Montag, 20.01.2020
Tipp-Ex

Autorenhonorar und Kirmesgeld – Von Popkultur leben 2019

Kein Chef, kein Gott, kein Büro – und trotzdem natürlich doch immer wieder Leute, die einem den Job-Alltag zur Hölle machen.
Aber schwierige Redakteure, verschlossene Künstler oder hostile Managements sind zum Glück nicht in der Überzahl… und sie gehören zum Spiel ja irgendwie auch dazu. Ich habe jedenfalls 2019 wieder versucht, allen (heraufbeschworenen) Gewalten zu trotzen – beziehungsweise mich vornehmlich an die coolen Protagonisten zu halten.
Herausgekommen sind dabei viele Texte und Beiträge und was nicht noch alles.
Hier kurz vor Silvester habe ich unter Tränen ein paar persönliche Highlights und Blicke hinter die Kulissen der letzten 12 Monate gesammelt. Von Popkultur leben 2019 – ich war dabei.

DIE ZEIT
„Wir würden gern mal mit Merkel Kartoffelsuppe essen“ – Das Tokio Hotel Date

Seit 2010 lebt ihr in Los Angeles. Wie hat sich der Blick auf Deutschland gewandelt?
BILL Uns gefällt es heute eigentlich besser. Wir sind nur noch Touristen im eigenen Land. Keine Verpflichtungen, man trifft ausgewählte Leute und lässt sich die schönen Sachen zeigen: Neue Restaurants, neue Clubs, neue Bars…
TOM Aber wir verfolgen auch von drüben, was mit Deutschland los ist. Ich gucke viel Nachrichten – und die Bundesliga interessiert mich.
Welcher Verein?
TOM [lacht entschuldigend] Bayern München.”

Ein Date mit Tokio Hotel, was will man als Kulturjournalist mehr? Über verschlungene Pfade nähere ich mich den exzentrischen Zwillingen, treffe sie letztlich in Berlin und das Interview erscheint in dem bekannten Studienrat-Fanzine: In der ZEIT.
Doch unter uns: Die Sache geht höchstens auf dem Papier als das Toptier meines Journo-Jahres durch. Hinter den Kulissen einiges an Missverständnissen und diverse Hürden. Drei Kreuze, als diese Story endlich ausgestanden ist. Nun ja, alles für die Galerie!

Foto: Leila Benameur

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SPIEGEL ONLINE

Giulia Becker

“Es gibt ganz viele Leute da draußen, die freuen sich, wenn sie repräsentiert werden im Fernsehen – wenn sie jemanden sehen, der nicht normschön ist, wenn sie eine Frau sehen, die Witze im Fernsehen macht, und das mit einer Selbstverständlichkeit. Dass ich da als positives Vorbild vorangehen kann, treibt mich an.” (Giulia Becker im Interview)

Giulia Beckers Präsenz fasziniert mich sehr, diese Mischung aus Empowerment für andere und Struggle mit sich selbst hat ganz viel einer klassischen Heldin des griechischen Dramas. Es war nicht leicht, einen Termin mit ihr zu bekommen, aber dann geschah es doch. Bei heißer Zitrone in einem Oma-Café. Giulia ist clever und erstmal zurückhaltend. Sie hat dann aber doch viele interessante Dinge erzählt über Gott und die (Comedy)Welt.
Oft stresst mich ja die Rolle des Interviewers, die gleichsam einem zu entstehenden Text wie auch der Befindlichkeit des Gegenübers gerecht werden will.
Doch diese Begegnung für den medialen Powersender spiegel online mit ihr habe ich trotz des Rahmens wirklich genossen.
Dieses Jahr schenkte ich Mutti auch ihr Buch zu Weihnachten.

