Essay

Die Entzauberung des Pop

Collage: Ariana Zustra (Copyight collage elements: BMG Rights Management / Nieves González, Netflix, Mert Alas & Marcus Piggott, AMC / TAS Rights Management)

Lily Allen lässt auf “West End Girl” kein pikantes Detail aus über die Trennung von ihrem Ex-Mann David Harbour: sein “Pussy Palace”, wo er seiner angeblichen Sexsucht frönte, Butt-Plugs, die Mails seiner Affäre. Taylor Swift wiederum besingt auf “The Life of a Showgirl” den “Zauberstab” ihres Verlobten Trevis Kelce. Wenn Kunst so eindeutig ist, verliert sie dann ihre Magie?

Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man im Zug sitzen, die Person neben einem telefoniert sehr laut und sehr lange über Intimes wie etwa Verabredungen mit dem Seitensprung oder Vertragsdetails mit sämtlichen Daten und man denkt sich: Will und sollte ich das alles wirklich wissen?

Das neue Album “West End Girl” der britischen Popsängerin Lily Allen hinterlässt ein ähnliches Too-much-information-Gefühl. In den zwölf Songs rechnet die Betrogene mit ihrem Ex-Mann ab, dem Schauspieler David Harbour aus “Stranger Things”. Er soll sie in eine offene Ehe gedrängt haben, ein Doppelleben geführt haben, sexsüchtig sein, sie in dem besungenen “Pussy Palace” mit zahlreichen Frauen betrogen haben, allen voran mit einer ganz bestimmten: „We had an arrangement / Be discreet and don’t be blatant / There had to be payment / It had to be with strangers / But you’re not a stranger, Madeline.“

Hinter „Madeline“ soll sich die Kostümbildnerin Natalie Tippett verbergen. Mit der soll Harbour sogar Tennis gespielt haben, während er das mit seiner Ehefrau nicht wollte, wie Allen im Track “Tennis” bedauert. Außerdem auf „West End Girl“ ausgepackt wird ein Schuhkarton mit Liebesbriefen von Nebenbuhlerinnen, ein langes schwarzes Haar, ein Butt-Plug. Bei so viel Exegesefutter könnte man fast vergessen, dass man es mit einem Musikwerk zu tun hat. In Rezensionen wird der Sound entweder am Rand erwähnt oder um zu loben, wie spannungsreich der zuckersüße Pop mit dem bitteren Inhalt kontrastiert.

Musik als vertontes Klatschmagazin

Nun liegt hier der Fall vor, dass die Schmutzwäsche eindeutig dem Ex-Partner zugeordnet werden kann, der ebenso berühmt ist wie Allen. David Harbour spielte sich als Polizeichef Hopper im Netflix-Dauerbrenner „Stranger Things“ in die Herzen der Serienfans. Zwar wurden alle Vorwürfe in den zwölf Songs weder von Allen noch von Harbour offiziell bestätigt und sie selbst verweist darauf, dass manches davon ihrer Fantasie entsprungen sein soll – eine Schutzbehauptung aus rechtlichen Gründen?
Klar, Pop war immer auch Beichte. Ob etwa Joni Mitchell, Fleetwood Mac, Kurt Cobain, Amy Winehouse – sie alle machten ihr brüchiges Privatleben zu Musik. Aber in Zeiten, in denen Fans auf Social Media minutiös Lyrics, Posts, Insta-Stories und Interviews zu einer Timeline der gescheiterten Ehe zusammenfriemeln können, hat es eine andere Tragweite und unter Umständen anderen Konsequenzen, eine voyeuristische Platte zu veröffentlichen, die klingt wie ein vertontes Klatschmagazin – und genauso auch von eben jenen ausgeschlachtet wird. Wie viel Privates verträgt Pop? Kunst lebt von ihrer Ambiguität, ihrer Fähigkeit, über sich selbst, Raum und Zeit hinauszuweisen auf etwas Höheres, oder Tieferes, Allgemeingültiges, vielleicht Wahres. Wie viel von ihrer Magie bleibt erhalten, wenn sie derart eindeutig einer bestimmten Person, einer bestimmten Beziehung, einem bestimmten Datum zugeordnet werden kann?

