„Wenn es heißt, migrantische Einflüsse passen nicht zur Leitkultur, wird sehr viel Potenzial verschenkt“ – Das ENGIN-Interview
Türkisch-arabische Sounds, Psychedelic-Rock, deutsche genau wie türkische Vocals und ein bisschen Bubblegum darf auch sein. ENGIN stellen ganz sicher eine der innovativsten Indie-Bands der laufenden Dekade dar. Marc Wilde hat die Band besucht und traf sich mit David, Engin und Jonas in deren Übungsraum.

Kaput-Autor Marc Wilde (2. v.l.) zu Besuch bei der Band ENGIN.
Wir sprechen heute in eurem Proberaum. Könnt ihr was zur Umgebung sagen?
Jonas: Wir sind hier auf der Friesenheimer Insel, tief im Mannheimer Industriegebiet.
Engin: Umrahmt von Neckar und Rhein. Das klingt sehr idyllisch, aber eigentlich ist es potthässlich.
War das schon immer euer Proberaum?
David: Vorher waren wir im Keller, aber gleiches Gebäude.
Engin: Wir sind aufgestiegen: vom Untergeschoss ins Erdgeschoss.
Jonas: Den Schlagzeuger, den man gerade hört, der war vorher direkt neben uns. Es gab kein Mauerwerk, nur eine dünne Tür. Wenn der angefangen hat, zu spielen, war es auf jeden Fall vorbei. Es gibt ja zwei Sorten von Musikern in Mannheim: die Lauten und die Leisen.
Zu welcher Kategorie gehört ihr?
David: Wir können beides.
Engin: Wir sind dynamisch.
Jonas: Es gibt halt die Popakademie und die Jazzhochschule. Unten sind gerade zwei Popakademie-Schlagzeuger am Werk, die in voller Lautstärke ihr Festival-Set vorbereiten. Nach außen hin ist es zum Glück gut isoliert, ursprünglich war das ein Kühlhaus.
Engin: War das nicht auch mal ein Rave-Club?
Jonas: Ja, unten war ein großer Club. Also hier oben Kühlhaus, unten Rave.
Was macht diesen Raum für euch besonders?
Engin: Die Deckenhöhe. Wir haben hier ein extrem großes Wandregal angebracht, in dem wir unsere Sachen lagern können. Wir hatten Angst, ob das Teil da überhaupt reinpasst.
Jonas: Ich hatte die Wand auf Schulterhöhe gemessen. Dann waren es unten auf einmal sechs Zentimeter zu wenig – wegen der Rigipswände. Die Wände sind zum Glück so labil, dass wir das Regal da mit etwas Gewalt noch reingedrückt bekommen haben. Jetzt ist der Raum halt ein paar Zentimeter größer.

Das Wandregal. (Foto: ENGIN)
Was zahlt ihr an Miete?
Jonas: 700 Euro. Für uns ist das zwar ein gewisses finanzielles Risiko. Aber jetzt, mit dem hochwertigen Regal, haben wir einen entsprechenden Gegenwert. Sollten wir es nicht schaffen, den Raum weiter zu finanzieren, können wir das gut wieder verkaufen.
Engin: Was wir aber nicht unterschlagen dürfen, ist, dass wir eine Proberaumförderung erhalten haben. Über einen Zeitraum von zwei Jahren übernimmt die Stadt Mannheim ein Drittel der Kosten. Das ist auf jeden Fall eine sehr hilfreiche Sache.
Wie habt ihr als Band zusammengefunden?
Jonas: Engin und ich kennen uns seit der fünften Klasse. Wir waren Freunde, noch bevor wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen.
David: Ich habe Engin an der Popakademie kennengelernt.
Ihr habt an der Popakademie studiert?
Engin: Ich habe zunächst noch Psychologie studiert, dann aber wegen der Musik Torschlusspanik bekommen, weil ich dachte, wenn ich jetzt mit dem Master in den Beruf einsteige, dann war‘s das mit der Musik. Davor hatte ich ganz große Angst. Dann habe ich mich bei der Popakademie beworben und es hat direkt geklappt.
Welchen Studiengang hast du belegt?
