Phantom Homeland – Konferenz – Interview mit  Stefanie de Velasco & Jan Brandt

„Heimat ist mehr als nur das Internet“

Vom 15. April bis zum 17. April findet zum drittem Mal auf Einladung des Center for Literature die Denkfabrik-Konferenz statt. Unter dem Titel Phantom Homeland diskutieren Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und politische Aktivist:innen über das soziale Biotop Zuhause und die aktuelle Bedeutung von Begrifflichkeiten wie Heimat und Herkunft.

Mit dabei bei der Konferenz, die diesmal Pandemie-bedingt digital statt finden wird, sind  Trisha Low (als Key Note Speaker),  ALOK,  Jan Brandt & Stefanie de Velasco, Dr. Silke Eilers (Westfälischer Heimatbund) sowie Travis Alabanza, Cihan Acar, Dieu Hao Do, Kübra Gümüşay, Olivia Hyunsin Kim, Johanna Yasirra-Kluhs, Michikazu Matsune, Mette Moestrup, Nástio Mosquito, Johannes Müller, Jannis Panagiotidis, Ian Purnell, Philine Rinnert, Mithu M. Sanyal, Daniel Schreiber, Shumona Sinha, Senthuran Varatharajah, Shlomi Moto Wagner, Sivan Ben Yishai und Mustafa Zekirov; zudem wird es eine digitale Szenografie von Anna Kohlweis sowie und ein Konzert von Squalloscope und Andy the Doorbum geben.

kaput hat im Vorfeld der Ethnologin und Politikwissenschaftlerin Stefanie de Velasco und dem Historiker und Literaturwissenschaftler Jan Brandt ein paar Fragen zu Ihren Erwartungen und Hoffnungen zu Phantom Homeland gestellt.

Stefanie, Jan, was verstehst ihr unter globale Heimat?

Stefanie de Velasco: Heimat sind für mich die Leerräume zwischen den Blasen. Ich bin ja in einem spanischen Haushalt bei den Zeugen Jehovas groß geworden, es ging also doppelt anders bei uns zu, was dazu geführt hat, dass ich nirgends richtig dazu gehört habe. Das hat auch viele Vorteile, ich sehe inzwischen, dass ich viel leichter mit Veränderungen, Wechseln, neuen Gegebenheiten umgehen kann, als viele meiner Mitmenschen. Für das Schreiben bedeutet das auch, glaube ich dass ich mich gut in fiktiven Welten zurechtfinde, weiß wie sie versprachlicht werden, weil ich ja selbst in einer solchen groß geworden bin. Heimat ist somit auch ein fiktionaler Begriff auch die globale Heimat für mich nur ein „gutes Gefühl“.

Jan Brandt: Globale Heimat, das klingt für mich, als könnte man überall zu Hause sein. Im digitalen Zeitalter mag das für eine Elite der Fall sein. Aber Heimat ist ja mehr als nur das Internet. Oder vielleicht ist es sogar so, dass das Internet das Gegenteil von Heimat ist. Gerade weil es keinen dauerhaften Bezug gibt, keine über Jahre, Jahrzehnte, Generationen gewachsene Zugehörigkeit. Weil es bei Heimat auch immer um Unveränderliches geht, Immobilien im weitesten Sinn des Wortes: nicht nur Häuser, nicht nur Menschengemachtes wie Traditionen, kulturelle Eigenheiten, sondern auch um Natur, eine Landschaft. Meine Heimat ist aber nicht unbedingt ortsgebunden, sondern durchaus global, jedoch vordigital, durch das Lesen und Schreiben.

Im Fokus von „Phantom Homeland“ steht die „World Wide World“. Ich habe da zunächst klassisch World Wide Web gelesen – einfach da die ankonditioniertere Begrifflichkeit – und dann erst die doch sehr bedeutsame Adaption wahrgenommen.

Jan Brandt: Das vergangene Jahr, diese Pandemie, dieses Zurückgeworfensein auf das Digitale hat gezeigt, dass das Internet eben kein Ersatz für emotionalen Austausch ist, für zwischenmenschliche Nähe. Die Berührungen, die uns fehlen, lassen sich nicht durch Videochats oder andere soziale Medien kompensieren. Corona hat uns die Grenzen der digitalen Möglichkeiten aufgezeigt. Cybersex is over.

