Sonntag, 22.09.2019
CTM 2019 – Festivalnachlese

CTM Festival 2019: Beißen, Stechen, Tanzen

6. Februar 2019,

Actress & Young Paint for CTM


Zu seinem 20. Geburtstag präsentierte sich das Berliner Festival einmal mehr mit passenden Leitmotiv („Persistence“ / „Beharrlichkeit“) und überfordernd-anregenden Programm.

Die „Persistence“ zog sich durch fast alle Programmpunkte des Festivals und manifestierte sich unter anderem in Zuweisungen wie „As if we were solitary selves“, „As if we existed“, „As if we were seen“ or „As if we were kin“, um nur ein paar zu nennen.
Das Programm selbst stand der hier eingebrachten Beharrlichkeit in nichts nach. So sehr man zwar deswegen manchmal in ehrlichen Momenten der Selbstkonfrontation mit dem Flow einer Nacht haderte, so sicher konnte man sich sein, dass das, was einem gerade ein Gefühl von Widerstreben verursachte es definitiv wert war. Nächte, in denen es einem alle recht machen wollen, gibt es ja zuhauf, warum also nicht einmal im Jahr auch beißen und stechen lassen?

Through My Speakers x CTM in der Grießmühle

Samstags öffnen sich die Berghain Türen nie für das CTM, denn samstags ist das Berghain lieber allein mit sich. In diesem Jahr weichte man am Eröffnungswochenende deswegen in die Grießemühle aus, wo sich auf dem großen Floor die Acts in gewohnt hoher CTM-(Live)Taktung das Equipment reichten: Qumasiquamé, Sho Madjozi,Gafacci, Phatstoki, Slikback, Sarah Farina, LeFeu, Walter Vinyl und TMS b2b2b.
Anerkennend muss man sagen, dass das Niveau der Nacht sehr hoch war, so richtig wollte sich das aber nicht im Raum dauerhaft einschreiben, vielmehr fühlte es sich so an, als ob ein jeder Act wieder die Stimmung selbst auf ein neues generieren musste, der schöne Zustand der additiven Ekstase blieb leider aus.
Im Keller sah das schon anders aus, dort regierte durchgehend der „Floorgasm“ mit Wallis, Juliana Huxtable, Pangaea und LSDXO. Wobei mir persönlich das Set von Pangaea am besten gefallen hat, auch wenn es absolut nicht originell war, aber eben tight und dynamisch und mitnehmend. LSDXO hingegen verrannte sich im Anschluss nach originell-poppigen Beginn leider schnell in zu hohe Temporegionen – aber vielleicht war es ja auch nur zu schnell für mich.

 

Benedik Giske / Linn da Quebrada „Pajuba“ im HAU 1

„Surrender“, das Album des norwegischen Saxophonisten Benedik Giske, das vor kurzem auf Smalltown Supersound erschienen ist, ist komplett an mir vorbeigegangen. Und nach dem, was ich im HAU 1 sehen und hören durfte, werde ich es sicherlich nicht nachträglich aufsuchen. Alles an diesem Auftritt war ärgerlich: der so profan wie doof unter einen Megakondom (oder was es darstellen sollte) gesteckte Tänzer, wo er die notwenige Luft per Schlauch zugeführt bekam (was wohl als Anspielung an den beim Spielen ohne Atempausen dank Nasenatmung auskommenden Giske gedacht war), als auch das Outfit und die Moves von Giske selbst. Am wichtigsten aber in der Konstruktion meiner Enttäuschung war die musikalische Qualität der Performance. Viel zu lieb, viel zu harmlos – nur wenige Kilometer entfernt gab an diesem Abend Peter Brötzmann im nbk (Neuer Berliner Kunstverein) ein Gratiskonzert und man sehnte sich während Giske´s Performance dahin.

Letztlich war es aber natürlich gut, dass man nicht dorthin, sondern ins HAU 1 gekommen war. Denn der Auftritt von Linn da Quebrada mit Band und Tänzer_innen sollte allen Missmut hinwegfegen. Das Highlight des diesjährigen CTM Festivals – und angesichts der politischen Lage in Brasilien unter dem neuen Fascho-Präsidenten Jair Bolonaro ein sehr wichtiges und stimmiges Signal seitens des CTM Teams. De Quebrada und seine Mitstreiter_innen verarbeiten die Gewalt, die ihren Alltag in Brasilien prägt in einer eindringlichen, aufrüttelnden und zugleich stimulierenden musikalischen Tanzperformance. Am Ende des audiovisuellen “afro-funk-vogue”-Lustspiels „Pajuba“ saß niemand mehr auf seinem Stuhl, der ganze Raum tanzte mit.