Engin: Ich war zunächst sehr klassisch im Singer/Songwriter-Genre unterwegs, dann habe ich mich Richtung World Music orientiert. Inzwischen heißt der Studiengang „Global Music“. Jedenfalls gab es da auch viel türkisch-arabische Musik. Und auch diese Anadolu-Rock-Geschichte habe ich dann für mich entdeckt – in Verbindung mit der Frage: Was macht mich als Künstler aus? Das ist ja auch ein bisschen das, was wir hier beigebracht bekommen haben: Was macht dich als Künstler aus, was bringst du mit? Und entweder du entscheidest dich für den Weg, ein perfektes Pop-Produkt zu erzeugen oder du machst dein eigenes Ding und bist damit unverwechselbar.
Jonas, warst du auch an der Popakademie?
Jonas: Nein, da gibt es keine direkte Verbindung. Ich habe an der Jazzhochschule Schlagzeug studiert.
Sind das getrennte Welten in Mannheim – Jazzhochschule und Popakademie – oder begegnet man sich als Musiker und sieht das Gemeinsame?
Jonas: Ich würde schon sagen, der Großteil begegnet sich als Musiker. Ich glaube, da existieren auch einfach viele komische Erzählungen im Kopf. Der Jazz steht ja eher für reine Kunst, das heißt, wenn man die Art von Musik macht, ist es sehr wahrscheinlich, dass man nicht nur vom Spielen leben kann. Und an der Popakademie gibt es ja auch nicht nur diejenigen, die – wie Engin eben meinte – nach dem perfekten Pop-Produkt streben, sondern die eben auch was Künstlerisches machen wollen.
Engin: Durch Jonas habe ich ja auch die Leute aus der Jazz-Bubble kennengelernt und das ist natürlich ein ganz anderes Studium, eine ganz andere Art des Studierens. Aber es ist schon ein bisschen komisch, da so Gräben aufzumachen. Ich habe das Gefühl, ein bisschen mehr von der Popakademie an der Jazzhochschule, ein bisschen mehr von der Jazzhochschule an der Popakademie würde allen Seiten guttun. Dieses Gegeneinander ist auch einfach komplett bescheuert, wenn man bedenkt, dass wir uns alle in einer prekären Kunst- und Kulturbranche bewegen.

Jonas hat an der Jazzhochschule Schlagzeug studiert. (Foto: ENGIN)
Ihr seid mit Engin ja auch Teil der Indie-Szene. Muss man es da verheimlichen, wenn man einen Popakademie-Background hat?
Engin: Wir verheimlichen das ja nicht. Der Gegensatz hat für mich mit der Realität auch nichts zu tun. Vielleicht hat das zu Beginn meines Studiums noch eine Rolle gespielt, aber im Nachhinein ist es einfach scheißegal. Entweder es gefällt den Leuten oder nicht. Die Idee, dass das, was von der Popakademie kommt, automatisch direkt gefälliger wäre, ist Unsinn. Außerdem würde ich sagen, wir sind echt mehr Indie als viele andere Bands, die draußen rumrennen und so tun, als wären sie Indie.
Bleiben wir bei den Stereotypen: Lernt man an der Popakademie, den perfekten Radiosong zu schreiben?
Engin: Nein, es wird auch ein bisschen unterschätzt, wie divers die Musik ist, die da gemacht wird. Wenn wir zum Beispiel eine Singer/Songwriter-Woche haben, dann werden innerhalb von einer Woche 50-60 Songs produziert. Und das ist schon ultra-divers: von EDM, über Dark House und Rock-Sachen bis hin zu Rap oder eben Pop. Gerade auch im elektronischen Bereich gibt es sehr viele talentierte Leute – Musik, die mit dem, was wir machen, gar nichts zu tun hat. Niemand wird an der Popakademie auf SWR III getrimmt.
Trotzdem habe ich mich heute dabei erwischt, dass ich bei einem eurer Songs dachte, der passt perfekt ins Radio, das haben die bestimmt an der Popakademie gelernt, wie man den so zusammenbaut. Habt ihr eine Idee, welchen Song ich meine?
Jonas: „1000 Kilometer“?
Ja, genau.
Engin: Ein bisschen Bubblegum darf auch sein. Und wenn das dann dabei rauskommt, dann ist das halt so. Daran trägt die Popakademie keine Schuld. Wir haben ja auch schon viel Musik gehört in unserem Leben, noch bevor wir an die Popakademie gekommen sind. Du gehst da ja nicht als musikalisch ungebildeter Mensch hin.
Jonas: Bei „1000 Kilometer“ war es außerdem so, dass das Stück relativ organisch aus einem Jam heraus entstanden ist.
