Punk-Special von Kaput - Magazin für Insolvenz und Pop und Gegenüber dem transatlantischen Magazin des Goethe-Institut

Anarchy in Austria – Neues Leben in einer toten Stadt

„Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn da passiert alles 50 Jahre später.“ Schenkt man dem Komponisten Gustav Mahler Glauben, von dem das Zitat angeblich stammt, dann müsste Punk in Wien bald losgehen.

Der Wahl-Wiener Autor Wolfgang Zechner blickt auf jene Zeit, in der die Kunde von The Clash und Co. auch in der Donaustadt zu hören war.

 

Vermutlich ist Peter Hein nicht die Reinkarnation von Gustav Mahler. Und trotzdem hat mir der Düsseldorfer Punk-Pionier einmal erzählt, dass er ähnlich empfunden hat, als er mit seiner Band Fehlfarben zum ersten Mal in der Donaumetropole gespielt hat. Inzwischen lebt Hein selbst in Wien. In den wilden Siebzigern, Achtzigern (und lange darüber hinaus) wirkte er noch an den Ufern des Rhein, wo er im Ratinger Hof mit seinen Bands sowie mit Mitstreitern wie Male, DAF, KFC oder S.Y.P.H. die Blaupause für das entwarf, was man bald als Neue Deutsche Welle bezeichnen wird.

Im Mai 1980 spielte Hein mit den Fehlfarben im 20er-Haus beim Wiener Südbahnhof. Heins „Grauschleier“ lag damals noch kübelweise über der Stadt. Trostlos, trist, grau. Wer wissen will, wie die Stadt damals ausgesehen hat, sollte sich die frühen Folgen der TV-Serie „Kottan ermittelt“ ansehen.

Das dort gezeigte Wien erinnerte an einen tschechoslowakischen Märchenfilm ohne Märchen. Eine Welt ohne Zauber, aber voller Kulissen. Und dann erst die Menschen: Grimmig blickende Senior:innen mit mächtigen Pelzmützen, die gramgebeugt den Existenzschmerz durch eine tote Stadt trugen. So zumindest habe ich die Stadt in kindlicher Erinnerung, als ich die Hauptstadt irgendwann Anfang der Achtziger zum ersten Mal besuchte.

A schene Leich‘. Das war Wien in den späten 1970ern. Und über das „schene“ lässt sich streiten. Weil aber nichts mächtiger ist als eine gute Idee, keimte auch in der Welthauptstadt des Morbiden, irgendwo zwischen Zentralfriedhof und Kaisergruft, das Punk-Pflänzchen. Zumindest was den frühen Punk betrifft erwies sich Mahler nicht als Prophet. Denn das Pflänzchen spross früh.

Erste Vorboten gab es bereits 1976, als sich die Kunde von der neuen Jugendkultur über Musikmagazine und die Radiosendungen „Musicbox“ auf Ö3 verbreitete. Befeuert von den musikalischen Umstürzen in New York und London entstanden auch in Wien erste Grüppchen, die bald zu einer Szene heranwuchsen. In den Ruinen einer toten Stadt regte sich neues Leben. Donaukanal statt Rockaway Beach!

Anarchy in Austria!

Einer der Schlüsselmomente war der 2. Oktober 1977. Das Konzert von The Clash im Wiener Porrhaus war für viele ein Urknall. Man erfand sich in bester Punk-Manier neu und hieß fortan Robert Räudig, Mickey Kodak, Panza, Lörkers, Ronni Urini oder Uschi Paranoia. Bands wurden gegründet. Chuzpe etwa, die Gruppe rund um Robert Räudig, der eigentlich Wolf heißt und im Zivilberuf als Briefträger arbeitete.

Andere Bands trugen Namen wie Pöbel, Schund, Mordbuben AG, Dirt Shit oder Die Böslinge. Mit A-GEN53 gab es auch bald die erste Frauen-Punkband der Stadt. Treffpunkte der Szene waren zunächst Orte wie der Flohmarkt bei der Kettenbrückengasse. Erste Plattenläden importierten einschlägige Alben und Singles. Das Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse, ein ehemals besetztes Haus, entwickelte sich zwischen 1981 zu einem Zentrum der Szene, ehe es 1983 von der Stadt Wien geräumt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Uhr weitergedreht. Punk? Das war vor Jahren. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht und so weiter. Die sogenannten „guten Kräfte“, so ein Songzitat der Band Chuzpe, importierten die kühle britische New-Wave-Ästhetik. Bereits 1980 coverte Chuzpe den soeben erschienenen Joy-Division-Song „Love Will Tear Us Apart“. Die Wiener reicherten den Klassiker mit einer Prise Disco an. Das Ergebnis war beschwingt, die Auswirkung erstaunlich: Im Unterschied zum Original schaffte es die Austro-Version in die österreichischen Charts. Die Kopie bremste das Original aus. Sowas nennt man dann wohl Chuzpe.
Als Neunjähriger nahm ich die Joy-Division-Version aus dem Radio auf Kassette auf. Ich war fest davon überzeugt, dass es sich um einen österreichischen Song handelte. Ein krasser Fall von kindlicher Naivität. Inzwischen weiß ich es besser. „Love Will Tear Us Apart“ ist vermutlich doch kein Wiener Lied. Mit Betonung auf vermutlich.

