Internationales Frauenfilmfest: „Rage and Horror“

Fokus auf das Fragmentierte

„Lesvia“ von Tzeli Hadjidimitriou – ©IFFF 2024 

Internationales Frauenfilmfest: „Rage and Horror“

von Justus Sartorius


Das Jahr 1885: Arbeiterinnen verlassen die Fabrik. Harun Farocki nennt dies die symbolisch erste Einstellung der Filmgeschichte. Angefertigt wurde sie von den Lumiére Brüdern, vier Jahre bevor ihre berühmt gewordene „Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ das Publikum auf den Jahrmärkten Frankreichs, so die Anekdote, in Angst und Schrecken versetzte. Es ist diese Aufnahme der Arbeiterinnen, welche nun über 100 Jahre später Kim Geon-Hees Langfilmdebüt „The Night of the factory girls“ eröffnet. Er war auf dem Internationalen Frauenfilmfest zusehen.

Eine Fabrik des Bezirks Yeongdeungpo in Seoul ist das Zentrum ihrer beeindruckenden Dokumentation. In ihr mussten Frauen unter der japanischen Besatzung zwang-arbeiten. Vom Korea dieser Zeit bestehen bis auf japanisches Propagandamaterial nur noch wenige Aufnahmen. Von den Arbeiterinnen aber gibt es eine Fotografie. Um diese herum sucht die Regisseurin mit der Kamera nach Bildern einer in Vergessenheit begriffenen Vergangenheit Koreas. Phantomhaft fährt diese in einer Szene auf Zuggleisen durch einen Tunnel – der Eingang wird immer kleiner und kleiner, wird zu einem Loch in der Leinwand. Löscher sind im gesamten Boden des verlassenen Fabrikgeländes, welches, so erzählt es die Regisseurin im Talk nach dem Film, heute als Kulisse für Kpop-Idols dient. „Nur die Löscher sind übrig. Die Löscher der Vergangenheit.“, heißt es an einer Stelle des Films. Eine Zuschauer*in weist auf die bedrückende, unheimliche Atmosphäre der Bilder hin: Der Film wirke wie Horror. Aber da ist auch Wut. Wut in den Augen und Aussagen der interviewten noch lebenden Frauen, welche in der Fabrik arbeiten mussten. „Le rêve d’une féministe“ ist ein Kurzfilm aus dem Jahr 1909: Er zeigt den Traum einer Frau, welche anfängt, ihre Wut auf das Patriarchat radikal Ausdruck zu verleihen.

Er ist einer von vielen Kurzfilmen der auch frühen Filmgeschichte, welche im vielseitigen Programm der letzten Woche seinen Platz auf eine der vielen Kinoleinwände in Köln fand. Bilder des Films bringen beides zusammen: die Wut der Arbeiter*innen und die Furcht des Publikums. „Wut und Horror“. Das waren die Themenschwerpunkte des diesjährigen 41. Internationales Frauenfilmfest Köln/Dortmund. Über 100 Filme von internationalen Regisseur*innen wurden gezeigt. Einige wenige konnte und durfte ich sehen und darf nun über sie schreiben.

Von Rumsfield zu Trump

Im Filmhaus Köln lief unter dem Programmpunkt „Focus: Rage and Horror“ der neue Film von Soda Jerk: „Hello Dankness“. Dieser experimentiert, der Titel legt es bereits nah, mit der Form des Memes und folgt dem Versuch diese in eine filmische zu überführen. Das Regie-Duo greift dabei auf das Internet als medialen Träger sämtlicher Pop-kultureller Bilder zurück – bedeutet: Eine große Anzahl an hochgeladenen Raubkopien des Hollywood-Films ab den 50er Jahren bis in die frühe Gegenwart. Es sind dabei vor allem die Bilder der neoliberalen amerikanischen Vorstadtidylle des 80er/90er Jahre Films, die dominieren. Bilder am „Ende der Geschichte“, wie in „The Burbs“ (1989), „The prince of Bel-air“ (1990) oder „Home Alone“ (1990) treffen auf Bilder der 00er und 2010er derselben Kulisse; auf Chloe aus „Beverly Hills Chihuahua“ (2008), den einsamen Mark Zuckerberg aus „The Social Network“ (2010), Seth Rogan und Jay Baruchel in „This is the end“ (2013), Rue und Jules: „Euphoria“(2020).

