DAS MATERIALISIERTE EKTOPLASMA DES PATIENTEN H.O.
Introduction / Peter Kowald „OFF THE ROAD“ (Tourdokumentation, Laurence Petit-Jouvet 2001)
Die Idee zu dieser Kolumne kommt mir, als mir etwas geschieht, das mir lange nicht vorgekommen ist, dass ich mich nämlich zu langweilen beginne. Nicht, weil ich nichts zu tun hätte: Roman, Sachbuch, neues Album, Saxophon, Lehrtätigkeit, Lesungen – das alles wäre zu beackern, zu pflegen, zu erledigen, schiebt sich nun jedoch auf, weil ich mir eine verdammte Erkältung eingefangen habe.

Hendrik Otremba (Photo: Carolin Saage)
Nichts Wildes, bald vorüber, aber doch eben zu einem Maße, dass ich mal Pause machen und im Bett bleiben muss für eine Woche. Ich schaue also viele Filme, lese, dämmere immer wieder weg. Zum Einschlafen, so mein Ritual, stelle ich mir immer etwas vor, in dem nicht allzu viel geschieht, ein Ort, ich darin als eine andere Person, auf die ich, Person also an einem Ort, eine konkrete Sehnsucht projiziere.
So stelle ich mir etwa an einem der Abende vor, ein Klassiker meiner Fantasie, dass ich ein alternder Jazz-Saxophonist bin, der, begleitet von zwei Freunden, in einem angerosteten Kombi durch die USA auf Tour ist und in kleinen Läden Impro-Konzerte spielt, mit lokal wechselnden musikalischen Partnerinnen und Partnern (vermutlich genau das, was ich gerade am liebsten machen würde, statt untätig im Bett zu liegen). In meiner Vorstellung liege ich am nächsten Morgen eines schweißtreibenden Konzertes, das in der Nacht zuvor in irgendeinem Kellerclub in Chicago (?) stattgefunden hat, auf der Rückbank des Fahrzeugs, während es draußen regnet, bin zugedeckt und darf ruhen während der Fahrt in die nächste Stadt, eingehüllt von einem gleichmäßigen Motorengeräusch. Vorne unterhalten sie sich gedämpft, ich verstehe nicht, worüber. Der Regen trommelt aufs Dach, der Scheibenwischer versucht immer wieder, die Unschärfe zu überwinden, die doch aber alles gleich in eine angenehm distanzierende Verschwommenheit versetzt. Vielleicht läuft leise das Autoradio. Die Decke ist warm. Ich habe meine Wollmütze auf.
Imaginiertes Outsider-Hygge. So schlafe ich selig ein. Eigentlich, kann ich empfehlen, klappt das immer. Nur diesmal nicht, woran wirklich bloß ein zu spät getrunkener Kaffee Schuld hat. So liege ich lange wach. Die Fantasie kommt mir abhanden, weil ich durch die Reste des Koffeins in meinem Blut noch zu unruhig bin, sodass ich schließlich entscheide, noch irgendetwas zur Berieselung anzuschauen, das mich dann hoffentlich wegpennen lässt, sowie man früher sich im Wohnzimmer nach der Schule zu „Star Trek – The Next Generation“ ins Sofa gegraben hat, um nur mal kurz die Augen zuzumachen. Ich klappe den Klappcomputer auf, das Licht blendet mich. Ich weiß, was ich anschauen könnte. Ein Substitut meiner Fantasie, sozusagen, nur eben: vor-dokumentiert aus der Wirklichkeit. Oder andersherum: eine Inspiration meiner Träumerei.
So schaue ich nach längerer Zeit zum zweiten Mal eine Tourfilm an, der tatsächlich wohl so etwas gewesen sein mag wie ein Urmoment meiner rituellen Einschlaffantasie: „OFF THE ROAD“, 2001 veröffentlicht von der französischen Regisseurin Laurence Petit-Jouvet, die ein Jahr zuvor mit dem Wuppertaler Kontrabassisten Peter Kowald drei Monate durch die Vereinigten Staaten getourt ist und seine Begegnungen, seine Konzerte, seine Gedanken und Erfahrungen aufgezeichnet hat. Ich liebe diesen Film. Etwas über eine Stunde beobachtet man, wie Kowald, der meist selbst am Steuer sitzt, durch die Staaten reist, auf Menschen trifft, die einfach nur Klang erzeugen wollen oder deren Klangerzeugung politisches Statement ist, auf Bewohnerinnen, Passanten, Vietnamveteranen, Journalisten, Aktivistinnen, Kunstschaffende – wobei die Gespräche, die man in Bruchstücken mitbekommt, einen daran erinnern, dass die Welt auch vor dem 11. September 2001 schon nicht in Ordnung war (und es auch da schon darum ging, was heute wichtiger denn je ist: sich zu verbinden).
Die Tour geht drei Monate, wir erleben sie in kleinen Ausschnitten der Konzerte, die immer anders sind und deren jeweiliges Soundgewandt wie ein Score durch den Film strömt und so auch die Alltagseindrücke im Drumherum des Tourens untermalt, die vielleicht noch spannender sind, als die Konzerte selbst. Peter Kowald (*1944), in Wuppertal Nachbar und musikalischer Partner von Peter Brötzmann – die beiden wohnen da keine 100 Meter voneinander entfernt im Stadtteil Elberfeld – trifft auf reizende Menschen in New Orleans, Chicago, New York (…), er erzählt ihnen von seinen Ansichten, seinen Theorien, hört ihnen aufmerksam zu, wodurch sich ein Bedeutungsteppich webt, der am Ende in kontrastreichen Farben eine Erzählung einer Musik schafft, die in ihrer Idee von Freiheit die Menschen in ihren Unterschieden zu verbinden sucht. Ein betörender kultureller Reichtum, wie zufällig eingefangen. In seinen letzten Minuten zeigt der Film, wie Kowald mit dem alten Chevrolet Caprice, einem Station Wagon, den er für die dreimonatige und mehr als 70 Konzerte zählende Tour gekauft hat (und der einem im Verlauf des Films ans Herz wächst), über die Manhattan Bridge fährt. Das alles findet in einem Vierteljahr in 2000 statt: Im Hintergrund sieht man, wolkenverhangen und doch klar erkennbar, die Zwillingstürme des World Trade Center. Ein Jahr später stürzen sie ein. Noch ein Jahr später, am 21. September 2002 (mein 18. Geburtstag, btw), stirbt Kowald mit nur 58 Jahren überraschend an einem Infarkt, als er erneut in New York bei seinem Bass-Kollegen William Parker zu Besuch ist.
Halb schon im Fiebertraum, angefasst von diesem seltenen Juwel des Musikfilms, schlafe ich endlich ein – mit dem letzten Gedanken, Thomas Venker zu fragen, ob er nicht Interesse habe an einer kaput-Kolume über solche vergessenen Geschichten, über einhergehende Artefakte, merkwürdige Orte, verblüffende Begebenheiten, unbekannte Obskuritäten, vielleicht Platten, Filme, Bücher (…), eigene Theorien (?), um die es hier künftig gehen soll. Aber das, also: was und wie, wird sich erst noch zeigen müssen.
Vielleicht haben Sie mit dieser ersten Ausgabe ja Lust bekommen, hier zu lesen. Also, herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie bleiben dran …
H.O.







