WE BETTER TALK THIS OVER #13: „BATMAN“ VON PRINCE (1989) feat. REBECCA SPILKER
„WE BETTER TALK THIS OVER” IST DIE KAPUT-KOLUMNE VON LENNART BRAUWERS, IN DER UNTERBEWERTETE, OFT ÜBERSEHENE (ODER GAR VERHASSTE) ALBEN GEFEIERTER BERÜHMTHEITEN BESPROCHEN UND NEU EINGEORDNET WERDEN. SCHLIESSLICH KANN SICH DER BLICK AUF MUSIK VERÄNDERN, JE ÄLTER SIE WIRD. ALSO: EXTREM VIEL GROSSARTIGES FINDET ZU UNRECHT KAUM BEACHTUNG – DARÜBER SOLLTEN WIR NOCHMAL REDEN.
Ich bereue nicht viel – das kann ich guten Gewissens sagen. Natürlich gab es Ausreißer: als ich in der ersten Klasse meinen Erzfeind N. verprügeln wollte, weil ich angeblich in das Mädchen L. verliebt war; als ich bei einem Auftritt mit meiner Teenager-Coverband den Atzen-Song „Disco Pogo“ gecovert habe; oder als ich auf dem Geburtstag meines Kumpels Marvin selbst beim Ausklang des Abends noch weiterkonsumiert habe und dann wochenlang depressiv war. Doch grundsätzlich blicke ich mit einem guten Gefühl auf vergangene Taten zurück. Nicht, weil ich nur selten dumme Dinge mache, sondern weil ich ein Talent dafür habe, meine noch so unüberlegten Taten und Entscheidungen relativ schnell zu akzeptieren. Ändern kann man es ohnehin nicht mehr.
Doch eine Sache gibt’s, die mir bis heute wehtut: dass ich irgendwann all meine Comics verkauft habe … Ich hasse mich dafür. Comics sind cool, und ich hatte eine tolle Sammlung. Wie blöd kann man sein? Wenigstens ein paar habe ich behalten – sie zu verkaufen, habe ich nicht übers Herz gebracht: meine Favoriten aus dem Batman-Universum. Darunter einige Highlights wie die essenzielle Joker-Story „The Killing Joke“, der psychedelische Trip „Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth“ und Frank Millers fantastisches Meisterwerk „The Dark Knight Returns“. Am besten fand ich schon immer „The Long Halloween“ (sowie dessen Nachfolger „Dark Victory“), weil darin die Detektivseite des Superhelden besonders deutlich wird. Geradezu Noir-mäßig ist das Ganze, handelt von der Suche nach einem mysteriösen Serienmörder und legt seinen Fokus auf die kriminelle Unterwelt von Gotham City. Jedenfalls: Batman ist krass. Ich liebe den.
Fast so sehr wie ich Prince liebe, der 1989 den oft belächelten Soundtrack zu Tim Burtons einflussreichem Superheldenfilm „Batman“ beigesteuert hat. Anders als bei anderen Acts, die ich in dieser Kolumne besprochen habe, bin ich erst in den letzten Jahren zum Prince-Fan geworden – früher fehlte mir einfach der Zugang – und würde ihn mittlerweile als den wichtigsten Musiker der gesamten Achtzigerjahre bezeichnen, gewissermaßen als ein Beatles-Äquivalent dieses Jahrzehnts. Die ultraknackige New-Wave/Disco-Mischung des falsettlastigen Albums „Dirty Mind“ (1980); das ambitioniertere, vor allem apokalyptische Funk-Pop-Epos „1999“ (1982); der prächtige, makellose, geniale Achtziger-Höhepunkt „Purple Rain“ (1984); der kunterbunte Psychedelia-Ausflug „Around the World in a Day“ (1985); die weitreichende und inhaltlich aufgeladene Genre-Erkundung „Sign o’ the Times“ (1987) – mit jeder Veröffentlichung hat Prince seine eigene Karriere wie auch den allgemeinen Pop-Zeitgeist in neue, teils radikale Richtungen verschoben, und ich habe noch nicht einmal alle 80s-Platten genannt. Bei diesem Lauf an herausragenden Meisterwerken, zu dem viele Musikfans die hier besprochene Platte „Batman“ (1989) bereits nicht mehr zählen würden, kann einfach niemand mithalten.