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MUSIKEXPRESS
Schrottgrenze

“Eine leidlich obszöne Jungs-Punkband aus gutem Hause, die erste Platte erschien auf dem Label Scumfuck, beinhaltete gehetzten Rumpelrock mit Titeln wie ‘Tätowiert, Kahl-Anal’ oder ‘Hurenstadt’, später verewigte man sich noch unter anderem auf einem Sampler mit dem klangvollen Namen ‘Arschlecken Rasur’. Furchtbarer Bandname, prollige Musik, hier hätte man schon aufhören können.”

In den 90ern geflissentlich ignoriert, in den 00ern zutiefst verachtet. Doch die queere Wiedergeburt von Schrottgrenze trifft mich natürlich total. Für den MUSIKEXPRESS habe ich meine Gefühle dann top journalistisch aufbereitet. Nicht zur Sprache kommt im Artikel allerdings, dass ich auf dem Klo der Mutter einst mit Sänger Alex einen langen Kuss tauschte. Sowas lernt ihr Idioten bestimmt nicht auf der Henri-Nannen-Akademie.

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SIEGESSÄULE
„Die ägyptische Regierung ist aufs Lächerlichste homophob“

“Einfach nur zu sehen, dass andere queere Menschen existierten, hat mir so viel bedeutet. Nicht ich war die Ausnahme, nicht ich war das Problem. Daher wusste ich, dass ich als Musiker auch eine Verantwortung besitze – und habe mich bewusst zu meinem Coming Out entschieden. Damit queere Teenager in unserer Region, die sich ähnlich fühlen wie ich damals, jemanden sehen können, der ist wie sie. Und vor allem: Dass dieser Jemand ein Leben hat.” (Hamed Sinno von Mashrou’ Leila im Interview)

Als Kind las ich das Comic “Der bewegte Mann” von Ralf König, verstand vieles noch gar nicht.
Ein Hetero leiht sich in Königs vermutlich populärstem Werk die Wohnung seines schwulen Bewunderes – um darin fremdzugehen. Die Frau kommt dabei mit der Siegessäule aus dem Bad. Die dort gefundene Zeitschrift schürt bei ihr den Verdacht, ihre Affäre sei womöglich schwul.
Damals null kapiert, denn ich kannte nur Fix & Foxi und die Bravo bei uns am Kiosk meiner südhessischen Provinz.
Dieses Jahr habe ich (kaum 100 Jahre später) eine Titelstory in jener Siegessäule drin. Wie schön ist das denn bitte?
Mashrou’ Leila sind eine queere Band aus dem Libanon, gebannt von u.a. Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien. Beim Thema Israel kamen wir im Interview dennoch nicht auf einen Nenner, eher im Gegenteil. Aber was soll ich als weißer Post-Provinz-Dude die queeren Aktivisten aus dem Nahen Osten verurteilen? Zumindest im Artikel habe ich das nicht getan.
Siegessäule hat übrigens heute eine äußerst glamouröse Redaktion, Chefredakteur wirkt auf Social Media star-mäßiger als manch im Heft verhandelter Künstler…

DER FREITAG
Deichkind / Thees Uhlmann

“Sich in kritische Posen werfen und dabei die Selbstironie nicht vergessen … damit treffen Deichkind den Zeitgeist der Zehnerjahre genau zwischen die Augen. Und das ist das eigentliche Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte. Langsam in die Jahre kommende Millennials, die nörgelige Generation Twitter, aber auch den schon eher abgekämpften älteren Pop-Fan eint das Wissen darum, ‘wie der Hase läuft’. Sie durchschauen Rechtspopulisten genauso wie den Hype um die neueste Serie auf Netflix. Ihre Smartheit wird dabei bloß noch getoppt von einer – das soll gar nicht despektierlich klingen – gewissen Bequemlichkeit. Bloß weil man alles besser weiß, gleich die Welt verändern? Das mögen doch bitte die nachfolgenden Generationen regeln, die Kids um Greta Thunberg mit ihren ‘Fridays for Future’ sind da doch schon dran, oder?”