Stefanie de Velasco: Zum einen würde mich nach einem Jahr Pandemie und der damit verbundenen Zeit, die man Zuhause und oft auch am Computer verbringt, interessieren, inwieweit das Web tatsächlich im eigenen Gefühlskosmos zur World geworden ist?
Für mich spielt das Internet nur eine kleine Rolle im Leben, ganz bewusst. Soziale Medien das ist für mich wie ein Droge, ich kann damit überhaupt nicht umgehen. Ich checke einmal am Tag meine Mails. Theater oder Konzerte per Stream, das habe ich am Anfang ausprobiert, fand es aber nicht angemessen. Das braucht eine Bühne und Menschen, die tatsächlich anwesend sind. Für mich hat die Pandemie deutlich gemacht, dass das Internet sehr enge Grenzen besitzt und nicht so weit ist wie behaupt.

Und darauf aufbauend: Was hängen an diesem „Ortswechsel“ für Ableitungen für den kulturellen Austausch für euch dran?

Stefanie de Velasco: Ich habe einige wenige Lesungen per Zoom gemacht, zwei davon an Schulen bzw. im virutellen Klassenraum. Ich fand es sehr angenehm, wie die Schüler*innen alle ihren Bildschirm schwarz gestellt hatten. Ich fand das nicht nur eine schöne Fuckoff-Ansage, sondern es spiegelte auch meine eigenes Verhältnis zu Zoom: Die vielen Augenpaare, die mich bei den Konferenzen permanent anstarren, machen mich aggressiv – es gibt inzwischen ja auch Studien dazu, dass wir genau deswegen mit Stress reagieren. Ich habe für mich dann irgendwann entschieden, mich soweit es geht aus allem Digitalen auszuklinken, und darauf zu warten, dass ich Menschen wieder im richtigen Leben treffen kann. Ich fahre damit besser, als mit diesem digitalen Ersatz. Für mich ist das wie Astronautennahrung, ich will das einfach nicht zu mir nehmen. Aber andere können damit vielleicht auch besser umgehen. Ich konnte auch schon vorher nicht gut mit dem Netz umgehen. Welchen realen Ort des kulturellen Austausch hast du im vergangenen Jahr am meisten vermisst?

Jan Brandt:  Die Orte, in denen die Entgrenzung, die Ekstase und die unverhoffte Begegnung mit Fremden am stärksten ist: Clubs und Konzerte. aber auch das Ruhige, Gesellige: gemeinsame Abendessen mit Freunden. Beides fehlt.

Und warum?

Stefanie de Velasco: Ich gehe normalerweise jeden Montag ins Kino, das habe ich tatsächlich sehr vermisst. Dieser dunkle Raum, in dem auch kollektives Weinen möglich ist, ohne dass es groß auffällt. Netflix oder DVDs haben das nicht ersetzt, egal wie groß der Beamer ist. Alles andere habe ich erstaunlicherweise nicht groß vermisst. Im Gegenteil, ich habe gemerkt, dass mir die vielen Angebote oft zu viel sind. „Fear of missing out“ gab es dieses Jahr nicht, habe ich sehr genossen!

Welche Gedanken haben Euch im vergangenen Jahr am meisten beeindruckt? Und warum?

Stefanie de Velasco Ich habe vor gut einem Jahr „Radical Hope. Ethics in the Face of Cultural Devastation“ von Jonatahan Lear gelesen, ein Buch das mich sehr beeindruckt hat und nun 10 Jahre nach Erscheinen auch endlich ins Deutsche übersetzt, bei Suhrkamp erschienen ist. Lear beschäftigt sich darin am Beispiel der nordamerikansichen Crow People damit, wie eine Kultur, die – wie im Fall der Crow – zerstört wird, einen neue Erzählung für sich schafft, um weiter leben zu können. Ich habe letztes Jahr mit einem Projekt zu Schreiben und ökologischer Krise begonnen und daraus ein Konzept enwtickelt, das ich „Nachhaltiges Erzählen“ nenne. Dieses Buch hat mich dahingehend extrem weiter gebracht. Mich beschäftigt die Frage was aus der Literatur in einer von ökologischen Krisen geprägten Welt wird, was sie für eine Zukunft hat. Kunst und Kultur verschwinden in Krisenzeiten, obwohl wir sie in der Zeit mehr als zuvor benötigen, um Welt zu verstehen.