Genauso wie bei Princes Umgang mit Rhythmik: Der Groove ist für ihn das Heiligste – eine Haltung, die er von Ikonen wie Sky Stone und George Clinton übernommen hat. Also hat er sich antrainiert, wie man ihn gezielt steuert; fast so, als würde er eine Crowd dirigieren. Prince kann den Groove modifizieren, auf den Kopf stellen, verstärken und das alles scheinbar in Echtzeit. Seine Musik aus den Achtzigerjahren gehört zur besten ever, weil er genau das beherrscht: Lücken im Groove zu lassen und sie im nächsten Moment zu füllen – sei es mit seiner facettenreichen Powerstimme oder seinem ambivalenten Gitarrenspiel zwischen Nile Rodgers und Jimi Hendrix. Auf diese Weise erzeugt er jene oft sexuelle Spannung, für die wir ihn lieben.
Meine Liebe zu Batman und Prince dürfte deutlich geworden sein. An dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen (auch wenn das vielleicht komisch klingt): Ich mache eigentlich keinen Unterschied zwischen einer Figur wie Prince und einer wie Batman. Meine Lieblingsmusiker:innen sind für mich fiktive, geradezu mythologische Gestalten – und das finde ich auch gut so. Wenn ich meine Classic-Rock-Helden feiere, bleibe ich wie ein Kind, das im Batman-Kostüm rumrennt. Vielleicht mag ich deshalb oft keine Biografien, sondern greife lieber zu popkritischen Büchern, die Popfiguren als Ideen begreifen. Mich interessiert weniger, was Prince an irgendeinem Tag konkret getan hat, sondern vielmehr, wohin er seine künstlerische Persona mit einem bestimmten Album gelenkt hat. „I have always preferred the reflection of life to life itself“, hat der großartige Filmregisseur François Truffaut einmal gesagt. So geht es mir auch. Dass es mit „Batman“ (1989) also eine Schnittstelle zwischen dem Supermusiker Prince und dem Superhelden Batman gibt, erscheint mir nur folgerichtig.
Damals wurde das Unterfangen jedoch anders wahrgenommen. Die ausgesprochen 80er-typische Idee, einen Popstar an eine Marke (wie Batman) zu koppeln, um daraus multimedial Kapital zu schlagen – ein Modell, das an den Megaerfolg von „Purple Rain“ anknüpfen sollte –, dürfte maßgeblich zur späteren negativen Retrospektivkritik beigetragen haben: Die Online-Musikdatenbank AllMusic vergibt lediglich zweieinhalb von fünf Sternen und bezeichnet das Album als vergessenswert. Andere Kritiker bemängelten, Prince wirke hier uninspiriert und kaum originell; er habe schlicht den bequemsten Weg gewählt. Als die britische Zeitung The Guardian im Jahr 2016 alle Prince-Alben in ein Ranking brachte, landete „Batman“ lediglich auf Platz 25. „A rare case of Prince doing something for cash and profile“, hieß es dort.
Damit tut man dem Album Unrecht – ja, es ist ein Produkt seiner Zeit, doch das war für mich noch nie ein Ausschlusskriterium. Was jedoch tatsächlich schlecht gealtert ist: der Film. Selbst Jack Nicholson, einer meiner (und vermutlich auch eurer) absoluten Lieblingsschauspieler, wirkt hier als Joker eher merkwürdig als furchteinflößend. Ganz zu schweigen von einem blassen Alfred, einer unnötig aufgeblähten Liebesgeschichte und der Tatsache, dass Batman hier extrem schlecht in seinem Job ist.