Es sind dabei eingefügte Wahlplakate, Jahreszahlen, Coronamasken, vertraute Symbole, welche als Fixpunkte die Bilder zu einer Chronologie der politischen Gegenwart der USA 2016-2021 collagieren. Der Aufstieg Trumps, die Pandemie, der Sturm auf das Kapitol, Verschwörungstheorien, das Ende Bernie Sanders: Alles eingewebt in die bekannten Aufnahmen der Hollywood Filme, welche memefiziert und damit aus der Semantik ihrer Filme losgelöst werden.

In diesem sehr sehenswerten Film steckt der tiefe Ausdruck resignierter Isolation gegenüber dem Horror einer alternativlos wirkenden spätkapitalistischen Welt. Drum sind es schließlich doch die Genrecodes des Zombie – und Katastrophenfilms, welche „Hello Dankness“ narrativ einrahmen.  Es ist die Verarbeitung der Abwärtsspirale der letzten Jahre, des Scheiterns jeglicher politischen Opposition und einer Flucht Bewegung hin zu der enormen Zugänglichkeit der gigantischen archivierten Bildfluten des Internets – auf dessen Wellen zumindest ein wenig Entchen Angeln gespielt werden kann. „Make it Meme“ war auch bei mir im Umfeld eines der beliebtesten Spiele zur Zeit der Pandemie.

„Copa 71“ von Rachel Ramsay und James Erskine. Der Gewinner des Publikumspreises –  ©IFFF 2024 Women’s Football. World Cup in Mexico 1971– The championship of the Danish girls. Lis lene Nielsen with the trophy after the final match against Mexico.

Exil und Knast

Die Dokumentation „Silent Sun Of Russia“ wurde, wie auch „The night of the factory girls“ unter dem Programmpunkt „Panorama“ gezeigt: Filme, die in dokumentarisch, experimenteller Form ein Panorama der gegenwärtigen Realität zeichnen: Die jungen Protagonist*innen, „die erste Generation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“, sehen sich konfrontiert mit den immer bedrohlicheren politischen Entwicklungen, die sie repressiv in die Flucht treiben. Sie gehen nach Spanien oder nach Georgien. Schlafen in provisorisch eingerichteten Räumen, telefonieren unter Tränen mit ihren Verwandten, sind Exilanten: Sich in Zweisamkeit zurückziehend, während im Hintergrund auf flackernden Fernseher, in russischen Talkshows die Frage in die Debatte geworfen wird, ob möglicherweise die USA einen Krieg gegen Russland vorbereitet und die Konsequenz weitere Militarisierung sein muss. Später: Bilder des Ukrainekrieges. Bilder eingesperrter oder bedrohter Freund*innen.

„Glaubst du, wir hätten etwas ändern können, wenn jeder geblieben wäre?“ zitiert das Programmbuch des IFFFs eine Kernstelle des Films. Er schafft es dabei, sich nicht allein in Film-Festival-typischen wackelnden Nahaufnahmen von Körpern zu verlieren, sondern hat Mut für die bewusst hergestellten, inszenierten Einstellungen des Kamera-Auges. Für unwahrscheinlich poetisch, schöne Einstellungen, wenn zwei Figuren etwa bspw. durch die Dunkelheit gehend an Form verlieren, um diese dann vor dem Horizont der Lichter von Tiflis wieder anzunehmen – sich umarmend.