 

Erwan Keravec im HAU 2 – „As if we remembered“

Es war nur ein sehr kurzer Ausflug ins HAU 2 nach den intensiven Auftritten von Giske und da Quebrada – aber trotzdem ein sehr nachhaltiger. Durch die Hintertür hineingeführt liefen wir geradezu in die Performance (wie man auf den Video sehen kann) des Dudelsack-Quartetts, das sich auf die vier Ecken des Raums verteilt hatte, so dass man sich ihrer Intensität nicht entziehen konnte.

 

Raster.Labor featuring: Byetone + Mieko Suzuki, Dasha Rush, Frank Bretschneider, Grischa Lichtenberger, Robert Lippok in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst

Das CTM beschränkt sich bekanntlich nicht auf Konzerte und Clubnächte, wobei die große Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien nur die offensichtliche Kunstkomponente darstellt – meine Lieblingsarbeit hier kam von Mika Taanila & Mika Vainio:

Als Gesamtausstellung spannender, vielleicht auch da deutlich komprimierter im Ansatz und in der räumlichen Ausbreitung, war das Raster.Labor in der neuen Gesellschaft für bildende Kunst, in der sich das Label mit fünf Soundinstallationen von Byetone + Mieko Suzuki, Dasha Rush, Frank Bretschneider, Grischa Lichtenberger und Robert Lippok präsentierte.


Khyam Allami „Kawalees, Part II“ / Rabih Beaini & Pouja Pour-Amin Ensemble im HAU – „As if we could share“

In seinen einführenden Worten zum Auftritt von Khyam Allami wies CTM-Festivaldirektor Jan Rohlf darauf hin, dass Allami im offiziellen CTM-Magazin einen Beitrag geschrieben habe, der seine Arbeitsweise erkläre. In aller Kürze: „Kawalees, Part II“, das Stück, das Allami aufführte, ist für Hybrid-Piano und Elektronik geschrieben und wird mit dem Ableton Live Plugin „Comma“ performt, mit dem sich in Echtzeit mikrotonale Stimmungen verändern lassen. Auch Allami selbst, der in seiner Person Musikwissenschaftler und Musiker vereint, ging danach noch kurz darauf ein, führte diese aber nicht groß aus, sondern widmete sich lieber der Musik.
Die Kluft, die diese Andeutungen aufmachten, ließ sich danach aber nicht mehr ganz schließen. Denn so gut einzelne Passagen waren, als ganzes funktionierte der Auftritt von Khyam Allami leider nicht, zu oft verpuffte die aaufgebaute Dynamik wieder, fehlten den Ideen der sie verkettende Impuls, vor allem dannd wenn sie Klangwelt nicht explizit arabisch geprägt war.
Bei aller Kritik aber ein spannender, anregender Auftritt von Allami.

Der anschließende Auftritt von Rabih Beaini mit dem Pouja Pour-Amin Ensemble mag dagegen konventionell angemutet haben, er war aber vor allem wunderschön. Den Musiker_innen gelang es Raum und Zeit aufzulösen und Einflüsse aus Free Jazz, Elektronik, Noise und Iranischer Musik in einem leidenschaftlichen Sog aufgehen zu lassen.


„As if we were free“ / „As if we were beautiful“ / „As if we could agree“ im Berghain / Panorama Bar / Säule

Nicht umsonst gilt ja das geflügelte Wort, dass das, was im Berghain passiert im Berghain bleibt – also nichts nach außen treten soll. Das bezieht sich natürlich primär auf etwas anderes als die Reflexion der gesehenen Auftritte und gehörten Sets, doch ob man will oder nicht, der Filter des Vergessens legt sich im Tausch mit einem erfülllenden Glücksgefühl trotzdem auch irgendwie über diese. Deswegen nur in aller Kürze:
– Eartheater: Guter Auftritt, der noch sehr viel besser hätte werden können, wenn Sängerin Alexandra Drewkin nicht so schon zufrieden mit sich gewesen wäre. Gemeinsam mit ihrer Harfistin gelang es ihr jedenfalls den Raum auf sich zu konzentrieren.
– Gazelle Twin: Elizabeth Bernholz hingegen weiß ihr Potential in Gänze auszuschöpfen, während ihrer Performance wirkte selbst das graue Berghain wie ein kunterbunter Palast.
– Lotic hingegen fiel im direkten Vergleich der vorherigen Auftritte deutlich ab. Das Setting zu verloren in den Weiten des Berghains, die Performanz zu leidenschaftslos, das Set zu mittelmäßig. Warum das so ist, bleibt ein großes Rätsel. Denn an Talent fehlt es J’Kerian Morgan nun wirklich nicht.
– Dj Haram / Riobamba: Die Sets der beiden sind in meiner Wahrnehmung zu einem verschmolzen, geeint durch den extrem hohen Spaßfaktor. Währenddessen mehrfach gedacht, dass ich in der Panorama Bar schon lange nicht mehr so leidenschaftlich offene Sets gehört habe.

