Bausa und Apache 207: Mit Sexismus für mehr female Empowerment

“Wir leben im Zeitalter des Marketings als aufgepumpter, performativer Akt, mit dem Konzerne Greenwashing oder Political Correctness betreiben, oder was auch immer als nächstes die Dollars in die eigenen Kassen treibt”

Im Februar dieses Jahres erschien Bausas neues Album „100 Pro“. Darauf zu hören ist unter anderem seine Kollabo mit Apache 207: „Madonna“, ein Hit der Platte. Scheinbar sollen die Downloadzahlen hier nun noch mal ordentlich angekurbelt werden, jedenfalls wurde für den Track nun ein aufwändiges Video produziert, oder wie es von den Machern genannt wird: Ein Art Piece.

Das „Madonna Movement“ verfolgt 35 Tänzerinnen in einem fünfminütigen Clip. Das Video ist gut gemacht: Schicke urbane Kulissen, die Leitfarben sind Schwarz, Beige und Weiß, die Tänzerinnen bewegen sich selbstbewusst und kunstvoll zu Bausa und Apache 207, sind divers und wirken authentisch. Man kann Song und Tanzvideo mögen oder egal finden, je nach Geschmack. Schwierig wird es erst, wenn das „Madonna Movement“ von allen Beteiligten – Musikern, Label und Onlinekleiderhändler ABOUT YOU – als das ganz große Ding für female Empowerment verkauft werden soll.

Laura Heid, Head of Label und Artist Relations Two Sides, sagt: „Mit Apache 207 und Bausa senden gleich zwei der erfolgreichsten Rapper unseres Rosters ein klares Zeichen, mehr Raum für Frauen und Gleichberechtigung zu schaffen.“

Björn Hansen, Brand Director ABOUT YOU, erklärt, man habe auf Anfrage mitgewirkt, denn „die klare Message des “MADONNA”-Movements, ein diverses Frauenbild in der Gesellschaft zu prägen, steht im Einklang mit den Werten von ABOUT YOU.“

Raum für Frauen und Emanzipation mit Bausa und Apache 207 – eine Agenda die man den beiden Deutschrappern vielleicht bisher gar nicht zugetraut hätte. Tatsächlich lassen sie Frauen im Intro des Songs zu Wort kommen: Vor musikalisch fast hymnischem Hintergrund erklären Frauenstimmen, das Frausein eine Superpower ist, das jede Frau einzigartig ist, dass Diversität bedeutet, dass jede Frau inkludiert ist und man denen eine Stimme verleiht, die gerade selbst stumm bleiben müssen. Dann setzt aber auch direkt Bausas Stimme ein und wir hören seine Lyrics zu „Madonna“:

„Es kann sein/ Dass die andern Mädchen langsam verstehen, wie das geht/ Dass die andern Mädchen auch wissen, wie man sich bewegt/ Doch du bist anders, du bist anders/ … / Du weißt, jeder Mann, der was auf sich hält, schaut dich an“.

Mehrfach wird in Begleittexten darauf hingewiesen, dass ja theoretisch jede Frau die von Bausa glorifizierte Madonna sein kann. Ob damit dann auch die Frauen gemeint sind, die nicht wissen (wollen), wie das geht, mit dem Bewegen und dem Anderssein, sodass sie endlich jeder Mann anschaut, der was auf sich hält, wird nicht spezifiziert. Der Verdacht liegt nahe, dass zwar jede Frau eine Madonna sein kann, dass aber vor allem der Male Gaze eines Bausa als ultimativer Richter über die Madonnahaftigkeit einer Frau entscheidet.

Ebenso haben halt auch Bausa und Apache 207 entschieden, dass sie jetzt kurz mal Emanzipation und Frauenrechte wichtig finden – solange sie damit ihre Musik verkaufen können. Genauso, wie sie sonst Frauenrechte und Emanzipation beherzt mit Füßen treten, wenn sich damit Geld machen lässt.
Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich sonstige Songs der beiden Musiker ansieht. In Apaches „Kleine Hure“ rappt er etwa darüber, dass eine bestimmte Frau nur ein Produkt ist, und sich etwas darauf einbildet, Männer mit viel Geld zu kennen. Apache fragt sie, was ihr die lukrativen Bekanntschaften denn bringen würden, denn am Ende säße sie ja doch nur „mit Wichse im Gesicht in deren Benz“.
Offenbar stört es ihn, dass besagte Frau für Geld häufig wechselnde Sexualpartner hat, daher schließt der Musiker: „Deshalb fallen mir auch für die Hook nur drei Worte ein/ Du kleine Hu-Hu-ure“.
Bausa konzentriert sich in „Szene im Hotel“ lieber auf sich selbst und wie die „zugekoksten Bitches“ auf ihn reagieren:
„Mein Blow macht den Schlampen Appetit/ Sie erzählen von ihren kranken Fantasien/ Wahrscheinlich hatten ihre Papas sie nicht lieb/ Sie sagen, „Schlag uns, denn wir haben es verdient!“ /(…) Stehl’ ihre Herzen, aber gib nicht zurück/ Sag der zugekoksten Bitch, ich will meinen Schnee im Sommer“.
Ansonsten kommen bei Bausa häufig Frauen vor, die an seine Kohle wollen. Prosituierte, die er liebt, wofür er sich selbst bedauert, oder Prosituierte, die er nicht liebt und die er verachtet.