Lola Arias „Reas“ hingegen ist ein Beitrag des Festivalteils „begehrt! – Filmlust queer“ und lässt in Form eines Musicals die Erfahrung ehemalig in einem Gefängnis in Caseros inhaftierten Frauen und Transpersonen nachspielen. Einerseits existiert eine Bühnenfassung, andererseits nun auch dieser Film, der damit eine bereits bekannte formale Idee: nämlich die der gezielt hervorgehobenen Konvergenz von Schauspieler*innen und Figuren, welche die sie verkörpern – infrage stellt. Damit spielt er also postdramatisch mit dem Verhältnis von Realität und Inszenierung. Ist also alles nur Theater? Die Figuren scheinen zu wissen, dass sie sie sich in einem Musical befinden, und zugleich wissen sie es nicht, wie sie auch wissen, dass sie eigentlich in einem leerstehenden Gefängnis-Gebäude – die Wärter*innen die Rock-Band der Insassen tadeln und zugleich in ihr mitspielen. Erfahrung der Figuren und Erfahrung derer, die sie verkörpern, fallen ineinander, lösen sich wieder, fallen wieder zusammen: ein Spannungsverhältnis, was sich in Musik und Tanz versucht zu entäußern. Filmische Spielereien wie diese sind in ihrem Kern dabei nicht unbedingt neu. Auch fragt man sich nach einer künstlerischen Begründung für den Film, der doch in vielen Momenten wirkt, als würde er das Musical einfach nur abfilmen. Und doch hat es was an sich, wenn wir sehen, wie sich die Figuren gerade in der letzten Einstellung dem Gemachten um sich herum, dem performativ Konstruierten bewusst werden, um sich dem zu verweigern: wie normative Geschlechternormen, unveränderlich und „natürlich“ wie sie scheinen, schließlich auflösen und das in einem kollektiven Akt. Und bleiben Sie vielleicht doch schlussendlich in einem Gefängnis.

„City of wind“ von Lkhagvadulam Purev-Ochir – ©IFFF 2024

“Ein Echo des Windes”

Die Bilder von lkhagvadulam purev-ochir Debüt „City of Wind” entfalten sich auf der Leinwand des Odeon Kinos in der Kölner Südstadt und schaffen es in nur wenigen Bildern alles über die eigentlichen Kernmotive des Films auszudrücken: Es sind die beeindruckenden Aufnahmen der Landschaften und der Häuserblöcke der Hauptstadt Ulaanbaatar, wo die Handlung spielt. Wir sehen die Urbanität der modernen, postsowjetischen Mongolei im Kontrast zu den Zelt bedeckten Vororten der Stadt, in welchen auch die Hauptfigur Ze lebt und als Schamane praktiziert. Zugleich gehört er in der Schule in der Stadt zu einem der besten – die Lehrerin gibt ihn an einer Stelle sein abgenommenes Handy mit der Begründung zurück, er werde schließlich irgendwann ein wichtiger CEO der Mongolei und dem Land zum Wohlstand verhelfen und sich dann sicherlich bei ihr revanchieren. Es ist eine Irritation, dass die Bilder, die gerade in der ersten Szene, wo wir Ze als Schamanen einzig mit Maske beim Praktizieren zusehen, mythisch anmuten, umschlagen in eine Poetik der Landschaft – in einem Realismus, eine Liebesgeschichte. So wird Ze eine Figur kennenlernen, welche in ihm etwas entfachen wird: was sein rein spirituelles Leben, was gezeichnet ist, von einer bestimmten Trostlosigkeit verändern wird und ihm schließlich zu einem politischen Subjekt macht, das sich gerade gegenüber der schulischen Institution emanzipiert.

Und doch, so viel sei verraten, bleibt das mystische Motiv dabei nicht völlig unberührt. Die Figuren sind hier zerrissen zwischen Traum und Perspektivlosigkeit und der Notwendigkeit an etwas zu glauben: auch wenn der Film dies nicht konsequent schafft, gelingt es ihn doch an einigen Stellen gerade das Gefühl von umwälzender Verliebtheit, und ihre Komplexität in einen größeren ökonomisch-politisch zeitlichen Kontext zu stellen. Wieder ist es eine Szene, in der die Figuren vor der Kulisse einer Stadt stehen – sich gegenseitig zeigen, in welcher Wohnung sie wohnen würden. Sie stehen bei der Dsaisan-Gedenkstädte, ein beliebtes touristisches Ziel und ein sowjetisches Denkmal, welches die Niederlage der japanischen Armee, den Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland und Errungenschaften der Sowjetunion bis zur Raumfahrt abbildet. Welch ein Motiv, in dem sich diese beiden jungen Menschen vor der Kulisse von Zelten am Horizont hin zu kaputten Blockgebäuden, zu Penthäusern verliebt in die Augen sehen.

