Filmkritik

„Der Mensch isst, der Mensch scheißt, der Mensch fickt, der Mensch macht Kunst“ – Der Erste Berliner Kunstverein 

„Erster Berliner Kunstverein e. V.“, der zweite Film von Hannes Wesendonk und Josefine Rieks, hat gerade auf dem Filmfest Bremen seine (Online-)Weltpremiere gefeiert. Von Britta Tekotte

Josefine Rieks, Hannes Wesendonk, Martin Schüler

An einem Frühlingsabend mitten im Lockdown, während der dritten Welle in der Coronavirus-Pandemie, treffe ich Josefine Rieks und Hannes Wesendonk auf ein Bierchen und einen Plausch in der privaten Online-Nachbarschafts-Kneipe „Zum Corona Quell“.

Es ist ein künstlicher Ort, eine pixelige Projektionsfläche für all das, was gerade in der echten Welt nicht stattfinden kann. Und erinnert genau deshalb auch an die Wohngemeinschaft in Hannes’ und Josefines Film „Erster Berliner Kunstverein e.V.“. Ein Ort der ausufernden Diskussionen, des Flirts und des Exzesses, mitten in einer (zumindest behaupteten) kulturellen Wüste. Oder um es mit einem der weirden Monologe des Films zu sagen: “Berlin ist ja entstanden aus einer Sumpflandschaft mit vielen kleinen Dörfern, die dann nach und nach zu einer großen Stadt zusammengewachsen sind. Und da ist es ein wichtiger Schritt zur Ausbildung einer städtischen Zivilisation, einen Kunstverein zu haben.”

Es ist ja auch absurd-komisch, dass es in der Weltstadt Berlin Kunstvereine gibt, aber noch keinen Ersten. Bis jetzt. Zurecht wurde der Film in der Kategorie „Humor“ für den Festivalpreis nominiert – in Bremen wohlgemerkt. Folgendermaßen wird die Handlung vom dortigen Filmfest zusammengefasst:

“Im Berlin der Start-Ups und Coworking-Spaces träumen sechs Twens davon, als Dichter oder Malerin die Welt zu verändern. Sie leben in einer Wohngemeinschaft, diskutieren, betrinken sich und scheinen den letzten Schuss nicht gehört zu haben. Mit feiner Ironie gründen sie schließlich einen Verein, den Ersten Berliner Kunstverein e. V.. In einer Schwarz-Weiß-Ästhetik, die an Filme der französischen Nouvelle Vague erinnert, ist Erster Berliner Kunstverein e. V. eine retrofuturistische Hommage an die utopischen Visionen der Kunst, die deren Enttäuschungspotential mitdenkt und beides ist: die Beerdigung der klassischen Künste und ihre Geburtsstunde in einem.”

Zwei Komikmomente stechen besonders heraus: Kurze, absurde Dialoge zwischen furchtbar und furchtbar-genial sowie eine gewisse emotionale Unterkühlung, oder Affektunterdrückung – Brecht’sches Theater, wie es im Buche steht. Doch wie kommt dieses verfremdete Spiel zustande? Ein Faktor ist sicherlich, dass keine Schauspieler*innen sondern tatsächliche Künstler*innen die Figuren darstellen, die jeweils spürbar eine Überschneidung mit der Realität zu haben scheinen. Ich liege mit dieser Vermutung richtig:

„Wir haben den Film von den Persönlichkeiten ausgehend geschrieben. Also erst entschieden, wer im Film zu sehen sein soll und dann haben wir uns die Figuren ausgedacht“, sagt Hannes.

Dazu kommt, so wird mir erklärt, dass die Dialoge eine ziemlich echte Kollektion aus Gesagtem beziehungsweise Erlebtem von Josefine und Hannes selbst sind. Ganz ähnlich wie bei ihrem ersten Film “U3000 – Tod einer Indieband” schrammt der Film immer haarscharf an der Realität vorbei.

„Außerdem wollte ich zum Beispiel unbedingt eine Beerdigung drehen. Und ich wollte Josefines Text ‚Deutsche Studenten über Julian Assange‘ bei einer Lesung auf dem Land in einer Scheune zeigen. Diese Vereinsgründung ist also ein Eimer für ganz viele Ideen oder Texte, die wir mal loswerden wollten“, merkt Hannes an.

