Three Skies Festival im Post-Happening-Kuratoren-Dialog

Freudige Unruhe & Ekstase

Neue Festivals braucht die Stadt. In diesem Sinne, please welcome:  Three Skies. Das von Kieran Kaul gemeinsam mit Thomas Gläßer programmierte Festival steht in direkter Nachfolge zur Night of Surprise. Die erste Edition fand vom 15. bis 17. Oktober 2026 statt, wobei diesmal neben dem Stadtgarten und Jaki noch einige neue Kölner Ore bespielt wurden. Und auch musikalisch dockt Three Skies beim Vorgängerfestival an mit seiner schön collagierten Mischung aus Klangkunst, kinda of Jazz, elektronischer Clubmusik, Noise und Folk. Wir baten das Kuratorenduo um einen Rückblick auf das Festival. 

 

Lea Bertucci & Norbert Rodenkirchen 

Kieran: Das war ein tolles Opening Konzert, das einen stellenweise an die Grenzen des eigenen Hörens gebracht hat. Auch die Bespielung der Achtkanal-Anlage hat das Erlebnis enorm intensiviert. Einzelne Klänge schienen durch die Kirche zu fliegen; manchmal ließ sich kaum erahnen, aus welcher Richtung der nächste Ton kommen würde.

Thomas: Es gab Passagen, in denen im Innenohr Differenztöne entstanden – ich musste an Thomas Ankersmits Konzert in der Christuskirche bei der Week of Surprise 2021 denken, das mit ähnlichen akustischen Halluzinationen gearbeitet hat: Ein Spiel an der Grenze, ohne dass das Klanggeschehen ins rein Spektakuläre kippt.

Andriana Yaroslava, Saienko & Heinali (Photo: Niclas Weber)

Heinali & Andriana-Yaroslava Saienko

Kieran: Ich durfte die beiden bereits im Frühjahr beim Romanischen Sommer hören und war begeistert von der Kombination aus mittelalterlichem Gesang und modernen Synthie-Drone- Passagen. In der abendlichen Klosterkirche Heilig Kreuz kam der Pathos, der in dieser Musik steckt, gut zur Geltung.

Thomas: Schon beim Soundcheck hat mich die archaische Wucht dieser Musik umgehauen. Mit sechs bis acht Sekunden Nachhall in der Kirche des Dominikanerklosters Heilig Kreuz in der Lindenstraße konnten der tiefbassige Modularsyntheiszer von Heinali und der glockenklare Gesang von Andriana-Yaroslava Saienkos eine sehr machtvolle, körperliche Präsenz entfalten. Das hätte distanziert oder überwältigend wirken können. Aber ich hatte den Eindruck, dass das Publikum die Verbindung aus Intimität und elementarer Wucht sehr gut annehmen konnte.

Takkak Takkak (Photo: Niclas Weber)

Takkak Takkak

Kieran: Im Stoff-Pavillon Möller haben Takkak Takkak den Raum verwandelt: Plötzlich war das ein intensiver Dancefloor, dann wieder beinahe ein Metal-Konzert. Die Performance war körperlich extrem intensiv – für die Musiker ebenso wie für das aufgeheizte Publikum.

Thomas: Mich hat fasziniert, wie viele unterschiedliche musikalische Welten darin bruchlos, aber vielschichtig ineinander griffen: etwas rituell Archaisches, fast Metal-haftes, tribalistische Rhythmen und Momente, in denen das Material zunehmend abstrakt wurde. Am Ende schien die Musik weniger eine Sprache zu sprechen, als einen Zustand purer, verspielter Intensität herzustellen.

Rothbrust & Werner (Photo: Niclas Weber)

Rothbrust & Werner

Thomas: Klanglich … und auch technisch, vor allem instrumentaltechnisch – war dieses Konzert wahnsinnig beeindruckend: Virtuos gespielte Schlagwerk-Sounds eines großen Instrumentariums verschwammen mit der Live-Elektronik zu etwas Neuem, Kinetischem und gleichzeitig spannend Unscharfem. Klänge, die an den Rändern ausfransen. Für mich war das auch im Kontrast zu Benedicte Maurseth interessant: hier pure Virtuosität und Abstraktion, dort emotionale Unmittelbarkeit und Melancholie. Solche starken Kontraste wünsche ich mir künftig noch häufiger im Rahmen von Three Skies.

