Shabnam Parvaresh: “Für mich bedeutet Morgenland, eine Vision für die Zukunft zu entwerfen“

Shabnam Parvaresh bei den Leipziger Jazztagen (mit ihrem Sheen Trio, 2025′) (Photo: Simon Chmel)
Mit Shabnam Parvaresh übernimmt 2026 erstmals eine Musikerin die künstlerische Leitung des Morgenland Festival Osnabrück, die dem Festival nicht nur eng verbunden ist, sondern auch eine eigene, vielschichtige Perspektive auf dessen programmatische Ausrichtung mitbringt. Die in Teheran geborene Klarinettistin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, kennt das Festival aus unterschiedlichen Blickwinkeln – als Beteiligte, als Besucherin und nun als Kuratorin.
Parvaresh versteht das Morgenland nicht als geografische Kategorie, sondern als offenen Denkraum für Zukunftsentwürfe. Entsprechend verschiebt sich auch der Fokus ihrer ersten Ausgabe: hin zu Stimmen der Diaspora, zu künstlerischen Positionen, die zwischen Herkunft und Gegenwart, Erinnerung und Transformation arbeiten. Dabei interessiert sie sich weniger für festgeschriebene Narrative als für Begegnungen, Reibungen und das Unvorhersehbare im musikalischen Prozess.

Klangfenster in der hase29, Osnabrück: Shabnam Parvaresh (Photo: Angela von Brill)
Shabnam, du hast 2026 offiziell die künstlerische Leitung des Morgenland Festival Osnabrück übernommen. Gratulation. Was ist denn deine Historie mit dem Festival? Hast du es davor immer besucht?
Shabnam Parvaresh: Danke! Mit dem Festival und seinem Gründer Michael Dreyer verbindet mich eine lange Freundschaft. Als ich noch in Teheran lebte und als Klarinettistin im Teheraner Symphonieorchester spielte, kam es zu einem Gastspiel des Festivals in Teheran, und so lernten wir uns kennen. Im Zuge eines Filmprojekts, das vom Festival mitinitiiert wurde, besuchte ich dann auch zum ersten Mal Deutschland, und Osnabrück war die erste Stadt, die ich in Deutschland kennenlernte. Seitdem ich in Osnabrück lebe, bin ich natürlich auch jedes Jahr vor Ort.
Was verbindest du persönlich mit dem Begriff Morgenland?
Shabnam Parvaresh: Ich möchte den Begriff Morgenland aus seinem geografischen Verständnis lösen, da ihm auch etwas Altmodisches und Überholtes anhaftet. Ich, die als Nichtmuttersprachlerin erst in den letzten Jahren Deutsch gelernt habe, nehme mir heraus, Morgenland einfach wörtlich zu verstehen. Für mich bedeutet Morgenland, eine Vision für die Zukunft zu entwerfen. Das Festival wird zur Bühne für die Musik von morgen – mit Mut zum Unbekannten und dem Wunsch, Zukunft gemeinsam zu gestalten. Ich denke das Morgenland also nicht als einen Ort auf der Landkarte. Es liegt nicht allein im Nahen oder Mittleren Osten – es liegt vor uns. Es ist ein imaginiertes Morgen, ein Raum der Möglichkeiten. Es steht für das Kommende, das wir miteinander formen können.
Wie verhält sich der Standort Osnabrück zum künstlerischen Biotop Morgenland?
Shabnam Parvaresh: Das Festival ist zu einem festen Bestandteil der Stadt geworden, und wir haben das Glück, ein sehr offenes und treues Publikum zu haben, das auch mutig genug ist, sich ungewöhnlichen Klängen auszusetzen und über den Tellerrand zu schauen. Ich hoffe natürlich, mit meinem Programm daran anknüpfen zu können und auch eine neue Generation von Zuhörer:innen anzusprechen, die das Festival bisher vielleicht noch nicht kennt. Mir ist aufgefallen, dass leider vor allem viele jüngere Menschen das Festival, trotz seiner prominenten Position in der Stadt, noch nicht kennen. Dafür setze ich auch auf neue Spielorte.
Ich mag ja den (bereits vor dir existenten) Festival-Claim: “Labor für die Musik von morgen“, denn da steckt ja auch drin, dass man selbst nicht immer weiß, was bei den Überlegungen und auch Handlungen herauskommt. Was mich zu deinem kuratorischen Prozess bringt: Wie arbeitest du? Sind das eher individuelle Forschungen, oder gehörst du zur kollektivistisch aufgestellten Fraktion, die sich von möglichst vielen Seiten stimulieren und beraten lässt?
Shabnam Parvaresh: Als Musikerin habe ich das Glück, viel unterwegs zu sein. Ich versuche, wenn ich auf Festivals spiele, auch immer viele Konzerte zu besuchen, Neues zu hören und mich inspirieren zu lassen. Häufig ergeben sich so auch Kontakte und Ideen für die Kuration. So stelle ich mir im Idealfall auch das Morgenland Festival vor: ein Ort, an dem es nicht ausschließlich um die Konzerte geht, sondern an dem es auch davor und danach zu einem lebendigen Austausch zwischen Kulturschaffenden kommt, der inspiriert und Ideen hervor- oder weiterbringt. Manche Ideen für die Kuration entstehen spontan und sind leicht umzusetzen, manchmal bedarf es hartnäckiger Arbeit, um sie so umzusetzen wie gewünscht. Neben dem inhaltlichen Schwerpunkt in diesem Jahr habe ich mich bei der Kuration auch von den räumlichen Gegebenheiten leiten lassen.
Bestes Beispiel ist das Eröffnungskonzert mit Abdullah Miniawy, der mit zwei Posaunen spielen wird, und der fantastischen Sängerin Ganavya, die mit ihrem Trio auf den Chor der Marienkantorei Osnabrück treffen wird – beides wie geschaffen für das weite Kirchenschiff der Marienkirche.