8.000 Zeichen zB über die neue Deichkind oder 11.000 über die Persona Thees Uhlmann… Der Freitag hat mich jedenfalls sehr effizient aus der Verkürzungsfalle des aufmerksamkeitsgestörten Digital-Journalismus gezogen. Danke dafür!

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MUSIKEXPRESS.DE

Popwoche

“Rock’n’Roll, liebe Freunde, hat für mich immer auch wahnsinnig viel mit Sinnlichkeit zu tun. Musik als Vertonung von Vorfreude-Tröpfchen, dafür standen die Männer der britischen Gruppe Rolling Stones mit ihrem Steifen.”

Eine wöchentliche Kolumne, in der ich aktuelle Platten, Serien, Konzerte und Phänomene ausbreiten kann? 2019 und die Redaktion von musikexpress.de haben mir diese Möglichkeit unter die Scheibenwischer geklemmt. Vielleicht der stärkste Job des Jahres und mit der darin befindlichen Rubrik “Der verhasste Klassiker” kann ich regelmäßig friedlich schlummernde Musikfans gegen mich aufbringen. Dennoch schaffe auch ich trotz meines bodenlosen Meinungseifers das wöchentliche Intervall nicht und teile mir die Kolumne seit Mitte des Jahres mit der hochtalentierten Julia Lorenz. Straff organisiert und sanft geführt von dem Journo 2000: Fabian Soethof.

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BUCH
“Sprengt die Charts – wie werde ich Popstar und warum?”

“Stars, das sind immer die anderen – nie man selbst. Blickt man in den Spiegel oder auf die Altglasberge in der Küche, wundert das nicht wirklich.”

Dieses Jahr hatte ich dank meines Fames und meines exzellenten Bookers (Verhältnis ca. 1:10) über 40 Einzelshows von Flensburg bis Donaueschingen, von Saarbrücken bis Rostock.
Als Aufhänger diente das dieses Jahr beim Ventil Verlag erschienene Buch. Mein Ratgeber, der die Hintertür zum Sehnsuchtsort Popstar aufschließt. Als Look wollte ich starke Einflüsse von Fanzines und Internet einziehen: Katharina Schmidt hat es wunderbar dementsprechend gestaltet.


COSMO

Popkommentar

“Schön, Faber beim Thema Seenotrettung an der Seite zu wissen. Aber penislastiges Überlegenheitsgeprolle ist für mich nicht Anti-Fa sondern Machismo.”

5 Themen von 50, die mir in dieser Reihe 2019 besonders im Gedächtnis geblieben sind:

– Fabers (mittlerweile modifizierter) Video-Clip, der sexuelle Übergriffe gegen Rechts propagierte
– Der Sound von Annegret Kramp-Karrenbauer
– Der Konzertfurzer und andere Ärgernisse auf Live-Events
– Wie beschissen klingt die neue Platte der Toten Hosen?
– OK Boomer

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KAPUT-MAG

“Früher hielt ich Ironie für ein Zeichen von Intelligenz” – Das Lars Eidinger Date

“Ich habe mich nach dem Aufstehen in der Unterhose an den Rechner gesetzt, mir angehört, was ich in der Nacht zuvor aufgenommen habe, und bin dann wieder bis spät in die Nacht sitzen geblieben. So ging das jeden Tag.
Nicht gerade ein ausgeglichener Lebensstil.
Ich habe mich damals nur von Erdnussbutter-Toast und Filterkaffee ernährt. Das war wirklich asozial.” (Lars Eidinger im Interview)

Von der Begegnung, die hinter diesem Interview steckte, habe ich an anderer Stelle schon viel preisgegeben.
Das schenke ich mir hier. Nur soviel: Mir ist der Typ trotz des offenen Gesprächs ein ziemliches Rätsel geblieben.
Für kaput allerdings war es mein mit Abstand meistgeklickter Beitrag. Nehme ich gern mit.

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