Peter Evans / Florian Zwissler / Robert Landfermann (Photo: Niclas Weber)

Peter Evans / Florian Zwissler / Robert Landfermann

Thomas: Das Trio steht exemplarisch für unsere Idee, die Kölner Szene in ihren internationalen Verbindungen zu zeigen. Peter Evans verbindet eine lange Geschichte mit Köln – und er hat für dieses Konzert Florian Zwissler und Robert Landfermann als lokale Mitmusiker*innen ausgewählt. Schon beim Soundcheck war die Spielfreude spürbar. Das Konzert habe ich allerdings nicht selber mitbekommen, weil ich in einer anderen Venue vor Ort war – aber den Berichten entnehme ich, dass es ein tolles, sehr dichtes Improvisationskonzert war.

Kieran: Leider war ich hier ebenfalls verhindert. Da ich Peter Evans bereits in anderen tollen Formationen dieses Jahr erleben durfte, ärgere ich mich natürlich hier nicht auch dabei gewesen zu sein ;).

Jay Mitta & Anti Vairas (Photo: Niclas Weber)

Jay Mitta & Anti Vairas

Kieran: Innerhalb weniger Minuten war der Dancefloor voll und steigerte sich durch die Stimme und Crowd Control von Anti Vairas bis zur Ekstase.

Thomas: Jay Mittas Singeli kam rasant, extrem präzise und mit überraschender Verspieltheit daher…

Kieran: … und Anti Vairas hat on top eine unfassbare Energie entfacht, sodass der ganze Raum kollektiv und nassgeschwitzt durchgetanzt hat.

Thomas: Mich hat diese verblüffende Mischung aus musikalischer Intelligenz und völlig unprätentiöser Freude am Tanzen nachhaltig beschäftigt. Das Publikum war mit einer Selbstverständlichkeit direkt im Film, die ich selten so erlebt habe.

Vesna Kat (Photo: Niclas Weber)

Vesna Kat

Kieran: Vesna hat das JAKI mit einer intimen Drone-Folk und Acoustic Ambient Mischung eröffnet, was definitiv Lust auf mehr gemacht hat und sich sehr schön in den Abend eingefügt hat.

Thomas: Ich fand es toll, mit Vesna Kat aus Köln und LEYA aus New York zwei verwandte Positionen im Programm zu haben. Mich interessiert an solchen Konstellationen auch, wie aktuelle musikalische Nischen, Wahlverwandtschaften und Ideen deutlicher werden.

Jon Elbaz Quartet (Photo: Niclas Weber)

Jon Elbaz Quartet

Thomas: Auf den ersten Blick könnte man die Musik dieses Quartetts beinahe für konventionellen Contemporary Jazz halten. Doch in Rhythmik und Harmonik entwickelt das Quartett eine ganz eigene, sehr referenzreiche Herangehensweise und Sprache. Der New Yorker Pianist Jon Elbaz ist ein beeindruckender Musiker, und die Band spielte mit enormer Kraft und Präzision einen teilweise fast aggressiven Sound, der den Boden für den radikalen Kontrast des folgenden Konzerts bereitete.

Kieran: Ja, wirklich ein gelungener Auftakt im Saal mit diesem Quartett, das zum ersten Mal in Europa auf der Bühne stand.. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch der Drummer, der während des Spiels ein Problem am Becken repariert und dabei einfach weitergespielt hat, mit einer Souveränität, die mich verblüfft hat.

Fred Moten & Brandon Lopez

Thomas: Nach dem druckvollen Jazz des Jon Elbaz Quartetts wirkte dieses Set wie eine Öffnung in einen ganz anderen Raum. Fred Motens politisch aufgeladene Poesie traf auf Brandon Lopez’ repetitive, teils geräuschhafte und perkussive Kontrabassklänge, die sich langsam und hypnotisch verdichteten.

Kieran: Das Ganze hatte auch etwas Theatrales – ein dichterischer Monolog, in dem Sprache und Klang eine eigene Dramaturgie entwickelten. Irgendwie still und trotzdem spannend und kraftvoll.

The Handover (Photo: Niclas Weber)

The Handover

Kieran: The Handover waren für viele vermutlich eine Entdeckung – und entwickelten sich an diesem Abend zu einem echten Publikumsliebling.

Thomas: Ihre Musik kreist – mit Geige, Oud und Synthie bzw. Orgel – in repetitiven Mustern, verändert sich behutsam durch neue Melodien, Tempowechsel und rhythmische Verdichtungen und führt das Publikum fast unmerklich in einen tranceartigen Zustand.

Kieran: Dazu kam ein super präzises Zusammenspiel. Die freudige Unruhe im Saal wuchs, bis sich am Ende viele von ihren Sitzen erhoben und spontaner Jubel ausbrach. Ein Höhepunkt des Festivals.