Was jedenfalls im Gesamtwerk der Musiker etabliert wird, ist, wie im HipHop üblich, ein brutaler, männlicher Gestus: Frauen sollen objektiviert und sexualisiert werden, sie werden als Ware gehandelt, sind austauschbar und allerhöchstens als fickbares Statussymbol reizvoll. Die Vormachtstellung hat der Mann.
Wie hier das female Empowerment des „Madonna Movements“ hineinpasst? Gute Frage.
Besonders perfide ist die Tatsache, das in einem Promo-Ausschnitt des Making Ofs zum „Madonna Movement“ eine Frau zu Wort kommt, die mit ergriffener Stimme darüber spricht, dass sie als queere Person mit folgenden Worten diskriminiert wird: „Your not queer enough, you are not female passing enough“ und man sich dann unweigerlich an Bausas „Vossi Bob“ erinnern muss, in dem er rappt „Ich lasse keine Hurentochter ungefickt, alle wollen meinen Dick. Sogar Lesben werden umgedreht.“

 

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Es mag die Haltung geben, dass der HipHop nun mal eine rauere Sprache bedient. Dass es eine Ausdrucksform ist, in der Frauen nun mal als „Bitches, Fotzen und Huren“ bezeichnet werden, aber das ja nur im Rahmen der Kunst passiert. Das kann man an vielen Stellen berechtigt kritisieren. Sexismus im HipHop, sowieso struktureller Sexismus in unserer Gesellschaft, sind ernste Probleme, an denen wir uns längst abarbeiten und bei denen noch ein weiter Weg vor uns liegt.
Aber darum soll es hier nicht vordergründig gehen. Sondern um die Tatsache das female Empowerment, der Kampf um Frauenrechte und ein Recht auf Gleichstellung durch das „Madonna Movement“ und durch Apache 207, Bausa, ABOUT YOU und Warner Music zu weit weniger als verkaufssteigernden Worthülsen degradiert wurden.
Natürlich bedient sich die trendbewusste Marke längst jeder Untergrundbewegung um eine Art Kundenbindung und Authentizität herbeizupeinigen. Brands produzieren längst nicht mehr einfach nur Produkte, sie verkaufen Lebensentwürfe, Selbstbilder und bedeutungsschwangere Messages. Konsument:innen kaufen nicht nur Sneaker, sondern eine Ideologie und sollen sich dabei fühlen, als seien sie straight out of Lifecoach-Session gekommen oder hätten soeben mit der Marke selbst den Regenwald wieder aufgeforstet.

Wir leben im Zeitalter des Marketings als aufgepumpter, performativer Akt, mit dem Konzerne Greenwashing oder Political Correctness betreiben, oder was auch immer als nächstes die Dollars in die eigenen Kassen treibt. Um mehr als Gewinnmaximierung geht es dabei nämlich nie. Genau wie Bausa und Apache 207 interessiert es keinen Werber, ob Frauen gleichgestellt sind oder PoC sich wohler in ihrem eigenen Land fühlen.
Aber seis drum: Kampagnen von Nike stoßen tatsächliche Diskurse an, Athletinnen wie Zeina Nassar oder Serena Williams wird eine Bühne geboten und ihrer Geschichte Beachtung geschenkt; ein weiteres Beispiel ist Gillette, die Kampagnen produzierten, in denen Plus Size Model Anna O’Brian in Bikini und typischer Model-am-Strand-Szene unsere Sehgwohnheiten herausforderte und Bodypositivity thematisierte. Es werden Frauen und ihre tatsächliche Lebensrealität betrachtet, sie als Personen kommen zu Wort.

Bei Apache und Bausa kommen Frauen ebenfalls zu Wort, werden danach in ihren Aussagen aber wieder relativiert oder negiert. Bei Nike und Gilette wird, wie oben beschrieben, am Verkauf von Sportschuhen und Rasierklingen gearbeitet und immerhin zu gesellschaftlichem Umdenken beigetragen. Bei Bausa und Apache wird Musik verhökert und nachhaltig daran gearbeitet, Feminismus und female Empowerment auszuhölen und jede Form von autonomer Weiblichkeit nur wieder dem männlichen Zweck, hier: Musikdownloads, zu unterwerfen.

Auf Nachfrage an ABOUT YOU, inwiefern hier tatsächlich die oben so stark unterstrichenen Firmenwerte vertreten würden, antwortete die Pressestelle, es sei darum gegangen „die Auseinandersetzung mit diesem Thema einer noch breiteren Masse und jungen Zielgruppe zugänglich zu machen.“
Im Klartext: Männer in der Musikbranche, und vor allem im HipHop, haben halt mehr Reichweite. Dank Bausa und Apache hören also vielleicht auch mal diejenigen zu, die einer Frauenstimme sonst nicht zuhören würden. Leider wird bei dieser Argumentation vergessen, dass dem Publikum hier nur wieder die immer selbe Schieflage und Machtverteilung präsentiert wird, in der der Mann einmal mehr als Gatekeeper fungiert. Die resultierende Ansage ist, dass die Frauen von den Männern und ihrem Willen, sie auch mal zu highlighten, abhängen.

Wenn man nicht zu streng ist, könnte man sagen: Es gibt richtigen Feminismus im Falschen – solange er so gut gemacht ist, dass man als Zuschauer:in tatsächlich den Eindruck gewinnt, die Urheber:innen haben sich wenigstens kurz, ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Kann man bei dem Projekt von Bausa und Apache 207 nicht behaupten. Sonst hätten sie es vielleicht geschafft, konsequent genug zu sein und in ihrer frauenfeindlichen Ignoranz zu verharren. Oder aber sie hätten gemerkt, dass ihr aktuell allergrößter Beitrag zu mehr female Empowerment, einfaches Nichtstun hätte sein können.

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