Tanzen im Molotow, klatschen im Flieger – Zoot Woman, live in Hamburg
Sie schrieben die coolsten Pop-Hits der Nuller Jahre, ihre Eleganz in Sound und Look war berüchtigt. Jetzt spielen Zoot Woman wieder live. Unser Autor Sascha Michalak hat es sich angesehen.

Langsam wird es kalt in Deutschland und auch in meiner Wohnstadt. Welche das genau ist? Da musste ich lange Zeit immer erst aus dem Fenster gucken, da ich so oft umgezogen bin, dass ich mir nicht mehr jeden Städtenamen merken wollte. Mittlerweile hat es sich aber festgesetzt: Das hier ist Hamburg. Doch weder die Hanse noch das Herbstwetter werden mich heute aufhalten. Ich besuche die Elektropop-Kultgruppe Zoot Woman im Molotow und tue wie vermutlich auch die anderen Besucher*innen so, als wären noch mal die 2000er, als wäre noch mal „Living In A Magazine“ und die große Synthpop-Dämmerung. „Grey Day“ ist heute ja auf jeden Fall. Nach einem großen lauwarmen Texastopf (wie funktioniert bloß dieser verdammte Herd?) schmuse ich lange und ausgiebig mit meinen beiden Katzen: Blut und Eisen, oder wie ich sie sonst genannt habe. Sie sind sehr schön und werden in meiner Abwesenheit garantiert die Wohnung verwüsten. Ich sehe es in ihren apathischen Blicken. Egal. Zoot Woman ist nur einmal in der Dekade.
Mit raumgreifenden Schritten ab ins Hamburger Nachtleben, ich bin bereit. Wie schon kurz nach der Jahrtausendwende, damals schien mir Pop einen großen Aufschwung zu verzeichnen – die grotesken Zeiten von Rednex und „Barbie Girl“ waren beendet, es traten Bands auf die Bühnen wie Moloko, 2raumwohnung, Fisherspooner, Goldfrapp, Peaches, Röyksopp, Chicks On Speed, Hot Chip und eben auch Zoot Woman. Letztere waren damals noch zu dritt, Stuart Price wurde durch ihren kühlen Wave-Pop sogar dermaßen Fame, dass Madonna ihn sich als Produzenten holen würde. Schön für ihn, für die Reinkarnation von Zoot Woman heute 2025 allerdings ein wenig schade, denn Price tritt live nicht mehr mit den Blake-Brüdern auf. Die Band ist also ein Duo. Der bekannteste Kopf fehlt.
Der Stimmung vor Ort schadet das nicht. Es ist voll im Molotow, nicht ganz ausverkauft, aber es knistert. Ich schaue mich verstohlen um – sehr gut, ich bin auf jeden Fall nicht der Älteste hier. Das Publikum ist Typ „Jugendzentrum – bloß in alt und ohne Träume“. Ich platziere mich möglichst günstig innerhalb der Crowd. Günstig für mich, aber auch für die Leute dahinter, schließlich bin ich sehr groß, und ich will nicht, dass mich alle hier hassen. Ich habe schließlich auch Gefühle – und zwar nicht zu knapp. Okay, alle auf dem Posten? Dann kann es ja losgehen. Zoot Woman sehen immer noch geil aus, das muss man ihnen lassen. Big Styler for life oder zumindest for 2025.
Das warme Licht des Ladens in blau und lila schmeichelt ihren Sakkos. Den Anfang macht „We Won’t Break“ aus dem Album „Things Aren’t What They Used To Be“, einer meiner absoluten Lieblingssongs.
Das Publikum lässt sich nicht lumpen und tanzt eigentlich die komplette Show über durch, Zoot Woman zelebrieren dagegen ihre elektronische Kühle ziemlich arg. Es muss ja nicht gleich eine „Wall of death“ ausgerufen oder von der Taxifahrt zum Venue geplaudert werden, aber ein wenig mehr Interaktion als ein paar „Thank You“ hätte man sich von den Beiden schon gewünscht. Schließlich ist ein Livekonzert ja nie nur Musik, sondern immer auch eine Begegnung. Nun ja, wenn die Blake-Brüder distanziert (oder shy?) rüberkommen wollen, wer wäre ich, es ihnen anzukreiden.
Das Set geht weit über eine Stunde, dann ist die Zugabe dran. Wobei ich dem Hamburger Publikum hoch anrechne, dass es auf diese „Zugabe!“-Rufe verzichtet. Nein, es wird getanzt und gejubelt – und gewartet, dass die Band noch mal wiederkommt. Perfekt. Oft denke ich bei diesem leeren Zugabe-Ritual: Kommt, spielt die Show jetzt mit all euren geplanten Bonussongs zu Ende, aber tut nicht so, als ob die euch nur wegen der Rufe noch eingefallen sind.
Dagegen hat fast das Klatschen nach einer Landung im Flugzeug noch mehr Würde. Also Betonung auf: Fast.
Ich rechne viel eher zum Schluss noch mal durch … Der Laden ist wohl doch nur so dreiviertel voll gewesen – bei einem Ticketpreis von 34 Euro bleibt da echt nicht viel für die Jungs, wenn man noch die Kosten für Halsabschneider wie Eventim rausrechnet und was sonst so für eine international tourende Band an Kosten anfällt. Die Summe, auf die ich komme, erschüttert mich. Hoffe, ich habe mich verrechnet, aber ich gehe lieber mal zum Merchstand und besorge mir ein T-Shirt. XL? Na, passt mir vermutlich nicht, aber von irgendwas muss die Band doch leben!
Daheim haben die Katzen aufgeräumt. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Selbst im Untergangsjahr 2025. Auch irgendwie schön.
Text und Fotos: Sascha Michalak