Doch als Rahmen für Prince, der Gotham City hier als futuristischen Spielplatz nutzt, funktioniert der Film gut. Wenn man Musik in Person ist – und ja, ich würde Prince so beschreiben –, kann ein gewisser limitierender Rahmen durchaus hilfreich sein, um die eigene Kreativität zu bündeln. Klar, wir lieben Prince eigentlich dafür, dass er scheinbar stets ohne Einschränkungen und Vorgaben gearbeitet hat. Doch oft können zu viele Optionen auch nach hinten losgehen. Insofern war die Idee, ein Soundtrack-Album für einen Superheldenfilm zu schreiben, für Prince sicherlich reizvoll. Eine grundlegende Ästhetik ist dadurch bereits vorgegeben – und darauf lässt sich weiter aufbauen.
„Batman“ hat alles, was ich mir von einem Prince-Album erhoffe: Im angespannten, auf moderne Weise sample-lastigen Opener „The Future“ wirft der damals 31-jährige Musiker einen Blick in die Zukunft („it works“ ist sein Fazit). In druckvollen Bangern wie „Electric Chair“ überzeugt Prince mit brachialer Gitarrenarbeit, während herrlich-kitschige Balladen wie „The Arms of Orion“ und „Scandalous“ ebenfalls nicht fehlen. Dazu kommen Songs, die auf kreative Weise die Handlung des Films aufgreifen, aber zugleich eigenständig funktionieren (etwa „Vicki Waiting“). Prince greift die Perspektiven der unterschiedlichen Filmcharaktere auf, bleibt jedoch stets Prince.
Weil ich das Gefühl hatte, dass das im Fall von Prince nötig wäre – ich bin im Vergleich zu anderen Acts in dieser Kolumne schließlich noch nicht allzu lange Fan – und weil mir ihr neues Buch „Prince: 100 Seiten“ so gut gefallen hat, habe ich mir für diese Folge überlegt, die Musikjournalistin und Kaput-Kollegin Rebecca Spilker als Gesprächspartnerin einzuladen. Gemeinsam blicken wir auf Prince und sein „Batman“-Album zurück – dass sie damals bei der Veröffentlichung dabei war und ich nicht, hat das Gespräch nur bereichert –, gehen aber auch darüber hinaus. Ihr Buch ist wirklich empfehlenswert und ab sofort beim Reclam Verlag erhältlich.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Buch! Ich hab’s sehr gerne gelesen und dachte mir, dass ich das Buch als Anlass nehme, dir ein paar Fragen zum „Batman“-Album von Prince zu stellen; die Platte erschien 1989 und wird meines Eindrucks nach total unterschätzt. Erstmal ganz generell: Wo standest du damals als Prince-Fan?
Rebecca Spilker: Da war ich schon ein bisschen drüber. Die Zeit von etwa 1982 bis 1988 war die Phase, in der mich Prince stark interessiert hat, auch als Persönlichkeit. 1989 ließ diese Begeisterung bereits nach. Ich war 1990 noch auf einem Konzert in Hamburg, aber das fand ich schon nicht mehr so toll. Das lag vermutlich auch an mir, weil plötzlich so vieles andere dazukam – vor allem HipHop, und zunehmend interessierte ich mich für elektronische Musik. Prince war zwar noch präsent, aber dieses überwältigende „Wow“-Gefühl, das ich als Teenager hatte, stellte sich nicht mehr ein.
Würdest du sagen, dass diese nachlassende Prince-Begeisterung nur an deinen veränderten Interessen lag, oder war sein allgemeines Standing auch ein anderes als noch ein paar Jahre zuvor?
Rebecca Spilker: Zu dieser Zeit war er bereits ein wenig „über den Hai gesprungen“. Man hatte den Eindruck, dass sich in ihm eine gewisse Verzweiflung breitgemacht hatte. Es war deutlich spürbar, wie sehr er versuchte, mit aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten – er hat sich ja auch an HipHop-Elementen versucht. Das wirkte auf mich meist missglückt, und ich fand es schade, dass er dabei nicht stärker auf seine eigenen Stärken vertraute. Zudem waren einige seiner Alben nicht mehr so erfolgreich wie zuvor. In der Rückschau neigt man dazu zu glauben, alles von ihm sei automatisch erfolgreich gewesen, doch das war bereits 1988 keineswegs mehr der Fall. Manche Leute berichten, dass er in eine echte Panik geriet und überzeugt war, nun dringend etwas unternehmen zu müssen, um seine Karriere wieder in Gang zu bringen.
