Blick zurück nach vorn

Autorenhonorar und Kirmesgeld – Von Popkultur leben 2020

28. Dezember 2020,

Diese kleine Rückschau auf meine popjournalistischen Arbeiten ist mittlerweile längst persönliche Tradition, mit der ich mich zwischen den Jahren stresse – und mich noch mal meinen ganzen Texten stelle. Denn auch wenn zwölf Monate vorbeirauschen mögen wie Abfahrten auf der Autobahn, kommt dann doch so einiges zusammen. Aber reicht das auch zum Leben?
Wenn ja: Wie geht das? Wie sieht das aus?
Hier eine kleine Auswahl von Artikeln/Projekten, die es in die Welt geschafft haben. Und das in einem Jahr, das für die schönen Künste wirklich nicht viel übrig hatte. Von Linus Volkmann

GOETHE INSTITUT
“Autotune, Cancel Culture, Kinderlieder”

  • “Existiert ein Popsong losgelöst von seinem Interpreten? Gehören alle Jacko-Devotionalien und das musikalische Vermächtnis heute in den Schredder? Und wie viel Vertrauen will man dem Songwriter Ryan Adams noch schenken, dessen fertige Platte dieses Jahr gar nicht erst erschien, nachdem gleich mehrere Missbrauchsvorwürfe gegen ihn an die Öffentlichkeit gelangten?”

Das Jahr fängt ganz harmlos an für mich. Für die freundlichen Nagetiere des Goethe Instituts verfasse ich im Januar ein Resümee von 2019 und gebe das Rauchen auf. Kein kausaler Zusammenhang.
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SIEGESSÄULE / L-MAG
„LA ROUX – Ich bin keine Aufreißerin“

  • „Ich bin offensichtlich eine sehr androgyne Person – und ich verliebe mich in Frauen.“ (La Roux)

Ein Telefoninterview mit La Roux. Die Offerte von der Siegessäulen-Redaktion aus Berlin freut mich natürlich sehr. Pünktlich ruft La Roux (alias Eleanor Jackson) an und erzählt mitunter sehr persönliche Dinge von Gaslightening, das sie in Beziehung der letzten Jahre erlebt habet. Als Journalist profitiere ich von ihrer Offenheit, auch dass sie sich nicht wie sonst üblich über ihre sexuelle Disposition ausschweigt. Ansonsten hoffe ich bei den missbräuchlichen Storys, die sie zu den neuen Songs sichtbar macht, sehr, dass Elly noch jemand anders zum Reden hat als einen random deutschen Autoren, mit dem sie einmal zu Promozwecken telefoniert. Pop, Emo, Therapie fallen in diesem Moment zusammen.
Das Redaktionelle kommt erst später, aber bringt mich mit dem Interview sogar auch in das legendäre L-MAG.
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Vice.de
„Die PARTEI: Mehrere Genossen sollen Mitglieder sexuell belästigt haben“

  • “In Kneipen wurde mir von verschiedensten Leuten an den Arsch, die Brüste oder gleich in den Schritt gefasst”

Persönlich bin ich vor allem enttäuscht über die Reaktion Sonneborns. In internen Gruppen diskreditiert er mich als Feind DER PARTEI, während er zu dem bestehenden Sexismus-Problem kein Machtwort an die ihm ergebenen Bruderschaft weiterzugeben hat. Das Thema ist ihm offensichtlich lästig. Dass es für manch Betroffene* weit mehr als das war, scheint nicht in das Unfehlbare Selbstbild von ihm und DIE PARTEI zu passen. Trotz shitstormender PARTEI-Verbände im Nachklapp: Ich bin froh, meinen Beitrag geleistet zu haben, dass dieses Thema und davon Betroffene eine größere Öffentlichkeit erreicht haben. Der Artikel ist dabei eine Gemeinschaftsarbeit gewesen, de mich mit Yannah Alfering und Thomas Vorreyer von vice.de zusammenbrachte.


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Stadtrevue
„Der Spaß hat ein Ende“

  • “DIE PARTEI ist einst angetreten, um den unschönen Politikbetrieb vorzuführen. Das ist ihr diesen Sommer in Köln auch gelungen. Allerdings wohl anders, als man es sich gewünscht hatte.”