Eine weitere kulturelle Aneignung möchte ich allen Freund:innen des abseitigen Liedguts nicht vorenthalten. 1981 erschien auf dem Label Panza-Platte die Single „Franzi“ von Der Eiserne Vorhang. Es handelte sich um eine Wiener Dialektversion des XTC-Hits „Making Plans For Nigel“. Wer diese beiden Pole, also XTC und Wien, gedanklich nicht zusammenbringt, muss sich nicht grämen. Es gibt nichts, was man zusammenbringen könnte. Gerade deshalb ist „Franzi“ ein Juwel, das noch heute prachtvoll funkelt wie eine kaputte Glasperle im flackernden Neonlicht eines stillgelegten U-Bahn-Schachts.

So richtig warm wurde die Stadt mit der neuen Jugendbewegung aber nie. Im Vergleich zu anderen Metropolen blieb die Szene relativ überschaubar. Auch die Punk-typische Abgrenzung zum Alten funktionierte hier nicht so gut wie anderswo. Wien war eben keine Pop-Stadt. In der ehemaligen Residenzstadt wollten die Dorfkaiser, also die vorwiegend männlichen Austropop-Barden, Altrocker und Berufsmucker, das Zepter nicht aus der Hand geben. Kein Wunder, dass sich am für die Szene so wichtigen Sampler „Wiener Blutrausch“ von 1979 vieles wiederfand, was mit Punk wenig oder gar nichts zu tun hatte. Minisex etwa, eine Band mit Werbeagenturhintergrund, Jazz-Rock-Gedudel von Metzlutzkas Erben oder das kabarettistische Anarcho-Kollektiv Drahdiwaberl. Das klang teilweise verdächtig nach späte 1960er-Jahre. Sollte Gustav Mahler vielleicht doch recht behalten?

Als die Industrie ab 1981 die Neue Deutsche Welle als NDW zu Geld machte, gingen die Punks auch in Wien leer aus. Den Ruhm staubten hier andere ab, allen voran Falco, der Ex-Bassist von Drahdiwaberl. Und weil der Tod ein Wiener ist, hatten mit Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen zwei Wiener dann auch die Hand an der Bahre, als die NDW 1983 zu Grabe getragen wurde. Die entwaffnend-bescheuerte Science-Fiction-Single „Codo … düse im Sauseschritt“ von DÖF war der letzte NDW-Song, der es in Deutschland auf die vorderen Charts-Plätze schaffte. Danach war Schicht im Schacht. Endstation Wien. Alle aussteigen! Den Punks der ersten Stunde war’s größtenteils egal. Die meisten saßen das aus. Oder verschwanden in bürgerlichen Biografien. Zu viele fielen Drogen zum Opfer. Manche machten unbeirrt weiter. Bis heute.

Seit Jahren bemühen sich Überlebende wie Zuspätgeborene um eine Musealisierung des Genres. Die Grenze zwischen historischer Aufarbeitung und nostalgischer Verklärung ist dabei fließend. Der auf Panza-Platte veröffentlichte Sampler „De Guade Oide Zeit“ bietet einen guten Überblick über eine inhomogene und widersprüchliche Szene. Wie einst auf dem Blutrausch-Sampler finden sich auch hier Themenverfehlungen, zum Beispiel die 68er-Langhaar-Rockband Novaks Kapelle. Auch Drahdiwaberl ist wieder mit dabei. Das ist doch immer noch kein Punk, oder? Wie sagt man in Wien so schön: Wurscht, Oida! So genau hat man die Dinge hier noch nie genommen. Nicht heute, nicht vor 50 Jahren.

Wolfgang Zechner

 

Dieser Artikel wurde in Punk Zusammenarbeit mit Kaput – Magazin für Insolvenz und Pop und Gegenüber dem transatlantischen Magazin des Goethe-Institut beauftragt und produziert.

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