Kannst du dich an die Veröffentlichung des Batman“-Albums erinnern? Wie hast du das damals wahrgenommen?
Rebecca Spilker: Ich kann mich relativ gut erinnern, dass ich irgendwo gelesen hatte, dass er zumindest ein oder zwei Songs zu einem Tim-Burton-Film gemacht hatte; für Tim Burton hatte ich mich damals schon interessiert. Mir war aber nicht klar, dass er ein ganzes Soundtrack-Album machen würde. Ich war 1989 mit einem Freund in London, da haben wir den Film da gesehen, und zwar im Original, was ja in Deutschland immer noch nicht so richtig möglich war. Außerdem gab es da diese riesigen Kinos, das war ziemlich beeindruckend. Aber in dem Film sind ja nur zwei Stücke von dem Album drin. Das heißt, es handelt sich eher um ein flankierendes Album, so ähnlich wie Charli XCX es jetzt mit „Wuthering Heights“ gemacht hat.
Dich hat Tim Burton also mehr interessiert als Batman?
Rebecca Spilker: Auf jeden Fall. Dass Tim Burton sowas macht, das war damals eine ziemliche Sensation. Unsere Generation kennt ja noch die Batman-Serie aus den 1960er Jahren, die ja eher witzig war. Burtons Film ist zwar ebenfalls humorvoll, aber auch dystopisch und traurig – das hat mich natürlich interessiert. Und dass Prince dabei ist, war natürlich auch etwas Besonderes.
Gab es mit Blick auf den Misserfolg von „Lovesexy“ ein Gefühl, dass Prince sich nun mit aller Gewalt an eine Marke wie Batman klammern würde, um nicht unterzugehen?
Rebecca Spilker: Wenn man es böse sehen wollte, könnte man das natürlich so interpretieren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass solche Überlegungen eine Rolle gespielt haben – im Sinne von: „Wie bekomme ich jetzt noch einmal richtig Wumms in die Sache?“ Also gewissermaßen im Fahrwasser des Films noch etwas nachschieben. „Lovesexy“ war als Album ja ebenfalls sperrig und eigenwillig, was ich persönlich großartig fand – auch das Artwork war völlig „over the top“. Vor allem in den USA hatte er damit jedoch einen schweren Stand. Ich würde es daher gar nicht als verwerflich ansehen, sich zu überlegen, mit einem so tollen Künstler wie Tim Burton zusammenzuarbeiten. Und für Burton war es sicherlich ebenfalls von Vorteil, dem Film ein gewisses Pop-Momentum zu verleihen – also nicht ausschließlich mit dem Filmkomponisten Danny Elfman zu arbeiten, sondern zusätzlich knallige Highlights zu setzen.
Fandest du das „Batman“-Album denn gut?
Rebecca Spilker: Ich fand einige Stücke fürchterlich, das weiß ich noch; also wirklich ganz fürchterlich. Und ein paar andere fand ich super. Mein Favorit ist der Song, der auch am prominentesten im Film auftaucht: „Trust“. Den Song finde ich wirklich großartig. Aber dann gab’s eben auch Stücke wie „The Arms of Orion“, ein melancholisches, Hollywood-mäßiges Duett mit Sheena Easton. So etwas hat mich dann nicht mehr nicht so interessiert. So ein Song hat eher dazu beigetragen, dass ich mir keine großen Hoffnungen mehr gemacht habe, dass noch mal etwas Herausragendes von Prince kommen würde.
In deinem Buch erwähnst du das „Batman“-Album nur kurz. Hast du dir die Platte nochmal angehört? Hat sich dein Blick darauf verändert?