Klangfenster in der hase29, Osnabrück: Shabnam Parvaresh, S.Labropoulou, K.Ere (Photo: Angela von Brill)
Ich habe es angesprochen, du bist ganz frisch beim Morgenland Festival. Nicht alles, was man transformieren möchte, kann man sofort umsetzen. Kannst du ein bisschen über deine kurz- und langfristigen Ideen sprechen?
Shabnam Parvaresh: In meiner bisherigen kuratorischen Arbeit für die Konzertreihe “Klangfenster in der hase29“ habe ich einen sehr radikalen Ansatz verfolgt, der fast ausschließlich auf freier Improvisation zwischen Musiker:innen besteht, die noch nie zusammengespielt haben. Die äußerst positive Resonanz und der Erfolg dieser Reihe haben mich darin bestärkt, diesen Ansatz zukünftig auch für das Morgenland Festival stärker in den Fokus zu nehmen. Für die Ausgabe in diesem Jahr setze ich noch eher auf bestehende Projektstrukturen, gepaart mit einzelnen Gastspielen. Es ist mein erstes Festival als künstlerische Leiterin, und wir müssen erst einmal die neuen Abläufe und das Team einspielen. Für die nächsten Ausgaben, mit hoffentlich etwas mehr Vorlaufzeit, werde ich neue Konstellationen und Begegnungen stärker in den Fokus nehmen.
Von dir direkt stammt der Profilzuschnitt für dieses Jahr. Ich zitiere: „Schwerpunkt auf Stimmen der Diaspora: vielschichtige künstlerische Positionen, die Mehrfachzugehörigkeiten, Erinnerungen, Schmerz und Hoffnung sowie biografische Auf- und Umbrüche in ihrem Schaffen verarbeiten und zeigen, wie sich Veränderung und Disruption in kreative Kraft verwandeln lassen.“ Wie leicht, wie schwer empfindest du denn dieses Zusammenbringen der unterschiedlichen Diaspora-Geschichten?
Shabnam Parvaresh: Es gibt so viele tolle Künstler:innen, die sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit ihrer Herkunft musikalisch auseinandersetzen oder sich vielleicht auch von ihr abgrenzen. In Europa und den USA oder generell im “Westen“ sind wir natürlich weit davon entfernt, in einer gesellschaftlichen Utopie zu leben, trotzdem bieten sich hier immer noch viele Freiräume und Möglichkeiten, sich kreativ entfalten zu können, die andernorts nicht möglich sind. Diese Stärke der Meinungs- und Kunstfreiheit und ihre kreative Kraft sollten wir immer wieder betonen und auch als Alleinstellungsmerkmal der Demokratie hervorheben.

Shabnam Parvaresh beim JAZZ49 (Photo: Angela von Brill)
Was muss Musik haben, dass sie das Ohr von Shabnam Parvaresh findet?
Shabnam Parvaresh: Mutig, ehrlich, innovativ.
Wir kommen um das Thema Politik nicht herum. Zum einen, weil sie aktuell immer präsent ist im kulturellen Diskurs, aber auch ganz speziell in deinem Fall, da ich ahne, dass dir deine iranische Herkunft (du bist 2013 aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet) derzeit in vielen Gesprächen und Diskussionslinien begegnet – was ja zum Teil aufgrund der kulturellen Ausrichtung des Festivals natürlich sinnstiftend ist, oft aber eben auch nicht und auch nicht so intendiert ist von diesen Leuten. Ich frage mal direkt: Wie geht es dir aktuell damit?
Shabnam Parvaresh: Es ist sehr belastend. Unter dem Deckmantel, dass angeblich die Menschen im Iran vom repressiven Regime der Mullahs befreit werden sollen, wird ein gnadenloser Krieg um Ressourcen und Einfluss geführt. Natürlich wünsche ich mir Freiheit für die Menschen im Iran, aber Krieg ist der falsche Weg, und wie wir gerade jeden Tag sehen, führt er zu nichts außer mehr zivilen Opfern, Gewalt und einem sich zunehmend verengenden Diskursfeld. Ich lebe zurzeit in einer Art doppelten Realität: Einerseits versuche ich, weiterhin Inspiration und Elan für meine künstlerische Arbeit aufrechtzuerhalten, und in den guten Momenten gibt es mir auch Kraft, auf der Bühne zu stehen oder ein spannendes Konzert kuratiert zu haben. Andererseits legt sich aufgrund der eskalierenden Gewalt in meiner Heimat ein Schleier über alles, und ich hinterfrage manchmal auch den Sinn meines Schaffens angesichts des Wahnsinns, der sich derzeit überall auf der Welt seinen Bann bricht.
Du bist ja selbst Musikerin, hast Klarinette studiert und vor deiner Flucht im Teheraner Symphonieorchester gespielt. Gibt es eine iranische Komposition, die du besonders mit deiner Heimat verbindest?
Shabnam Parvaresh: Es gibt ein sehr kraftvolles Stück von Heshmat Sanjari mit dem Titel “Raqse Daraye“. Es ist ein Stück für Symphonieorchester, das viele Elemente der klassisch-persischen Musik aufgreift. Die Klarinette und die Frame Drum spielen eine zentrale Rolle. Es ist eines der Stücke, das mich an meine Zeit in Teheran im Orchester erinnert und viel Nostalgisches in sich trägt.




