Sensational: Spittin’ Wicked Randomness

Vor gut drei Wochen bin ich auf eine Party gegangen. Genau in dem Moment, als ich angekommen bin, klang Sensational aus den Speakern. Das war kein Zufall. Es war schön, zusammen mit dem DJ und mindestens einer weiteren Besucherin an Colin zu denken. Gemeinsam trauern. Mir hat das gutgetan. Danke dafür.
Es hat auch geholfen, meine Gefühle zu sortieren: mehr Trauer, weniger Wut.
Die Musik von Sensational habe ich über Jos vom Meeuw Muzak Label kennengelernt. Das sagt schon viel darüber aus, dass da jemand genreübergreifend für Aufsehen gesorgt hat. Bei manchem hat sein Debütalbum „Loaded with Power“ eingeschlagen wie der Blitz. Vollkommen unerhört.
Minimalistisch. Lo-Fi, super Lo-Fi. Analog. Zerhackte, deepe Beats und Sounds. Rap vom anderen Stern. Völlig weirder Flow. Aber was für ein Flow!
Ich habe dogmatische, um Stilechtheit bemühte HipHopper gesehen, denen die Kinnlade heruntergefallen ist. Völlige Verständnislosigkeit. Ich weiß von jemandem, der zehn Jahre gebraucht hat, um das zu verdauen. Andere sind nie darauf klargekommen. Das hat Sensational auch attraktiv gemacht. Ein Außenseiter. Heimatloser und zeitlebens ein Hungerartist.
Als Heimat- und Obdachloser in New York ist er am 11. August gestorben. Auf grausame Art folgerichtig.
Vermutlich hatte seine Familie in Guyana eine leidvolle Vergangenheit der Entwurzelung. Er selbst ist als Kind nach New York gekommen, aber zu Hause war er auf einem anderen Stern.
Auf vielen Aufnahmen trägt er eine mehr oder weniger auffällige Brille. Das kommt mir heute bildhaft vor: der Versuch, seine Wahrnehmung unter Kontrolle und sein Dasein mit der Welt um ihn herum in Einklang zu bringen. Wie schwer das gewesen sein muss, denke ich jetzt rückblickend, ist schon daran sichtbar geworden, wie er sich zu Musik bewegt hat. Der ehemalige Tänzer. Wie die Nadel auf einer seismografischen Aufzeichnung, Sounds aufspürend, die anderen verborgen bleiben, direkt und körperlich umgewandelt in Kunst.
Das zu sehen war ein Ereignis. Und schön. Schnell war klar: Der ist anders. Besonders. Besonders gut.
Anders hätte auch der Sound von HipHop sein können. Denn auch die entschärfte Version von „J. Beez Wit the Remedy“ (1993) von den Jungle Brothers atmet spürbar den eklektischen Geist von Colin Bopp, der sich damals noch Torture nannte.
Der Name war programmatisch. Offensichtlich hatte er sich vorgenommen, alles zu zerstückeln, was ihm zwischen die Ohren gerät.
Conscious Rap geht so natürlich nicht. Sowieso: Was für ein Scheißbegriff. Subconscious. Subsub! Out Rap, aber far out.
Auch die später unter dem Namen Crazy Wisdom Master veröffentlichte EP mit Tracks, die in das J.-Beez-Album gehören, deutet an, was hätte möglich sein können, wenn man bei Warner Bros. an Musik interessiert gewesen wäre.
Folgerichtig musste Sensational alles alleine machen. Mit minimalen Mitteln. So ist „Loaded with Power“ entstanden. Leider ist dieses Meisterwerk gleichsam auch der Höhepunkt seiner Diskografie. Einen Modus Operandi, der ihn in die Lage versetzt hätte, seinen Weg produktiv weiterzugehen, hat Sensational nie gefunden. Wer ihn kennengelernt hat, ahnt warum. Neben dem chaotischen und anarchischen Wesen – ich glaube, in irgendeiner Form strategisch zu denken, war ihm nicht möglich. Das hätte ja auch vorausgesetzt, diesen Planeten hier ernst zu nehmen. Und dem hat er sich komplett verweigert.
Theia mania.
Crazy Wisdom!
Stattdessen war er offen, hat auf Hierarchien geschissen, und wenn ihn etwas interessiert hat – und sei es auch nur für den schnellen Euro –, dann hat er es gemacht. Das ist hörbar an den vielen Kollaborationen rund um den Globus. Vieles davon auch abseits des Hip-Hop. Vielleicht ist die mit Kouhei am schönsten.
Es wird keine Platte mehr geben, die „Loaded with Power“ gleichkommt. Nicht auf diesem Planeten. In meinem Plattenregal hat Sensational einen Platz gefunden. Zwischen Lonnie Holley und Sun Ra.
Ich vermisse ihn. Schon länger. Aber jetzt noch mehr.
Lutz Driessen