2023 ist euer Debütalbum „Nacht“ mit deutschsprachigen Songs erschienen. Ein Jahr später gab es auf „Mesafeler“ ausschließlich türkische Lieder. Wie kam es dazu?
Jonas: Die Idee war, dem deutschen Indie-Publikum einmal vorzustellen, was es für coole türkische Musik gibt. Und daraus ist dann ein Album mit Eigenbearbeitungen türkischer Songs entstanden, die für unsere Entwicklung wichtig gewesen sind.
Engin: Unsere eigene Suche zu veröffentlichen, das war der Hauptgedanke. Uns war außerdem klar, dass wenn wir türkische Musik machen wollen, wir die dann auch spielen können müssen.
Okay, dann ist „Sag Mir Almanya“ also die Synthese. Einen solchen Dreischritt hattet ihr aber vermutlich nicht von Beginn an geplant, oder?
Engin: Doch, doch!
Natürlich, ich vergaß: Ihr kommt ja von der Popakademie, da legt man alles strategisch an …
David (lacht): Klar, wir haben erst einmal einen Fünfjahresplan gemacht.
Auf einem Bierdeckel, vermute ich.
Jonas: Exakt. Nein, aber im Ernst: Ich weiß noch, wie wir im Star Coffee saßen, mit der Förderung für das „Mesafelar“-Album. Wir hatten „Nacht“ rausgebracht und wir fragten uns, wenn wir Deutsch und Türkisch kombinieren – was ist denn das Türkische? Du kannst das ja nicht einfach zusammentackern. „Mesafeler“ hat uns dabei geholfen, tiefer einzusteigen. Es war aber zu dem Zeitpunkt bereits klar, wir machen jetzt ein Coveralbum, und danach wird es fifty-fifty.
Engin: Wobei auch bereits auf „Nacht“ schon türkische Elemente enthalten waren. Es gibt eine türkische Strophe und auch die Instrumentierung, die Art, Gitarre zu spielen, das ist alles dort schon angelegt.
Jonas: „Kiosk Yüksel“!
Engin: Genau. Wir spielen die Songs vom Debütalbum ja auch weiterhin live und die fügen sich voll gut ins Set ein. Es ist eher der Sound, der gefälliger ist. Und wir sind auch einfach ein bisschen jünger …
Wie kommt denn die Kombination aus deutschen und türkischen Elementen in der türkischen Community an?
Engin: Anscheinend trifft die Art, wie wir die Songs interpretieren, irgendeinen Nerv. Besonders bei den Leuten, die offen für Neues sind. Wir haben uns über die Zeit ein ganz wildes, bunt gemischtes Publikum erspielt – das ist einfach völlig verrückt.
Jonas: Das war auch unser Wunsch: dass beide Einflüsse gleichberechtigt nebeneinander stehen und es zu einem lebendigen Austausch kommt. Wir framen das immer als Deutsch-Türkisch, aber eigentlich sollte es einfach deutsche Musik sein.
Engin: Ja, zeitgemäße, moderne Musik aus Deutschland. Wie zum Beispiel Derya Yildirim, eine ganz tolle Sängerin, die wohnt in Berlin, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Dazu zählen auch einige dieser Anadolu-Rock-Songs, die zwar einen türkischen Background haben, aber eben in Deutschland aufgenommen wurden. Schon in den 70ern gab es eine ganz lebendige Indie-Szene, die außerhalb der migrantischen Community nur wenig wahrgenommen wurde. Wenn diese Musik in Deutschland exotisiert wird und man sagt, das passt nicht zu unserer Leitkultur, dann wird einfach ganz viel Potenzial verschenkt.
Was braucht es, damit andere kulturelle Einflüsse als selbstverständlicher Teil deutscher Musik verstanden werden?
Engin: Es braucht in jedem Fall weniger Einheitsbrei und nicht mehr deutschsprachige Musik im Radio. Musik aus Deutschland ist eigentlich sehr divers. Es gibt vielsprachige Sachen, auf die man ein bisschen mehr Aufmerksamkeit lenken könnte. Aber das geht in beide Richtungen. Wir spielen auch deutsche Songs in der Türkei. Und es gibt dort Leute, die lernen Deutsch mit unseren Songs, beschäftigen sich dann auch mit deutscher Kultur und erhalten so nochmal einen anderen Blick auf das Land. Was wir umgekehrt auch total feiern, sind die Momente, wenn zum Beispiel jemand nach dem Konzert zu uns kommt und sagt, mein deutsches Kind hört nur eure türkischen Sachen. Da geht uns einfach das Herz auf.