Rebecca Spilker: Ich habe es heute Morgen nochmal beim Frühstück angemacht, und mein Mann konnte es kaum aushalten. [lacht] Aber ja, ich musste das alles nochmal durchgehen, weil ich als Ergänzung zum Buch auch eine Playlist mit Highlight erstellen musste. Im Zuge dessen habe ich alle Sachen nochmal durchgehört – und eben auch das „Batman“-Album. Mir ist total die Gestrigkeit der Sounds aufgefallen. Es scheint, alles hätte Prince nicht so richtig daran rumgefummelt. Oft wirken die Songs wie Layouts, bei denen ich denke, dass man da noch mehr hätte rausholen können. Außerdem hatte er damals den Hang dazu, auf Sachen zurückgreifen, die es schon gab; also einige Stücke sind jetzt nicht extra für den Film hergestellt worden. Das merkt man. Alles wirkt so ein bisschen zerfasert, wie so ein kleiner Gemischtwarenladen. Das hat mich nicht so gekriegt.
Als ich angefangen habe, mich für den Rock-Kanon zu interessieren und diverse Retrospektiven/Bestenlisten zu lesen, wurde immer der legendäre Run von „Dirty Mind“ (1980) bis „Lovesexy“ (1988) hervorgehoben. Wo würdest du die goldenen Jahre von Prince verorten?
Rebecca Spilker: Da würde ich zustimmen. Beim ersten Album von 1978 war ich neun oder zehn, da habe ich das natürlich noch nicht wirklich wahrgenommen. Irgendwann hat man sich das dann mal gekauft und sich intensiver damit beschäftigt. Gerade aufgrund seines jungen Alters fand ich es beeindruckend, was er da gemacht hat. Seine Musik war ja nicht so eindeutig Disco – teilweise geht das eher in Richtung Rock, was ihn stark geprägt hat. In Minneapolis gab es ja gar nicht so viel Soul. Man denkt ja oft, „Black Music“ müsse dominant gewesen sein, aber das war für ihn gar nicht so prägend. Stattdessen lief im Radio anderes, und das hört man auch heraus: Er interessiert sich auch für New Wave und punkige Sachen. Dann entwickelt sich das Ganze in Richtung Opulenz und ein gewisses Durchdrehen – und das waren natürlich die goldenen Jahre. Gerade dieser Glam-Aspekt, etwa bei „Purple Rain“ (1984), ist schon bemerkenswert. Allein die Idee zu sagen: Ich drehe jetzt auch noch einen Film – und das zu einem Zeitpunkt, als er noch gar nicht so berühmt war. Da hätte man auch sagen können: Lass das lieber. Aber er hat es eben gemacht, und es ging immer weiter. Wobei man sagen muss: Der Nachfolger „Around the World in a Day“ (1985) war nicht ganz so erfolgreich. Trotzdem hatte ich da das Gefühl, dass er kreativ völlig überbordet – dieser starke Drang, etwas Neues zu erschaffen, das es so noch nicht gegeben hat.
Mit „Batman“ (1989) und später „Graffiti Bridge“ (1990) hat Prince nochmal versucht, an die erfolgreiche Album/Film-Mischung von „Purple Rain“ anzuschließen, richtig?
Rebecca Spilker: Genau. In meinem Buch hab ich die Filme relativ böse besprochen. Neulich war ich mit Freunden beim Essen, unter anderem war Fatih Akin dabei. Der hatte sich das Buch sofort gekauft, weil er der größte Prince-Fan der Welt ist. Jedenfalls hat er sich die Filmeinschätzungen in meinem Buch angeguckt und meinte zu mir, dass das alles doch gar nicht so schlimm gewesen wäre. Doch ich bleibe dabei: Bei den Filmen, an denen Prince mitgewirkt hat, kommt oft Selbstüberschätzung dazu, was schon fast ins Tragische hineingeht.
Ich mag, dass du Prince in deinem Buch nicht nur als göttliches Genie besprichst, sondern auch als fehlerhaften Typen, der eben auch mal misslungene Projekte veröffentlicht hat.
Rebecca Spilker: Er war natürlich ein extrem begabter Typ, aber er hat eben auch von morgens bis abends gearbeitet. Der hat einfach nichts anderes gemacht. Entweder war er auf einer Bühne oder im Studio.
Ich habe gelesen, dass zu Beginn wohl die Idee im Raum stand, dass Prince und Michael Jackson das „Batman“-Album zusammen machen würden. Prince hätte die Rolle des bösen Jokers eingenommen, und Michael Jackson die von Batman. Wie hast du Michael Jackson damals im Vergleich wahrgenommen?