Es ist auch Liebe in den Augen der interviewten alten Menschen in „Echo of You“ von Zara Zerny: Ein weiter Panorama-Film, der am letzten Festivaltag im Filmforum gezeigt wird. In diesem bringen uns Großaufnahmen, Aufnahmen von Haut, von Einrichtungen eine Gruppe älterer Menschen nahe, welche erzählen, ihre Erinnerungen an ihre verlorenen Partner*innen ausformulieren, mit Worten, Bewegungen oder Blicken. Die Regisseurin betont nach dem Film die Möglichkeit, der Kamera Ungesehenes sichtbar zu machen. Natürlich sind das einerseits jene älteren Menschen, welche man vielleicht in der Bahn einen Sitzplatz anbietet oder auf Bänken sieht, sonst aber eher seltener Berührungen mit ihnen hat. Eine der Interviewten ist 100 Jahre alt. Andererseits versucht die Kamera den Akt des Erinnerns, als etwas Existenzialistisches einzufangen. So war die ursprüngliche Ausgangslage der Entstehung des Films der verstörende Gedanke von alten Witwer*innen, sie hätten ihre Partner*innen nicht wirklich geliebt, weil sie entgegen der Statistik, nach deren Tod immer noch lange weiterlebten. Das Alter wird zu einer letzten existenziellen Krise, die Erinnerung, die versucht wird, irgendwie zu befragen, zu einem tröstenden Narrativ zusammenwebt. Das klingt deprimierender, als es ist; ist es doch ein tief humanistischer Film, welcher diese Narrative und das Leben der Interviewten sehr ernst nimmt und sie in Bildern auf die Leinwand rahmt.

„Ellbogen“ von Aslı Özarslan – ©IFFF 2024

“Ellbogen” 

Mit “Ellbogen” beginnt und endet das Festival. Er ist der Eröffnungsfilm und zugleich ist dessen Regisseurin Aslı Özarslan die Preisträgerin des internationalen Debüt-Spielfilmwettbewerbs 2024. In dem Film, welcher auf dem gleichnamigen Roman basiert, fließen Motive des Festivals zusammen: Die jugendliche Protagonistin lebt in Berlin. Ihre Familie kommt aus der Türkei. Sie erhält keinen Ausbildungsplatz, Grund ist die weiterhin vorherrschende Realität eines kapitalistischen Alltags und damit von strukturellem Rassismus, der sich dabei aber noch besonders pädagogisch und liberal gibt. Ein schreckliches Ereignis wird sie dazu bringen, nach Istanbul zu gehen. Sie wird sich gegenüber den erdrückenden Verhältnissen im direkten Sinn nicht emanzipieren können, wird auf einen kurdischen jungen Mann treffen, der schließlich verhaftet wird: Übrig bleibt der Ausdruck ihres wütenden Blicks in die Kamera.

Das Festivalprogramm dieses Jahr, geprägt von den Krisen der aktuellen Zeit, legt jedoch auch einen klaren Fokus auf das Fragmentierte (eine ganze Sektion des Festivals widmet sich diesen gesondert). Und so sind doch auch in “Ellbogen” Fragmente zu erkennen von weiblicher Solidarität, eines Ausbruchs; dem kurzen, aber noch möglichen Leben einer Jugend unter dem eigentlichen Horror der Gegenwart. Es sind Filme von und mit Frauen der gesamten Filmgeschichte, welche dieses zeitgenössische Verhältnis zwischen Resignation, Unterdrückung, Horror, Wut und Ausbruch hin zu einem Besseren in sich tragen und von denen vieles zu lernen ist.

 

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