Die Partei DIE PARTEI sieht sich auch im Kreisverband Köln mit einem Skandal konfrontiert: Katja Alekseev, ihre Kandidatin für die Oberbürgermeister*innen-Wahl tritt von ihrer Kandidatur zurück – und aus der Partei aus. Der Anlass ebenfalls: Diskriminierung. Die Stadtrevue bittet mich um einen Artikel dazu. Dem komme ich nach – und mir selbst dieses Jahr vor wie der DIE-PARTEI-Sexismus-Experte. Eher frustrierend ist das, denn ich schätze Teile des Projekts bis heute und ärgere mich beim Schreiben immer wieder über eine interne Arroganz, die bei dem Thema nicht überwindbar zu sein scheint.
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Spiegel Online
„Panik-Phasen hatte ich natürlich auch“

  • „Ich will hier keine #MeToo-Erfahrung offenlegen. Aber ich habe schon viele Momente gehabt, in denen ich beim Networken – in den Entscheider-Positionen der Branche sitzen oft Männer – gemerkt habe, wie schwer es ist, ein nettes Gespräch zu führen, ohne dass das Gegenüber plötzlich in eine andere Richtung denkt. Immer dieses: ‚Da können wir doch abends mal schön Essen gehen.‘“

Die Lindenstraße schließt – und ich habe meine Lieblingsschauspielerin Cosima Viola noch mal zum Interview treffen können. Wie ging es los, wie ging es zuende? Cosima, die viele Jahre die Figur Jack gespielt hat, schien in echt noch smarter als ihre Rolle. Ich mochte vor allem die Anekdote, wie sie betrunken aus dem Club direkt ans Set kam – dort dann allerdings heimgeschickt wurde.
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musikexpress.de
„El Hotzo – Ich kann mir Lustigeres vorstellen als Dieter Nuhr“
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„Ilona Hartmann – Zeig mir die nächste Katze, die in den Mülleimer fällt“

  • “Ich schulde den Leuten doch nichts, ich liefere ihnen gratis Witze.” (El Hotzo)

Im Lockdown merkte man noch mal so richtig, wie sehr man dem verdammten Scheiß-Internet ausgeliefert ist. Eins der wenigen Highlights dort waren die Tweets von Ilona Hartmann und El Hotzo, sie verbreiteten sich rasanter als Corona und dienten vielen als Insel in dem ganzen digitalen Frust-Flashmob, der sich ständig vor einem auftat. Ich bin Online-Redakteur Fabian Soethoff sehr dankbar, dass er mir die Möglichkeit gab, beide zu interviewen. Schließlich ist mein Ziel: Dem Feuilleton immer zwei Schritte voraus. An dieser Stelle hier ist das auf jeden Fall geglückt.
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WDR
„Popkommentar“

Ich-AG 2020: Den Abschieds-Blumenstrauß selbst gekauft.

Dass meine zum Schluss völlig entkoppelte One-Man-Show dieses Jahr eingestellt wurde… also wenn ich hier etwas anderes schriebe, als dass ich sehr erleichtert darüber bin, würde ich lügen. Schade um’s regelmäßige Honorar natürlich!
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BE BEETHOVEN
„Johann Günther – Die Frage nach dem Begehren“

  • “Ist es nicht ein schönes Gefühl, wenn man endlich alles fertig einsortiert hat? Man steht vor gefüllten Regalen, die Plattensammlung schnurrt von A bis irgendwo ganz hinten zu Z. Jetzt kann das Einstauben beginnen.”

Ich spreche eigentlich ausschließlich mit Leuten, die ich mir selbst ausgesucht habe. Als Redakteur sah das früher noch anders aus, da habe ich auch mal wen getroffen, weil es sonst wieder kein anderer machen wollte – und ich nicht ewig im Autor*innen-Gehege bettelnd von Tür zu Tür gehen mochte.
Dass ich aber jemanden traf, von dessen Kunst ich kaum einen Schimmer hatte, das kam eigentlich auch beim Intro-Magazin nicht vor. Ich weiß bloß noch, wie ich bei meinem ersten Praktikum für eine Stadtzeitung zu einem Musiktheater geschickt wurde. Ich sollte die Koryphäe aus Spanien interviewen, die irgendwas dort gerade neu am Inszenieren war. Meine einzige Erinnerung an dieses Treffen ist ein Lichtblitz aus Scham, der gütig alle peinlichen Details dieses „Interviews“ ausgelöscht hat.
Dank Ariana Zustra und dem Podium Esslingen gab es so eine Begegnung 2020 nun noch einmal.
#BeBeethoven ist ein Projekt, das Klassik aus dem Muff von Hochkultur, Monokel und eingeschlafenen Füßen herausholen möchte. Es will all die neuen Zugänge zu dem Thema aufzeigen, die es gibt und die in der Popbeschreibung aber so selten auftauchen.
Ariana hatte für das kaput-mag gerade einen preisgekrönten Beitrag abgeliefert, da wollte ich mich natürlich auch nicht lumpen lassen, als sie mich fragte, ob ich ein Interview mit einem Tonmeister (was ist das?) zu den Fragen responsiver Recording-Prozesse (bitte?) führen könne.
Ja, klar, sagte ich und wusste bereits währenddessen, dass ich das bald bereuen würde.
Und so kam es auch. Ich musste mich episch in ferne Welten einlesen und -hören. Denn sonst hätte ich Johann Günther (der Mann ist immerhin Tonmeister!) nicht unter die Augen treten können. Das Ergebnis findet sich heute in dem wirklich interessanten Reader wieder. Mittlerweile eher eine schöne Anekdote, die Erinnerung an meine journalistische Ausnahmesituation ist schon wieder verblasst.
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MUSIKEXPRESS
„Helge Schneider – ich habe einfach meine normale Jacke angelassen“