Rebecca Spilker: Michael Jackson war mir immer etwas zu cheesy – mit Songs, die gefühlt gleich die ganze Welt verändern sollten. Und anders als Prince hat er ja auch nicht alles selbst gemacht. Genau das war gewissermaßen das Alleinstellungsmerkmal von Prince: vom Schreiben und Singen bis hin zur Konzeption seiner Shows. Bei Michael Jackson war das nicht so. Zudem wirkte er auf mich teilweise lächerlich, mitunter sogar etwas eklig. Auch dieses performative Gangster-Image bei „Bad“ – der harte Typ, der mit seiner Clique durch eine Garage marschiert – nahm ich ihm überhaupt nicht ab. Es wirkte überhaupt nicht selbstironisch, anders als bei Prince, der sich stets auch ein Stück weit selbst karikiert hat. Ich habe Michael Jackson daher nie wirklich ernst genommen. Prince hingegen wurde als innovativer Künstler wahrgenommen, der auch für ein eher nischiges Publikum relevant war. Selbst in Szenen wie der Punkbewegung fand er Anerkennung.
Ich finde die Idee interessant, dass man Prince als den Schurken darstellen wollte. Wenn man den Film schaut und das Album hört, hat man auch das Gefühl, dass Prince sich mehr für den Joker interessiert als für Batman. Auch der lila Anzug und die Showmanship des Jokers – an einer Stelle sagt dieser im Film, er sei ein „living work of art“ – wirken sehr Prince-mäßig.
Rebecca Spilker: Ja, dieses Durchgedrehte, das Jack Nicholson in dem Film performt, passt schon sehr zu Prince. Und Batman selbst ist in dem Film ja auch total öde und so gar nicht sexy, wenn ich mich richtig erinnere. Man interessiert sich viel mehr für den Joker. Die Kombination aus Jack Nicholsons Performance und den Prince-Songs hab ich damals als sehr eindringlich wahrgenommen.
Ein zentrales Merkmal der Figur Batman ist, dass er sich bewusst als Symbol versteht – stärker und wirkungsvoller, als es eine einzelne Person je sein könnte. Er will als mythische Gestalt wahrgenommen werden, nicht als etwas Greifbares, das man einfach bekämpfen kann. Ein ähnliches Konzept verfolgte auch Prince, insbesondere in späteren Phasen seiner Karriere, als er selbst nur noch als Symbol auftreten wollte.
Rebecca Spilker: Ja, dieses Symbol und die Bezeichnung „The Artist Formerly Known as Prince“ waren letztlich ein Aufbegehren gegen die Plattenfirmen, die ihm immer wieder hineinreden wollten. Dagegen hat er sich bewusst gewehrt. Er war einer der Ersten, der das in dieser Konsequenz durchgezogen hat: die Idee, seinen eigenen Namen gewissermaßen zu entziehen, sodass er nicht mehr vermarktet werden kann. Um seinen Vertrag zu erfüllen, hat er zwar weiterhin Musik abgeliefert – aber eben nicht unbedingt seine wichtigsten oder besten Stücke. Und die konnten dann auch nicht unter seinem Namen veröffentlicht werden. Das war ein ziemlich radikaler Schritt. Gleichzeitig wurde das von vielen karikiert und irgendwann nicht mehr ganz ernst genommen. Das Symbol wirkte auf manche überzogen oder ein wenig exzentrisch, und später kehrte er ja auch wieder zu „Prince“ zurück. Ich denke, dahinter steckte auch ein Wunsch nach Unantastbarkeit – eine Strategie, um sich selbst auf Distanz zu halten. Viele sagen, dass er vor allem arbeiten wollte, ohne ständig Promotion machen zu müssen. Interviews hat er nur selten gegeben, und wenn doch, dann oft bewusst ausweichend oder verspielt, um Distanz zu wahren. Durch diese starke Selbstinszenierung hat er sich auch geschützt – wer sich stilisiert, macht sich ein Stück weit unantastbar.

Prince auf dem Center Court (Photo: Thomas Venker)