 

Der Verlust von Vieldeutigkeit

Der Autor Thomas Bauer formulierte in seinem Essay „Die Vereindeutigung der Welt“: „Ein Kunstwerk wird dann angemessen rezipiert, wenn es nicht nach Kriterien wie wahr oder falsch beurteilt, sondern wenn ihm von jedem Rezipienten unterschiedlich, verschiedene Lesarten und Bewertungen zugeordnet werden, eben gerade aus dem Grund, weil das Kunstwerk ambig ist.“ Pop ohne Mehrdeutigkeit oder Metaebene fehlt diese Dimension. Er ist eher emotionale Nabelschau als ästhetische Schöpfung. Der Verlust der Vieldeutigkeit bedeutet ein Verlust der Transzendenz.
Natürlich ist Lily Allen nicht allein mit dieser Offenherzigkeit. Prominente Beispiele in den vergangenen Jahren waren etwa Ariana Grande mit „Thank U, Next“, Beyoncé mit „Lemonade“ oder Miley Cyrus mit „Plastic Hearts“. Taylor Swift etwa besingt auf ihrer neuen Platte „The Life of a Showgirl“ unverblümt den „Zauberstab“ ihres Verlobten, dem Footballer Trevis Kelce, und zitiert den Titel seines Podcasts „New Heights“ in einer Schwärmerei über seine Männlichkeit. Eine relativ revolutionäre Eindeutigkeit einer Künstlerin, die bisher das Spiel mit Andeutungen perfektionierte und ihren Fans in Songs und Posts „Easter Eggs“ versteckte. Diese entschlüsselten mit kriminalistischem Eifer, welcher Verflossene gemeint sein könnte und was wohl vorgefallen ist. Swift kontrolliert das Spiel mit Symbolen, vermarktete aber stets ebenfalls das Intime und Private als Zentrum ihrer künstlerischen Ökonomie. Interessant sind diesen Alben übrigens auch im Hinblick auf die Debatte, inwiefern man ein Werk vom Autor trennen sollte – bei Lily Allen und Taylor Swift scheint das quasi unmöglich.

 

Pop als True Crime und das vermeintlich “echte” Leben

Man kann diesen Hunger nach „echtem“ Leben, nach „echtem“ Leid, nach Daten, Zahlen, Fakten, aus dem Zustand der Gegenwart herleiten. In einer Welt, in der künstliche Intelligenz Stimmen, Bilder, Texte erschafft, die kaum von jenen von Menschen zu unterscheiden sind, in der Deepfakes Realität simulieren, Fake News Fakten verdrehen, Staaten von Manipulatoren geführt werden, die Lügen als Wahrheit verkaufen, scheint das Bedürfnis nach „Echtem“, nach „realen” Emotionen zuzunehmen. Heute wollen die Hörer:innen „wissen, worum es geht“, „wissen, was wirklich passiert ist“ – und die Künstler:innen liefern. Vielleicht stürzt man sich deshalb auf Pop-Alben, die Sex, Love und gewissermaßen True Crime bedienen, während sie musikalisch so mittelmäßig sind, dass sie bei anderem Inhalt vermutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen hätten. Und man stürzte sich gierig auf die Doku über Haftbefehl wie Schaulustige bei einem Unfall. Ja, die Welt ist unübersichtlich, aber Eindeutigkeit in der Kunst zu suchen ist fehl am Platz. Laut dem Medientheoretiker Jean Baudrillard existiert das Reale nur noch als Simulation seiner selbst.

Denn wir sind hier im Pop, und diese „Authentizität“ ist natürlich trügerisch. Was als schonungslose Ehrlichkeit daherkommt, ist für Vermarktung inszenierter, kuratierter, auch: kalkulierter Content. Und je mehr Ablenkung man von der verworrenen Weltlage braucht, desto krasser könnte dieser werden. Der Bedarf an Zuordenbarkeit verdrängt die Magie des Ungefähren. Wir finden dann nicht mehr uns in der Musik, sondern das Leben der anderen. Da ist kein Zauber mehr zwischen den Zeilen. Vielleicht ist das der Preis eines Zeitgeists, in dem Grenzen zwischen Privatem und Politischem, Bühne und Wohnzimmer, ja Realität und Fiktion verschwimmen. Schlimmstenfalls hat Kunst, die alles ausbuchstabiert, nichts mehr zu sagen.

 

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