Ort für die Wiedererweckung ihres eigenen künstlerischen Mythos.

Viele Menschen haben darüber philosophiert, warum Kate Bush so lange nicht mehr aufgetreten ist. Manche sprachen von einer plötzlich kultivierten Bühnenangst, die meisten von ihrem Hang zur Perfektion, der es ihr unmöglich erscheinen ließ, sich angemessen zu repräsentieren. Bereits nach einer halben Stunde des insgesamt fast dreistündigen Auftritts im Apollo ist man deutlich schlauer: An Bühnenangst leidet Kate Bush definitiv nicht. So unbeschwert und voller Freude steht sie vom ersten Stück („Lily“) an mit ihrer zwölfköpfigen Band auf der Bühne. Um sie herum: viel Licht. So viel, dass es zunächst wirkt, als entsteige sie einer Explosion. Barfuß tänzelt sie über die Bühne, die Faust immer wieder glücklich geballt wie die eines kleinen Kindes. Band und Chor stellt sie als „shit-hot“ vor, trommelt sich dann auf die Brust, setzt zu „Top of the City“ an und taumelt einmal mehr durch die Musiker hindurch. Grenzenlos frei und einfach nur atemberaubend einnehmend.
Während die ersten sechs Songs – darunter „Hounds of Love“, „Joanni“, „Running Up That Hill“ und „King of the Mountain“ – Publikum und Künstlerin zunächst klassisch wieder zusammenführen, transformiert sich die Show danach ins Theaterhafte. Angelegt ist dieser Teil um „The Ninth Wave“, den Songzyklus, der die zweite Hälfte ihres erfolgreichsten Albums „Hounds of Love“ bildet und Stücke wie „And Dream of Sheep“, „Under Ice“, „Watching You Without Me“ und „Morning Fog“ umfasst. Wir sehen Kate Bush in einem Filmeinspieler (ein kluger Trick, um ihre Stimme während der langen Performance zu schonen) mit Rettungsweste im Wasser treiben, um ihr Leben paddelnd, und hören dazu einen Erzähler flehen, man möge dem unglückseligen Schiff und seiner Besatzung doch helfen. Das wunderbare Bühnenbild, minimalistisch und stimmungsvoll angelegt, kontrastiert dabei das reale Unglück mit den Fieberfantasien der Protagonistin. Über unseren Köpfen rattert ein Helikopter, die Wellen schweben – vom Licht getragen – über uns hinweg, und ihr Schrei nach Rettung, ein eindringliches „let me live“, malt sich in unsere Ohren. Kate Bush selbst tanzt in Persona mit Fischgrätenmännern um ihr Leben, blickt geisterhaft ihrer Familie (gespielt von ihrem echten Sohn und Bruder) über die Schulter und wird letztlich unter der zugefrorenen Eisdecke aus dem Meer freigesägt.
Diese Gefühlswallungen zwischen Leben und Tod, der Kampf in den kalten Wellen des Meeres – man kommt nicht umhin, all das als Bildnis ihres künstlerischen Lebens zu interpretieren. Als Verweis auf das Hadern und Zögern, das sie gespürt haben muss angesichts des großen Schrittes, sich – entgegen aller nachvollziehbaren Ängste, Zweifel und Bedenken, die mit den Jahren sicherlich nicht geringer wurden – ihren Fans auf der Bühne wieder die Hand zu reichen. Um hier und heute ein musikalisches Drama aufzuführen, wie es intensiver kaum auf die Bühne gebracht werden kann: düster und mitnehmend. Am Ende der sieben Songs ist man zunächst platt und völlig elektrifiziert. So kann eine Popshow also im Jahr 2014 aussehen? Madonna, Björk und David Bowie, die allesamt beim ersten Konzert der Serie Ende August anwesend waren, wissen nun, wie hoch die Messlatte für ihre eigenen Auftritte fortan liegt.
Nach einer kurzen Pause, in der man sich wieder etwas fassen kann, geht es weniger existenziell gefährlich als vielmehr naturalistisch weiter. Kate Bush gibt sich mit Songs wie „The Painter’s Link“, „Sunset“, „A Sky of Honey“ und „Cloudbusting“ dem Leben hin – ebenso hypnotisch in Richtung Publikum, aber thematisch leichter. Die Band und die hinzugekommenen Performer bewegen sich frei über die Bühne, schweben dabei in unterschiedlichen Bewegungstempi, was einen fantastisch unwirklichen Eindruck erzeugt, während Mond und Sonne im Hintergrund ihre Bahnen ziehen, Vögel singen, eine Holzpuppe die Welt erforscht und ein Maler seine Bilder entwickelt. Es ist ein hippiesker, glücklicher, ausgelassener Rausch des Lebens, an dem wir hier teilhaben dürfen. Ein Bekenntnis zu einem Leben mit der Kunst, das viel Schwere in sich trägt, aber ebenso das Versprechen absoluter Freiheit, Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Wie Kate Bush und ihre Mitakteure all das vereinen – es mit anzusehen zu dürfen, ist ein Geschenk.
Die Rückkehr von Kate Bush hätte nicht perfekter inszeniert sein können. Kaum ist das Konzert vorbei, wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können, um es sofort noch einmal zu erleben. Zwei Augen und zwei Ohren waren nicht genug, um die hier dargelegte Welt gänzlich aufzusaugen.








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