Seht ihr euch da in der Rolle als Mittler zwischen den Kulturen?
Engin: Ich weiß nicht. Ein solcher Ansatz braucht in jedem Fall kein Kultursiegel. Das steckt einfach in der Musik selber. Es braucht einfach nur die Plattform, um zu zeigen, was da ist.
Wo wir gerade über kulturelle Einflüsse sprechen: Wie steht es eigentlich um euer Verhältnis zu österreichischen Bands – habt ihr da auch ein Faible für?
David: Auf jeden Fall.
Engin: Also wenn ich deutschsprachige Musik höre, dann ist es tatsächlich so, dass ich die aus Österreich fast noch ein bisschen mehr mag.
Als ich euer aktuelles Album gehört habe, musste ich an Bilderbuch denken.
Jonas: Wegen „1000 Kilometer“ und der Gitarre?
Wegen des Gitarrensounds, ja. Aber ich glaube, es war eher „Dopamin“.
Engin: Ja, das kommt hin.
Mir kam in punkto Österreich aber nicht nur Bilderbuch in den Sinn. Es gibt ja auch noch dieses Motiv auf dem Cover, wo ihr mit dem Auto posiert – das erinnerte mich doch sehr an …
Engin: … Wanda. Ja, die hatten auch so einen Mercedes. Bei uns steht das Auto aber in Verbindung mit dieser Gastarbeitergeschichte. Ein Mercedes, vor allem dieses Modell, ein W 126, das war ja damals ein wichtiges Statusmodell. Mit dem bist du dann zurück in die Türkei gefahren und alle haben nur so geguckt. Das war also weniger ein Wanda-Zitat als ein ironischer Hinweis auf diesen Zusammenhang.
Jonas: Und auf deutsch-türkische Rapmusik. Eine solche Inszenierung findest du ja auch in diesem Bereich sehr häufig – fehlt nur noch der Dobermann.
Was mir auch aufgefallen ist, einige Songs verweisen aufeinander. Bei „Ruinen“ heißt es in der letzten Zeile „Schwalben warten nicht“. Und dann geht es direkt über zu einem türkischen Song, dessen Titel auf Deutsch „Schwalben“ heißt, richtig?
Engin: Ja, „Kirlangiçlar“. Türkische Musik hören bedeutet ja vor allem Love-Songs hören. Die Texte haben immer viel mit Gefühlen und Schmerz zu tun. Die türkische Sprache ist einfach eine sehr, sehr schöne Sprache, um große Gefühle auszudrücken. Im Deutschen fällt mir das auf jeden Fall schwerer. Wobei „Ruinen“ durchaus auch romantisch ist, aber der Text ist verschachtelter. Und „Kirlangiçlar“ ist für mich auch deshalb ein besonderer Song, weil es der erste Text ist, den ich komplett selbst auf Türkisch geschrieben habe.
Als ich euch in Köln live gesehen habe, gab es einen Song, auf den das türkische Publikum sehr emotional reagiert hat. Ich erinnere den Namen nicht, aber er ist aus migrantischer Perspektive geschrieben und thematisiert die Sehnsucht nach der Heimat …
Engin: … „Gurbet“ von Özdemir Erdoğan. Der Song ist entstanden in der Zeit, als ganz viele sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Es ist praktisch die Hymne der Gastarbeiter-Familien. Es geht darum, wie jemand aufbricht, seine Liebsten zu Hause zurücklässt und sehnsüchtig auf Nachrichten aus der Heimat wartet. Er fühlt sich fremd in der neuen Umgebung und will eigentlich bei seiner Familie sein, aber das geht halt nicht. Das ist ein Gefühl, das einfach zeitlos ist. Selbst wenn du hier geboren und aufgewachsen bist, kennst du dieses Gefühl; du bekommst es quasi vererbt: diese Sehnsucht nach der Heimat, die vielleicht auch verklärt wird, die aber immer auch etwas Nostalgisches und Heilsames hat, weil damit ein Gefühl von Geborgenheit verbunden ist.
Kann man sagen, dass du dir über die türkische Musik oder mit den Texten deine alte Heimat erschlossen hast?