Still House Plants (Photo: Niclas Weber)

Still House Plants

Thomas: Still House Plants strahlen – als Menschen und als Band – eine Freiheit aus, die zumindest mich sehr berührt. Die drei Musiker*innen lassen ihre sehr nackten Songs, nur mit Stimme, Gitarre und Schlagzeug – irgendwo zwischen Slowcore, Art-Rock und freier Improvisation – immer wieder auseinanderbrechen und neu zusammenfinden. Der Gesang gleitet zwischen Tonhöhen, die Gitarre sucht eigene Wege, das Schlagzeug hält alles in einer fragilen Balance.

Kieran: Gerade die Mischung aus emotionaler Offenheit, tollem Zusammenspiel und einer bewahrten DIY-Haltung machen die Band so besonders: Musik, keine Virtuosität demonstriert, sondern einen eigenen künstlerischen Raum öffnet.

Weston Olencki (Photo: Niclas Weber)

Weston Olencki

Thomas: Die Premiere von Weston Olenckis Old Number Four war für mich ein besonders ermutigender Moment des Festivals: Ein großes Publikum ließ sich auf ein sperriges. konzentriertes, anspruchsvolles Geräusch-Set ein. Aus Field Recordings, Eisenbahngeräuschen und den Klängen einer historischen Lap-Steel-Gitarre entstand ein bis in die Feinheiten beeindruckend komponierter Hörfilm.

Kieran: Eine Geschichte, die man nie selbst erlebt hat und die trotzdem Bilder und Sehnsüchte hervorruft. Auch dramaturgisch eine starke Performance.

 

Benedicte Maurseth  (Photo: Niclas Weber)

Benedicte Maurseth

Kieran: Meine Erwartungen waren hoch und wurden dennoch vollends erfüllt. Die Melancholie ihrer Musik, die auch in dieser altertümlichen Fiedel verankert zu sein scheint, hat mich sofort in ihren Bann gezogen und nachdenklich und inspiriert zurückgelassen.

Thomas: Auch für mich ein stilles Highlight des Festivals – diese Musik wirkt zugleich traditionsverbunden und vollkommen gegenwärtig und wach. Der Sound kraftvoll, fragil und voller Resonanzen. Ein toller Kontrast zur radikalen Abstraktion anderer Konzerte des Festivals, ein sehr purer, irgendwie zeitloser und sehr berührender und auch nährender Klangraum mit viel Ausdruck, bis in die feinsten Nuancen und den Nachhall der Töne.

Crystallmess (Photo: Niclas Weber)

Crystallmess + 1LDK

Kieran: Zwischen Y2K-Referenzen und einer ausgesprochen gegenwärtigen Pop-Ästhetik öffneten 1LDK den Dancefloor mit einer Leichtigkeit, die man in experimentellen Clubkontexten nicht immer erlebt. Crystallmess führte diese Energie intelligent weiter und verknüpfte unterschiedliche musikalische Erinnerungswelten: von Pariser Clubmusik der späten 2000er über Hip-Hop, Trap, Electro-Clash und Sounds aus dem karibischen Underground. Lange nicht mehr so viel Spaß beim Tanzen gehabt.

Thomas: Hier bin ich nur kurz vorbeigekommen und mir sind vor allem das sehr junge Publikum, die unmissverständliche Tanzfreude und der – für meine Ohren – krasse Bass aufgefallen. Ein toller Abend und mit Animistic Beliefs und Deena Abdelwahed auch ein ziemlich wildes Panoptikum spannender Clubmusikentwürfe.

Georg Vogel (Photo: Niclas Weber)

Georg Vogel

Thomas: Georg Vogel spielte den späten Freitagabend im Stadtgarten, so ab ca. 22.30 Uhr, auf ganz eigene Weise aus: unprätentiös, hochvirtuos und voller Neugier. Sein Konzert am Flügel und an einem selbstgebauten Claviton, einem Instrument mit 31-töniger Stimmung und individuell modulierbaren Tonhöhen, bewegte sich zwischen mikrotonaler Musik, kontrapunktischen Strukturen, Fusion-Anklängen und sogar lateinamerikanischen Rhythmen. Das Vertraute bekam dabei stets einen fremden Dreh – das wäre tolle Musik für einen leicht surrealen, intelligenten und trotzdem zugänglichen Film. Hier sind die Bilder erst im Kopf entstanden. Georg Vogel musiziert mit der unangestrengten Spielfreude eines Hausmusikabends, bei dem eine Idee die nächste hervorbringt, und gleichzeitig mit großer Strukturiertheit, Überlegtheit und Luzidität,. Ein für mich vor allem atmosphärisch und gestisch überraschendes Konzert, das die vielstimmige Registrierung von Three Skies für mich auf den Punkt gebracht hat und lebendig gemacht hat.

Kieran: Ich konnte Georg Vorgel leider nicht sehen, aber habe von Verena Hahn einen 5-minütigen Mitschnitt bei Telegram erhalten, der selbst übers Handy beeindruckend klingt.

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