Zweimal 25 aus 2000-2025

Halluzinatorisch-schattenhaften Sound, Schmerz und Hedonismus : Burial „Burial“ / Britney Spears „Blackout“

 

Burial
„Burial“
(Hyperdub)

Kann man der Rezeption von Burial als Künstlerpersona fast zwanzig Jahre nach dem Release des selbstbetitelten Debüts „Burial“ im Jahr 2006 noch irgendetwas Relevantes hinzufügen? Eigentlich hat der viel zu früh verstorbene Medientheoretiker Mark Fisher doch alles gesagt zu diesem Enigma der elektronischen Musik hat. Fisher war es, der als erster festgehalten hat, dass Burial wie ein gespenstisches Echo verlassener Orte zu uns herüberklingt, wie eine Erinnerung, die kaum zu greifen ist, eine Erinnerung an Raves und Community, eine Halluzination im städtischen Raum.

Aber vielleicht ist das auch nicht der Punkt, wenn es darum geht, die 25 Platten für aus diesem ersten Vierteljahrhundertauszuwählen. Sondern die Frage danach, was bleibt. Und kaum ein(e) Künstler:in hat das Lebensgefühl, die Fragen und die Sollbruchstellen der Nullerjahre besser in Sound eingefangen als Burial. Fast könnte man das selbstbetitelte Debüt – immerhin die erste Platte auf Kode9s Label Hyperdub – und den Nachfolger „Untrue“ zu geradezu prophetischen Alben erklären, die mit ihrem halluzinatorischen, schattenhaften Sound die Atmosphäre der von Gentrifizierung, sozialer Ungerechtigkeit und Ausverkauf getöteten Innenstädte einfangen.

Burial zu hören bedeutet schon zu trauern, bevor man überhaupt weiß, worum. Es ist Musik für das Ende der Geschichte, diese Fantasie von Francis Fukuyama, dessen neoliberale Utopie sich dann doch als formvollendeter Albtraum herausgestellt hat. Und zwischen den Schatten vergangener, verdrängter Raves kriegen wir doch immer wieder Schönheit zu fassen in den Soundteppichen Burials.

Es ist nicht alles ganz verloren, scheint er uns mit Tracks wie „Night Bus“ sagen zu wollen. Zumindest nicht, solange wir noch die Erinnerung in uns tragen.

Britney Spears
„Blackout“
(Jive)

Als Britney Spears’ Magnum Opus „Blackout“ erschien, war ich sehr weit davon entfernt, öffentlich zuzugeben, dass ich Britney Spears höre. Ich glaube, ich lud mir heimlich die brillante autobiografische Single „Piece of Me“ bei iTunes herunter und hörte sie auf meinem iPod – aber mein Musikkonsum als Abiturientin war zu performativ, um zuzugeben, dass ich Britney hörte. Und dann auch noch in ihrer Absturz-Ära, als alle anderen eher das Album und die Künstlerin öffentlich in Stücke zerrissen. Vier Jahre war es zu diesem Zeitpunkt her, dass sie „In the Zone“ veröffentlicht hatte. In der Zwischenzeit hatte sie geheiratet, ein „Greatest-Hits“-Album veröffentlicht, Kinder bekommen, mehrere psychische Zusammenbrüche erlitten und sich Anfang 2007, bekanntlich verfolgt von Paparazzi, in einem Friseursalon in Los Angeles die Haare abrasiert.

„Blackout“ trägt all diese Erfahrungen in sich – vor allem die Messiness und den Schmerz, aber auch die Lust auf Hedonismus, darauf, einfach ein gegenwärtiges Dance-Album voller Sexappeal zu liefern. Der Gegensatz zwischen einer Britney, die „it feels good“ säuselt, und der gebrochenen Frau, die zu einem Auftritt bei den MTV Video Music Awards gedrängt wurde, zu dem sie augenscheinlich noch nicht in der Lage war, war kaum aufzulösen.

Kommerziell erfolgreich sollte „Blackout“ trotzdem werden – erst im Nachhinein zeigte sich aber, wie einflussreich das Album war, wie es Sounds wie Dubstep und EDM in den Popmainstream schubste und wie viele nachfolgende Popgrößen sich immer wieder darauf beziehen. Interessanterweise war es das erste und letzte Album, auf dem Britney Spears Credits als Executive Producer haben sollte – ihr größtes Geschenk an die Popgeschichte.

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