Engin: Absolut. Es gibt bereits auf unserer ersten EP dieses Motiv „Woher weißt du, wer du bist, wenn du, was du nicht kennst, vermisst?“. Das war für mich schon sehr wichtig – musikalisch, künstlerisch und auch persönlich: sich zu fragen, was dieses Türkischsein für mich bedeutet und wie ich es in mein Leben hier integrieren kann. Deshalb ist es für mich auch wichtig, regelmäßig in Istanbul zu sein. Die musikalisch-künstlerische Verbindung habe ich mir allerdings erst aufbauen müssen. Ich hatte in Deutschland keine türkische Community, den Zugang habe ich mir praktisch erst über die Musik selber gelegt.
Es gibt einen weiteren türkischer Song, der mir in Erinnerung geblieben ist. Dabei ging es um politische Haft in der Türkei und ein Gedicht, das in diesem Kontext eine Rolle gespielt hat.
Engin: Du meinst „Aldirma Gönül“ von Edip Akbayram, auch ein ganz großer Anadolu-Rocksänger. Der Song war ursprünglich ein Gedicht und seine Vertonung haben wir reinterpretiert. Alle kennen das Lied, aber längst nicht alle wissen heute noch, dass es ursprünglich auf ein Gedicht von Sabahattin Ali zurückgeht.
Würdest du sagen, es ist euer politischster Song?
Engin: Sagen wir so, es ist nicht unser Song, aber wir haben den zu einem ganz speziellen Anlass gespielt, nämlich als der Istanbuler Oberbürgermeister verhaftet wurde und als sich ganz viel Protest dagegen formiert hat. Das Lied selbst basiert auf einem Gedicht, das aus dem Gefängnis heraus geschrieben wurde und das im Zusammenhang mit Menschen, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden, eine besondere Bedeutung hat. Jemand, der das Lied wirklich kennt, versteht auch, wofür das steht. Und deswegen, ist das für uns auch ein ganz guter Weg, Haltung zu zeigen – auf musikalischem Wege.
Als ihr „Sag Mir Almanya“ in Köln gespielt habt, hast du während der Ansage des Songs ins Publikum geschaut und meintest dann nur: „Das ist Almanya“. Mich hat das auch sehr beeindruckt, wie ihr es mit eurer Musik schafft, die unterschiedlichsten Leute zusammenzubringen. Mit dem Stück seid ihr im März auch im ZDF Magazin Royale aufgetreten, zusammen mit dem Tanzorchester Ehrenfeld. Wie wichtig war dieser Auftritt für eure Bandkarriere?
Engin: Es ist sicher nicht mehr so wie früher, wo du mit einem Fernsehauftritt durch die Decke gegangen bist. Die Zeiten sind vorbei. Aber ich denke schon, dass es uns bei vielen Leuten auf die musikalische Landkarte gesetzt hat. Und einige sind auch deswegen auf unsere Konzerte gekommen. Gerade bei dem deutschen, kulturinteressierten Teil des Publikums war das offensichtlich der Fall.
Jonas: 60 bis 70 Prozent waren neue Leute. Und das ist natürlich toll. Die haben uns in der aktuellen wirtschaftlichen Lage echt den Arsch gerettet. Davor haben wir viel Publikum über unsere türkischen Songs gezogen. Für uns war aber auch klar, dass es besser ist, nicht zu einseitig darauf festgelegt zu werden. Mit dem aktuellen Album konnten wir auch dieses Bild wieder ein bisschen geraderücken.
Eine Management- oder Labelanfrage hattet ihr nach dem Auftritt bei Böhmermann aber nicht zufällig im E-Mail-Postfach liegen?
David: Nein, das nicht. Aber die haben wir bisher auch eh immer alle abgelehnt.
Engin: Da sind wir auch sehr argwöhnisch. Also wir reden mit jedem, mit allen, die eine seriöse Anfrage stellen. Letztlich warten wir aber einfach nur darauf, dass wir es aus eigener Kraft so richtig schaffen.
Ihr habt vorhin gesagt, ihr wäret mehr Indie als viele andere Indie-Bands, die das von sich behaupten. Hat das etwas mit dem Do-It-Yourself-Ansatz zu tun?
Jonas: Ja, wir sind definitiv eine DIY-Band. Und Indie ist eh so ein ausgehöhlter Begriff. Independent waren früher Labels, die eben nicht major waren. Aber welche Indie-Labels gibt es noch, die relevant wären.
Engin: Eins ist klar: Wenn Zartmann noch als Indie gilt, dann braucht es wirklich einen neuen Begriff dafür, was wir sind.
Interview: Marc Wilde