  • „Helge Schneider trägt Leinen, dazu Schuhe ohne Socken, gönnt sich italienischen Espresso. Ist das wirklich derselbe Mensch, der zuletzt in einem trostlos anmutenden YouTube-Video verlauten ließ, wegen der aktuellen Lage selbst einen endgültigen Bühnenabschied nicht auszuschließen?“

Meine erste richtige Titelstory beim Musikexpress. Ich weiß noch, wie ich kurz mit den Augen rollte, als es hieß, Helge Schneider wolle doch kein Telefoninterview, man solle bitte übermorgen zu ihm nach Mülheim kommen. Von Frankfurt aus ein ziemlicher Weg, Aufwand und Co2-Fußabdruck bei einem sogenannten „Phoner“ wären weit geringer gewesen. Aber oh boy, ich meine, Zuhause zu Helge Schneider, bin ich doof, dass ich da kurz zögerte, oder was? Im Nachhinein jedenfalls war es so nett für mich und Kwittiseeds, also dafür wäre ich sogar getrampt. Ein irrer Ausflug, ein kleiner Einblick in das Leben auf der Terrasse bei Schneiders direkt an der Ruhr.
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DER FREITAG
„HAUCK & BAUER – Das killt den Humor“

  • „Ich bin immer wieder überrascht, welche Witze viral gehen und welche nicht, ich würde da sehr oft danebentippen.“ (Dominik Bauer)

Interview führen mit lustigen Leuten ist oft genau so einfach, wie man es sich vorstellt. Man wirft ein paar Fragen ein und freut sich, was zurückkommt. Dieser Beitrag war vermutlich einer der leichtesten Jobs dieses Jahr. (Wohingegen wenn ich den Stundenlohn zu dem epischen Projekt zu Sexismus in DIE PARTEI ausrechnen würde, würde ich hier wohl ernsthaft nur noch Mitleid ernten)

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KAPUT-MAG
„Sexismus, geh sterben (damit Punk nicht noch hässlicher wird)“

„Als die Jungs um mich herum schließlich anfangen, eigene Bands zu gründen, kommt es mir gar nicht erst in den Sinn, mich ihnen anzuschließen. Schließlich kann ich weder singen noch ein Instrument spielen – der Witz ist, dass die meisten von ihnen das auch nicht können. Doch im Gegensatz zu mir haben sie unzählige Vorbilder, die sich völlig talentfrei auf irgendwelche Bühnen stellen und dafür auch noch gefeiert werden.“

Wie sehr liebe ich das Kaput-Mag bitte? 2020 durchfuhr und durchfährt quasi alle hier aufgepoppten Medien (mit Ausnahme der Öffentlich-Rechtlichen) eine große Erschütterung. Outcome ungewiss. Gewiss dagegen für mich, diesen Pop-Blog, den ich hier mit Thomas Venker fahre, den kann keiner rauswinken. Hier kann ich tun und schreiben, was ich will. Kein Redakteur, kein Sachzwang, keine unbeantwortete Anfrage verhindern es. Bezahlt wird natürlich bloß in kulturellem Kapital, das kann man dem Vermieter nicht weiterleiten, wertlos ist es in dieser Zeit allerdings auch nicht. Im Gegenteil.
An dieser Stelle sei allerdings ausnahmsweise kein Artikel von mir herausgehoben sondern der von Diana Ringelsiep. Wie beschissen ist Sexismus im Punk – und wie doof, dass das so viele ergraute Veteranen nicht wahrhaben wollen.
Also solange es solche Storys in meinem Einflussbereich gibt, ist mir um Subkultur und die ganze Journo-Huberei nicht bang.

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PATREON
„Komm Küssen Hinterzimmer“

Okay, und wer mich übrigens real unterstützen beziehungsweise mein Stimmchen hören statt lesen möchte, den lade ich hier ein zu Patreon. Mit Katharina Schmidt habe ich dort den Podcast „Komm Küssen Hinterzimmer“. Für 3 Euro im Monat machen wir es auf für euch.
Diese Form der Honorierung von kultureller/journalistischer Arbeit dürfte in absehbarer Zeit an Bedeutung gewinnen. Spooky aber wahr – und auch nicht ganz ohne Reiz…

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
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