Jan Brandt:  Werner Bätzings umfassende Darstellung „Das Landleben“.

Inwieweit habt Ihr bei Euch selbst eine Veränderung derReflektion der Welt wahrgenommen? Und was hat das mit sich gebracht?

Jan Brandt:  Die Pandemie hat mir gezeigt, was im Leben wichtig ist: Gemeinschaft. Austausch. Direkte soziale Interaktionen. die Kultur. die Sichtbarkeit der Kunst und der gesellschaftskritischen Interventionen.

Stefanie de Velasco: Was mir die Pandemie vor allem aufgezeigt hat, ist wie gut es uns hier in Deutschland geht. Wie selbstverständlich wir es nehmen, durchs Leben zu gehen ohne große Erschütterungen. Ich habe ein Wochenende in einem Anfall von Langeweile die deutsche Serie „Charité“ gesehen, überraschend unterhaltsam; Es gab wirklich üblere Zeiten als jetzt, aus gesundheitlicher Perspektive. Die Tuberkulose im 19. Jahrhundert und die NS-Gesundheitsideologie bei denen Hunderttausende Gehandicapte ermordet oder zu schrecklichen Experimenten missbraucht wurden. Auch dass es 1961 eine Poliowelle in Westberlin gab, weil man der russischen Impfung skeptisch gegenüberstand, fand ich interessant. Die Charité musste dafür ihre Eisernen Lungen mobilisieren, die schon seit Jahren im Keller standen (weil die Bevölkerung bereits gegen Polio geimpft war) und damit Westberliner Kinder beatmen.

Auf welchen Programmpunkt von „Phantom Homeland“ seid Ihr am meisten gespannt und warum?

Stefanie de Velasco: Ich freue mich sehr auf den Talk mit Daniel Schreiber und Senthuran Varatharajah. Ich mag beide Autoren sehr gern, sie sind so unterschiedlich, da kommt bestimmt was Cooles raus.

Jan Brandt: Trisha Lows Vortrag über Meatspace. Daniel Schreibers und Senthuran Varatharajahs Gespräch über Gespenster. Archive und Vulkane. Und: die Phantom Potato Homeland Show. Womöglich werde ich zum ersten Mal seit Monaten mehr als einen Tag im Internet verbringen.

Was hofft Ihr von der Konferenz generell mitzunehmen?

Jan Brandt: Anstöße, Anregungen für‘s Denken und Schreiben. Im besten Fall einen kompletten Perspektivwechsel. Und wenn das nicht eintritt: wenigstens gute Unterhaltung.

Was ist Euer persönliches Anliegen, das ihr einbringen möchtet?

Stefanie de Velasco: Ich bin ja gern unterhaltsam und nicht zu fordernd. Ich hoffe die Leute mögen Kara Gyson, die Welt aus der ich den Briefwechsel mit Jan Brandt starte.

Jan Brandt: Ich wäre froh, wenn es mir gelänge, die Themen, die mich beschäftigen, einzubringen, das Leben zwischen Stadt und Land, die Ausbeutung der Welt, soziale Ungerechtigkeit, etc. Und ein Feedback zu erhalten, das es mir ermöglicht, einen neuen Zugang dazu zu finden, Lösungsansätze.

Und was erhofft ihr Euch für ein Ergebnis? 

Jan Brandt: Es passt natürlich, dass die Veranstaltung online only stattfindet, weil das Digitale ja das krasseste Phantom Homeland ist. Es schafft eine permanente Illusion von Zugehörigkeit und Partizipation. Und wirft uns doch immer wieder auf uns selbst zurück. Es ist ein Einsamkeitsbeschleuniger und hat in seiner Flüchtigkeit und Immaterialität etwas Geisterhaftes. Insofern ist das in diesem Fall zum ersten Mal konsequent. Genau der richtige Ort.

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