„As if we had power“ / „As if we were loved“ im Berghain / Panorama Bar

Und täglich grüßt das Murmeltier. Zurück auf Anfang. Alle Katergefühle sind Einbildung, es zählt nur das, was vor uns liegt.
– Opium Hum: sehr schönes, da nicht zu aufdringliches Einstimmungsset von CTM-Mitkurator Michael Stangl. Am Puls der Zeit und doch nicht zeitgeistig.
– Gabber Modus Operandi: Herrlich willenloser Hybrid aus Gabber, Noise und Footwork, den Kassimyn und Ican Harem zum verdutzen vieler Besucher_innen in bester Ninja-Manier performten.
– BadSista / The Black Madonna / Dj Rachael – Danach ging es wieder nach oben und in den Strudel der Tanzfläche, auf der wie schon in der Nacht zuvor eine sehr schöne da kommunikative und herzliche Atmosphäre herrschte, gespeist von den Love-Beats der Sets von BadSista, The Black Madonna und Dj Rachael, die wie die zwei Sets der vorangegangenen Nacht die Messlatte für das, was in der Zukunft in der Panorama Bar passiert sehr hoch legt.


Actress, Haus der Kulturen der Welt

Welchen Einfluss wird die Artificial Intelligence auf unsere Wahrnehmung und unseren Umgang mit Musik hat? – und wie wird sie sich auf die Musikproduktion auswirken? Diese Fragen bewegen aktuelle viele Künstler_innen und auch Musiker_innen. Wobei bis dato die Reflexionen spannender sind und die daraus resultierenden Diskussionen anregender als die Musik, die dabei herauskommt. So fiel zum Beispiel „Godmother“, die gemeinsame Produktion von Holly Herndon und Jlin (feat. Spawn) merklich unspannender aus als die bisherigen, traditionell produzierten Stücke der Produzentinnen. Das gleiche Resümee gilt es nach dem Auftritt von Darren J. Cunningham zu ziehen. Die Performance war als eine Gemeinschaftsarbeit mit Young Paint angekündigt, wobei letzterer eine AI-Kreation ist – und leider eine am Anfang ihrer unendlichen Existenz. Trotzdem hat Cununingham Young Paint, der einer sich im Actress-Studio in London befindenen Puppe nachmoduliert wurde, die wiederum wohl dem Terminator in seiner hautlosen Silbermanifestierung nach empfundenwurde, den finalen mix zugestanden. Mit dem Ergebnis, dass zwar einzelne Sounds und Passagen nach Actress klangen und für kurze Momente der Euphorie sorgten, die Ausarbeitungen dieser zu Stücken aber nicht erfolgte, so dass das Material merklich zum sonstigen Standard des Cunninghamschen Werk Korpus abfiel. Oder sagen wir es drastischer: noch scheitert Young Paint kollosal an seinen Ambitionen. Und so ist es sehr mutig, diesen Prozess so transparent zu zeigen. Aber man kann auch direkt zurück fragen: warum eigentlich? Und so blieben am Ende viele Fragen für ein sicherlich spannendes Gespräch mit Darren J. Cunningham, aber auch ein großer Grohl angesichts der performten Qualittät der Musik, zumal die Videos, die anscheinend auch von der AI generiert wurden, an Ideenlosigkeit nicht mehr zu überbieten waren: man durfte Young Paint beim Alltag in seiner engen 1-Zimmer-Wohnung zuschauen…

 

Am Ende …

… ist mein persönliches CTM-Ende wieder mal 24 Stunden früher als das offizielle. Eine Art ungeschriebes Gesetz der Erschöpfung. So sah es draußen jedenfalls in Berlin am Sonntag morgen aus – innerlich rotierten während dessen all die Eindrücke der vergangenen neun Tage, die sich hier nun weiter oben befinden.

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Just another sunday morning in Berlin.

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PS: Und die Eishalle am Berghain, die ….

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