düster-melancholische Hyperpop-Sounds beim Reeperbahnfestival 2026

Das Reeperbahn Festival lieferte auch im Jahr 2026 wieder eine großartige Mischung aus weitreichendem Line-Up, aufgeladenen Talks und jede Menge Popexzess. Als angenehmer Ort, wo Musikmenschen jeglicher Art zusammentreffen und sich austauschen können, ist das Festival im deutschsprachigen Raum kaum zu überbieten. Ein paar der Shows (und sonstigen Veranstaltungen), an die wir in den darauffolgenden Tagen am häufigsten denken mussten, haben wir im Folgenden zusammengefasst…
Text: Lennart Brauwers & Julian Wawrzik
Fotos:Julian Wawrzik
ANTONÍ (16. September, 20:00 Uhr, Prinzenbar)
Zwischen ausgetüftelten Gitarren-Tunings, aus denen sich verträumte Harmonien entwickelten, und der bittersüßen Stimme von Antonia Großmann sind hier interessante Indie-Folk-Songs mit Einflüssen aus Jazz und Neo-Soul entstanden, die sich perfekt in das eindrucksvolle Ambiente der Prinzenbar eingefügt haben. Stilvoll wurde sich hier zurückgehalten – das Motto der Band: Minimalismus –, um der Leipzigerin genügend Raum zu lassen, sich zu entfalten. So entstanden letztlich originelle Dream-Folk-Songs, die beweisen konnten, dass man mit wenig Mitteln eben doch sehr viel erreichen kann.
GB (17. September, 23:20 Uhr, Imperial Theater)
Momente, in denen plötzlich alles konkret wird, ineinander greift, wenn Melodien und Grooves dich an die Hand nehmen, sind so viel wirkungsvoller, wenn sie nur hier und da aufpoppen, sich größtenteils in einem Meer aus abstrakten Klangspielereien verstecken und dann zwischendurch den Kopf herausstecken, um uns zu zeigen: was wir hier machen, ist ganz bewusst – das muss so, ja, wir wollen, dass du verwirrt und dann schlagartig verzaubert bist. Dänischer Art-Pop zwischen Shoegaze, Jazzrock und Ambient. Supergut, die Band, die Songs, der Typ.

Dogbite
Dogbite (18. September, 20:00 Uhr, Betty)
Im Betty tropft der Schweiß schon von der Decke bevor Dogbite überhaupt loslegen. Schon beim Soundcheck bekommt man einen Eindruck von der rohen stimmlichen Power dieser Frontfrau, die, als es dann los geht, vom ersten Song an die Crowd unter ihre Kontrolle nimmt und nicht mehr gehen lässt. Das lauteste Konzert mit dem kleinsten Moshpit der Reeperbahn – 40 Minuten pure Extase für Metalcore-Fans und innocent bystanders.

Dogbite
Lime Garden (18. September, 21:30 Uhr, Docks)
Ultraeingängiger Indie mit Einflüssen von Goth-Rock (The Cure), Dream-Pop (Cocteau Twins) und Shoegaze (Slowdive): die britische Band Lime Garden trat vor Jahren schonmal beim Reeperbahn Festival auf und lieferte damals bereits großartige Hymnen zwischen Wegträumen und Mitsingen, doch seit dem ist die Gruppe nochmal selbstbewusster geworden. Das wurde nicht zuletzt durch die eindrucksvolle Bühnenpräsenz von Frontfrau Chloe Howard deutlich: Jeder Blick war eine Herausforderung, jedes noch so saloppe Schulterzucken ein sympathischen Zeichen von Arroganz. So muss man das machen. Dass das Quartett aus Brighton außerdem den Popfaktor in ihrer Musik aufgedreht hat, sorgte für eine (auch klanglich) leuchtende Show mit frecher Star-Energie.

GbR
GbR (18. September, 23:00 Uhr, Ballsaal)
Ein persönliches Highlight: die chaotische Truppe aus dem Saarland im völlig überfüllten Kellerclub Ballsaal; einen halben Meter vor der PA stehend unter Clubgymnasik tanzenden Tiktok-Teenies. Lebensbejahender Sauf-Pop zwischen Elektropunk und ironischem Kommentar auf die Neue Neue Deutsche Welle mit großem Spaß-Faktor und einer Wahnsinns Energie im Raum.
Wenn die Atzen 2010 Studenten gewesen wären, hießen sie: GbR.

Willy Brand
Willy Brand & Balti (19. September 16:30, Spielbude XL)
Die Show des Duos Willy Brand & Balti war ein einziger Flex: Welches Genre sie im nächsten Titel mit einer seltenen, nonchalanten Leichtigkeit bedienen würden. Vom harten Straßen-Sound über nachdenklichen Jazz-Rap (mit Saxophon-Einlage) bis zu Afrobeats mit Autotune-Vocals à la Pariser Banlieue war alles dabei – aber aus einem Guss. Songtitel wie Fela Kuti und ihr Crew-Name Berlin Vista Social Club strahlen das Selbstbewusstsein aus, sich mit den ganz großen messen zu wollen.
Die entspannten und sympathischen Jungs aus Bremen sollte man auf dem Schirm haben.

Sassy
Sassy 009 (19. September, 19:00, Uebel & Gefährlich)
Der historische Hochbunker am Rande der Reeperbahn, in dessen 4. Stock sich das Uebel und Gefährlich befindet, bäumt sich auf als die perfekte Kulisse zum düster-melancholischen Hyperpop-Sound der Sängerin aus Oslo. Zusammen mit ihrer Band zieht sie ihr Publikum in ihre Soundwelten hinein und beweist sich als polyglott in diversen Spielarten des Post-Internet-Pop, nicht nur dank eines außergewöhnlich energetischen und präzisen Drummers. Einziges Manko: die Vocal-Performance wirkte im Vergleich zu den Arrangements etwas kraftlos, zumindest in der ersten Hälfte, taute dann aber mehr und mehr auf. Das lag bestimmt nicht nur am an der Darbietung von Limp Bizkits My Way im typischen Stil von Sassy 009.








