Montag, 22.04.2019
Veronika Kracher

“Scheiß auf das Schlumpfinchen-Prinzip” – Frauen im Singular

25. März 2019,

Eine Ein-Frauen-Realität in der Popkultur hat vielen Mädchen (und auch Jungs) schon in frühsten Jahren suggeriert, dass es eben nur eine weibliche Person zulässig ist. Ob in einer Jugendbande wie TKKG oder bei den Superhelden der “Justice League” oder auch bloß bei den Schlümpfen. Die Autorin Veronika Kracher spürt unsolidarischen Reflexen nach, die diese Welten evozieren.

Denkt mal an die kulturindustriellen Produkte eurer Kindheit, meine war in den Neunzigern. Die Fernsehserien und Filme (“Schlümpfe”, “Ninja Turtles”, “Batman”, “Duck Tales”, alle Animes, die nicht explizit auf weibliches Publikum ausgerichtet waren. “Justice League”, “MASH.”, “Stargate”, “Star Wars”, Disney-Filme. The list goes on), oder die Videospiele (Anita Sarkeesian hat dem Phänomen ein komplettes Video gewidmet, spontan fallen mir die “Mario Bros”-Reihe, “Donkey Kong”, die frühen “Mortal Kombat”-Spiele, “Sonic” und das “Zelda”-Franchise ein), die euch sozialisiert haben.
Gab nicht viele Frauen, oder? In der Regel nur eine. Das eine Mädchen, das cool genug war, mit der Jungs-Clique abzuhängen. Die nicht so war die “die anderen Mädchen”.
Was gibt es cooleres, suggerierten uns diese Medien, als Teil der Jungs-Clique zu sein?
Andere Mädchen haben da keinen Platz. Sagte auch Avril Lavigne, die, als ich mit 12 zu alt für Cartoons war, diesen misogynen Mythos direkt weiter gesponnen hat.
Zum Glück war ich auf einer Mädchenschule!

Jedoch wirkt sich dieses Denken bis heute auf die Gesellschaft, und damit auch auf mich aus. Gucken wir uns den Feuilleton- und Kulturbetrieb an. Wir haben mit Margarete Stokowski eine bekannte Frau, die in einem öffentlichkeitswirksamen Magazin (großartige) feministische Kolumnen schreibt. Klar, es gibt feministische Kolumnen in der Zeit und der taz, aber meines Erachtens ist Stokowski die einzige Kolumnistin, die in der bürgerlichen Presse Wirkmächtigkeit hat (und dementsprechen viel Bullshit abbekommt). Für mehr Frauen ist anscheinend kein Platz. Wie viele Männer gibt es, die in der WELT, der ZEIT, dem SPIEGEL, der SZ und wo auch immer ihren Männermüll absondern können? Und auch alle immer zu den gleichen Themen: wir als Männer werden bedroht. Dieser Feminismus ist zuviel. Seid doch mal nett zu Nazis. Ein bisschen Rassismus schadet auch nicht. Kurz: alte Säcke, die ihre angeblich von allen Seiten bedrohte Hoheitsposition in ihren dutzenden Kolumnen in in dutzenden Zeitungen verteidigen müssen und darlegen, dass sie bei diesen ganzen mit Kastration drohenden Weibern nichts mehr sagen dürfen. Und sie sind alle wirklich mittelmäßig!
Ein bisschen scheint es auch, als würde man mit einer großartigen Frau die Durchschnittlichkeit all dieser Typen aufwiegen wollen: “Es gibt zwar nur eine, aber dafür ist die richtig gut und klug.”

Es besteht immer noch dieser Gedanke: “Es gibt nur Platz für eine Frau im Business, wie es auch immer geartet sein mag”. Klar, zwei Frauen könnten sich auch miteinander solidarisieren. Und das ganze wirkt sich auch auf mich persönlich aus: ich habe Angst, dass selbst in den linken Zirkeln, in den ich unterwegs bin, man “die eine Frau” sein muss. Die Oberbitch. Die, die cool genug ist, um mit den Typen mitzuspielen. Die beste unter allen Frauen, die politische Arbeit machen und Texte schreiben und Vorträge halten, weil selbst die Genossen dieses misogyne Schlumpfinchen-Prinzip internalisiert haben. Eine Rednerin auf Konferenzen. Ein Redebeitrag einer Frau auf einer Demo. Ein Text im Sammelband, bis vor wenigen Jahren war das noch so (außer Frauen haben die Konferenzen, Demos und Sammelbände organisiert und einen größeren Anspruch als “Da muss doch noch eine Frau rein”).
Ich habe mich zermürbt und zerrissen über den Gedanken, dass die Alternativen daraus bestehen, die eine Frau oder ein Niemand sein zu müssen.
Und da ich unter einem chronisch schlechtes Selbstbewusstsein leide, kann ich unmöglich die Eine sein. Ich las vor einigen Wochen den fantastischen und pointierten Text einer Freundin, und mein erster Gedanke war: wie kann jemand Texte von mir publizieren wollen, wenn es eine andere Frau gibt, die so tolle Sachen schreiben kann?
Weil: mehr als eine Frau kann ja nicht sein (obwohl wir unterschiedliche Forschungsschwerpunkte und Arbeitsfelder haben).

Zum Glück bin ich von diesem Denken weggekommen, manchmal überkommt mich eben die Sorge ob der Erkenntnis, dass die Verhältnisse es noch nicht sind.
Patriarchale Strukturen profitieren von dem Denken und der Angst, dass andere Frauen als Konkurrenz wahr genommen werden, denn:
es kann dazu führen, dass man, anstatt mit Genossinnen und Kolleginnen solidarisch zu sein und dieses toxische Prinzip hinterfragt und bekämpft, sich lieber zur Akteurin patriarchaler Strukturen macht.
Männliche Anerkennung wird gesellschaftlich immer noch als wichtiger gesehen als die von anderen Frauen, und dies kann dazu führen, dass man jene Anerkennung feministischer Solidarität vorzieht.
Man will die toughest bitch around sein, die Avril Lavigne halt, eine von den Jungs, und dafür verrät man seine Geschlechtsgenossinnen, wirft sie unter den Bus, klüngelt mit dem Männerbund.

Dass die Geschlechterverhältnisse und ihre Profiteure uns gegeneinander ausspielen, dem setzten wir unsere Solidarität entgegen. Wir machen dann halt unsere eigenen Konferenzen und Buchbände und Zeitungen und Demos, wir arbeiten zusammen statt, wie es eine patriarchale Sozialisation verlangt, gegeneinander.
Seitdem ich diesen Mythos, es dürfte nur eine geben, als patriarchales Instrument entlarvt und das auch gegen meine eigenen Ängste internalisiert habe, fühle ich mich nicht mehr von den klugen Texten meiner Freundinnen bedroht oder eingeschüchtert, sondern freue mich für sie und über ihre Klugheit und ihren Erfolg. Seitdem weiß ich auch meine eigene Arbeit besser zu schätzen.
Ich will nicht “one of the boys” und die toughest bitch in town sein, sondern eine liebevolle, hilfsbereite, kluge und solidarische Freundin und Genossin.
Scheiß auf das Schlumpfinchen-Prinzip, Sailor Moon war mir eh immer die liebere Serie.

Text: Veronika Kracher

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