Und Josefine (abgelenkt vom „Corona Quell“ –„Das ist einfach zu geil“-) ergänzt: „Ich wollte eine Dreiecksgeschichte im Film zeigen, ich wollte auch unbedingt, dass Liebe vorkommt. Ich fühle mich Songwritern unterlegen, die in Popsongs so viel über Liebe schreiben können. Im Film ist es glaube ich auch einfacher als im Prosatext. Das ist irgendwie sexy. „Ich hatte was mit Marco.“ Das ist schon eine ganze Szene. Nur der eine Satz. So wird Film zu Poesie.“

Und solch prägnante, poetische Sätze reihen sich im Film aneinander. Intermedial an Loriots zwei Personen in der Badewanne anknüpfend, spricht ein Pärchen über das Fremdgehen, sehr verknappt und dadurch unglaublich komisch: „Ich hatte was mit Marco.“ „Ja, und?“ „Wie – ja, und?“.

Ebenfalls an Loriots Komik erinnern die absurden Vereinstreffen im Film. Den Verein haben die beiden übrigens wirklich gegründet…

Der Film ist der Verein, ist der Film, ist der Verein“, wie Josefine bemerkt.

„Der Wimpel war ein Scherzgeschenk zu dieser Vereinsgründung, von Nathan, der die Kamera gemacht hat. Da gab es die Idee zum Film noch gar nicht. Der Wimpel war eine der Inspirationen für den gesamten Film“, erläutert Hannes.

Es kommt noch komischer: Der Wimpel ist sogar der Grund, warum der gesamte Film in schwarz-weiß gehalten ist. Das sind Informationen, bei denen ich auch im Interview nie so genau weiß, was Komik ist und was ernst gemeint – mit großer Wahrscheinlichkeit immer beides gleichzeitig. Ein wenig erinnert dieser Aspekt von Komik an Werner Herzog, dem man immer alles und nichts glauben kann. Der Wimpel soll laut Hannes und Josefine nämlich in Wirklichkeit mit schwarz-rot-gelben Fransen versehen gewesen sein: „Ich glaube, Maxime (einer der Schauspielenden, Anm. BT) hat gesagt: Das mach ich nicht, ich setz mich nicht hier mit Deutschlandfahnen an den Tisch. Dann haben wir ihm gesagt, wir machen den Film schwarz-weiß.“

Musstet ihr nicht die ganze Zeit beim Dreh lachen, gibt es verrückte Outtakes?, frage ich nach.

„Ich glaube, dass es komisch ist, wenn man von außen draufschaut. Aber sonst steht einem das große Ego des Selbsterlebtem im Weg. Und diese Affektreduzierung, das ist ja auch ein Komiktrick aus der Mottenkiste“, bringt Josefine an und gibt insofern auch einen Hinweis auf Hannes‘ Regiearbeit.

„Meistens habe ich nur gesagt, lass die Armbewegungen weg. Und versuch, nichts zu spielen”, sagt Hannes.

Nach einigen Bieren im Corona-Quell wird aber auch klar: Nicht alles ist Pose.

“Der Künstler Michael Maier ist der einzige im Film, der sich wahrhaft selbst spielt. Und zwar weil er für mich im wirklichen Leben eine Art Mentor ist. Er ist auch der einzige, der unter seinem wirklichen Namen im Film auftritt”, erzählt Hannes.

Alle anderen Schauspielenden im Film haben Rollennamen. Josefine Rieks (Schriftstellerin) spielt Margrit, Martin Schüler (Gründer von “Gusto – Ablass für Massenkultur”) spielt Marco, Fiona Lehmann (Sängerin der Band Frau Lehmann) spielt Klara, Tobias Bamborschke (Lyriker und Sänger bei Isolation Berlin) spielt David, Maxime Präker (Schlagzeuger bei Ton, Steine, Scherben) spielt Patrick, Orla Polten (Dramatikerin) spielt Isabel und Patricia Hempel (Schriftstellerin) spielt in einer Gastrolle als Trauerrednerin.

Josefine Rieks, Fiona Lehmann, Adam Gräbedünkel, Martin Schüler ©Berliner Tonfilm GbR

Trotz der vielen Musiker*innen am Set gibt es wenig Filmmusik. Es beginnt mit vollkommener Stille, zwischendurch gibt es ganz Nouvelle Vague-mäßig Jazz und Klassik vom Plattenspieler. Einzig am Ende erklingt ein fulminanter Popsong: “Weißt du, wie es wird” der Wiener Band Pauls Jets.

Mitte September feiert „Erster Berliner Kunstverein e. V.“ seine Kino-Premiere in Berlin, danach wird er in anderen Kinos der Republik gezeigt und im Anschluss als video on demand online zur Verfügung stehen. Eine klare Empfehlung für Leute, die ihre eigenen künstlerischen Ideale mit Humor verfolgen, Fans von Helge Schneiders „Jazzclub“ oder ganz einfach alle – also ab ins Kino, sobald die wieder aufhaben, am besten mit Sektchen in einem Glas mit Goldrand. Denn damit wird im großen Finale des Films auf die Gründung des Ersten Berliner Kunstvereins e. V. angestoßen.

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